Der Schatz in irdenen Gefäßen

Liebe Gemeinde,

oft genug müssen wir es von außen hören oder in den Medien lesen: "Die Christen sind ein verweichlichter Haufen – ihr Liebesgedanke ist nichts als Kleinmut und ihre Gemeinschaftsform ist nichts anderes als angstgetriebene Feigheit!" Auch in der Schule höre ich oft diese Worte: "Das Christentum ist schwach und ängstlich – warum sollten wir uns daran orientieren?" Aber auch von innen – aus unseren eigenen Reihen – hören wir diese Kritik, die zugleich mündet in eine Aufforderung: "Die Kirche von heute braucht eine machtvolle Verkündigung, sie braucht power evangelism, sie muss groß und glanzvoll daherkommen …" – ja ich habe einmal die Worte aus dem Munde eines kirchlichen Motivationstrainers gehört: "In der Kirche können wir nur die Besten gebrauchen!"

Wenn dies zutrifft, liebe Brüder und Schwestern, dann sind wir nicht anders als die Gesellschaft, in der wir leben: dann müssen wir uns unterordnen – wie alle anderen auch – dem Diktat der Wirtschaft und des globalen Geldmanagement: dann müssen wir besser, größer, schneller und höher werden. Dann müssen wir anfangen, nur noch in Zahlen zu rechnen und v.a. auch zu denken. Dann wird unsere Rede nach einem Gottesdienst sein: "wie viele neue Seelen konnten wir heute gewinnen – wer hat sich eintragen lassen?" Dann werden wir den Wert eines Gottesdienstes beziffern können an der Höhe der Kollekte und wir werden uns Starprediger kommen lassen müssen, damit diese weiter in die Höhe schnellt. Wenn wir weitermachen, so zu denken, dann werden wir aufhören, aus der Fülle Gottes zu leben – aus seiner Gnade, die nimmermehr versiegt – sondern wir werden leben aus der Knappheit, die wir uns selbst geschaffen haben. Dann werden wir die Besuche bei den Alten und Kranken einstellen müssen, denn auf welches Zukunftspotential hin besuchen wir sie denn? Kirchensteuer zahlen sie längst nicht mehr und dass wir mit ihnen neue Mitarbeiter gewinnen, steht auch nicht zu hoffen. Dann werden wir Foundraising-Experten ausbilden müssen, die die großen Spenderkreise umwerden und begleiten, auf dass das Geld in großen und kontinuierlichen Strömen in unsere Kirche fließe. Und wir werden gleichzeitig dort sparen, wo es doch nur um die "äußerliche, bloße Form" geht – wir werden die Tradition unserer Schwestern und Brüder im Glauben, die uns den Weg des Sterbens vorausgegangen sind, mit Füßen treten und sprechen: "ja, ja: das war alles einmal wichtig, jetzt aber – heute aber: müssen wir alles ganz anders, viel besser machen."

Nun aber, liebe Brüder und Schwestern: in diese Situation hinein hören wir das Predigtwort für den heutigen Sonntag nach Epiphanias – es ist der Sonntag der Verklärung Christi. Und wir hören das Predigtwort von einem der effektivsten (um ein Zauberwort der heutigen Zeit zu nutzen), von einem der effektivsten und wirkmächtigsten Prediger, von Paulus, in seinem zweiten Brief an die Korinther im vierten Kapitel, die Verse sechs bis zehn: "Gott, der sprach: Licht soll aus der Finsternis hervorleuchten, der hat einen hellen Schein in unsre Herzen gegeben, dass durch uns entstünde die Erleuchtung zur Erkenntnis der Herrlichkeit Gottes in dem Angesicht Jesu Christi. Wir haben aber diesen Schatz in irdenen Gefäßen, damit die überschwängliche Kraft von Gott sei und nicht von uns. Wir sind von allen Seiten bedrängt, aber wir ängstigen uns nicht. Uns ist bange, aber wir verzagen nicht. Wir leiden Verfolgung, aber wir werden nicht verlassen. Wir werden unterdrückt, aber wir kommen nicht um. Wir tragen allezeit das Sterben Jesu an unserm Leibe, damit auch das Leben Jesu an unserm Leibe offenbar werde."

Das aber, liebe Gemeinde, ist eines der Schwersten: zu sehen, welche Aufgabe wir haben und zugleich zu erkennen, mit welchen Mittel wir dieser Aufgabe gerecht werden sollen. Wir sollen das Wort Gottes zu den Menschen bringen, wir sollen den Schein, den Christus für diese Welt darstellt, weitertragen, auf dass die Menschen sehen und erkennen: ja, liebe Gemeinde, durch uns soll die Erleuchtung zur Erkenntnis der Herrlichkeit Gottes in dem Angesicht Jesu Christi entstehen! Das ist unsere Aufgabe! Wie klein dazu aber die Mittel, wie klein die Mittler – das sind wir: irdene Gefäße, von allen Seiten bedrängt, bange, verfolgt, unterdrückt, vom Sterben und vom Tode redend. Gottes Wort kleidet sich in menschliche Rede. Der Schatz der Welt, aufbewahrt in leicht zu zerschmetternden, unansehnlichen Tonkrügen. Dies ist, liebe Gemeinde, die Torheit, die unser Glaube vor der Welt sein muss. Es ist zugleich das Geheimnis unserer Existenz: meine Kraft – spricht der lebendige Gott – ist in den Schwachen mächtig. Es ist noch mehr: das Kennzeichen eines christlichen Lebens: die Gebrochenheit, das Unvollkommne, das Suchende, das Zweifelnde, das Demütige. Das Irrende: auch das, liebe Gemeinde. Es ist das Zeichen des Kreuzes, welches unser Planen und unser Denken, ja unser Sein in dieser Welt immer wieder durchkreuzt, immer wieder stört und immer wieder zerbricht. Warum hängen wir dieses Symbol des Todes und des Leidens, dieses Symbol der römischen Unterdrückung, der Folterung und des schmählichen Krepierens der Verbrecher an unsere Wände, blicken zu ihm auf und halten es in Ehren? Weil es unsere Existenz abbildet, in der wir in dieser Welt werden leben müssen, bis zu dem Tag, an dem wir die Wiederkunft des Herrn erwarten, bis zu dem Tag, an dem das Oberste zu Unterst und das Untere zu Oberst gekehrt wird und seine Heiligen eingesetzt werden an die Seite seines Thrones. Durch dieses Zeichen erfahren wir Trost und Hilfe, weil wir erinnert werden, auf wessen Schultern unser aller Werk ruht – weil wir erinnert werden, wie unzulänglich wir selbst nur das Reich Gottes werden bauen können. So werden wir damit leben müssen und wir werden uns immer wieder gewahr werden müssen, in welcher Schwachheit wir leben. Es wird deshalb nicht gehen, dieses mit eigener Leistung zu realisieren, was man sich manchmal wünschte: mit einen Fingerschnipp, mit einem Handstreich – Harry-Potter-ähnlich und Herr-der-Ringe-gleich – das Wunder unseres Glaubens zu materialisieren, die Macht Christi zu demonstrieren. Was gäbe ich doch als Lehrer manchmal dafür, ich könnte den Kindern beweisen, auf meinen Wink hin, wie stark der Glaube ist, der uns in Christus geschenkt wurde. Ach könnte ich doch auf einen Blick von mir die Tische schweben lassen, die Sonne verdunkeln, eine Schrift an der Tafel erscheinen lassen. Vielleicht würden sie mir dann glauben – diese Menschen, die gewohnt sind, nur zu glauben, was sie im gleichen Augenblick sehen können. Und manchmal – in dunklen Stunden – wünschte ich mir, ich hätte die Kraft, meine Gegner mittels meiner Gedanken zum Schweigen zu bringen, so wie es Elias tat, als die 40 Kinder über seinen Kahlkopf spotteten. Aber, liebe Brüder und Schwestern: das wird niemals gehen: kein Zauber, keine Magie, keine Beweise, die die Naturwissenschaft durchbrechen, um die zu bestätigen, die nur an die Naturwissenschaft glauben. Auch kein Bär, der die Gegner mit seinen kräftigen Pranken zerreißt und so die Spötter verstummen lässt.

Nein, unsere Kraft liegt woanders. Sehen wir auf unser Predigtwort: wir ängstigen uns nicht, obwohl wir bedrängt werden; wir verzagen nicht, obwohl uns bange ist; wir werden nicht verlassen, obwohl wir verfolgt werden; wir kommen nicht um, obwohl wir unterdrückt werden; wir preisen das Leben in Christus, obwohl wir den Tod zeigen. Es ist dies, was die Welt als Torheit betrachtet, uns aber zur Weisheit dient. Es ist diese Kraft des Glaubens, der jenen geschenkt wurde, die nicht unserem Heldenbild entsprechen! Bitte, liebe Brüder und Schwestern: welches ist denn euer Heldenbild? Ist es der Redemächtige, so denkt euch einen Stotterer – wie Paulus einer war. Ist es der Glaubensstarke, Nie-Zweifelnde, so denkt euch einen Grübler, der über der Schrift sitzend keine Aussage zu treffen mag. Ist es der Starke, der mit eigenen Händen ein Schloss erbaut, wie es den Heiligen geziemen würde, so denkt euch einen Lahmen, dessen Hände kaum fähig sind, seine eigene Speise zum Munde zu führen! Ist es der charismatische Gemeindemanager, der scheinbar alle Probleme lösen kann, so denkt euch den stillen, in-sich-gekehrten Zögerer, dessen Licht nach außen kaum sichtbar ist. Christi Licht für diese Welt aber wird sich Bahn brechen: wir haben Gottes Zusage, wir haben seine Versprechen. Christi Licht für diese Welt wird sich Bahn brechen durch seine Zeugen, die wir Christen sind: wir haben Gottes Zusage, wir haben seine Versprechen. Christi Licht für diese Welt wird sich Bahn brechen durch seine Zeugen, die bedrängt, bange, verfolgt, unterdrückt und vom Tode redend sind: wir haben Gottes Zusage, wir haben seine Versprechen.

Und wir, die wir täglich bemüht sind, am Reiche Gottes unseren Anteil zu leisten? Wir dürfen getröstet sein ob unserer Schwachheit. Wir dürfen uns gehalten wissen trotz unseres häufigen Versagens. Noch mehr: wir dürfen gewiss sein, dass Gott durch uns von seiner Liebe erzählen will, dass er Herzen erreicht, die wir selbst schon gar nicht mehr im Blick hatten. Und, liebe Brüder und Schwestern, wir dürfen dies auch für uns selber glauben: das wir getröstet werden in der Not, dass wir Hilfe erfahren in unserem Elend. Denn Gott wirkt in den Dingen, die wir als die Kleinigkeiten in unserem Leben betrachten. So dürfen wir sehen: "wir haben diesen Schatz in irdenen Gefäßen, damit die überschwängliche Kraft von Gott sei und nicht von uns."

Und der Friede Gottes, der so mächtig wirkt, dass er uns als Mittler nehmen kann, der bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus.

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