Der Sinn des Seins

Da erzähle ich seit längerer Zeit Konfirmanden und Religionsschülern, dass wir Christen nicht vollkommen sind und auch nicht vollkommen sein müssen. Dass Gott weiß, wie schwer es uns Menschen fällt, vorbildlich zu sein. Und dass er uns liebt mit allen Fehlern und Schwächen die wir haben. Und plötzlich stehe ich hier vor einem Text, der sich an Christen wendet und ganz schön anspruchsvoll klingt.

Der Apostel schreibt an die Gemeinde in Ephesus, also an Menschen, die bereits Christen sind und nicht gerade erst überlegen, ob sie sich dem neuen Glauben anschließen sollen.

[TEXT]

Liebe Gemeinde, "wenn wir nicht leben, wie wir reden, wenn wir nicht Vorbild sind in Authentizität, hilft uns und den anderen das überhaupt nichts." Das sagte dieser Tage eine Pfarramtskandidatin mit dem Brustton der Überzeugung zu mir. Es ging in einer Diskussion darum, ob die Bibel vom Menschen Vollkommenheit fordert. Und daher: Brauchen Christen Richtlinien zum christlichen Leben?

Wenn wir den Text aus dem Epheserbrief auf uns wirken lassen, scheint die Antwort ein klares Ja zu sein. Da wird uns aufgelistet, was wir zu tun und was wir zu lassen haben. Aus jedem einzelnen Satz ließe sich eine ganze Predigt machen. Das will ich mir und Ihnen ersparen. Den alten Menschen einfach "ablegen", ja wenn das einfach so ginge! Ja, dann wäre es leicht, immer die Wahrheit zu reden, niemandem nachhaltig böse zu sein und auch das Finanzamt nicht zu betrügen.

"Keiner kann aus seiner Haut", werden Sie vielleicht jetzt sagen. Das habe ich in letzter Zeit sehr oft zur Antwort bekommen, wenn es darum ging, dass Leute einen Streit absolut nicht begraben konnten. Aber ist nicht genau dieser Satz das, was hier als "faules Geschwätz" bezeichnet wird? "Keiner kann aus seiner Haut", das heißt doch auch: Du brauchst gar nicht erst zu versuchen, etwas an dir zu ändern, es geht sowieso schief.

Derjenige, der ein Suchtproblem hat, soll sich ruhig weiter ruinieren, er kann ja nicht aus seiner Haut. Derjenige, der eine gescheiterte Beziehung hinter sich hat, braucht es nicht noch einmal neu zu probieren, es wird ja wieder gehen wie vorher. Ich kann es mir also sparen, jemandem Wege für eine andere Zukunft aufzuzeigen. Und wer einmal geklaut hat, der wird es wieder tun, denn „Keiner kann aus seiner Haut“.

Das ist so ein lähmender Satz. Genau wie die Aussage: „Also, ich möchte so bleiben, wie ich bin“ oder „jeder ist sich selbst der Nächste“. Das sind Positionen, die nicht nur mich, sondern – so stelle ich es mir jedenfalls vor – auch den Heiligen Geist betrüben, wie es der Apostel formuliert. Christ sein heißt, immer wieder neu aufbrechen. Es heißt durchaus auch, mal aus der Haut fahren. "Zieht den neuen Menschen an, der nach Gott geschaffen ist", das heißt auch, herauszufinden: "Wie bin ich eigentlich wirklich?" oder "Wie möchte ich sein, damit ich mich gut fühle mit meiner Seele in meinem Körper" "Welche Bedürfnisse habe ich wirklich?".

Da erzählt mir jemand, er hat sich verliebt. Und hat das Gefühl, seinem Gegenüber geht es genau so. Aber drüber reden können sie nicht. Sie schleichen umeinander herum, nbeide voller Angst, sie könnten sich ja ein falsches Bild von dem anderen gemacht haben, beide voller Vorbehalte, weil sie schon Verwundungen aus früheren Beziehungen hinter sich haben. Beide haben offenbar noch keinen Mut, wirklich aufeinander zuzugehen. Sie sind gelähmt, weil sie noch im Alten verhaftet sind. "Beziehung" ist so ein Wort, durch das heute oft das verbindlichere Wort Liebe ersetzt wird. "Ich komme nicht klar mit meiner Beziehungskiste", solche Redewendungen fallen, so denke ich, in die Kategorie "faules Geschwätz"."Dumme Sprüche" würde man heute dazu sagen.

Sich zu einer Liebe bekennen, bedeutet aufbrechen, bedeutet, bereit zu sein, etwas von der eigenen Bequemlichkeit aufgeben, einen anderen hereinlassen in sein Leben, aber auch, einzutreten in seine innere Welt. Da sind Schwellenängste normal. Aber der Apostel gibt in seinem Brief einige gute Tipps, die auch für einen solchen Aufbruch wichtig sind: " Zürnt ihr, so sündigt nicht; lasst die Sonne nicht über eurem Zorn untergehen." Das heißt, miteinander über Dinge reden, die sich störend zwischen Menschen schieben. Vor dem Verzeihen steht die offene Rede. Was ich beobachte: Es wird in vielen Familien nicht mehr klar und offen miteinander gesprochen. Es ist ja auch viel einfacher, bei Unstimmigkeiten sich vor den Computer oder den Fernseher zu flüchten als die Befindlichkeiten des anderen in einem Gespräch genau zu erkunden. Ich bin selbst so ein Typ, der oft denkt: "Das mache ich lieber mit mir alleine aus". Wenn jemand fragt, wie es mir geht, gehe ich davon aus, den interessiert das ohnehin nicht wirklich und lasse irgendeinen "dummen Spruch" raus.

"… und redet die Wahrheit, ein jeder mit seinem Nächsten, weil wir untereinander Glieder sind", das ist mir nahegangen. Auch Schweigen kann eine Form sein, nicht die Wahrheit zu reden. Meist steckt die Angst dahinter, sich eine Blöße zu geben, dem anderen seine eigenen wunden und schwachen Seiten zu zeigen. Sich erneuern, das heißt aber auch, zu seinen Schwächen zu stehen, nur wer seine Wunden erkennt und sie offenlegt, kann Heilung finden. Klar, dann blättert ein Stück von der Fassade ab. Aber andererseits: Wenn wir nicht den Mut zur Ehrlichkeit haben, wenn wir ständig den Vollkommenen markieren, dann werden wir auch einsam sein.

Ein wirklicher Zugang zum anderen wird so unmöglich. Wenn ein Pfarrer perfekten Lebenswandel und eine Frömmigkeit ausstrahlt, in die nie der Hauch eines Zweifels gefallen ist, wenn er ein Bild der Vollommenheit vorspielt, wer würde es schon wagen, zu dem hinzugehen mit den eigenen Nöten? Wie soll so einer begreifen, wenn es in einer Ehe kriselt, wenn Schulden angefallen sind, wenn man vor Verzweiflung wie gelähmt ist und nicht mehr beten kann?

Das andere Extrem wäre, wenn jemand wunderschön predigt, von Liebe, Ehrlichkeit und Vergebung – im Alltag aber seine Familie und seine Mitarbeiter drangsaliert oder auch krumme Wege nicht scheut, um Mittel für spektakuläre Gemeindeprojekte oder eine Kirchensanierung zu bekommen oder sich bei Parteien und einflussreichen Leuten anbiedert, aber hintenherum verächtlich über sie redet. "Wie wird der in seinem Innern über mich denken?", die Frage ist nicht unberechtigt. Und schon verliert Kirche an Glaubwürdigkeit.

Es ist eine Gratwanderung, den Versuch zu wagen, Reden und Tun in Einklang zu bringen. Denn immer wieder gilt es, das Reden am eigenen Handeln zu messen, das fordert den Mut dazu, sich zu hinterfragen und auch den Mut, unbequeme Wege zu gehen, aufzustehen wie der Lahme im Evangelium, sein Bett zu nehmen und zu gehen. Und es fordert die Fähigkeit heraus, sich selbst und anderen zu verzeihen. Das kann schwieriger sein als die Heilung von einer schweren körperlichen Krankheit. Nicht ohne Hintergrund sagt Jesus: "Was glaubt Ihr denn, was leichter ist? Zu sagen "dir sind deine Sünden vergeben" oder "nimm dein Bett und geh heim". Manch einer wird gelähmt von der Vorstellung, seine eigenen Fehler seien so groß, dass er nicht liebenswert sei. Und wenn er sich selbst nicht liebt, wie soll er dann glauben können, er könne für jemand anderes liebenswert sein?

Neue Wege gehen und aufbrechen können wir nur, wenn wir die Bilder von menschlicher Vollkommenheit korrigieren. Wir sind nicht vollkommen, aber es gibt etwas, was uns vollkommen macht: Gottes unendliche Liebe. Wenn wir uns der bewusst sind, können wir gelassen auf andere zugehen, ihnen die Hand reichen, bereit sein für Beziehungen, die verbindlich sind, die uns also miteinander verbinden, in all unserer Schwäche , aber auch mit all unserer Liebenswürdigkeit.

DAS ist es doch gerade – und DAS ist vielleicht auch etwas vom "Sinn des Seins", der biblischen Botschaft: Dass ich mich als erlöster Mensch (auch zu Lebzeiten!) wissen darf, obwohl – oder sogar gerade weil – ich unvollkommen bin. Letztendlich bin nicht "ich" es, die mein "Sein" komplett und vollkommen macht, sondern es ist Gott.

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