Die fabelhafte Welt der Amelie

Liebe Gemeinde!

Was mich in letzter Zeit öfters beschäftigt, sind Kettenreaktionen. So: Eins ergibt das andere. Ein kleiner Anfang hat ungeahnte Folgen.

Das hängt natürlich auch mit dem 11.September zusammen. Es ist doch völlig verrückt, was dieses Ereignis für Folgen gehabt hat und noch hat. Gut, es war ein großes Haus und es war ein bedeutendes Haus, das da eingestürzt ist. Und doch war es nur an einem kleinen Fleck dieser Erde und eigentlich sind davon unmittelbar nicht sehr viele Menschen betroffen. Also wir zumindest sind ja erst mal nicht unmittelbar betroffen, oder?

Es ist unglaublich welche Auswirkungen dieses Ereignis, das so weit weg von uns ist, nicht nur aber auch für uns gehabt hat! Eine negative Kettenreaktion – eins ergibt das andere. Ich sage nur ein paar Stichworte: Flugindustrie muss sich einschränken, Konjunktur leidet, Arbeitsplätze geraten in Gefahr, deutsche Soldaten ziehen in den Krieg, was zu einer Regierungskrise in Deutschland führt, die Angst wächst, was als Nächstes passiert, die Sicherheitsvorkehrungen müssen verschärft werden usw. usw.

Und da frage ich mich eben: wenn es solche gigantischen negativen Kettenreaktionen gibt, gibt es da nicht auch positive Kettenreaktionen, die etwas unglaublich Gutes in Gang setzen und sich so schnell verbreiten und etwas Schönes bewirken können?

Ich möchte noch eine negative Kettenreaktion erzählen. Wir kennen solche Geschichten ja auch aus unserem ganz normalen Alltag und unserem kleinen Umfeld. Ich möchte nur erinnern an das etwas klischeehafte Beispiel, dass der Chef seinen Mitarbeiter anschnauzt, der macht seinen Untergebenen darauf zur Schnecke, der geht nach hause und macht die Frau fertig und die schimpft dann mit den Kindern. Wer weiß es immer genau, welche Schäden bei den Einzelnen und ihren Beziehungen zurückbleiben und wie sich so etwas hochschaukeln kann?

Gibt es da nicht auch das Gegenteil? Einer unterbricht diesen Kreislauf von Streit, Hass und schlechter Laune mit einer unerwarteten Aufmerksamkeit, mit einem kleinen Lächeln, mit ein bisschen Geduld, mit ehrlicher Freundlichkeit. Entsteht dann daraus auch ein Kreislauf, wo sich das alles ausbreitet, immer mehr wird und ganz erstaunliche Ergebnisse hervorbringt? Sowas muss es doch auch geben, oder?

Ich möchte euch dazu von einem Film erzählen, wo das so dargestellt wird. Ein wunder-schönes modernes Märchen. Ich gehe ja nicht oft ins Kino, weil ich Kinder habe und einen Job, der mich in Anspruch nimmt. Aber vor ein paar Monaten war ich doch mal wieder mit meiner Frau im Kino. Als wir abends dann endlich im Kino saßen, war ich schon ziemlich geschafft und hab gedacht: warum tust du dir das an. Hättst halt lieber ein bisschen Pause gemacht und mal nichts unternommen. Du kannst doch bestimmt genauso gut ohne diesen komischen Film auskommen. Aber als wir dann aus dem Kino rausgingen war ich doch sehr froh, dass wir uns den Film angeschaut hatten. denn der hat mir sehr gut gefallen und einem richtig Mut gemacht. Jetzt seid ihr natürlich gespannt, welcher Film das denn war und vielleicht habt ihr ihn ja auch angeschaut: es war "Die fabelhafte Welt der Amelie". Da geht es genau um solche Kettenreaktionen, die sehr viel Gutes bewirken können. Da hatten die Filmemacher echt super Ideen, sich solche Fälle auszudenken. Die Amelie in dem Film ist einsam und beobachtet ihre Umgebung aber immer ganz genau. Und sie ist sehr empfindlich, wenn Menschen unglücklich oder ungerecht sind und möchte da gerne etwas verändern und verbessern. Und da fallen ihr dann lauter winzige Kleinigkeiten ein, die dazu beitragen können, ihr Ziel zu erreichen, andere Menschen wieder glücklich zu machen. Und das klappt auch! Nicht immer sofort, aber doch immer wieder. Interessanterweise benutzt die Amelie dazu immer ganz äußerliche Gegenstände. Und sie hält sich immer schön im Hintergrund, das niemand merkt, dass sie dahinter steckt. Ich sag mal ein Beispiel für die, die den Film nicht gesehen haben:

Der Vater von der Amelie sitzt immer ganz traurig allein zuhause rum und kann dem Leben nichts schönes mehr abgewinnen. Seine Frau ist viel zu früh durch einen Unfall gestorben. Und die Amelie ist auch zuhause ausgezogen. Auf das Grab seiner Frau hat der Vater einen Gartenzwerg gestellt, weil die immer so den Garten geliebt hatte und besonders diesen Gartenzwerg. Und die Amelie klaut heimlich diesen Gartenzwerg und gibt ihn einer Freundin mit, die Stewardess bei einer Fluglinie ist. Und die nimmt diesen Gartenzwerg überall mit hin und macht unterwegs Fotos von ihm. Und die schickt sie dann mit der Post zu Amelies Vater. Und so bekommt der plötzlich zu seiner großen Überraschung ein Foto von seinem Gartenzwerg, wie er auf der Towerbridge in London steht. Ein paar Tage später kommt ein Bild aus Athen: der Gartenzwerg vor der Akropolis. Und so immer weiter: Fotos vom Gartenzwerg in Peking, New York, Rom und Madrid. Der Vater sammelt all diese Fotos und hängt sie sich zuhause an die Wand. Nach dem 15. oder 20. Foto stellt Amelie den Gartenzwerg dann wieder heimlich auf das Grab ihrer Mutter. Und was macht der Vater? Er schnappt sich den Gartenzwerg, packt seine Koffer und geht frohgemut aus seinem Gartentor, um abenteuerlustig in die weite Welt zu verreisen und lauter spannende neue Sachen zu entdecken. So geht die Amelie vor. Oft mit sehr viel weniger aufwendigen Mitteln als in diesem Beispiel, aber immer mit großem Erfolg. Und das ist sehr spannend und angenehm anzugucken und regt einen an, doch auch mal wieder eine klitzekleine Veränderung in seinem Leben vorzunehmen, woraus sich dann vielleicht ganz erstaunliche Dinge entwickeln können.

Und jetzt fragt ihr euch wahrscheinlich wieder: "Warum erzählt der uns das alles? Wo bleibt die Bibel und das Christliche an der ganzen Geschichte?" Das kommt jetzt alles noch!

Denn der Predigttext für heute erzählt auch so eine Geschichte, wo ein kleiner Anfang gelegt wurde, der unglaubliche Folgen gehabt hat. Da wird erzählt, wie Paulus den christliche Glauben ausbreitet. Und Gott sagt zum Paulus im Traum: geh nicht weiter nach Asien, sondern geh nach Europa und erzähl dort von mir und was du mit Jesus erlebt hast. Das lese ich euch jetzt mal vor aus der Apostelgeschichte:

[TEXT]

Ihr wisst selber, was aus diesem zarten Anfang geworden ist. Irgendwie auf verschlungenen Wegen ist der christliche Glaube auch zu uns nach N.N. gekommen und noch weit darüber hinaus. Wir haben große Kirchen für diesen Gott gebaut, von dem Paulus damals der Lydia erzählt hat. Dieser Glaube, der damals in Mazedonien zum ersten Mal nach Europa gekommen ist, hat unsere ganze Kultur, unser Volk und unsere Geschichte geprägt. Dieser Glaube hat ewig viel Menschen geholfen, Trost zu finden, neuen Lebensmut zu fassen und zuversichtlich ihr Leben zu leben. Wenn das keine unglaubliche Kettenreaktion ist? Gut, sie war nicht immer nur positiv, aber ich glaube trotzdem, das sie auch immer viel Gutes bewirkt hat.

Und so wünsche ich mir, dass diese Geschichte uns Mut macht, neu nach Gottes Willen für unser Leben zu fragen. Lassen wir uns von ihm auch Eingebungen und Ideen schenken, die einen positiven Anfang setzen und ausstrahlen und etwas verändern können und verbessern. Dass aus einem ganz kleinen Anfang ein wunderbare Fortsetzung entsteht, die unsere kleine und große Welt bunter und schöner macht. Und so wünsche ich mir, dass Gott auch unsere Herzen öffnet für seine Liebe, dass er den Senfkorn des Glaubens in unser Herz legt und daraus ein großer, schöner und Schatten spendender Baum wird. Dass wir lernen, unsere Streitsucht und unsere schlecht Laune im Zaum zu halten, dass nicht wieder neues Unrecht hervorgerufen wird, sondern auch einmal ein bisschen Glück verbreitet wird. Dass wir Ideen entwickeln können wie die Amelie, wie wir mit dazu beitragen können, dass Menschen wieder froh werden. Dass eine solche Welt nicht nur ‚fabelhaft‘ bleibt, sondern auch Wirklichkeit werden kann. Und so wünsche ich mir, dass Gottes guter Geist, den Frieden bei uns beginnen lässt und wir mit dazu beitragen können, ihn hinaus in die Welt zu tragen. dass wir empfindlich werden für diese kleinen Anfänge zum Guten. Dass wir durch solche Geschichten von Gottes wunderbarem Wirken im Kleinen und den unglaublichen Folgen daraus im Großen wieder ermutigt und angeregt werden, neue Hoffnung auch für unser kleines Leben zu bekommen. Dass wir den Glauben an die positiven Kettenreaktionen nicht verlieren und bei Gott für möglich halten. Dass wir wieder Zutrauen fassen, dass sich auch durch ganz kleine unscheinbare Gesten viel verändern kann und neuen Frieden für uns und unsere Welt bringt.

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