Der Weltengärtner

Der Garten ist Objekt grundlegender und urtümlicher Sehnsucht. Das hat seinen Grund darin, dass die Menschheitsgeschichte im Allgemeinen und die Heilsgeschichte der Bibel im Besonderen, sehr viel mit dem Garten zu tun hat.

Freilich, bemerkt der Schriftsteller Rudolf Borchardt zum wohlbekannten Fortgang der Geschichte treffend: "Das Meiste, was der Menschheit seit ihrem Ursprung zugestoßen ist, hängt mit Vorgängen zusammen, die sich als Gartenfrevel bezeichnen lassen … … Mit der Kündigung des Gartengastrechts und dem Auszug in die aus Acker und Kindbett bestehende Welt, beginnt das normale Dasein seine unabsehbare Kette von weiteren Vertreibungen, denen im trotzigen Rhythmus des Menschenherzens der Entschluss entspricht, das Paradies, und sei es am Fenster des sechsten Stocks im Hinterhause, für die nächste Vertreibung wiederaufzubauen und den Engel mit dem feurigen Schwert zu provozieren." Unstet und flüchtig muss der gefallene Mensch sein. Aber die Sehnsucht nach dem Garten ist ihm geblieben – und der Baum, den er wässert, und der ihm Schatten spendet.

Denken wir nur an den biblischen Ölbaum. Der Ölbaum, der nicht nur Nützliches, sondern auch Angenehmes spendet. Sein Öl schützt die von der orientalischen Sonne beschienene Haut. Es ist Nahrung, aber auch Grundelement der antiken Medizin. Es ist Brennstoff für die Lampen, die man nachts entzündet. Darüber hinaus ist es ein Artikel des Luxus. Du salbest mein Haupt mit Öl und schenkst mir voll ein. War’s nicht ein Ölzweig, mit dem die Taube Noah ein solches Leben verhieß. Ja, Gott selbst lässt es ein Zeichen seines Segens sein, wenn mit dem Öl des Ölbaums der König gesalbt wird.

So wird das Ende des Baumes, das Ende der Welt sein. Der dritte Teil der Bäume verbrennt, wenn der erste Engel des letzten Gerichts seine Posaune an die Lippen setzt. So weiß es die Apokalypse. Was sie nicht wissen konnte ist, dass der Mensch bis zum heutigen Tag diese Arbeit schon mehr als erledigt hat.

Auch im Evangelium von der Erlösung des Menschen, spielt der Garten eine überragende Rolle. Hat Jesus von Gottes Liebe und Gnade nicht so gepredigt, dass der seinen Jüngern die Lilien des Feldes zeigt? Er schickt sie zur Arbeit im Reich Gottes wie in einen Weinberg. Er zeigt ihnen den Feigenbaum; vergleicht schließlich den Menschen mit einem Garten, voller Unkraut und Gott jätet es; ganz verdorben, doch winzig wie ein Senfkorn lässt Gott in und unter den Menschen Neues und Herrliches wachsen.

Es ist kein Zufall, dass sich der letzte Kampf des Christus auf seinem Weg ans Kreuz nicht irgendwo, sondern im Garten Gezemane entscheidet unter nächtlichen Ölbäumen. Und es ist ebenso wenig ein Zufall, dass Maria Magdalena den Auferstandenen nicht erkennt, weil sie meint, er sei der Gärtner.

Wenn das nicht zusammengehört und zusammenpasst: Der Schöpfer der Welt, der der Pflanzung seines Gartens den gleiche Tag einräumt, wie der Scheidung von Licht und Finsternis; und der Erlöser Jesus Christus, der Bezwinger des Todes zugunsten des Lebens, den man nicht von ungefähr mit einem Gärtner verwechselt, weil er ja in der Tat einer ist! Und ich kann mir vorstellen, dass in der neuen Welt, die Christus verheißt, das himmlische Jerusalem nicht protzt und pompt wie New York, sondern die Hütte Gottes bei den Menschen wieder in einem Garten steht; damit die elementare Sehnsucht nach dem Garten dann in Gott Frieden findet.

Liebe Gemeinde, verzeiht mir diesen Ausflug vom Anfang zum Ende der Bibel. Aber wir sehen daran, das der erste Garten, den Gott pflanzt, als Thema die ganze Bibel durchzieht. Nicht als Nebenthema. Nicht wie der Theologe Karl Barth einmal sagte: Die Schöpfung sei der äußere Grund des Bundes zwischen Gott und Mensch. Schöpfung hat nicht nur in Theologenköpfen fast immer nur dienende Funktion. Sie ist bestenfalls Vorbau vor der Heilsgeschichte und als solcher schnell aus dem Blick.

Wenn wir aber genau hinsehen, dann sind die Schöpfungsberichte, besonders der zweite, über den wir heute nachdenken, Teil der Heilsgeschichte. Der Mensch und der Garten, in den Gott ihn setzt, werden positiv, zum gegenseitigen Heil aufeinander bezogen. Der Garten gibt dem Menschen, was er zum Leben braucht und der Mensch gibt dem Garten, was er braucht, indem er ihn bebaut und bewahrt. Hier steht nichts von der Krone der Schöpfung, die der Mensch angeblich sein soll. Eine Vorstellung, die lange genug menschlicher Überheblichkeit Vorschub geleistet hat, und im Krieg gegen die Natur gipfelt, der übrigens nicht nur in Regenwäldern stattfindet, sondern auch in so manchem Kleingarten ausgetragen wird.

Der zweite Schöpfungsbericht weiß ernüchternde Wahrheit. Aus Staub ist der Mensch. Und zum Staub kehrt er wieder zurück. Er ist Teil alles Lebendigen, das der Mutter – Erde entstammt und durch Gottes Atem lebt. Und wenn es hier so etwas wie eine Gottesebenbildlichkeit des Menschen gibt, dann besteht sie darin, dass der Mensch selbst so schöpferisch sein darf und sein soll, wie Gott der ihn schuf. So wie Gott einen Garten pflanzt, so darf und soll der Mensch ein Gärtner sein im übertragenen und eigentlichen Sinn des Wortes.

Nicht selten ist ein Garten ein Spiegel des menschlichen Wesens, das ihn geschaffen hat. Ausdruck der Lebenden und Vermächtnis der Toten. Geht einmal durch Eueren Garten oder auf Euren Balkon. Betrachtet Gärten vor und hinter den Häusern. Was erzählt so ein Garten über andere und über Euch selbst?

Und dann ist es von der Achtsamkeit für das eigene und fremde Stück Natur nur ein kleiner Schritt zur Achtsamkeit für sich selbst und für den anderen Menschen. Für den Menschen, der in sich selbst ja ein Garten ist aus Gedanken und Gefühlen, manchmal duftend und schön und manchmal öde und wild. Die alten Griechen haben das später Seele genannt und damit Innen- und Außenwelt auseinandergerissen, die doch in unserer Schöpfungsgeschichte noch ganz zusammengehören und aufeinander bezogen sind.

Darin hat die Schöpfungsgeschichte die tiefere Wahrheit. Und deshalb gibt es wohl keinen Garten, keinen Flecken Natur, den wir so versaut haben, dass er uns gar nichts mehr von dem Weltengärtner erzählen könnte und von seiner Liebeserklärung an seine Geschöpfe: Ich dein Gott habe dich geschaffen. Mitten hinein in einen Garten. Ich habe dich gewollt. Ich habe dich wahrgenommen. Ich sorge für dich.

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