Der Oster-Scheck des Paulus

Liebe Gemeinde,

der größte Geizhals des Dorfes ließ auf dem Sterbebett den Lehrer, den Bürgermeister und den Pfarrer zu sich rufen. Als die drei um sein Bett versammelt waren, sagte der alte Mann: »Ich möchte nicht ohne mein geliebtes Geld aus dieser Welt gehen. Hier sind drei Umschläge, in jedem befinden sich 100.000 Euro. Sie müssen mir hoch und heilig versprechen, mir das Geld auf den Sarg zu werfen, bevor das Grab zugeschaufelt wird.« Jeder der drei bekam einen Umschlag, prall gefüllt mit Geldscheinen. Eine Woche später war der alte Mann tot. Auf dem Friedhof traten nacheinander der Dorflehrer, der Bürgermeister und der Pfarrer an das Grab und warfen einen Umschlag hinein. Nach der Beerdigung standen sie noch kurz zusammen. Der Lehrer sagte: »Ich muss mein Gewissen erleichtern. Für unsere Schule brauchen wir dringend einen neuen Ofen. Ich habe 10.000 Euro aus dem Umschlag herausgenommen.« Auch dem Bürgermeister lag etwas auf dem Herzen: »Das Dach am Rathaus ist undicht. Ich habe 20.000 Euro herausgenommen. So ist das Geld wenigstens noch zu etwas nütze.« Der Pfarrer schüttelte den Kopf. »Aber meine Herren, ich muss mich doch sehr wundern. Ich habe zwar das ganze Geld herausgenommen – aber selbstverständlich habe ich einen Scheck über den vollen Betrag hineingelegt.«

Liebe Gemeinde, ich habe diesen Witz erzählt, weil ich ihn für das heutige Osterfest ganz passend finde. Zum einen denke ich – im Sinne dessen, was ich eingangs zum Osterlachen gesagt habe, soll dieser Gottesdienst ja nun auch wirklich fröhlich sein – und da ist es durchaus einmal erlaubt, zu lachen und sich zu freuen. – Zum anderen aber meine ich, dass man an solch einem Scheck, wie ihn der gewitzte Pfarrer dem Geizhals ins Grab hinein geworfen hat, eine ganze Menge von dem deutlich machen kann, was Paulus der Gemeinde in Korinth und uns heute hier in Altenbauna über die Osterbotschaft sagen will. Ja ich glaube sogar, man kann die Osterbotschaft mit solch einem Scheck vergleichen, wie es sie früher, noch in DM-Zeiten, gegeben hat.

Wenn Sie sich einmal an diese Schecks erinnern – auf ihnen wurde der Name des Empfängers eingetragen, der Name des Kontoinhabers und seine Unterschrift – und schließlich der Geldbetrag, der beim Einlösen des Schecks auszuzahlen war. Um nicht das ganze Bargeld mitzunehmen, hatte man ein oder zwei Schecks im Portemonnaie und konnte damit bei einem Kauf an Stelle eines größeren Geldbetrages bezahlen, zum Beispiel für ein einen Fernseher, eine Waschmaschine, ja sogar für ein gebrauchtes Auto. Der Scheck ist dabei niemals das Geld selbst gewesen, sondern eben nur ein Stück Papier, auf dem der entsprechende Geldbetrag eingetragen war. Ich glaube, dass es sich mit der Botschaft von der Auferstehung Jesu so ähnlich verhält. Mit dem Bericht von der Auferstehung Jesu haben wir einen Scheck in der Hand, der für uns noch nicht eingelöst ist. Auf diesem Scheck steht geschrieben, dass es schon einmal einen gegeben hat, der zwar gestorben ist, der zwar begraben wurde, der aber dann nicht im Tod blieb, sondern auferstand.

Es ist gar nicht leicht, sich das vorzustellen, mit der Auferstehung Jesu. Das Grab ist leer, so berichten die Frauen aufgeregt den übrigen Jüngern. Einige sehen ihn – als eine menschliche Gestalt, ohne ihn zu erkennen. Andere hingegen erkennen ihn sehr wohl, an der Art, wie er spricht, an der Art, wie er Brot und Wein mit ihnen teilt. Und einige sehen ihn mit seinen Wunden, Thomas wird sogar aufgefordert, sich das mit seinen eigenen Händen begreiflich zu machen. Die Angaben sind widersprüchlich – und doch haben sie die Enttäuschten, Verzweifelten, Traurigen überzeugt. Aus einem kleinen Häuflein, das sich resigniert in einem Haus verkrochen hatte, wurde eine große Gruppe, die in Jerusalem öffentlich auftrat, die schließlich sogar bis in die entferntesten Winkel der damals bekannten Welt zog, um von diesem Ereignis – von der Auferstehung Jesu – zu berichten.

Wir selbst sind noch nicht auferstanden – aber wir haben etwas in der Hand, wertvoll wie ein großer Scheck, etwas, das uns hoffen lässt. Da stellt sich natürlich die Frage, ob dieser Scheck denn auch gedeckt ist. Ob es Bürgen gibt, die dafür einstehen. Paulus ist sich dieser Frage durchaus bewusst – und so erinnert er die Menschen in Korinth an die Grundlagen ihres Glaubens: Christus ist für unsere Sünden gestorben, wie es in den Heiligen Schriften vorausgesagt war, und wurde begraben. Er ist am dritten Tag vom Tod auferweckt worden, wie es in den Heiligen Schriften vorausgesagt war, und hat sich Petrus gezeigt, danach dem ganzen Kreis der Zwölf. Diese Sätze sind sozusagen die geistliche Grundabsicherung der Christinnen und Christen. Diese Worte nämlich sind den Menschen in Korinth so bekannt wie uns heute die Worte des Glaubensbekenntnisses. Diese Worte sind vielleicht damals schon im Gottesdienst wie ein kleines, erstes Glaubensbekenntnis gesprochen worden. Und Paulus ruft dieses kleine Bekenntnis in Erinnerung – und knüpft damit an den Petrus und an die zwölf Jünger an, die für den Auferstandenen bürgen. Ganz geschickt setzt er diese Liste fort. Er zählt andere auf, Menschen wie Du und ich. Da gibt es bekannte Persönlichkeiten, von unzweifelhaftem Ruf, die in den Gemeinden bekannt und geschätzt sind – daneben aber auch solch eine zwielichtige Gestalt, wie Paulus es wohl in mancherlei Augen gewesen sein muss – schließlich hatte er die Gemeinden verfolgt.

Menschen wie Du und ich werden hier zu Bürgen für diesen Osterscheck, sie werden zu Zeugen dafür, dass sie Erfahrung mit der Auferstehung Jesu gemacht haben. Und vielleicht können auch wir, Du und ich, von solchen Erfahrungen berichten. Nicht dass wir den Auferstandenen gesehen hätten, sondern vielmehr, dass auch wir in unserem Leben schon einmal so etwas erlebt haben, die vielen kleinen Tode, die uns zu schaffen machen – und dann, unverhofft und unerwartet, so etwas wie Auferstehung. Damals, einige Jahre nach dem Krieg, als der Mann nach vielen Jahren ohne Lebenszeichen, aus der Gefangenschaft zurückgekommen ist. Damals, als es nach der schmerzvollen Trennung, nach der Scheidung, nach all dem Streit einen Neuanfang gegeben hat mit einem anderen Partner, ein neues Glück, endlich wieder Zufriedenheit. Und vielleicht auch damals, als es nach dem schlechten Schulabschluss unmöglich schien, einen Ausbildungsplatz zu erhalten. Und als sich dann doch noch eine Möglichkeit eröffnet hat, ganz unverhofft.

Es gibt solche Spuren von Auferstehung, von neuen Anfängen, von neuem Leben – nicht erst nach dem Tod, sondern auch schon hier – und jetzt – und auch bei uns. Und ich glaube, so manch einer von uns könnte ebenso wie die Personen aus der Liste des Paulus für den Wert dieser Botschaft bürgen – mit dem, was wir in unserem eigenen Leben erlebt haben.

Dieser Osterscheck, so habe ich eingangs gesagt, ist ein Stückchen Papier, und noch nicht das Geld selbst. Doch gibt es Menschen, die bürgen für den Wert dieses Osterschecks. Und vielleicht könnte man als dritten Satz noch hinzufügen: Auch wenn dieser Osterscheck nur ein Stück Papier ist, die in Aussicht gestellte Summe ist überreichlich. Natürlich handelt es sich bei den Worten des Paulus nicht wirklich um eine Geldsumme. Er stellt uns stattdessen in Aussicht, dass auch wir auferstehen werden. Wenn Jesus Christus auferstanden ist, dann werden auch wir, seine Anhängerinnen und Anhänger auferstehen – das ist unsere Hoffnung. Wenn Jesus Christus den Tod überwunden hat, dann werden auch wir, seine Anhängerinnen und Anhänger den Tod überwinden.

Und diese Hoffnung ist im übertragenen Sinne überreichlich. Diese Hoffnung, die gilt zunächst einmal für unser Leben. Wenn Jesus Christus die Macht des Todes überwunden hat, dann gibt mir das Kraft, das auch ich vor den Mächten des Todes nicht zu resignieren brauche. Und das auch ich eintreten kann für das Leben, inmitten von all den kleinen Toden, mit denen wir es immer wieder zu tun haben. Und das sieht vielleicht bei jedem ein wenig anders aus: Der eine wird eintreten für das Leben in seiner Familie, dass es zur Versöhnung kommt zwischen denen, die schon lange nicht mehr miteinander reden. Die andere wird eintreten für das Leben bei ihrer Nachbarin, die sie regelmäßig besucht, seit sie damals im Krankenhaus lag und jetzt im Altenheim ist, der sie ein wenig Gemeinschaft schenkt und immer wieder deutlich macht, dass es da noch jemanden gibt, die Interesse an ihr hat, der sie wichtig ist. Und ein Dritter engagiert sich politisch, nicht in einer Partei, sondern in einer kleinen Gruppe, die eine Partnerschaft hat mit einer Kirchengemeinde in Indien, die zu erkennen beginnt, wie viel Tod in den Strukturen unserer Welt steckt, in ungerechten Handelsbedingungen, in Ausbeutung und Unterdrückung, die den Menschen in der Dritten Welt noch immer die Chance nimmt, in Würde zu leben.

Diese Hoffnung ist so überreichlich, dass sie uns auch am Ende eines Menschenlebens tragen kann. Der Tod eines lieben Menschen ist mit Trauer und Schmerzen verbunden. Der Osterscheck, den Paulus uns in Aussicht stellt, der trägt uns darüber nicht einfach hinweg. Aber er kann uns ermutigen, angesichts des Todes nicht einfach zu resignieren. Er kann uns ermutigen, dem Tod entgegenzutreten – vielleicht so, dass die Tränen sich verwandeln, in ein stilles, ein zurückhaltendes Lächeln. Vielleicht, vielleicht sogar am Ende in ein kräftiges, ein befreiendes Gelächter, wenn auch wir den Tod überwunden haben werden, so kräftig und befreiend wie das Ostergelächter, das heute in vielen Kirchen ertönt. Grund genug haben wir dafür.

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