Dialog, Toleranz, Nachbarschaft

Liebe Gemeinde,

vor etwa 1950 Jahren hat ein Grieche aus der Hafenstadt Tarsus in Kleinasien, der römischen Provinz Syrien zugeordnet, Schriften über den christlichen Glauben verfasst. Die äußere Gestalt der Schriften ist die eines Briefes, gerichtet an bestimmte frühe christliche Gemeinden. Die Schriften wurden als Glaubenslehren verbreitet und auch an andere Gemeinde geschickt. Gemeint sind die Briefe des Paulus. Einige Briefe gehen auf konkrete Anlässe ein, andere widmen sich eher den Grundsatzfragen, die den im Aufbau befindlichen Gemeinden wichtig waren. Diese Schriften sind die ältesten Originalzeugnisse der frühen Christenheit nach Jesu Tod und Auferstehung, entstanden und verbreitet schon zu Lebzeiten des Paulus. Der Römerbrief ist allgemein abgehalten, da er von konkreten Anlässen absieht. Er bezieht sich auf die Grundsatzfragen des Glaubens. Unter anderem widmet sich Paulus der Frage, ob die Christengemeinden noch zur jüdischen Religion gehören oder nicht. Er beantwortet diese Frage mit einem klaren „JA“. Das Christentum ist seiner Meinung nach immer noch Teil des Judentums, und gehört zu Israel.

Dies würden wir heute ja nicht genauso sehen können. Wir wissen, dass das Judentum eine der drei Weltreligionen ist, die sich auf den Glauben an den einen und allmächtigen Gott gründen. Wir fragen eher nach dem Verhältnis zwischen Judentum und Christentum. Die Geschichte dieses Verhältnisses ist problematisch genug. Alle sind sich bewusst, dass das ungeheure Leid des jüdischen Volkes zur Zeit des Nationalsozialismus auch in einer langen Geschichte des Judenhasses im Christentum wurzelt. Diese verwandten Religionen waren gar nicht gut aufeinander zu sprechen. Schon im Mittelalter kam es zu gewaltsamen Judenverfolgungen und zu Mord. Es gab christliche Länder, aus denen alle Angehörigen der jüdischen Religion ausgewiesen wurden. Man unterstellte ihnen Ritualmord, Brunnenvergiftung und gab ihnen die Schuld, wenn die Pest ausbrach. Im dritten Reich wurden an der Rampe von Auschwitz Birkenau Millionen Menschen jüdischer Abstammung direkt in die Gaskammern geschickt oder auf dem Weg über die Arbeitslager umgebracht. In vielen Städten gibt es noch alte jüdische Friedhöfe, die natürlich verwaist sind. Aber sie erinnern uns daran, dass die Gruppe der Juden ein Teil der deutschen Bevölkerung war. Es gab Zeiten, da hat man sie wie Ausländer behandelt. Und es gab Zeiten, da hat man recht friedlich nebeneinander her gelebt.

Obwohl jeder die Bibel lesen oder wenigstens hören konnte, waren die Worte des Paulus anscheinend völlig in Vergessenheit geraten. Der Ursprung des christlichen Glaubens liegt im Judentum. Jesus Christus, an den wir glauben, war Jude. Paulus ebenfalls, sowie die meisten Apostel. Natürlich hat gerade Paulus dafür gesorgt, dass er die Botschaft des Evangeliums den Nichtjuden gegenüber öffnete. Aber keine Zeile seiner Briefe lässt darüber einen Zweifel aufkommen, dass er den Glauben interpretiert, den er von Anfang an hatte. Jesus Christus ist ihm als der erwartete Messias erschienen. Daraufhin hat der die Angehörigen des neuen Weges, wie sie damals hießen, nicht mehr verfolgt, sondern unterstützt. Aber die Grundbegriffe seiner Verkündigung sind ausschließlich aus jüdischen Ursprüngen entnommen und nicht etwa anderen Quellen. Wir sollten uns die Judenheit der damaligen Zeit nicht als einen einheitlichen Block denken, sondern wie eine Religion, in der es verschiedene Richtungen gab. Es durfte ja auch um die Wahrheit gerungen werden. Jedes Wort der Bibel war in den Alltag hinein auszulegen. Um die Auslegung wurde gestritten. Die Ergebnisse kann man im Talmud nachlesen.

Im Rückblick auf 2000 Jahre europäische Geschichte sollte klar sein, dass jede Form der Unterschiedlichkeit im Glauben und im Denken kein Grund zu Krieg und Gewalt mehr sein kann. Die verschiedenen Religionen und Weltanschauungen stehen im Verhältnis des Miteinanders und vielleicht sogar einer gesunden Konkurrenz. Es gibt keinen Kampf der Religionen mehr. Wir sollten uns klar machen, dass dann, wenn die Kopftücher aus den Schulen verschwinden sollen, auch die christlichen Symbole an der Reihe sind. Bald werden wir dann keine christlichen Feiertage mehr haben. Wir Christen haben im besonderen Maß Toleranz und gegenseitiges Verständnis zu lernen. Manche sind darüber ärgerlich, dass immer noch so viele Vorurteile und so viel Intoleranz herrscht. Ich bin schon der gleichen Meinung, aber ich sehe andererseits, dass die Geschichte dieses Kontinents so unheilvoll kriegerisch und voller Hass war, dass sich dies nicht in ein paar Jahrzehnten umbiegen lässt. Wir müssen so viel in wenigen Jahren nachholen, was in Jahrhunderten versäumt worden ist.

Dazu gehört auch die Neubestimmung des Verhältnisses zur jüdischen Religion, das schon seit einigen Jahren in den Kirchen in der Diskussion ist. Aus Gründen der Zusammensetzung unserer Bevölkerung ist der Dialog mit dem Islam noch hinzugekommen. Auch der Islam steht unserer Religion näher, als das viele Menschen wahrhaben wollen, die nur Äußerlichkeiten wahrnehmen, die ihnen fremd sind, wie eben die Kopftücher. Doch der Dialog mit dem Judentum hat Vorrang, weil es dabei um unsere eigenen Wurzeln geht, um unser Selbstverständnis als Christen.

Dazu gibt uns Paulus in diesem Text aus dem Römerbrief eine Steilvorlage. Dazu will ich gar nicht die viele Worte und Gedanken erneut aufgreifen, sondern nur die Verse 4 und 5 einzeln auslegen. Diese beiden Verse enthalten ein kleines Grundbekenntnis über die christliche Sicht des jüdischen Glaubens, über Trennendes und Gemeinsames. Ich lese die Verse noch einmal und gehe dann kurz auf die einzelnen Sätze ein:

4 Sie sind doch Israel, das von Gott erwählte Volk. Ihnen gehört das Vorrecht, Kinder Gottes zu sein. Ihnen offenbarte er seine Herrlichkeit. Mit ihnen hat er wiederholt seinen Bund geschlossen. Ihnen hat er sein Gesetz gegeben und die Ordnungen für den Opferdienst zu seiner Verehrung. Ihnen hat er das künftige Heil versprochen. Sie sind die Nachkommen der von Gott erwählten Väter, und zu ihnen zählt nach seiner menschlichen Herkunft auch Christus, der versprochene Retter. Dafür sei Gott, der Herr über alles, für immer und ewig gepriesen! Amen.

Es ist schon bezeichnend, dass Paulus diesen kurzen Abschnitt mit dem Wort AMEN abschließt. Das ist ein ganz kurzer Text mit sehr vielen Aussagen, die alle nur eines zeigen: Auch für den christlichen Glauben bleibt Israel das von Gott erwählte Volk. Die Kirche ist nicht ein neues Volk Gottes, sondern sieht sich als von Gott über Jesus in diese Verbindung hineingenommen. Dass sich an Jesus die Geister scheiden müssen, ist klar. Aber dass das die Beziehung zum Judentum geradezu spannend und interessant macht, zeigt Paulus in den einzelnen Sätzen auf.

– „Ihnen gehört das Vorrecht, Kinder Gottes zu sein.“ Das steht eben nicht dazu im Wiederspruch, dass uns die Taufe zeigt, dass wir uns im Glaube als Kinder Gottes verstehen können. Der Glaube daran, dass Gott überhaupt Menschen als Kindern annimmt entsteht also im Judentum. Zu Gott zu gehören und sein eigen zu sein, zuerst gilt und galt es den Israeliten als dem Volk Gottes. Der christliche Glaube öffnet die Grenzen dieser Gottesbeziehung, aber er löst sie nicht auf.

– „Ihnen offenbarte er seine Herrlichkeit.“ Der Glaube an Gott war schon jahrhundertealt, als er sich über Jesus Christus weltweit ausweitete. Die Herrlichkeit Gottes offenbarte sich zuerst im Judentum, sie offenbarte sich Mose am heiligen Berg, den Propheten im Empfang ihrer Worte und den Königen im Rahmen ihrer Herrschaft. Die Herrlichkeit Gottes hatte ihre Heimat am Tempel in Jerusalem, der heiligen Stadt unserer drei Weltreligionen.

– „Mit ihnen hat er wiederholt seinen Bund geschlossen.“ Dies gilt auch für unseren Glauben. Das Abendmahl ist das Zeichen dafür, dass der Bund mit Gott für uns persönlich gilt. Der Ursprung des Bundes liegt in der Geschichte Israels, die auch ein Teil unserer Bibel ist. Unser Glaube kann von der Geschichte des Volkes Israel nicht absehen.

– „Ihnen hat er sein Gesetz gegeben und die Ordnungen für den Opferdienst zu seiner Verehrung.“ Den Opferdienst gibt es nicht mehr. Aber das, was er bedeutete ist nicht verloren, sondern umgewandelt in andere religiöse Formen. Wir brauchen keine Hohenpriester mehr, aber das Judentum hat sie ja auch längst nicht mehr. Das Gesetz ist geblieben und gilt auch für uns. Die Auslegung ist verschieden, aber das war sie eigentlich schon immer.

– „Ihnen hat er das künftige Heil versprochen.“ Die jüdische Religion sammelte und sammelt Menschen, die zukunftsorientiert denken. Sie gehen in ihrem Denken über die Gegenwart hinaus und leben trotzdem in ihr. Diese Gestalt des jüdischen Glaubens ist ebenfalls auf den christlichen Glauben übergegangen. Die Gegenwart Jesu ist für uns bei Gott und auch wir erwarten in seiner Wiederkehr das Heil der Welt. Auch unsere Glaubensauslegung schöpft dabei immer wieder aus den Büchern des Judentums.

– „Sie sind die Nachkommen der von Gott erwählten Väter, und zu ihnen zählt nach seiner menschlichen Herkunft auch Christus, der versprochene Retter.“ Wir merken, dass sich Paulus nun doch dem christlichen Bekenntnis nähert, immer aber an der Beschreibung des Judentums orientiert ist. Man kann den christlichen Glauben als eine Form des Judentums beschreiben, auch wenn er das heute so nicht mehr ist. Das Judentum glaubt an den Retter, der kommen wird, das Christentum glaubt daran, dass dieser in Christus gekommen ist.

– „Dafür sei Gott, der Herr über alles, für immer und ewig gepriesen. Amen.“ Dieser Lobpreis ist genau eine solche Begründung, denn er ruft die Gegenwart Gottes auf, an die die jüdische Religion glaubt.

Doch so einfach, wie es heute so oft gemacht wird, wenn das Verhältnis von Juden und Christen beschrieben wird, ist es auch nach diesem Text nicht. Einfach gesagt: Paulus behält den Fuß in der Tür, die von anderen zugeschlagen wird. Er sagt, die Erscheinung des Messias in Jesus hat den Glauben ein wenig verändert. Die Grundbekenntnisse werden nicht angegriffen.

Damit wird im Grund eine ganz andere aktuelle Diskussion aufgegriffen, die auch immer im Kampf zwischen den Generationen eine Rolle spielt. Wenn die Jüngeren einige Regeln abschaffen oder anders handhaben, dann muss oder kann man nicht unbedingt sagen, dass sie damit völlig aus dem gegebenen Glauben ausgestiegen sind. Für viele Menschen gibt es auch solche Erlebnisse innerhalb ihrer eigenen Biografie. Sie haben sich verändert, mussten sich auf neue Situationen einlassen, habe ein neues Leben angefangen. Sie fragen sich, ob die alte Zeit jetzt völlig unwichtig ist, weil sie ja vorbei ist, oder ob sie nicht doch in ihrer Bedeutung bestehen bleibt. Was geschehen ist, ist geschehen. Gott geht mit in die Zukunft, aber er ist und war auch in der Vergangenheit.

Dass Denken des Paulus ist schon revolutionär gegenüber seiner alten Zeit und dem Judentum, wie er es vorher kannte. Die Einstellung zu Jesus hat seine Sicht des Glaubens verändert. Er hat neue Gedanken bekommen, ist offener und toleranter geworden als vorher. Aber er lässt sich sein Jude sein nicht absprechen.

Wenn man glaubt, dass der Messias noch kommen wird, ist man ein richtiger Jude. Aber wenn Paulus ebenso an den Messias glaubt, aber sagt, dass es Jesus Christus ist, soll er doch immer noch ein Teil des Volkes Gottes sein können. Für das Verhältnis von Christen und Juden dürfte damit für uns zumindest klar sein: Der Ursprung ist einer, der Glaube an den allmächtigen Gott und seine Schrift einer und trotzdem haben sich daraus zwei verschiedene Religionen entwickelt. Für die Einstellung unserer Zeit kann damit die Beziehung zwischen diesen Religionen nur in Dialog, Toleranz, Nachbarschaft und auch darin bestehen, etwas miteinander zu tun.

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