Der Schmerz des Paulus

Liebe Gemeinde!

Ich sehe ihn vor mir, den Paulus, wie er diese Worte niederschreibt: voller Emotionen, tief bewegt, innerlich zerrissen. Hier nicht der Paulus, wie ich ihn oft auch erlebe, der sich in intellektuelle Höhenflüge aufschwingt; hier ist er der, der erschüttert ist. Der es an sich heranlässt, was ihn umtreibt, bewegt; der nach Worten ringt, nach Worten, die den Empfängern seines Briefes was davon erahnen lassen sollen, was da in ihm vorgeht. Ob die, die seinen Brief bald lesen werden, seine Gefühlsregungen nachempfinden können? Sich mitnehmen lassen können von seinen Gefühlen? Können wir es? Bewegt uns das, was da den Paulus umtreibt? Ist das unsere Frage: wie steht es mit unserem Verhältnis zu unseren jüdischen Schwestern und Brüdern? Was empfinde ich, wenn mir ein Mensch jüdischen Glaubens begegnet, ich mit ihm ins Gespräch komme, oder er sich auch nur in meiner Nähe befindet? Suche ich diese Nähe, oder – meide ich sie? Will ich sie? Erwarte ich was von solchen Begegnungen? Und was? Oder habe ich vielleicht Angst vor solchen Begegnungen? Weil mir da was fremd ist?

Doch dann müsste mir auch der Paulus fremd sein, denn Paulus ist Jude. Und er hat sich immer als Jude verstanden. Auch dann, als er auf Jesus Christus zu vertrauen begann und wie kein anderer das in die Welt verbreitete, was Jesus gelebt und gelehrt hat. Denn die Lehre Jesu war schließlich eine jüdische Lehre. Um auf Jesus Christus zu vertrauen, brauchte daher Paulus seine Zugehörigkeit zum Judentum nicht aufzugeben, im Gegenteil: er ist durch die Lehre Jesu erst zum Kern seines jüdischen Glaubens richtig vorgedrungen. Und so verbreitet der Jude Paulus in die Welt hinein die Lehre des Juden Jesus. Den Glauben an den Gott, der alle Menschen liebt. Der barmherzig ist. Der den Menschen nach seinem Bild geschaffen hat. Der versprochen hat, einmal einen neuen Himmel und eine neue Erde zu erschaffen. Und der versprochen hat, daß er den Retter, den Messias schicken wird, den, der die Welt und die Menschen von all ihren sündhaften Verstrickungen erlösen wird. Und der hier ist es: Jesus von Nazareth. So, wie er sich den Menschen zugewandt hat, wendet sich Gott den Menschen zu: er nimmt sie an, so, wie sie sind. Am Kreuz ist er gestorben. Verlassen von Gott und den Menschen. Und Gott ist da – da, wo Menschen so erniedrigt werden wie Jesus es wurde. Kein Mensch ist in seinem Leid mehr von Gott verlassen. Gott hat ihn von den Toten auferweckt. Und ihm werden wir folgen. Dann, wenn Gott aus dem Tod heraus uns neu schaffen wird, die Welt neu schaffen wird. Er, der Jude Jesus von Nazareth, er ist es, der Erlöser, der Messias.

Und da gibt es die, die sich davon überzeugen lassen. Sowohl welche von seinen jüdischen Glaubensgenossen als auch solche aus den anderen, den fremden Völkern, die bisher an anderen Göttern hingen. Und dann gibt es die, die es ablehnen, was Paulus sagt. Nein, so ist es nicht. Und die das ablehnen, das sind ausgerechnet welche von seinen Glaubensgenossen, welche aus seinem Volk, welche aus Jesu Volk, welche aus dem jüdischen Volk, welche, die auch an diesen Gott glauben, an diesen Gott, den Jesus verkündet und gelebt hat; und gerade solche sagen: nein, so ist es nicht; es ist nicht so, daß Jesus von Nazareth der versprochene Messias ist. Er nicht. Da muß schon ein anderer kommen.

Und das zieht eine schmerzhafte Trennungslinie zwischen unseren jüdischen Schwestern und Brüdern und uns – bis heute. An dem Juden Jesus scheiden sich die Geister. Der jüdische Religionsphilosoph Schalom Ben-Chorin drückt dies treffend aus mit dem Satz: “Der Glaube Jesu einigt uns, aber der Glaube an Jesus trennt uns.³ So haben wir mit den Menschen jüdischen Glaubens zwar Jesus von Nazareth gemeinsam. Denn er war Jude und hat auch nichts anderes gewollt, als diesen Glauben in aller Konsequenz zu leben. Doch warum dann diese unterschiedliche, fundamental unterschiedliche Haltung, wenn es darum geht, ob Jesus der Messias ist oder nicht?

Einmal müssen wir, die dem christlichen Glauben angehören, uns fragen: war denn das Verhalten der Kirche gegenüber den jüdischen Menschen so, daß unser Glaube an Jesus Christus überzeugen konnte? Hat das mit Blut und Tränen getränkte Verhältnis unter Brüdern und Schwestern nicht zu viel angerichtet, als dass wir da noch glaubwürdig sein könnten?

Dann gibt es aber auch noch eine andere Frage, die dieses Gespräch bestimmt: die Frage, was denn wirklich seit dem Kommen Jesu anders in der Welt geworden ist. Der Messias wird das Reich des Friedens bringen, aber das ist mit Jesu Auftreten nicht gekommen. Was sollen nun wir dazu sagen? Hier müssen wir im Gespräch bleiben und beide, Menschen jüdischen wie christlichen Glaubens, dazu helfen, daß Gottes Anliegen, der Friede auf Erden, ein Stück weit näher rückt, auch wenn wir das in dieser Welt nie werden ganz schaffen können. Doch es ist eine ganz wichtige und eine sehr ernste Frage, der wir als Christen und Christinnen keinesfalls ausweichen dürfen und die wir uns von unseren jüdischen Schwestern und Brüdern auch stellen lassen müssen: warum ist die Welt seit dem Kommen dessen, den wir als den Messias glauben, nicht anders geworden, obwohl es in den Schriften der Hebräischen Bibel doch so erwartet wird? Eine Frage, um die wir im beiderseitigen Gespräch ringen müssen, selbst wenn wir darauf keine Antwort finden sollten. Und wir als Christen und Christinnen sollten dabei uns fragen: haben wir Jesus Christus denn so bezeugt, daß Frieden auf Erden möglich sein kann? Bezeugen wir ihn heute so?

Und so stehen wir vor der bitteren Tatsache: das, was wir eigentlich gemeinsam haben, genau das trennt uns voneinander. Und das tut Paulus weh, sehr weh. Sein Seelenheil würde er dafür geben, wenn die Menschen aus dem jüdischen Volk nur Jesus Christus anerkennen könnten. Weiter kann jemand nicht mehr gehen. Paulus ist über diese Situation erschüttert, tief in seiner Seele getroffen und verletzt. Was nun?

Durch seine Erschütterung hindurch gelangt er zu der Erkenntnis: das jüdische Volk ist auch weiterhin Gottes Volk. Gottes Zusage: Ihr sollt mein Volk sein, und ich will euer Gott sein – sie gilt. Und sie gilt weiterhin. Denn, wer zu Gott gehört, das liegt einzig und allein an seinem, an Gottes Erbarmen und an sonst nichts. Und dies hat Gott zugesagt, daß dieses Volk sein Volk ist und bleibt. Und Gott wird sich daran halten. Und er wird dies nicht davon abhängig machen, ob sein Volk Jesus als Messias anerkennen kann oder nicht. “Gott hat sein Volk nicht verstoßen³, sagt Paulus ein paar Stellen weiter im Römerbrief. Alle sind auf Gottes Erbarmen angewiesen: sie, die Menschen aus dem jüdischen Volk, und wir, die wir uns an Jesus Christus halten. Das verbindet uns, verbindet uns Menschen jüdischen wie christlichen Glaubens.

Hätte die Christenheit auf das, was Paulus hier sagt, genauer gehört, sich mitnehmen lassen von seinen Emotionen, die er seinen jüdischen Schwestern und Brüdern gegenüber empfindet – dann wäre die Geschichte zwischen Juden und Christen im Lauf ihrer zweitausend Jahre wohl eine andere gewesen als diese oft von Haß erfüllte und von Blut getränkte. Bleiben wir im Gespräch. Hören wir aufeinander.

Was uns gemeinsam ist, ist Gottes Erbarmen, auf das wir angewiesen sind. Was uns gemeinsam ist, ist die Hoffnung; die Hoffnung auf Gottes Reich, in dem Frieden und Gerechtigkeit herrschen. Gemeinsam können wir daher an einer Welt arbeiten, die dieser Hoffnung Ausdruck gibt. Gemeinsam sollten wir uns daher gegenseitig immer wieder in dieser Hoffnung bestärken, ermutigen. Ermutigen auch mit dem, was uns unter anderem auch noch gemeinsam ist und uns in dieser Hoffnung gemeinsam bestärkt: die Gebete der Psalmen, in denen Schmerz und Hoffnung oft so nahe beieinander sind, Schmerzen und Hoffnungen, die uns beide, ob jüdischen oder christlichen Glaubens, weiter bringen können auf dem Weg hin zu Gottes Reich, das wir beide erwarten. Uns verbindet die Hoffnung, das feste Vertrauen, nie von Gott verlassen zu werden und endlich in seinem Reich zu leben, das Leid, Geschrei und Krieg nicht mehr kennen wird.

drucken