Der überschwängliche Sämann

Liebe Gemeinde!

Einteilungen, Etiketten, Schubladen – das kennen wir doch: die Guten und die Schlechten, rechts und links, ein für allemal festgelegt. Und ich? Welche Etikette muss oder darf ich mir anheften: Felsen, Disteln und Dornen oder vielleicht doch fruchtbares Land? Vom Text her gesagt: Wie nehme ich das gute Wort Gottes auf? Fällt sein Wort auf mein taubes Ohr: Tausendmal gehört und nix kapiert? Oder zeige ich nur die schnelle Begeisterung, aber leider fehlt der lange Atem: die Dornen des Alltags ersticken alles. Oder geht das gute Wort Gottes zwischen all den Worten des Alltags kaputt? Oder – so frage ich zurückhaltend – gehöre ich doch zum fruchtbaren Land: Gottes Wort bringt wunderbare Frucht?

Das Gleichnis vom Sämann wurde in der Geschichte vielfältig ausgelegt. Oft ging es um die anfangs angesprochenen Etiketten. Jesus aber stempelte nie ab. Er holte Menschen eher aus den Schubladen heraus. Er befreite von oberflächlichen Etikettierungen. Eher machte er Mut, das zu sein, was man sein kann. Deswegen möchte ich das Gleichnis nicht zu liebloser Einteilung nutzen. Vielmehr will ich mich selbst als Ganzes in diesem Gleichnis wiederentdecken. Ich will fragen, wie mich das ausgestreute Wort trifft.

Zunächst einmal freue ich mich an dem Sämann Jesus. Er geht fröhlich durch die Welt und streut lebensspendende Worte, Worte die zu toller Saat sich entfalten . Worte, die viel Frucht bringen. Worte von Liebe und Hoffnung, Worte von Frieden und Versöhnung. Wie sehr braucht unsere Welt in dieser Zeit diese lebensspendenden Worte. Es gibt viele, viel zu viele ganz andere Worte in der Welt, die todbringende Gewalt in sich tragen. Worte, die kränken anstatt zu heilen. Worte, die zerstören anstatt aufzubauen. Und manchmal habe ich das Gefühl: Solche Worte wachsen besonders gut und mit doppelter Geschwindigkeit. Um so wichtiger, dass uns hier ein ganz anderer Sämann begegnet. In seiner Lust zum Säen wirkt er fast ein wenig überschwänglich. Er ist kaum zu stoppen. Überall fallen die Samen hin: auf den harten Weg, den felsigen Boden unter die Dornen und Disteln. Gott sei Dank auch auf den guten Boden. Und ich spüre: die verschiedenen Böden – das sind nicht die anderen: die Hartherzigen, die Oberflächlichen, die Bitteren. Ich kenne diese Böden alle ganz gut: in mir.

Da kennen ich die ausgetretenen Pfade in meinem Leben. Sie verlaufen oft gleich. Sie sind oft so ausgetreten, dass ich kaum Fruchtbares aufnehmen kann. Ich mache mir da gar nicht viel vor. Solche ausgetretenen Pfade sind ja nicht ganz unwichtig. Sie sind vertraut. Aber sie bieten wenig Möglichkeit Neues aufzunehmen. Und sie bieten eine Gefahr, der ich mir bewusst sein muss: solche Wege sind nicht selten gepflastert mit Ängsten, Vorurteilen und auch meinen Prinzipien. Und sie sind manchmal hart gepflastert. Gut wenn der Sämann sich nicht beirren lässt. Denn manchmal hat ein Samkorn doch einen Ritz im Pflaster gefunden und Erstaunliches bewirkt.

Und das felsige Gelände in mir? Ist es mir wirklich fremd? Verhärtungen auf meiner Seele infolge auch mancher Verletzungen. Jede harte Stelle meiner Seele ist eine vernarbte Wunde. In der Erziehung bewirkt man manchmal solche harte Stellen. Sie sperren sich gegen eindringende Samen der Zärtlichkeit. Wer sich nicht anrühren lassen will, wer sich abgehärtet hat auch gegen alles, was schmerzt, der tut sich auch schwer die Samen der Zärtlichkeit eindringen zu lassen. Auf den harten Felsplatten meiner Seele haben es die Samen des Sämanns schwer. Und auch hier wundere ich mich, wie manches Samkorn doch seinen Weg findet und wider Erwarten reiche Frucht trägt.

Und dann gibt es ja auch noch die Dornen, die jeden guten Ansatz von außen im Keime ersticken. Wie gerne verstecke ich mich hinter Sachzwängen: Ich würde ja gerne, aber… Gerade in diesen Tagen wird von solch militärischen Sachzwängen Land auf Land ab geredet. Das Bedrohungspotential ist nötig, sagen die einen und die anderen nicken und verdienen sich goldene Nasen. Da werden die Träume von einer besseren Welt schnell durch die politische Großwetterlage erstickt. Solche Dornen und Disteln verhindern jedes gute Wachstum. Die Sachzwänge machen sich so breit, dass sie alles frisch Aufkeimende verdrängen.

Hat der Sämann trotz dieser Bedingungen eine Chance. Ist das gute Stück Land nicht zu klein, um die Verluste auszugleichen? Der Sämann ist sich sicher: das Ganze lohnt.. Er lässt sich durch nichts abhalten. Fröhlich und überschwänglich teilt er aus. Wir Menschen sind skeptisch, der Sämann ist optimistisch. Er sieht immer genug guten Boden. Wir müssen nicht auf unser skeptisches Gesicht schauen, sondern eher auf sein fröhlich optimistisches. Und schließlich wird es tatsächlich so sein: was auf guten Boden fiel, wuchs auf und trug hundertfältig Frucht.

Tatsächlich: der Tag der Ernte kommt. Und ihr werdet – wenn ihr den Samen aufgenommen habt – die vielfältige Frucht sehen: Schon verzichte ich auf eine Position der Stärke. Ich lasse Schwäche zu und gestehe sie ein. Jetzt erweise ich mich stark, weil ich Schwäche zugeben kann.

Schon übe ich mich in Geduld – mit mir und mit anderen. Und ich merke: Mir gelingt manches, was ich in aufgeregter Hetze nie und nimmer geschafft habe.

Da spüre ich in mir den unbedingten Willen, einem Menschen zuzuhören und ihn zu trösten. Ich spüre, wie sich die Kraft der Liebe gegen manche Verhärtung Bahn bricht.

Die gute Saat geht auf. Das Wort Gottes trägt Frucht. Und es sind Früchte des Friedens und der Versöhnung, der Liebe und der Lebensfreude. Es gibt genug guten Boden. Vielleicht ist die Bodenfläche, auf der das Gute sich so schwer entfalten kann, prozentual größer. Trotzdem reicht der gute Boden aus, um das Reich Gottes sichtbar werden zu lassen. Trotz Vogelfraß, Fels und Dornengestrüpp – die Worte der Liebe und Hoffnung, des Friedens und der Versöhnung sind nicht zu zerstören. Lassen wir sie in uns getrost wachsen, sie bringen Frucht – hundertfältig. Der Sämann macht mich so sicher.

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