Die Begegnung mit Jesus verändert Menschen und sonst gar nichts!

Ein junger Mann, der aus der Kirche ausgetreten ist, schrieb mir einen Brief voll bitterer Wut: Vom Psychoterror an seinem Arbeitsplatz schrieb er. Von seinem evangelischen Chef schrieb er, der ihm ein miserables Zeugnis ausgestellt hätte. Er könne es nicht mehr ertragen mit diesen Menschen dann womöglich noch auf einer Kirchenbank sitzen zu müssen und vielleicht sehen zu müssen, wie sie in ihrem Sonntagszeug die Hände falten, die, die ihn gequält oder weggesehen hätten. Was soll das Christliche noch, wenn am Sonntag Sonntagsreden gehalten und gehört werden, aber im Alltag jeder nur um seine eigene Zukunft besorgt ist. Da scheiß ich drauf, schrieb er.

Was schreib ich diesem jungen Mann, liebe Gemeinde, der unter seinen Mitchristen keinen Trost der Liebe, keine Gemeinschaft, keine Herzlichkeit und schon gar keine Barmherzigkeit erfahren hat? Soll ich schreiben, dass ich in der Kirche auch Menschen kenne, die anders sind? Soll ich ihn darauf aufmerksam machen, dass christliche Botschaft und Alltagswirklichkeit leider immer auseinander klaffen und man die Wahrheit des Evangeliums nicht an ihren fehlbaren Anhängern und Vertretern messen soll? Oder schreibt hier einer, der einfach zu weich und sensibel ist für unsere Welt und leider auch für unsere Kirche?

Ach, in allem wäre ein Fünkchen Wahrheit. Aber wären diese Argumente eine Hilfe? Eine Hilfe gegen die Bitterkeit, die aufkommt, wenn Menschen, die von der Menschenfreundlichkeit Gottes hören und reden, so gar kein Bisschen Menschenfreundlichkeit ausstrahlen? Ist das nicht wirklich ein Skandal, wenn uns in der Kirche, die den Gott der Liebe predigt, wenn uns unter Christen, die an den Gott der Liebe glauben, elende Lieblosigkeit entgegenschlägt? Ist das nicht ein Skandal, wenn auch Christenmenschen, die den barmherzigen Samariter von klein auf kennen, wegsehen und einen Schritt schneller gehen, wenn vor ihren Augen Glatzen auf Ausländerhatz gehen? Ich sag nichts gegen die, schrieb mir einer, weil wenn die dich erst mal auf dem Kieker haben, wirst du nicht mehr froh. Liebe Gemeinde, wenn wir bereits in solchen Verhältnissen leben, dann muss man doch sofort aufhören froh zu sein.

Hat der junge Mann nicht recht, wenn er all das brandmarkt, wie das jüngste Gericht? Gehört das nicht öfter einmal von der Kanzel gesagt in aller Deutlichkeit und Schärfe? Gibt unser heutiger Predigttext nicht allen Anlass dazu? Ihr wollt Christen sein? Wo bleibt der Trost, die Gemeinschaft, die Einigkeit, die Barmherzigkeit, die Demut, die Nächstenliebe, die Zivilcourage?

Wäre das eine Hilfe für uns und für diesen jungen Mann? Dass Missstände nicht zugekleistert, sondern beim Namen genannt werden? Dass man auch in der Kirche nicht immer nur schlucken muss, sondern seine ganze Enttäuschung und Wut auch einmal herausschreien darf, wenn es sein muss, dem anderen direkt ins Gesicht! So wie ein Hiob oder ein Jeremia das in der Bibel getan haben, sogar Gott ins Gesicht!

Also werde ich schreiben: Ich danke dir für deinen offenen Brief. Vieles von dem, was du schreibst, kann ich gut nachfühlen. Selbst in der Bibel gibt es Menschen, die nicht nur von ihren Mitmenschen, sondern sogar von Gott maßlos enttäuscht waren. Auch sie haben ihren Schmerz nicht hinuntergeschluckt, sondern mit deutlichen Worten zum Ausdruck gebracht. Paulus fällt mir ein, der von Zukunftsangst was verstanden hat. Öfter saß er im Gefängnis und wusste nicht, ob er da lebend wieder herauskommen würde. Genau in einer solchen Situation hat er einen Brief geschrieben, an die christliche Gemeinde in Philippi. Ihm war zu Ohren gekommen, dass es dort schlimme Verhältnisse gab. Statt Gemeinschaft, Barmherzigkeit und Einigkeit, gab es Streit, Eitelkeit und Egoismus.

Deshalb schreibt Paulus einen Brief und ermahnt die Gemeinde. Mir ist aufgefallen, wie ruhig und liebvoll er das tut. Mir liegt auch der Ton viel näher, den du angeschlagen hast. Ich denke, dass Paulus so schreiben kann, liegt nicht daran, dass er ein dickes Fell hat oder eben ein ruhiger Mensch war. Paulus kann so schreiben, weil er an Jesus Christus denkt. Wie hätte der diesen Brief geschrieben?

Vielleicht hat Paulus die Szene von Augen, wo Jesus vor Jerusalem auf einem Hügel steht und auf die Stadt hinabschaut (Lk 19/41). Er sieht das maßlose Unrecht, das oft genug sogar im Namen Gottes geschieht. Er sieht den Untergang, den die Menschen über sich und ihre schöne Stadt bringen. Er hätte allen Grund, diese Stadt und ihre Menschen zu beschimpfen, zu verfluchen und ihnen den Rücken zu kehren.

Aber Jesus bleibt. Er weint über diese Stadt. Und dann geht er mitten hinein und zeigt den Menschen, was sie von sich aus nicht können. Dann lebt er den Menschen vor, was Sintflut und Feuer und Schwefel und alle Gerichtspredigten der Propheten nicht geschafft haben.

Er zeigt dem Zöllner Zachäus Gottes Barmherzigkeit und macht aus ihm einen anderen Menschen (Lk 19,1f.). Er verurteilt die Ehebrecherin nicht und macht aus ihr einen anderen Menschen (Joh 8,1f.). Er stiftet das Abendmahl und schließt seine Jünger zur Gemeinschaft zusammen (Mk 14,12f.). Er zeigt ihnen, was Demut ist, indem er die Ärmel hochkrempelt und ihnen die Füße wäscht (Joh 13,1f.). Er zeigt uns die Liebe Gottes, indem er sein Leben hergibt für alle Menschen, sogar für die, die ihn verraten, verkauft, gehasst und misshandelt haben.

Die Begegnung mit Jesus verändert Menschen und sonst gar nichts! Daran denkt Paulus, als der den Brief an die Philipper schreibt. Was dort in der Gemeinde passiert ist manchmal alles andere als christlich. Aber alles Schimpfen und Drohen hilft nichts oder nicht lange. Die Begegnung mit Christus verändert Menschen und sonst gar nichts. Deshalb schreibt Paulus: Seid so gesinnt, wie er auch war. Seht mit seinen Augen. Spürt mit seinem Herzen. Denkt in seinen Gedanken. Bleibt ihm nahe im Gebet, in seinem Wort und Sakrament. Dann wird Gemeinschaft, Trost, Liebe, Einigkeit und Demut wachsen. Zu jedem dieser Worte lässt sich erzählen, was Christus gesagt und getan hat. Und deshalb beschließt Paulus seine Ermahnung an die Philipper und an uns mit einem großartigen Loblied auf Jesus Christus.

Deshalb, so könnte ich dem jungen Mann schreiben, bin ich nicht aus der Kirche ausgetreten, auch wenn ich manchmal schlecht Erfahrung mit meinen Mitchristen mache. Jesus ist auch nicht davongelaufen. Wie könnte ich es dann tun? Und vor allem: Ich lebe ja auch davon, dass Christus mich nicht zum Davonlaufen findet, obwohl er und meine Mitchristen auch schlechte Erfahrung mit mir machen; obwohl auch mein Glaube oft an einem elend dünnen Faden hängt.

Ob ich so schreiben könnte, liebe Gemeinde? Ob es diesem jungen Mann hilft? Oder ist das schon wieder zu viel geschrieben und gepredigt. Manchmal ist eine Predigt viel kraftvoller, wenn sie ohne Wort auskommt. Dann wünsche ich mir, dann wünsche ich diesem jungen Mann, dann wünsche ich euch allen einen vertrauten Menschen, der einfach in den Arm nehmen und trösten kann: Trost der Liebe! Trost der Liebe, die sich traut, auch einmal ohne Worte Christus zu predigen.

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