Dicht hinter Jesus

Wenn einer einen Krieg führt, kann er dann auf Gottes Unterstützung hoffen? Wenn einer einen Krieg führt, kann er dann sagen, er hätte Gott auf seiner Seite? In diesehn Tagen, die für viele Menschen besonders im Irak Kriegstage voller Verzweiflung und Gefährdung sind, nimmt George W. Bush Gott für sich in Anspruch – und das gleiche tut Saddam Hussein. Eine andere Frage: Wie geht das eigentlich, Gott und seinen Nächsten zu lieben wie sich selbst? Wie kann ich mein Denken, Fühlen und Handeln von der Liebe lenken lassen, wo mir in vielen Seiten meines Lebens Lieblosigkeit entgegenschlägt?

Bei diesen Fragen, liebe Gemeinde,
geht es darum, unser alltägliches Leben mit seiner Vielfalt in Beziehung zum Glauben an Jesus Christus zu setzen. Zwischen meinem Glauben und meinem Leben soll ein Gespräch stattfinden; beide sollen sich gegenseitig auf Antworten hin befragen, die tragfähig sind. Das Leben des christlichen Glaubens haben viele Menschen als „Nachfolge Jesu Christi“ bezeichnet.
So hat zum Beispiel Franz von Assisi im 13. Jahrhundert gleichgesinnte Männer um sich versammelt, die ihr Leben der imitatio Christi, der Nachahmung Christi, weihen wollten; ähnlich übrigens die Frauen um seine Schwester Clara.
„Nachfolge“ heißt, um eine Brücke über die Jahrhunderte zu schlagen, ein Buch von Dietrich Bonhoeffer aus dem Jahr 1937. Bonhoeffers Grundthese ist: Der wahre Christ ist ein Nachfolger, eine Nachfolgerin des Herrn Christus mit allen Konsequenzen, die das haben kann.
Bonhoeffer selbst hat uns gezeigt, was das bedeuten kann.

Heute wird über „Nachfolge Jesu Christi“ kaum gesprochen. Vielleicht auch deshalb, weil diesem Wort etwas Düsteres anhaftet. Wenn man an das Schicksal Bonhoeffers denkt, ist das auch verständlich. Nachfolge – das ist eben – gerade in der Passionszeit – der Verweis, dass auch das Leid, dass auch die Gefährdung des Lebens, dass auch Verletzungen und Verwundungen zum Leben dazu gehören und nicht verleugnet werden können. Christen und Christinnen folgen eben auch dem Leidensweg Jesu. Mir wird das in diesen Tagen sehr deutlich, wo all die Hoffnungen, die sich auf Frieden im Irak gerichtet haben, nicht in Erfüllung gegangen sind. All das Argumentieren und Reden der Friedenssuchenden, all unsere Gebete scheinen umsonst gewesen zu sein. Es hat sich die Gewalt durchgesetzt. George W. Bush will Frieden mit Krieg schaffen. Trauer und Ohnmacht, aber auch Wut und Zorn, Hilflosigkeit – wir müssen uns auch den dunklen Seiten des Lebens stellen.
Und es eröffnet uns Zukunft, auch diese Seiten des Lebens zum Glauben an Jesus Christus in Beziehung setzen zu können.

Hören Sie nun auf diesem Hintergrund den Predigttext aus dem 9. Kapitel des Lukasevangeliums:
„Als Jesus und seine Jünger auf dem Wege nach Jerusalem waren, sprach einer zu ihm: Ich will dir folgen, wohin du gehst. Und Jesus sprach zu ihm: Die Füchse haben Gruben und die Vögel unter dem Himmel haben Nester; aber der Menschensohn hat nichts, wo er sein Haupt hinlege. Und er sprach zu einem anderen: Folge mir nach! Der aber sprach: Herr, erlaube mir, dass ich zuvor hingehe und meinen Vater begrabe. Aber Jesus sprach zu ihm: Lass die Toten ihre Toten begraben; du aber geh hin und verkündige das Reich Gottes! Und ein anderer sprach: Herr, ich will dir nachfolgen; aber erlaube mir zuvor, dass ich Abschied nehme von denen, die in meinem Haus sind. Jesus aber sprach zu ihm: Wer seine Hand an den Pflug legt und sieht zurück, der ist nicht geschickt für das Reich Gottes“.

„Als Jesus und seine Jünger auf dem Wege nach Jerusalem waren …“ Auf dem Weg Richtung Karfreitag und Ostern berichtet Lukas von drei Gesprächen, die ein Grundgedanke verbindet: Dem Ruf Jesu folgen, in die Nachfolge treten, hat Konsequenzen. Nachfolge ist nicht als pures Lippenbekenntnis zu haben.

Das leuchtet ein.
Wer Bayern-Fan ist, unterstützt seine Münchner, wo er kann. Wer Christ ist, richtet sein Leben an der Botschaft Jesu aus. Jedoch: so einleuchtend ist das doch nicht: Bayernfans treffen sich in der Freizeit, pflegen ihr Hobby, wenn Zeit dazu ist. Wer morgens wie abends nur noch Bayernspiele auf anschaut und von der Bettwäsche übers Geschirr bis hin zum Zahnputzbecher nur noch mit Bayer-Emblem kauft, wer also sein alltägliches Leben nur noch am FC Bayern München ausrichtet, wird irgendwann merken, dass er mit der Wirklichkeit kollidiert, dass eine liebe Gewohnheit zur von allem Besitz ergreifenden Sucht geworden ist.

Dagegen hat der christliche Glaube nicht den Anspruch, nur sonntags morgens (oder sonntags abends) gelebt zu werden. Sonntags Gott lieben und werktags die Menschen hassen geht nicht. Bomben auf Kinder, Frauen und Männer werfen und dafür Gottes Beistand in Anspruch zu nehmen geht auch nicht.

Es gibt also einen Unterschied zwischen dem Fan eines Fußballvereines und einem Christen/einer Christin: Der christliche Glaube hat Gültigkeit in allen Lebensbereichen. Nachfolge Christi geschieht nicht in einer besonderen Umgebung, sondern im alltäglichen Handeln.

Auf diesem Hintergrund wird mir deutlich, warum Jesus in allen drei Gesprächen vordergründig schroff und rüde, scheinbar eher abweisend reagiert:
„Das, was ich anbiete – das, worin du mir folgen sollst – das wird dich voll und ganz beanspruchen.“ So klingen Jesu Sätze plötzlich für mich eher nüchtern und realistisch als abweisend.

Als Jesus unterwegs war, „sprach einer zu ihm: Ich will dir folgen, wohin du gehst.“ „Und ein anderer sprach: Herr, ich will dir nachfolgen …“ In diesen beiden Begegnungen wird Jesus angesprochen. Zwei Menschen sind in den Bann gezogen worden vom Sohn Gottes. Sie sind begeistert und wollen diesem Jesus folgen. Das gibt es auch heute noch:
Die Begeisterung des Glaubens, wenn sich auf dem Kirchentag wildfremde Menschen um den Hals fallen und jubelnd durch die Strassen tanzen.
Die Begeisterung für die Botschaft Jesu, wenn sich Menschen spontan angesprochen sind vom Handeln und Reden Jesu und sofort anfangen wollen, ihr Leben umzukrempeln.

"Vorsicht“, höre ich Jesus sagen. „Vorsicht! Denke daran, was das bedeutet: Nachfolge bedeutet mehr als kurzfristige Begeisterung. Wer mir nachfolgen will muss einerseits bereit sein, auf lieb gewordene Gewohnheiten zu verzichten und andererseits Ausdauer haben auch für Durststrecken im Leben.“

„der Menschensohn hat nichts, wo er sein Haupt hinlege“ – Jesus weist darauf hin, dass er nicht auf einen Ort fest gelegt ist. Wir können ihm an der Arbeit genauso begegnen wie im Gottesdienst; auf der Friedensdemo genauso wie im Schulalltag. Wer Jesus nachfolgen will, muss sein Leben immer wieder befragen, ob der Weg noch der richtige ist; ob nicht andere Bindungen die Übermacht haben; ob er nicht von Lebensumständen an der Entfaltung des Glaubens gehindert wird. Die Aktion „7 Wochen ohne“ macht mir da jedes Jahr aufs Neue deutlich, wie schnell und wie prägend Menschen abhängig sein können von Schokolade, von Alkohol, von Medienkonsum, von mancherlei Genüssen. Sehr ernüchternd weist Jesus darauf hin, dass der Weg der Nachfolge in Situationen führen kann, wo auch schmerzhafte Entscheidungen von uns verlangt werden. Zum Beispiel in diesen Tagen deutlich zu sagen „Krieg darf um Gottes willen nicht sein! Wer sich im Krieg auf Gott beruft, verlässt den Weg der Nachfolge Jesu Christi.“
Zum Beispiel zu sagen „Alkohol um des Saufens willen und der Rausch als höchstes Ziel des Wochenendes – auch das entspricht nicht christlichem Glaubensleben.“ Spätestens bei diesem zweiten Beispiel merken Sie, liebe Gemeinde, welche Zumutungen von Christen/Christinnen manchmal verlangt werden können.

Und er sprach zu einem anderen: Folge mir nach! Der aber sprach: Herr, erlaube mir, dass ich zuvor hingehe und meinen Vater begrabe. Aber Jesus sprach zu ihm: Lass die Toten ihre Toten begraben; du aber geh hin und verkündige das Reich Gottes! Hier spricht Jesus einen Menschen von sich aus an. Und hier ist die Zumutung vielleicht am größten: wer Jesus nachfolgen will, soll noch nicht einmal seine Toten begraben dürfen? Dagegen sträubt sich in mir vieles und ich suche nach Möglichkeiten der Deutung.
Vielleicht war die Bitte, den Vater erst noch begraben zu dürfen, für Jesus eine Ausrede. Vielleicht drückte sich darin ein Zögern, eine Unentschlossenheit aus. Das Begräbnis des Vaters wäre dann eher ein vorgeschobener Grund, noch keine Entscheidung fällen zu müssen. Oder Jesus wollte gegen einen Totenkult anreden. Dagegen, das die rückwärts gewandte Bindung an Verstorbene auch verhindern kann, sich wieder dem Leben zuzuwenden. Die Bewältigung eigener Trauer ist eben echte Arbeit und die Depression im Angesicht eines Todes zu überwinden eine echte Herausforderung. Mit letzter Sicherheit kann ich das Anstößige dieses Jesuswortes nicht ausräumen. Und vielleicht ist es auch gut, manche Ecken und Kanten, manche Ungereimtheiten nicht beseitigen zu können. Daran kann man sich reiben und eigens Profil entwickeln.

Wenn einer einen Krieg führt, kann er dann sagen, er hätte Gott auf seiner Seite?
Wie geht das eigentlich, Gott und seinen Nächsten zu lieben wie sich selbst?

Nachfolge Jesu bedeutet, Antworten zu geben. Einleuchtend und einfach – so kommen uns diese Antworten manchmal in den Sinn. Suchend und ausprobierend, immer wieder zu hinterfragend – so geht es uns mit anderen Antworten. Und nie sind wir endgültig fertig. Darin ist Gottes Anspruch an uns enthalten; ein Anspruch, der nicht gering ist.
Mut zum Antworten-Geben und Trost, wenn ich falsche Wege gegangen bin, entdecke ich in dem Zuspruch Gottes.
Er traut uns zu, Antworten zu finden und zu leben. Er lässt uns nicht alleine, sondern gibt seinen Geist auf unser Tun.
Er eröffnet uns neue Wege, wenn wir in Sackgassen geraten.

Als Übersetzer in Mexiko versuchten, die Bibel in einen aztekischen Dialekt zu übersetzen, taten sie sich schwer mit unserem Text, besonders dem Ausspruch Jesu „Folge mir nach“. Nach langem Überlegen fanden sie einen Ausdruck, der wörtlich ins Deutsche übersetzt, bedeutet „dicht hinter dem Häuptling gehen“. Bei den Azteken bahnte nämlich der Häuptling den Weg durch unwegsamen Dschungel und direkt hinter ihm ist am besten gehen – wie auch dicht hinter Jesus Christus.

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