Der Schimmer eines goldenen Zeitalters

Liebe Gemeinde,

Jens ist gehörlos. Er bekommt Panikattacken, wenn seine Mutter den Raum verlässt. Denn er kann nicht hören, wenn seine Mutter sagt: "Ich hol nur mal die Post von unten." Er hört auch nicht das Geklapper, wenn seine Mutter in der Küche abwäscht. Er weiß nicht, wenn es geklingelt hat und seine Mutter im Flur telephoniert. Er sieht nur, dass seine Mutter den Raum verlässt und ins Nirgendwo entschwindet, ohne Vorwarnung, ohne Erklärung, ohne die Gewissheit, dass sie je wiederkommt. Er wirft sich auf den Boden, trampelt mit den Füßen und schreit. Ich war doch nur mal eben kurz weg, meint die entnervte Mutter, nur einen Augenblick.

Doch ein Augenblick kann verdammt lang sein, wenn man verlassen ist, ein Augenblick währt ewig, wenn die Angst alles verschluckt. Ein Augenblick ist keine rechte Zeiteinheit für unsere Angst, unser Leid, unseren Schmerz. Einsamkeit und Sinnlosigkeit dehnen die Zeit ins unerträgliche, einerlei wieviele Sekunden, Tage, Jahre sie auf Uhr und Kalender dauern. Ich habe dich einen kleinen Augenblick verlassen. Ich habe mein Angesicht im Augenblick des Zorns ein wenig vor dir verborgen.

Das ist kein Trost. Das ist fast zynisch. Wie klein darf ein Augenblick des Leides sein, um noch tragbar zu sein? Wie lange dauert für Gott ein Augenblick?

Ein paar Sekunden, in denen ein Kind nach seiner Mutter schreit? Ein paar Tage, in denen ein Mann auf seine Diagnose wartet? Ein paar Monate, in denen eine Schülerin wirklich krank vor Liebeskummer ist? Ein paar Jahre, in denen eine Frau nur noch mit Schmerzmitteln überleben kann? Ein paar Jahrzehnte, in denen ein Volk sich im Bürgerkrieg selbst zerfleischt? Wie lange dauert für Gott ein Augenblick?

Für das Volk Israel bedeutete der kurze Augenblick Gottes im 6. Jahrhundert vor Christus eine der größten Katastrophen seiner bisherigen Geschichte: Jahrzehntelange Unterdrückung, Deportation, zweimalige Zerstörung Jerusalems – alles nur ein kurzer Augenblick Gottes. Für die Völker Israel und Palästina bedeutet heute der kurze Augenblick Gottes wenig Schalom und viel Scharon: 17 Monate Intifada – 35 Tote allein am Freitag, Selbstmordattentate, Raketenangriffe und Vergeltungsschläge. Ein Augenblick …

Zeit ist relativ. Leid nicht. Dass die Zeit alle Wunden heilt, dass das Leben irgendwie weiter geht, dass man nur warten muss, bis man größer und einsichtiger wird, ist schwacher bis gar kein Trost. Es stimmt einfach nicht: die Zeit reißt Wunden, die nur Gott heilen kann. Kurz und schmerzlos, das mag höchstens die Devise auf einem Zahnarztstuhl sein, ansonsten taugt sie nichts. Gott selbst weiß es. Er selbst zerriss sich, hing schließlich selbst – immerhin? nur? stundenlang am Kreuz der Sinnlosigkeit und schrie: "Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?" Zeit ist relativ. Leid nicht.

Nur ein kurzer Augenblick – was heißt das? Unser Gott ist kein Heile-Heile-Segen-Gott, bei dem es irgendwann schon nicht mehr weh tut. Unser Gott ist ein Gott, der jeder Todesstrafe, jedem Leidenssinn abschwor: "Zur Zeit Noahs schwor ich: ‚Nie mehr soll das Wasser die Erde überfluten!‘ So schwöre ich jetzt: ‚Nie mehr werde ich zornig auf dich sein und nie mehr dir drohen!" "Tod, ich will dir ein Gift sein; Totenreich, ich will dir eine Pest sein; Rache kenne ich nicht mehr." (Hos 13,14)

Gott spricht: Jeder Augenblick ist zu lang, wenn ihr Unerträgliches alleine tragen müsst. Und unerträglich heißt: Das Gefühl absoluter Verlassenheit. Die Stummheit gegen die anderen, weil sie eh nicht mitfühlen können, was wir fühlen. Die Taubheit einer Welt, die uns entgegenbrüllt, dass unser Leid doch nur eine Frage der Zeit ist. Leid ist nicht relativ. Jedes Leid ist einzigartig, genau wie jeder Mensch einzigartig ist. Die Zeit ist kein Trost, genau so wenig der Gedanke, dass andere schon genauso, wenn nicht gar mehr gelitten haben. Was nützt uns das? Mit der Zeit macht unerträgliches Leid uns stumpf, nicht stark. Und auch wenn andere nie vollends mit uns mitleiden können, auch wenn andere uns nie vollends verstehen können: Das einzige Mittel, Leid tragbar zu machen, ist Gemeinschaft. Wir können uns noch so sehr wappnen, zudröhnen und vollschütten: Unerträgliches Leid wird unerträglich bleiben, bis wir uns unserem Nächsten öffnen.

Für Gott ist Leid keine Frage der Zeit, sondern eine Frage der Gemeinschaft: Er vertröstet uns nicht auf später, bis wir größer, abgestumpfter, vernarbter geworden sind, er pocht nicht mit drohendem Zeigefinger auf unsere schuldhafte Vergangenheit, er tröstet uns mit seiner Gegenwart – jetzt und hier: Ich will dich sammeln, ich will mich erbarmen, ich will nicht von dir weichen, spricht der Herr, dein Erbarmer. Gott weicht nicht aus. Darum müssen wir nichts alleine aushalten.

Wir müssen nicht immer die Zähne zusammenbeißen, wir können den Mund öffnen, um um Hilfe zu rufen, um zu schreien, um zu beten. "Augen zu und durch" – das lässt uns nur blind werden für die Menschen, die Gott an unsere Seite stellt, damit sie mit uns aushalten, uns zuhören und notfalls Widerspruch einlegen, wenn das Leid alles in uns erstickt. Wir dürfen uns der Welt zumuten, wie wir sind, auch mit unseren offenen Wunden. Wir können das Leid des anderen aushalten, weil wir es nicht allein tragen müssen.

Marie Luise Kaschnitz schrieb einmal:
Was wir noch können
Was ist, was sein wird,
was womöglich sein wird,
und dass wir solche Dinge
wahrnehmen und beklagen,
Grausamkeiten noch wahrnehmen und beklagen,
Ungerechtigkeiten noch wahrnehmen und beklagen,
während es doch denkbar wäre,
eine Zeit denkbar wäre, in der wir umherkriechen
empfindungslos,
in der uns nichts mehr angeht,
unter die Haut geht,
neben uns schreit ein Sterbender
und wir wenden den Kopf nicht,
neben uns wird ein Kind gegen eine Mauer geschleudert
und wir erschrecken nicht.

Demgegenüber scheint auf jeder noch so bescheidenen Anteilnahme, jedem noch so billigen Erbarmen der Schimmer eines goldenen Zeitalters zu liegen. Wir können noch sehen, wir können noch hören, wir können noch leiden, noch lieben.

Dort, wo sich Gemeinschaft eröffnet, leuchtet schon jetzt der Schimmer eines goldenen Zeitalters auf. Gott will uns nicht aufs Jenseits vertrösten, sondern schon jetzt mit uns einen Raum bauen, schon jetzt einen Raum jenseits der Angst, wo Gott uns sammeln will mit großer Barmherzigkeit, dort wo wir schon jetzt ohne Furcht verloren zu gehen leben können; schon jetzt einen Raum jenseits der Schuld, wo Gott sich unserer mit ewiger Gnade erbarmt, wo die Vergangenheit nicht mehr zählt und alle Tore offen stehen; schon jetzt einen Raum jenseits der Gleichgültigkeit, wo wir einander standhalten, auch in schweren Zeiten.

Das einzige Mittel, Leid tragbar zu machen, ist Gemeinschaft. Gott traut uns diese Gemeinschaft zu. Er traut uns zu, dass wir uns selbst öffnen und Vertrauen wagen, wenn Leid alles zu ersticken droht. Er traut uns zu, standhaft zu sein, nicht vorschnell im Trost, sondern verwundbar durch die Trauer anderer. Und er verheißt uns: In dieser Gemeinschaft seid ihr nie unter euch mit eurem Leid. In dieser Gemeinschaft bin ich selbst mitten unter euch. Ich bleibe eurem Leben treu, bin trotzig gegen jeden eurer Tode. Ich lege mit euch Widerspruch ein: Vertraut darauf, dass das Leben nicht einfach so weiter geht. Es geht mit mir, mit euch, mit unserer Gemeinschaft weiter. Verschließt nicht die Augen, beißt nicht die Zähne zusammen, wagt mit mir den Widerspruch: Es sollen wohl Berge weichen und Hügel hinfallen und vielleicht bricht die ganze Welt zusammen aber mit großer Barmherzigkeit will ich dich sammeln. aber mit ewiger Gnade will ich mich deiner erbarmen, aber meine Gnade soll nicht von dir weichen. Neben dem Ohr, das die Klage hört, seid auch mein Mund, der sagt: Du bist nicht allein. Durchbrecht die Taubheit der Welt und übt eine Sprache der Hoffnung ein.

Nicht Gehörlosigkeit ist Taubheit, sondern Sprachlosigkeit. Die Mutter von Jens besuchte übrigens mit ihrem Sohn Gebärdenkurse. Seine Panikattacken verschwanden nach und nach. Erstmalig konnte seine Mutter auf gleicher Ebene mit ihm kommunizieren. Ihr Wort wurde Fleisch in ihren Gesten, in ihrer Mimik. "Ich werde dich nicht verlassen", bedeutete sie ihm. Das Wort wird Fleisch, die Sprache der Hoffnung kann in uns Gestalt gewinnen. Denn auf jeder noch so bescheidenen Anteilnahme, jedem noch so billigen Erbarmen liegt der Schimmer eines goldenen Zeitalters. Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus.

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