Der Sämann

Liebe Gemeinde –

was soll man da predigen? Legt sich heute das Predigtwort nicht von selbst aus – ist nicht schon alles gesagt in der Erklärung, die Jesus selber zu seinem Gleichnis gibt? Vieles ist in der Tat gesagt und manches davon ist schwere Kost, denn es beschreibt die Möglichkeit, das wir, die wir heute hier versammelt sind zu denen gehören, die anscheinend die Mehrheit der Menschen bilden: drei von vieren verlieren wieder das Wort Gottes. Eine große Anzahl will ich meinen. Ich möchte sie heute mit Ihnen durchgehen, diese vier Wege, diese vier Möglichkeiten, von denen Jesus spricht und von denen er behauptet, dass immer eine davon für uns zutrifft. Beginnen wir mit dem Weg. Eigentlich ist es doch ein gutes Bild, der Weg. Denn wir alle sind anscheinend immer irgendwie und irgendwo auf einem Weg. Wir entwickeln uns: "Das Leben ist ein ständiges Lernen" heißt es z.B. und gerade die Religiosität, die sich neben den Kirchen breit macht, die Esoterik und das esoterische Denken in den frommen Zirkeln und Kreisen (quasi eine getaufte Esoterik) benutzen doch so gerne dieses Bild: wir sind auf dem Weg – Gott ist bei uns auf diesem Wege, den wir durch das Leben wandeln. Und wie es so ist mit solchen Wegen: dort sieht man allerhand und lernt Neues kennen. Das alles sollen wir verarbeiten und – wenn möglich – integrieren in unsere Lebenswelt. Wir sollen es in unsere Erfahrung mit aufnehmen, um dann zum nächsten zu wandeln. Heute wird uns dieses Bild vergällt, denn Jesus spricht zu diesem Entwicklungsgedanken ein klares Nein. Es ist das Nein des ersten Gebotes, dass ich heute aus unserem Predigtwort heraushöre: unser Gott ist einer und nur ihn allein sollst du an die erste Stelle setzen. Du sollst fragen, was sein Wille ist in deinem Leben und wie du ihm folgen kannst auf einem Weg, den er für dich bereitet hat. Was hinten ansteht ist das, was ich gerade beschrieben habe: nicht hier und da und wieder dort findet sich das Heil. Nicht in einer neuen Technik, die ich erlernt habe, nicht in einem anderen Produkt, was endlich Heilung verspricht, nicht in einer nächsten Methode, die mir kürzlich begegnet ist: dort überall nicht. Wer auf dem Weg ist und Gottes Wort nur hört wie einen weisen Spruch unter vielen anderen weisen Sprüchen, der wird erfahren, dass ihm schließlich keiner dieser weisen Sprüche haften bleibt im Leben, sondern sie alle vergehen, wie wenn es ihm einer geklaut hätte. Zum Schluss wird er dastehen wie am Anfang des Weges: nackt, unerfahren, unwissend: heillos.

Die Zweiten haben ebenfalls ein Bild für sich, das wir als ein Positives kennen: der Fels. Ja, der Fels in der Brandung etwa: gut gegründet, ständig bedroht und umspült, aber standhaft. Das Standhafte ist es auch, was wir aus anderen Jesus-Worten kennen: wer sein Haus auf Sand baut, wird vergehen, der aber auf Fels baut, hat Bestand. Und nun dieses: auch auf dem Felsen wird das Wort nicht bleiben. Warum, liebe Gemeinde? Nicht nur, weil das Wort nicht eindringen kann in diese Menschen, die granitartig auf ihrer Meinung und ihren Ansichten beharren, sondern v.a., weil die Wurzel, die sich bilden würde nicht das tun kann, was eine Wurzel normalerweise tut: sie sprengt den Boden auf, verdrängt den dunklen Humus, gräbt sich durch bis zu einer Stelle, wo sie genügend Wasser und Nahrung empfangen kann. Es ist ein Bild des Lebens, was in unserem Predigtwort mit der Wurzel verbunden wird. Das Christentum, liebe Gemeinde, ist eine lebendige Religion, so wie das Wort Gottes ein lebendiges und kein totes ist. Aber wir alle haben den Hang zur Versteinerung, festzuhalten, was wir ergriffen haben: Erkenntnisse, Glücksmomente und Einsichten in Stein zu meißeln, damit sie uns nicht verloren gehen. Das Schwierigste ist dann das Beste, in Stein Verewigte, weil es halten soll, weil es Bestand haben soll, weil ich mich hinwenden können muss, wenn ich zu vergessen drohe, damit es mir klar wieder vor Augen steht. Das Wort Gottes aber geht einen anderen Weg: es mutet uns etwas zu, es lässt uns nicht zur Ruhe kommen, es sprengt auf, wo sich Verkrustungen bilden wollen, es hinterfragt, wo endgültige Antworten gegeben werden wollen, es widerspricht, wo Einigkeit sich auszubreiten droht. Das ist die härteste Nuss für uns Christen, liebe Gemeinde, dass wir ein wanderndes Gottesvolk sind – dass wir eben nicht, wie die Israeliten damals in der Wüste ein goldenes Kalb machen können, das wir sehen, anfassen und endlich, endlich besitzen dürfen.

Nein: Gottes Wort treibt uns weiter, zeigt uns eine neue Alternative, öffnet neue Türen. Es ist eine Aufgabe der Christen in dieser Welt, zu widersprechen, wenn sich alle geeinigt haben, neu anfangen zu denken, wenn alle anderen bereits damit aufgehört haben, immer und immer wieder einen neuen Weg zu suchen, wenn alle anderen schon glauben, angekommen zu sein. Das Traurigste, liebe Gemeinde, was einem Gläubigen widerfahren kann, ist wenn er sich in dem Wissen wähnt, sein Glaube wäre vollkommen oder aber auch nur einen Deut besser, als der des Nachbarn oder eines anderen Menschen. Dann hat er schon angefangen, den steinernen Sockel zu meißeln, auf den er seinen Glauben heben wird. Dereinst aber wird mit Abscheu an diesem Monument der Selbstüberschätzung vorübergegangen und es mit keinem Blick gewürdigt werden.

Das dritte Bild, das sind die Dornen: vielleicht solche, wie sie Jesus trug, als er verspottet wurde und sie ihm Kronen-gleich aufgesetzt wurden. Er trug unsere Sünden: lassen Sie heute dieses Bild direkt auf sich wirken: er trug unsere Sünden als Dornenkrone. Diese Pflanzen, die Dornen entwickeln sind äußerst widerstandsfähig, die Dornen sichern ihr Überleben, sie lassen nicht zu, dass man ihnen zu nahe kommt, sie wehren das Außen ab. Wie werden diese Dornen bei uns beschrieben? Die Freuden des Lebens; der Reichtum; die Sorgen. Nur Beispiele, wie wir uns absichern gegen unsere Außenwelt – wie lebe ich, wenn ich mich endlich mal erholen will: was sind meine Freuden: die Familie? Das Feiern? Die Feste? Erlauben sie mir, nicht mehr an das "Draußen" denken zu müssen – machen sie mich für einen Augenblick immun gegen das, was auf mich eindrängen will? Vielleicht schafft das der Reichtum: sich kaufen zu können, was man möchte. Nicht zu sehr aufs Geld achten müssen, sich das Außen wegkaufen für den Moment. Wie tue ich das: mit dem guten Essen, das ich mir leisten kann? Der neue Wagen? Die neuen Kleider? Schließlich die Sorgen: sie werfen mich auf mich selber zurück – auch sie verdrängen das Außen. Sie lassen den Anderen, meinen Nächsten nicht zu, denn die Sorgen sagen mir, dass ich es bin, der Mitleid verdient; ich es bin, der die Liebe nötiger hat, als der Nächste. Jesus antwortet auf die Frage des Schriftgelehrten nach dem höchsten Gebot mit dem Doppelgebot der Liebe: zunächst liebe Gott und lass nichts anderes an seiner Stelle zu! Höre auf: nichts anderes! Dann aber auf gleicher Stufe: liebe deinen Nächsten wie dich selbst. Wer das im Innersten begriffen hat, hat den Kern des Christentums verstanden: die Liebe zu Gott und die Liebe zum Nächsten! Alles aber, was Dornen trägt, treibt den Nächsten von mir weg. Die Beispiele sind beliebig, denn es geht nicht um das Reich-Sein an sich, nicht um das Freuen-an-sich, nicht um das Sorgen-an-sich. Wo aber irgendetwas diese Dornen entwickelt und uns Christen vom Nächsten wegdrängt, da drängt es auch Gottes Wort mit weg und wir stehen wieder da, wie am Anfang. Auf uns alleine gestellt. Und wann sind wir denn beim Nächsten? Nicht in erster Linie, wenn wir ihm etwas verkaufen wollen und sagen wollen und sei es auch das gute Wort Gottes, das wir selber empfangen haben. Nein, wir sind dann beim Nächsten, wenn wir ihn als Menschen ernstnehmen und ihn erst mal als solchen sein lassen, wie er ist.

Drei harte Worte, liebe Gemeinde: der sinnlose Weg, der egoistische Fels, die abwehrenden Dornen. Wo aber gedeiht Gottes Wort denn endlich? Auf dem guten Land, das nicht sich umtreiben lässt von jeder neuen Lehre. Auf dem guten Land, das sich bearbeiten lässt und verwandeln lässt von der Wurzel, die Gott einsenken mag. Auf dem guten Land, das nicht nur abwehrt gegen andere, sondern aufnimmt und abgibt in beide Richtungen und wachsen und gedeihen lässt in einem Nebeneinander. Dort wird Frucht gebracht in Geduld. Geduldig müssen Christen sein, weil sich alles so lange hinauszieht. Wann kommt der Herr denn wieder? Wir wissen es nicht – weder Stunde noch Tag. Wann erfahren wir denn endlich Gerechtigkeit? Wir wissen es nicht – ob in diesem Leben oder erst danach. Wann erhalten wir endlich den Lohn für unsere Mühen? Wir wissen es nicht – ob wir heute noch ein Stück davon sehen oder aber erst übermorgen. Alles in allem, liebe Gemeinde ist es ein deprimierendes Predigtwort für diesen Sonntag. Nehmen wir es bis dahin ernst, so müssten Sie die Kirche und ich die Kanzel verlassen und wir uns eingestehen, dass wir diesen Ansprüchen nicht gerecht werden können.

Aber, liebe Gemeinde – Gott-sei-Dank – war noch nie der Samen dafür zuständig, ob er die Möglichkeit bekommen hat, in guten Boden eingesenkt zu werden. Noch nie musste sich der Fels dafür schämen, dass er Fels, der Weg, dass er Weg und die Dornen, dass sie Dornen sind. Einer ist´s, der Sämann ist, und er allein ist für die Hege und die Pflege, für die Möglichkeit des Gedeihens und schließlich für die Ernte zuständig.

Und deswegen macht mir dieses Gleichnis Mut, liebe Gemeinde, denn ich sehe nicht aus unserem Predigtwort, dass dieser Sämann ein Tölpel wäre, weil er doch anscheinend nicht sieht, wohin er seinen Samen streut. Sondern ich sehe einen Sämann, der soviel Saat hat – für uns unendlich – soviel Saat, die er mit vollen Händen säen kann, so viel säen, dass er nicht weiter Rücksicht nehmen muss auf das, was uns behindern mag: der Teufel, der Fels und die Dornen. Ich sehe einen Sämann, dem ich mich bedingungslos anvertrauen möchte, weil ich glaube, dass, wer so sät, die beste und die schönste Ernte einbringen wird.

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