Der tote Glaube und das lebendige Wort

Liebe Gemeinde,

heute feiern wir den 4. Sonntag in der Passionszeit, wir sind also mitten in der Fastenzeit, die durch ihr Fasten hinweisen will auf das große Geschehen, dessen wir an Ostern gedenken. Wir fasten, um dem Leiden Jesu nachzuspüren, wir fasten, um uns in dieser Zeit wieder auf Wesentliches zu besinnen, weil wir Verzicht üben wollen oder vielleicht auch, weil wir uns wieder einmal zeigen wollen, dass wir noch nicht abhängig sind von bestimmten Genussmitteln. Und das ist nur ein Teil der Ergebnisse, die wir zusammen im Frauentreff zum Thema Fasten erarbeitet hatten.

Jetzt aber haben wir einen Text zu predigen aus dem Evangelium nach Johannes im 6. Kapitel, der so gar nicht dazu zu passen scheint – zu unserem Fastenthema: es geht nämlich um Brot, das man unbedingt essen soll. Ich lese die Verse 47 bis 51: "Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Wer glaubt, der hat das ewige Leben. Ich bin das Brot des Lebens. Eure Väter haben in der Wüste das Manna gegessen und sind gestorben. Dies ist das Brot, das vom Himmel kommt, damit, wer davon isst, nicht sterbe. Ich bin das lebendige Brot, das vom Himmel gekommen ist. Wer von diesem Brot isst, der wird leben in Ewigkeit. Und dieses Brot ist mein Fleisch, das ich geben werde für das Leben der Welt."

Auch, wenn es in unserm Abschnitt nicht direkt erwähnt ist, so ist doch klar, dass Jesus selber hier spricht: ich versuche, es zu wiederholen: Jesus sagt von sich, er sei das wahre, das echte Brot, das zum Leben verhilft. Und dieses Brot ist eigentlich sein Fleisch, das er gibt, damit die Welt leben kann. Das ist wohl die Kernaussage: sie passt gut zur Passionszeit: Jesus als der Christus: das heißt, als der Heiland der Welt, der für unsere Sünden gestorben ist: nur so können wir leben und zwar leben nicht nur in dem Sinne, dass alle unsere Organe funktionieren und der Körper nicht krank ist, sondern leben in dem Sinne, dass wir erleben können, was Gott für uns bedeutet, leben in dem Sinne, dass wir erfahren, wo und was Gott ist und wie er in unser Leben eingreift und leben in dem Sinne, dass wir begreifen, worauf unser Leben eigentlich ausgerichtet ist und was wir in unserem irdischen Leben zu tun haben. Dazwischen steht wie als Kontrast die andere Aussage: Eure Väter haben in der Wüste das Manna gegessen und sind gestorben. Liebe Gemeinde: sie wissen noch, worum es ging: das Volk Gottes wanderte auf sein Geheiß hin durch die Wüste und hatte nichts zu essen dabei – also versorgte Gott die Seinen mit dem Manna: wenn Sie so wollen ist das göttliche Speise – sie kam also auch vom Himmel herab und dennoch – dennoch sind sie gestorben: die göttliche Speise half also nichts. Und nun soll in Christus eine Speise gekommen sein, die hilft, die sogar gegen den Tod hilft. Eine starke Aussage.

Sie wissen natürlich, dass auch wir Christen sterben und zwar täglich auf der ganzen Welt. Der Tod scheint keinen Unterschied zu machen zwischen Christen, Muslimen, Buddhisten oder Atheisten. Der Tod scheint außerdem oft genug ungerecht: warum stirbt eine Mutter mit 2 Kindern, die an Christus glaubt schon mit Mitte 40? Und warum kann der alte Mann von nebenan (auch er ein Christ), der Mann, der schon über 90 ist und eigentlich nur noch wartet – warum darf der nicht sterben? Sie merken an der Art der Fragen, die ich stelle, dass ich sie selber so nicht beantworten kann. Anscheinend geht es um eine andere Art von Tod und eine andere Art von Leben, von der Jesus hier spricht. Diese andere Art von Tod lässt sich auch schon finden in der Geschichte vom Manna in der Wüste, auf die Jesus anspielt: alle sind in der Wüste gestorben, aus der sie Gott doch eigentlich in das gelobte Land führen wollte – alle sind gestorben, weil sie Gott nicht vertraut haben. Sie haben ihm nicht geglaubt und sich nicht auf seine Verheißung verlassen: kaum war etwa Mose als ihr Anführer ein paar Tage auf dem Berg Sinai verschwunden, zweifelten die unten Wartenden und gossen sich ein goldenes Kalb, damit sie etwas zum Anbeten hätten. Das ist das Schwierige an unserem Glauben: wir hätten doch so gerne etwas, das man anschauen kann und das man anfassen kann. Und zwar nicht nur einmal, sondern immer wieder: etwas, was man in den Schrank stellen kann – hinter Glas und darauf zeigen und sagen: seht her: das ist mein Glaube: damals wurde ich bekehrt und seitdem stehe ich hier fest und gegründet und so wird das auch immer sein.

Aber das goldene Kalb war ein totes Kalb: das gegossene Gesicht konnte keine Regung zeigen, das Kalb konnte nicht wachsen und zum Stier werden, es war nicht warm, wenn man es anfasste: mit anderen Worten: es war ein totes Ding, vielleicht schön anzuschauen und glitzernd in der Sonne und natürlich viel wert, war doch alles Geschmeide, aller Schmuck in ihm eingegossen. Und deswegen war auch der Glaube an das Kalb ein toter Glaube – und ein toter Glaube ist einer, bei dem nichts zurückkommt, keine Antwort, keine Beziehung, kein Leben. Setzte ich auf einen Glauben, der sich auf ein Ding bezieht, so werde ich unweigerlich den Tod sterben, von dem hier Christus spricht. Glaubte ich z.B. an das Geld und an das Geldverdienen, glaubte ich z.B., dass das Menschsein schon durch Leistung ausgeschöpft wäre, dass also alleine zählt, was ich wann wo im Leben beruflich erreicht und wieviel ich verdient hätte, so würde ich merken: all das spricht nicht zu mir – dort fehlt die Wärme einer Beziehung, dort fehlt das Leben. Freilich könnte ich mir wahrscheinlich viel kaufen und wenn ich so richtig Geld hätte, könnte ich mir wahrscheinlich auch so manche Illusion kaufen. Ich denke da an einen alten Mann, der sehr reich ist – der kauft sich alle paar Jahre wieder seine Illusion vom Glück, indem er sich von seinen Frauen, die ihm dann zu alt wurden, scheiden lässt (was machen schon die paar Millionen, die er zahlen muss) und dann wieder eine Neue, Junge heiratet. Ein gekauftes Glück und offensichtlich nie von langer Dauer.

Von einem solchen toten Glauben spricht Jesus, wenn er von dem Tod der Väter in der Wüste erzählt. Denn das ist die Dimension, die Christus hier aufzeigt: der Glaube an tote Dinge ist nicht nur selber ein toter Glaube, nein: er führt auch zum Tod und zwar zu mehr als dem Sterben des Körpers und des Verwesens im Grabe – er führt zu dem Tod, der genauso kalt und genauso unlebendig und genauso ohne Beziehung ist, wie es der Glaube vorher war. Wenn Sie so wollen ist das der Zustand der Ödnis, der absoluten Einsamkeit, der unendlichen Dauer, in der man nur auf sich selber zurückgeworfen ist: keiner da, um Ansprache zu finden, keiner da, um Antwort zu erhalten, keiner da, um Wärme und Liebe mitzuteilen: nichts: einfach nur nichts.

Vor diesem Tod warnt Christus und warnt überhaupt das neue Testament: wenn Paulus sagt: der Tod ist der Sünde Sold, dann meint er genau diesen absoluten Tod, dieses Getrenntsein von Gott, welches hier im irdischen Leben Sünde heißt, nach dem Absterben des Leibes aber den absoluten Tod bedeutet.

Ich sagte es schon: auch unser Glaube kann tot werden, nämlich dann, wenn er stehen bleibt, wenn er sich nicht mehr bewegt oder bewegen lässt. Ein hochmütiger Glaube etwa ist ein toter Glaube: ein Glaube, der von sich behauptet, er wüsste schon alles und er könnte alles erklären, ein Glaube, der alles besser weiß und vor allen Dingen immer schon weiß, was für den anderen das Beste sei, ohne zu fragen, wo denn der andere steht und was ihn gerade bewegt. Ein Glasschrank-Glaube ist das: zum Anfassen, zum immer-wieder-hervorkramen, wenn man mal was herzeigen will – ein toter Glaube eben. Christus aber will den lebendigen Glauben, der aus dem Hören kommt, nämlich aus dem Hören auf Gottes Wort, wie es sich uns in unserem Leben immer wieder erschließt – und dieser lebendige Glaube kann nicht anders sein, als eben auf lebendige Beziehung aufgebaut, auf das Hören aufeinander, auf das Achten auf den anderen: lebendiger Glaube wird sich immer wieder selber korrigieren, weil er merkt, wie er den anderen doch wieder begonnen hat, zu bedrängen. Lebendiger Glaube ist daher kein Beruhigungsmittel, mit dem man sich vor der wahren Situation verstecken kann. Das goldene Kalb ist ein solches Beruhigungsmittel: man kann es sehen und sich verstecken und sagen: da schaut her: hier ist doch alles, was wir brauchen – wir brauchen nicht mehr warten und nicht mehr zweifeln. Nein: lebendiger Glaube wird immer wieder zweifeln: er wird sich fragen: machst du dir denn nicht nur etwas vor – betrügst du dich und andere nicht nur selber: sieh hin, auf all die Probleme, die vor dir liegen. Lebendiger Glaube wird diese beiden Pole immer wieder auf´s neue finden müssen: von der Gewissheit: "Ja, so ist es jetzt heute und hier genau richtig: so ist es Gottes Wille" hin zu der Frage: "War nicht alles verkehrt, was ich getan habe: müsste ich nicht eigentlich neu anfangen und mich entschuldigen." und wieder zurück. Dort ist Leben: der Umgang miteinander: dort ist Beziehung – das Sich-Verzeihen und neue Aufbrüche wagen: dort ist der lebendige Gott.

Als ich vorhin sagte, alle wären in der Wüste umgekommen, ist das nicht ganz richtig: zwei von ihnen haben das gelobte Land doch gesehen: Josua und Kaleb: übersetzt heißt das ungefähr: ein Heilsbringer und ein Hund: und wenn wir das wieder übersetzen, dann kommen wir zu eben wieder diesen zwei Polen: Gewissheit und neue Frage – diese zwei sind lebendiger Glaube.

Dieser Glaube hat als Folge das ewige Leben: eben genau die Kehrseite des Todes, von dem ich gerade redete: die Beziehung, die Wärme, die Liebe, das Leben! Und dafür ist Christus am Kreuze gestorben und hat sein Fleisch dafür dahin gegeben: auf dass wir dieses Leben hätten in ihm und durch ihn: er ist das lebendige Brot, der demjenigen, der davon isst das ewige Leben schenken wird.

Liebe Gemeinde, wir stehen in der Halbzeit des Fasten, wenn man so will – diese Halbzeit ist überschrieben mit dem Namen des Sonntags: Lätare – freuet euch. Denn Fastenzeit, und damit komme ich zurück zu unserem Beginn: denn Fastenzeit ist auch Freudenzeit, denn durch mein Fasten wird mir auch wieder klar, worauf es auch ankommt in unserem Leben: nämlich auf das Sich-beschenken-lassen durch Christus Jesus. Dort ist die Freude. Er schenkt uns das lebendige Brot: er schenkt uns sich selber, damit wir, die wir sonst den Tod verdient hätten, das Leben erlangen. Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: wer diesen lebendigen Glauben hat, der hat das ewige Leben.

drucken