Die Anfechtung überwinden

Liebe Schwestern und Brüder!

Laut Werbung ist Milka die zarteste Versuchung seit es Schokolade gibt! Und wer hat schon etwas gegen solch eine Versuchung?! Mit Naschereien und Süßigkeiten lässt man sich doch gerne versuchen. Oder auch durch ein gutes Gläschen Wein oder was einem sonst noch so kleine Gaumenfreuden bereitet. Doch aufgepasst zu viel Versuchung kann auch zur Sucht werden. Da braucht es nicht erst eine große Versuchung, denn diese Leckereien kann sich jeder von seinem Taschengeld leisten. Ob deswegen das große Wort Versuchung dafür benutzt werden muss, bleibt dahin gestellt. Doch das gleiche Wort steht auch im Vaterunser, wo es heißt: und führe uns nicht in Versuchung. Unser Herr Jesus, von dem wir dies Gebet haben, hat zu seiner Zeit bestimmt nicht an die Versuchung durch Schokolade gedacht. Da waren ganz andere Versuchungen gemeint. Z.B. die Versuchung von der der heutige Evangeliumstext berichtet hat. Und im heutigen Predigttext des Apostels Jakobus wird von Versuchungen und Anfechtung berichtet. Die Wörter und Begriffe lauten: Anfechtung, Versuchung, Lust, Begierde, Gier, Verlockung, Sünde und Tod.

Dagegen steht die Verheißung, dass der, der die Anfechtung im Leben durchläuft die Krone des Lebens als gute Gabe Gottes empfängt. Aber was bedeuten die religiösen Begriffe der Anfechtung, Versuchung und Sünde im Leben eines Christen? Und welche Herausforderung zeitigen diese in unserem Leben? Oft hört man den Ausspruch, das werde ich anfechten und gemeint ist, dass jemand ein Urteil oder eine Klage anfechten wird. Jemand will sich gegen ein Urteil wehren. Manchmal sagt auch jemand, das ficht mich nicht an. Und gemeint ist wiederum, jemand lässt sich von einer Sache nicht erschüttern oder beeinflussen. Doch eine religiöse Anfechtung ist von ganz anderem Kaliber. Die religiöse Anfechtung durch Leid oder Probleme kann bis zum Verlust des Glaubens führen. Atheismus, Unglaube und religiöse Ignoranz können das Ergebnis solch einer Anfechtung im Leben sein. Aber auch im philosophischen und weltlichen Bereich besteht das ganze Leben fasst aus Anfechtungen. Gemeint im Sinne von Orientierungssuche, in Fragen der Lebensbewältigung oder im Kampf um die menschliche Existenz im allgemeinen; häufig ist damit die Frage des Leids im Leben gemeint. Warum geschieht Leid? Was ist der Sinn von persönlichen Krisen? Und warum geschieht dies durch Anfechtung? Warum müssen wir leiden? Und wie können wir das Leid und seine Probleme vermeiden oder minimieren? Darauf versucht der Text eine Antwort zu geben. Jakobus schreibt:

"Selig ist der Mann, der die Anfechtung erduldet." Jakobus gratuliert jedem Mann, der Anfechtungen durchsteht. "Herzlichen Glückwunsch zur bestandenen Anfechtung!" – Eine ungewöhnliche Gratulation! Wann erfährt man schon einmal von einem Menschen, dass er ein dunkles Tal durchschritten hat? Das geschieht selten, obwohl Informationen darüber doch wichtig wären, da das Leben doch nicht nur aus Friede, Freude und Eierkuchen besteht.

Zum Gratulieren gäbe es da bestimmt gute Gründe. Denn eine Anfechtung, das ist eine besondere Herausforderung, eine Probe, die nicht jeder besteht. Glücklich kann sich preisen, wer das schafft – damals wie heute. Daran hat sich nichts geändert, auch wenn in unserer Zeit kaum noch jemand seine Freude über die gerade bewältigte Krise eines anderen Menschen so zum Ausdruck bringt. Obwohl der Glückwunsch fast zweitausend Jahre alt ist, gilt er noch immer. Nur eines ist anders geworden: Inzwischen werden auch Frauen beglückwünscht. Spätere Bibelübersetzer haben statt Mann einfach Mensch geschrieben. Da spielt sicherlich nicht zuletzt die Erkenntnis eine Rolle, dass Frauen vor Versuchungen keineswegs verschont bleiben und dass es ihnen ebenfalls gelingen kann, mit Versuchungen positiv umzugehen. Heutzutage gelten scheinbar andere Seligpreisungen oder dümmliche Berichte bis peinliche Bekenntnisse in nachmittäglichen Talkshows, bei denen sich der Zuschauer am Unglück anderer Menschen ergötzen kann. Es gilt: Wir Menschen sind häufig schwache, verführbare und versuchbare Wesen. Schwach und verführbar, weil wir auf uns selbst und unsere Größe stolz sind. Verführbar, weil wir manchmal meinen, das Leben bestünde nur aus Größe, Schönheit und Ansehen. In dieser Phase des Lebens benötigen wir keinen Gott, wir verdrängen Gott aus unserem Leben und machen uns oder andere zu unseren eigenen Göttern. Eine dieser Zivilisationskrankheiten sind die täglich vorgespielten großen und dicken Egos, die manchmal vor lauter Kraft zu platzen scheinen.

Wie gesagt eine ungewöhnliche Seligpreisung ist es, die wir hier hören: Heute gelten doch eher:
… Gut dran sind die, die ihr Schäfchen im Trockenen haben; denn sie können sich zur Ruhe setzen.
Gut dran sind die Reichen; denn sie können sich alles leisten.
Gut dran sind die Mächtigen; denn sie bestimmen, wo es lang geht.
Gut dran sind die Raffinierten; denn sie verfügen über tausend Tricks, um zu überleben.
Gut dran sind die Berühmten; denn sie werden angehimmelt.
Gut dran sind die Egoisten; denn sie haben keine Gewissensbisse.
Gut dran sind die Erfolgreichen; denn sie haben viele Freunde.
Und noch andere Beispiele mehr.
All das sind richtige Versuchungen, Anfechtungen und Varianten der menschlichen Sünde die durch Machtmissbrauch, Gier und Lust gespeist wird.

Dagegen schreibt der Apostel Jakobus und heißt uns glücklich, wenn wir die Anfechtung überwinden, um uns schließlich im Glauben die Krone des Lebens und der Lebenshoffnung zu verheißen: Von einer Lebenshoffnung, die im und durch den Glauben immer wieder Licht in die Dunkelheit der eigenen Versuchung, Anfechtung, Trübsal und des Leides bringen will, erzählt uns der heutige Predigttext für die begonnene Passionszeit. In einer Zeit, in der wir uns in besonderer Weise daran erinnern, dass unser Gott Jesus Christus am Kreuz gestorben ist. Ohne diese Tat Christi für uns Menschen gibt es keine Auferstehung und ein neues Leben. Im Text heißt es verkürzt: Gott kennt unsere Anfechtung, er leidet mit unserer Schwachheit und er hilft uns und schenkt uns seine Gnade, wenn wir es nötig haben.

Gott, unser Gott Jesus Christus hilft uns, wenn wir es nötig haben, damit wir Gnade finden zur rechten Zeit. Und vielleicht müssen wir uns auch in Zeiten der Anfechtung Trübsal, Angst und Trauer daran erinnern, wie häufig Gott uns seine Gnade geschenkt hat. Seine größte Gnade ist unser Leben- bei aller Widersprüchlichkeit und Zerrissenheit des eigenen Lebens. Ich bin mit Dietrich Bonhoeffer davon überzeugt, dass Gott jedem und jeder von uns so viel Gnade, Liebe und Barmherzigkeit schenkt und Hilfe gibt, um die schweren und traurigen Dinge im Leben zu ertragen. Aber nicht im voraus, sondern, wenn wir es nötig haben bzw. durchlitten haben. Unser Gott ist ein mitleidender, ein, die schweren und schönen Tage des Lebens mitgehender Gott, der uns in diesen Zeiten Menschen schenkt, die sich um uns kümmern und sich um unsere Seele sorgen. Und dieser Gott, Jesus Christus, der unser Glaubensinhalt ist, hat zu den Seinen gesagt und spricht zu uns: "Kommt her zu mir alle, die ihr müheselig und beladen seid, ich will euch erquicken!"

Und das heißt: Wir können mit allem zu ihm kommen. Wir müssen ihm keine Show vorspielen und uns verstellen. Er nimmt uns so an, wie wir sind. Mit unseren Gaben und Stärken und unser Fehler- und Sündhaftigkeit. Er bringt unsere Ängste, Nöte, Sorgen und Freude und Dankbarkeit vor Gott. Das ist unsere Zuversicht und unsere Lebenshoffnung auf der langen Reise durch unser Leben. Möge diese Zuversicht und Hoffnung uns auch in Zeiten der Anfechtung und Versuchung begleiten.

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