Die Auferstehung und das Leben!

Liebe Gemeinde,

jedes Mal, wenn ich über Taufe predige, fällt mir Martha Straub ein. Sie war im fünften Schuljahr unsere Religionslehrerin. Wir waren alle neu am Gymnasium und nicht allzusehr auf Stillsitzen trainiert, und schon gar nicht auf so eine alte Dame, die kurz vor der Pensionierung stand. Martha Straub bestand darauf, dass wir zur zweiten Stunde ein sauberes Heft mitbrachten. Auf die erste Seite sollten wir in schönster Schönschrift schreiben: "Ich bin getauft", und auf Latein dahinter: "Bapticatus sum". Wir fanden das komisch. Nicht, weil wir gemerkt hätten, dass das Latein nicht so ganz stimmte – wir waren lauter Mädchen, und da hätte es "bapticata" heißen müssen. Nein, das hatten wir noch nicht gelernt. Aber was sollte das? Natürlich waren wir getauft, alle Kinder waren getauft, dachten wir, damals in den 60er Jahren im Westen.

Martha Straub legte sich ins Zeug. Sie versuchte, uns zu erklären, welch ein ungeheures Privileg das sei, getauft zu sein. Und dass wir das nie vergessen sollten. Es wirke enorm gegen Angst, das habe schon Martin Luther zu spüren bekommen. Er habe nur "ich bin getauft" sagen müssen – und schon sei der Teufel, der ihn oft nachts gequält hätte, verschreckt entschwunden. Nun, den Teufel kannte ich damals nur aus dem Kasper-Theater, nachts war er mir noch nie erschienen. Und da alle Kinder getauft waren, jedenfalls alle, die ich kannte, war es doch wirklich nichts, was man in ein ReligionshReligionsheft schreiben musste. Meinte ich. Aber ich habe es nie vergessen, im Gegensatz zu fast allem anderen, was ich in dieses Schulheft geschrieben habe.

Heute gebe ich selbst Religionsunterricht und bekäme ganz schön Schwierigkeiten, wenn ich meine Zweitklässler so einen Satz von der Tafel abschreiben ließe. Wer von ihnen getauft ist, weiß ich gar nicht. Und im schulischen Unterricht darf es keine Rolle spielen. Die Geschichte mit Luther und seinem Teufelabwehr-Satz haben die Schüler aus Klasse 6 neulich im Religionsbuch gelesen und darüber gelacht. Die in der 9. Klasse meinten, "naja, wenn Luther das brauchte, ist es ja in Ordnung".

Es ist eine schwierige Sache heute mit der Taufe. Ws hat denn so ein kleines Kind schon für ein "sündiges, altes Leben" hinter sich, wenn seine Eltern den Wunsch haben, es taufen zu lassen. Mit Christus begraben werden und mit ihm auferstehen, und das mit ein paar Tropfen Wasser, auch bei einer Erwachsenentaufe ist das schwer vorstellbar. Die ersten Christen empfingen die Taufe als Erwachsene, wie zum Beispiel jener Kämmerer aus Äthiopien, der dem Apostel Philippus begegnete und sich von ihm die Schriften, die er in Jerusalem gekauft hatte, erläutern ließ. Im 3. Jahrhundert nach Christus war es sogar so, dass sich viele Christen erst auf dem Sterbebett reif für die Taufe fühlten. Die ersten christlichen Kaiser in Konstantinopel zum Beispiel hielten an diesem Brauch fest.

Eine der ganz wenigen Stelle in der Bibel, auf die wir uns berufen können, wenn wir die Kindertaufe predigen, ist die, wo davon die Rede ist, dass Simeon und "die Seinen" sich taufen ließen. Da es immer mehr christliche Familien gibt, ist im 4. und 5. Jahrhundert in vielen Gemeinden die Säuglingstaufe bereits der Normalfall. Erst um 1525 traten in Zürich Leute auf, die meinten, die Kindertaufe widerspreche der Bibel! Seither gibt es auch christliche Gemeinschaften, welche die Kindertaufe strikt ablehnen. In allen katholischen, orthodoxen, altorientalischen, anglikanischen und den meisten evangelischen Kirchen werden allerdings wie in der christlichen Anfangszeit beide Formen praktiziert: die Erwachsenentaufe und die (in unseren Gegenden freilich viel häufigere) Kindertaufe.

Es stimmt, dass bei einer Erwachsenentaufe das Element der eigenen Entscheidung besonders schön zzum Ausdruck kommen kann. Allerdings eine Garantie für eine reife Entscheidung ist das Erwachsensein nicht! Schon Paulus muss den Korinthern, die wohl alle als Erwachsene getauft worden sind, vorwerfen, dass sie sich wie unreife Kinder aufführen (1 Korinther 3,1-2). Unser Glaube wird immer noch unfertig unterwegs sein, egal, wann wir getauft wurden. Der bedeutsamste Meilenstein auf dem Weg zur allgemeinen Praxis der Kindertaufe war der theologische Disput zwischen Augustinus und Pelagius. In diesem Streit um die Sünde des Menschen und die Gnade Gottes ging es insbesondere um die Erbsünde und die Heilsnotwendigkeit der Säuglingstaufe. Die Kirche entschied sich nach einigem Schwanken für die augustinische Position und ordnete Anfang des 5. Jahrhunderts die Taufe von Kindern christlicher Eltern sofort nach der Geburt an, "um sie der Gefahr der Verdammnis zu entreißen, die ihnen droht, falls sie ungetauft sterben …".

Martin Luther scheint anfänglich ein Gegner der Kindertaufe gewesen zu sein. In einer Predigt zu Matthäus 8,1ff sagte er unter anderem: "Taufe hilft niemand, ist auch niemand zu geben, er glaube denn für sich selbst, und ohne eigenen Glauben niemand zu taufen ist. Der Glaube muss vor oder je in der Taufe vorhanden sein … wo wir nun nicht können beweisen, dass die jungen Kinder selbst glauben und eigenen Glauben haben, da ist es mein treuer Rat und Urteil, dass man stracks abstehe, je eher, desto besser, und taufe nimmermehr kein Kind, damit wir nicht die Hochgelobte Majestät Gottes mit solchen Alfanzen und Gaukelwerk, dahinter nichts ist, spotten und lästern."(Martin Luther: Predigt am 3. Sonntag nach Epiphanias zu Matth. 8,1ff) Im Großen Katechismus (S. 549)lehrt er: "Die Taufe bleibt, falls der Glaube fehlt, ein bloßes und wirkungsloses Zeichen." Luther kommt aber dann zu der Auffassung, dass auch Säuglinge Glauben hätten, ja ihnen der Glaube durch die Taufe "eingeflößt" würde und sprach sich – in der Auseinandersetzung mit den Täufern – immer schärfer für die Praxis der Kindertaufe aus. In der Weimarer Gesamtausgabe der Werke Luthers findet sich folgendes Luther-Zitat(30/II, S. 596): "Und ich wollt hoch und teuer drum wetten, dass der Teufel durch die Rottengeister und Wiedertäufer eben das im Sinn hat und nur darum die Kindertaufe aufheben und nur die Alten und Großen taufen will. Denn seine [des Teufels] Gedanken sind gewiss die: wenn ich die Kindertaufe weg habe, so will ich mit den Alten schon so weit kommen, dass sie die Taufe verziehen und aufschieben, bis sie ausgebubet haben, oder bis aufs letzte Stündlein, außerdem will ich sie schon fein von der Predigt abhalten, dass sie mir weder von Christus noch von der Taufe etwas lernen und halten. Johannes Calvin hingegegen befürwortete von Anfang an die Beibehaltung der Kindertaufe. Schließlich werden in der von Melanchthon verfaßten Confessio Augustana, dem Glaubensbekenntnis der Lutherischen Kirche die sogenannten Wiedertäufer mit ihrer Ablehnung der Kind ertaufe fünfmal verdammt. Auf diese Bekenntnisschrift werden bis heute evangelisch-lutherische Pfarrer ordiniert.
Heute sieht die evangelische Kirche in Deutschland die Taufe so: Die Geburt eines Kindes ist ein Geschenk Gottes. Eltern antworten darauf, indem sie ihr Kind taufen lassen. Gott spricht in der Taufe den kleinen Kindern seine Liebe zu, unabhängig davon, wie sie sich verhalten.

Eltern und Paten haben dann die Aufgabe, stellvertretend für die Kinder den Glauben zu bezeugen und den Kindern von ihrem christlichen Glauben, aber auch von ihren Zweifeln zu erzählen. Später in der Konfirmation bekräftigen die Jugendlichen selbst ihr Ja zum Glauben an Jesus Christus. Die Taufe ist einmalig und wird auch beim Übertritt in eine andere Konfession oder beim Wiedereintritt nicht wiederholt. Sie ist eines der beiden Sakramente in der evangelischen Kirche. In einer menschlichen Handlung wird die göttliche Dimension unseres Lebens sichtbar. Alltägliches Wasser wird durch die Verheißung Gottes in der Taufhandlung zu einem göttlichen Segen. Aber gerade dazu ist mehr nötig als der reine Taufakt: "Die Taufe bleibt, falls der Glaube fehlt, ein bloßes und wirkungsloses Zeichen", sagt Luther. "Wer da glaubt und getauft wird", dem ist die Seligkeit versprochen. Es liegt an denjenigen, die ein Kind erziehen, die ihm Impulse geben, ob ihm die göttliche Dimension dedes Lebens wirklich sichtbar wird. Deshalb taufen wir jeden, ob Kind oder Erwachsenen, in die Gemeinde hinein, in einem Gemeindegottesdienst und ungern in einer reinen Familienveranstaltung. Eine Taufe ist eine Verpflichtung für die ganze Gemeinde.

Sie ist nicht etwa eine "Erfolgsbilanz" des Pfarrers, der nun wieder ein Gemeindemitglied mehr hat, was hierzulande im Zug der Strukturreformen durchaus eine Rolle spielen könnte, aber nicht darf. Das wäre eine Herabwürdigung des Sakramentes. Und bei der Diskussion um den Zeitpunkt der Taufe sehen wir meist vornehmlich die Seite des Menschen, unseren Glauben, unser Verstehen – Gottes Wirken trauen wir erbärmlich wenig zu. Er ist es, der in das Herz jedes einzelnen sieht, er ist es, der den Segen gibt, um den wir nur bitten können, auf den wir aber hoffen und vertrauen dürfen. Und er ist es, der den Glauben stärkt.

Was nutzt es in der Tat, getauft zu sein und das für eine Art Garantieschein zu halten? Die Taufe ist ein markanter Schritt auf dem Weg in einem neuen Leben, einem Leben "in Christus". So gesehen kann man sich wirklich gar nicht oft genug daran erinnern, getauft zu sein. Das ist es wahrscheinlich, weshalb meiner alten Religionslehrerin so sehr an dem Satz "Ich bin getauft" bestanden hat. In alter Zeit stand das Taufbecken direkt am Eingang der Kirche, als ständige Tauf-Erinnerung. Und auch das Weihwasserbecken in den katholischen Kirchen, das Bekreuzigen mit Wasser, ist eigentlich eine Tauferinnerung. Dass wir neu geboren sind in Christus, das müssen wir uns immer wieder sagen, allzu leicht trauern wir sonst dem "toten" alten Menschen nach. Schließlich lassen wir ja da auch etwas zurück, persönliche Bequemlichkeit und Sicherheit zum Beispiel. Wir bleiben begraben, mitten im Leben und vergessen, dass wir berufen sind zur Auferstehung in eine ungeheure Freiheit, eine Freiheit, die Mut macht, gegen den Strom zu schwimmen, wenn es nötig ist.

Was es bedeutet, in Christi Tod getauft zu sein, das hatte einer besonders eindrücklich deutlich gemacht: Ein Mann, dessen 65. Todestag sich am 18. Juli jährt und an den wir daher besonders denken, ein Pfarrer aus dem Hunsrück, der von den Nazis eingekerkert und zu Tode gefoltert worden ist, weil er sich weigerte, die Hakenkreuzfahne zu grüßen. Überlebende aus dem KZ Buchenwald berichten: "Mehrfach wurde Schneiders Stimme, wenn Tausende zum Appell angetreten waren, laut und deutlich aus dem Arrestgebäude gehört: "Kameraden hört mich. Hier spricht Pfarrer Paul Schneider. Hier wird gefoltert und gemordet. So spricht der Herr: Ich bin die Auferstehung und das Leben."

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