Der rechte Lobgesang

Liebe Gemeinde,

schon wieder werden wir ermahnt, uns richtig zu verhalten. Geht gefälligst so miteinander um, wie des für die Gemeinschaft mit Jesus Christus selbstverständlich ist. Also wieder Moral und Gesetz. Darüber, was für die Gemeinschaft mit Jesus Christus selbstverständlich ist, gehen jedoch die Ansichten weit auseinander. Auch wenn wir in dieser Stunde versuchen, den Blick auf Jesus selbst zu werfen, geht es durch die Ansichten und Deutungen des Predigers hindurch. Versuchen Sie das Gute herauszuhören, was noch zwischen den Zeilen meiner Worte steckt. Hören Sie auch auf das Gute, was ich nicht betont oder gesagt habe. Der Prediger ist einer von uns. Er versucht in Worte zu fassen, was er vermag. Gottes Geist gebe uns jeweils ein gutes Wort mit auf den Weg. Ein Wort, das uns fest macht im Glauben. Ein Wort, das uns hilft, wenn wir es benötigen.

Gesinnt sein, wie es der Gemeinschaft in Christus Jesus entspricht, lenkt unseren Blick ganz auf Jesus Christus. Was wir aber von ihm wissen, ist schon durch unzählige Herzen, Gedanken und Worte gegangen. Der Film „Die Passion Christi“ vom Regisseur Mel Gibson schildert die letzten 12 Stunden im Leben Jesu. Es ist Herrn Gibsons Vorstellung, was da passiert sein konnte. Schreckliche Bilder und Szenen.

Das ist die harte Wirklichkeit menschlichen Lebens. Da wird einer gefangen, gedemütigt und den Menschen zum Fraß hingeworfen. Schläge, Folter, Verletzungen spiegeln im Leiden und Sterben Jesu das tägliche Drama in unserer Welt wieder. Was in diesem Psalm oder Christushymnus besungen wird, bewirkt in Bilder gebracht, höchstes Entsetzen, Tränen und Betroffenheit.

Niemand von uns war dabei. Auch nicht von den vielen Theologen jemand, die versuchen zur Sprache zu bringen, was schon einen langen Weg des Werdens hinter sich hat. Aber es hat sich durch alle Überlieferungsschritte und lange Zeiträume hinweg die Botschaft erhalten, die wir hören. Sie ist Ergebnis des Nachdenkens über die Ereignisse, die unter uns geschehen sind. Sie sind Bekenntnis und ermutigen zum Leben.
Wir singen: Er kommt aus seines Vaters Schoß und wird ein Kindlein klein“ und meinen damit doch, das der Himmel sich uns geöffnet hat. J.Chr. kommt aus der Höhe des Himmels in die tiefen Abgründe menschlichen Lebens. Bleiben wir bei der Vorstellung von oben und unten. Sie ist uns ja vertraut. Unser Gott, der Himmel und Erde in seiner Hand hat, macht sich sichtbar und greifbar. Die ersten Zeugen bekennen, er ist ohne großes Tamtam gekommen. Lukas erzählt von dem Kind. Johannes von einem spontanen Einzug Jesu auf einem Esel, als wäre er König und Herrscher des Landes. Der jetzt bejubelt wird, stirbt qualvoll am Kreuz. Trotzdem ist sein Scheitern ein Sieg. Das können wir aber nur sagen, indem wir dem nächsten Wochenende in unserem Kalender vorgreifen.

Nur von seiner Auferstehung her ist sein schmachvolles Ende kein Scheitern, sondern Sieg des Lebens über den Tod. In der Übersetzung von Klaus Berger und Christiane Nord, Das NT und frühchristliche Schriften (1. Aufl. 1999, Insel Verlag Frankfurt, S. 208) liest sich das so Vers 6: „Jesus Christus hatte Gottes Gestalt. Doch er meinte nicht, dass jemand, der Gott so ähnlich ist, wie entrückt und fern von Leiden und Tod sein müsse.“ Im Leiden und Sterben Christi wird Gottes Standort uns gegenüber sichtbar. Der ist unverrückbar über alle Zeiten und Ewigkeiten hinweg. Er ist uns nah, in unserem Leben. Leiden und Sterben sind vorletzte Ereignisse in unserem Leben. Gott steht mit Jesus Christus an unserer Seite gegen Leiden und Sterben.

Nicht wie wir uns Leben nach dem Tod, Auferstehung von den Toten vorstellen ist entscheidend. Da ist ja auch in unserer Fantasie eine Menge vorhanden. Solange die Bilder nicht die Botschaft verschleiern ist das in Ordnung. Wir glauben nicht daran, wie wir in irgendeiner Weise auferstehen oder weiter leben nach dem Tod. Wir glauben, dass wir auferstehen von den Toten. So, wie Jesus Christus von den Toten auferstanden ist.

Weil Christus sich auf unsere Seite gestellt hat und aushielt, darum hat Gott ihn von den Toten auferweckt. Mit Jesus Christus zeigt sich Gott mit uns und unserem Leben solidarisch. Noch einen Schritt weiter. Wir sollen leben. Der Tod, wie grausam er wütet, muss den Platz seiner Endgültigkeit räumen. Endgültig ist das Leben aus Gottes Hand.

Wer sich auf die Seite der Menschen stellt, sich für sie mit den ihm verfügbaren Kräften stark macht, vielleicht die eigene Stellung damit in Frage stellt, lebt aus einer Gesinnung, wie Christus sie hat. Wer sich solidarisch mit den Leidenden und Verfolgten, den Gemordeten und Missbrauchten erklärt, geht mit den Menschen so um, wie es der Gemeinschaft mit Jesus Christus entspricht.

Es entspricht der Gesinnung Jesu, ganz im Vertrauen auf Gottes gute Gegenwart miteinander zu gehen und füreinander einzustehen. Das geht dann letztlich über die Grenzen des eigenen Lebens und der Gemeinde hinaus. Das ist der rechte Lobgesang, den wir Gott bringen.

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