Der neue Bund

Liebe Gemeinde –

heute abend feiern wir den Gottesdienst zu Gründonnerstag. Es ist: ein Freudentag, ein Jubeln und Jauchzen vor den drei dunklen Tagen, die uns erwarten. Ein Freudenruf, bevor das Leiden Jesu und sein Sterben für drei Tage in ihrem Schwarz unser Leben bestimmen.

Warum die Freude, warum das Weiß an unserem Altar und der Kanzel? Es ist die Freude darüber, dass Jesus mit uns sein will, die Freude, dass er uns einen neuen Bund mit Gott gestiftet hat in seinem Abendmahl, es ist die Freude über Bruder und Schwester in Christo, die Gemeinschaft der Heiligen, die wir in unserem
Glaubensbekenntnis bezeugen.

Was ist geschehen, wenn wir diese Zeit Jesu bedenken? Auf einem Esel zog er ein
in Jerusalem – wir haben davon am Sonntag gehört und sein Siegersein bedacht: Jesus wird Sieger nicht, indem er andere verlieren lässt, sondern sie ebenfalls zu Siegern macht. Jesus wird Herrscher nicht, indem andere ihm dienen, sondern er selber Diener wird. Jesus überwindet Gewalt und Tod, indem er sich unschuldig Gewalt und Tod hingibt und sein Leben lässt für seine Freunde. Und seine Freunde, liebe Gemeinde, das sind wir! Wie die Jünger und Jüngerinnen begleiten wir Jesus
in unserem Kirchenjahr und gedenken der Stationen, die er um unseres Heiles
willen durchlief.

Nach dem Einzug in Jerusalem ging es um die Vorbereitung zu seinem Sterben und die Deutung seines Todes. Er feiert – nach jüdischem Brauch und Ritus – das Passahmahl am Abend vor seiner Kreuzigung. Aber Jesus deutet das Mahl neu, weil er um seinen Auftrag weiß, weil er sich seiner Sendung gewiss ist. Hören wir seine Worte an jenem letzten, freudigen Abend. Wir finden sie im ersten Brief des
Paulus an die Korinther im elften Kapitel, die Verse 23 bis 26:

[TEXT]

Liebe Gemeinde, freudig können erst wir diesen Tag nennen, denn für die Jünger
hatte sich noch nicht alles erfüllt, sie hatten noch nicht alles verstanden. Für
sie musste erst der Tod und die Auferstehung Jesu geschehen, damit sie zu Zeugen seiner Botschaft werden konnten. Freudig aber bleibt es, weil das Abendmahl ein Zeichen der Freude ist, ein Zeichen der unverbrüchlichen Gemeinschaft, die Gott mit uns Menschen haben will und die er uns zusagt als ein sichtbares und schmeckbares Geschehen. Ein Geschehen, das wir mit Sinnen greifen können, wo wir doch so wenig in unserem Glauben greifen und fassen können. Ein Geschehen, das uns gestiftet ist, damit wir an den Tisch des Herrn kommen und seine Zusage hören: mit dir will ich einen unverwüstlichen Bund eingehen.

Deswegen feiern wir heute Gründonnerstag: das Grün in diesem Wort kommt – als ein Strang der Herleitung – wahrscheinlich von greinen, also weinen: an diesem Tage wurden die Greinenden, die Weinenden – diejenigen Menschen, die aufgrund ihrer Vergehen von der Kirche und den Sakramenten ausgeschlossen waren – wieder aufgenommen in die Gemeinschaft der Heiligen. Freuet euch also, denn das
Abendmahl dient dieser Vergewisserung: wer zweifelt und traurig ist, wer matt und
zerschlagen sich fühlt, wer seine Schuld kennt und sein Vergehen nicht verneint,
wer Leid trägt und wem Schmerz das Herz zerreißt, der ist geladen, zu kosten und zu schmecken, zu sehen und zu fühlen, wie freundlich der Herr ist, der den Matten aufhilft und die Traurigen tröstet, der die Zerschlagenen stärkt, den Schuldigen seine Hand reicht, der das Leid teilt und Schmerzen tragen hilft: diesen Herrn wissen wir im Abendmahl gegenwärtig in Brot und Wein. Es ist die Freude des Lebendigen, der aus den Deuteworten Jesu zu uns spricht: der Leib wurde für uns gegeben: mit ihm können wir die Brücke hin zu Gott schlagen. Alles, was uns im Wege steht, was uns an uns selbst und an Gott hindert, das ist überwindbar geworden, kein Hindernis ist zu groß, als dass es Gott von uns trennen könnte. In Jesus wurde uns der neue Bund gegeben: ein Bund, der um die menschliche Schwäche weiß, sich an Gesetze zu binden und sie doch nicht halten zu können, ein Bund, der um das vergebliche Mühen der Menschen weiß, alles in ihrem Leben festhalten zu wollen und es doch nicht zu vermögen, ein Bund, der darum weiß, dass der Bündnispartner immer wieder fehl gehen wird: es ist ein gnädiger Bund, ein Bund
der Gnade und Barmherzigkeit, ein Bund der Lebendigkeit und der ständigen
Erneuerung. Wer meint, dass er ihn bereits besitze, der sehe zu, dass er nicht falle. Wer aber glaubt, dieses Bundes nicht würdig zu sein, der wird ihn
erlangen. Schließlich – und drittens – hören wir in Pauli Worten: sooft wir dieses Abendmahl feiern, verkündigen wir den Tod des Herrn. Kein Event, keine Mega-Show, keine noch so logistische Meisterleistung kommt auch nur annähernd an die Verkündigungsmacht des Abendmahls heran. Die Einsetzungsworte sind das kürzeste Evangelium, die treffendste Aussage unseres Glaubens: Jesus ist für dich gestorben: in seinem Tod findest du den neuen Bund mit Gott.

Jesus hinterlässt diese Botschaft, diese Worte, dieses Abendmahl uns zur Stärkung für die dunklen Tage: die Tage des Leides und des Wartens, die Tage, in denen wir Ungerechtigkeit und Spott erfahren, die Tage, in denen wir erleben müssen, wie es Gottlosen gut ergeht und die Gott fürchten Ungerechtigkeit erfahren. Mit dieser Stärkung, mit dieser Wegzehrung gelangen wir aber hin zu Ostern, zur Auferstehung Jesu, zu unserer eigenen Auferstehung, nach der wir sitzen werden am Tische Gottes und mit Jesus zusammen wieder von der Frucht des Weinstocks kosten werden. Es ist das Angeld, die Anzahlung auf das himmlische Reich, die neue Erde und den neuen Himmel, auf die wir alle hoffen. Zwischen Abendmahl und dem neuen Jerusalem aber liegt diese Zeit, die die Jünger uns voraus erfahren haben als den Tod Jesu am Kreuz, das Warten und Bangen, das Zweifeln an seiner Gottheit, das Zweifeln an seiner Mission überhaupt, das Verleugnen, ihn jemals gekannt zu haben, so wie es einst Petrus getan hat.

Diese Zeit aber, liebe Gemeinde, werden wir bestehen, weil wir nicht alleine sind: wir haben seine Zusage, wir haben das Abendmahl, wir haben daraus die Hoffnung auf seine neue Welt und deswegen können wir die Freude, die in all diesem liegt und die von Ostern her sich unter den Menschen ausgebreitet hat, weiter tragen, hin zu denen, die ohne Hoffnung sind.

Darum feiert mit mir, liebe Brüder und Schwestern, heute, in diesem Andenken, das Mahl Jesu, das uns zum neuen Bund mit Gott geworden ist.

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