Der ganze Baum voll weißer Tücher

Es war soweit. Man holte ihn aus seiner Zelle. Am Ausgang bekam er noch sein Geld und seine Papiere ausgehändigt, man wünschte ihm alles Gute, und dann war er entlassen, frei. Endlich wieder frei. Er ging zum Bahnhof und stieg in den Zug, der ihn nach Hause bringen sollte. Aber je weiter das Gefängnis in die Ferne rückte, je näher er seiner
Heimatstadt kam, desto besorgter und unruhiger wurde er. Seine Frau hatte nämlich ein Zeichen mit ihm verabredet. Wenn er zu Hause willkommen sei, würde sie ein weißes Tuch in den Baum hängen. Andernfalls solle er für immer der Familie den Rücken kehren.

Er wusste, er würde den Anblick des kahlen Baumes nicht ertragen, und so bat er einen Mitreisenden, für ihn aus dem fahrenden Zug zu sehen. Der blickte hinaus und sagte: „Alles weiß! – Der ganze Baum hängt voller weißer Tücher!“

Versöhnung, liebe Gemeinde, Versöhnung mit Gott ist
wie dieser Baum voller weißer Tücher.
Ein Geschenk. Größer und reicher, als wir je zu hoffen gewagt hätten. Und ein Neubeginn, der Beginn eines neuen Lebens.

Was für eine Zumutung! Ausgerechnet am Karfreitag von neuem Leben zu sprechen. Da kommen wir als Gemeinde zusammen, um das Leiden und den Tod unseres Herrn Jesus Christus zu bedenken. Wir singen die alten Passionslieder, blicken auf das schwarze Tuch, den schmucklosen Altar, das Kreuz, nicht einmal die Kerzen brennen, nicht einmal die Glocken haben geläutet. Was soll ausgerechnet heute die Rede von neuem Leben, von Versöhnung und weißen Tüchern, wo wir doch bereit sind, das Düstere und Schwere dieses Tages zu tragen?

„So bitten wir nun an Christi Statt“, schreibt Paulus, „lasst euch versöhnen mit Gott!“ Dazu weiß der Apostel sich von Gott beauftragt, den Menschen zuzurufen: „Lasst euch
versöhnen mit Gott!“ Und wie der Mitreisende den Mann anstößt, aus dem Fenster zeigt und sagt: „Keine Angst, sieh nur hin, der ganze Baum hängt voller weißer Tücher!“ – so weist Paulus auf das Kreuz Jesu Christi.

Und er weiß nur zu gut, dass die Menschen dorthin lieber nicht sehen. Denn der Mensch sieht, was vor Augen ist. Die Qual, die Ohnmacht, den Tod, das Schmerzverzerrte und die Angst, das Endgültige und die Sinnlosigkeit. Dort, am Kreuz Versöhnung, dort, am Kreuz
Gott suchen? Hat nicht Jesus selbst geschrieen: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“

Nein, attraktiv ist es nicht, das Kreuz. Es hat nichts Anziehendes und stößt eher ab oder
stößt an, wie Paulus es ausdrückt.

Der Mensch sieht, was vor Augen ist – und wenn es ihm anstößig scheint, dann guckt er weg. Woandershin. Dorthin, wo das Leben spielt. Wo es hell und schön ist, wo Liebe ist und Lachen. Wo es mir und anderen gut geht und ich mir vorstellen kann: Hier ist auch Gott, hier ist er mir nah.

All das kennt auch Paulus. Er hat doch genauso gedacht. Hat wie wir geglaubt, dass Krankheit ein Zeichen für die Gottesferne und Gesundheit ein Zeichen für Gottes Nähe sei. Dreimal hat er Gott darum angefleht, dass seine Krankheit von ihm genommen werde, bis
Gott ihn hat wissen lassen: Meine Kraft ist in den Schwachen mächtig.

Auch ein Grund, warum der Blick so ungern auf dem Kreuz verweilt. Weil es unsere Schwäche zeigt. Weil Christus für uns und unsere Sünden, weil er an unserer Stelle dort hängt. Wie können wir das heute vermitteln als Botschafter an Christi Statt? Wie können wir uns Gehör
verschaffen mit dem Ruf: „Lasst euch versöhnen mit Gott! Denn Gott war in Christus und versöhnte die Welt mit sich selber und rechnete ihnen ihre Sünden nicht zu“.

Ich habe einmal eine Empfehlung gelesen für Menschen, die kein Selbstbewusstsein haben, die immer nur klein gemacht wurden, an den Rand gedrängt, denen man so lange eingeredet hat, sie seien nichts wert, bis sie es endlich geglaubt haben. So jemand soll sich vor den Spiegel stellen und sich immer wieder sagen: „Ich bin gut, ich bin ganz, ich bin schön.“

Diese Übung wird ihren Wert und ihren Sinn haben. Bestimmt. Aber mir wäre sie zu einsam. Nur der Spiegel und ich. Das würde mir nicht reichen. Ich bin gut? Jesus hat einmal gesagt: Niemand ist gut als Gott allein. Ich bin ganz? Meine Erfahrung ist das nicht, ich
fühle mich oft eher zerrissen, hin- und hergerissen zwischen Menschen, Sachzwängen, Egoismus und Nächstenliebe, Angst und Zuversicht, Müdigkeit und dem Wunsch, hellwach und lebendig zu sein. Mächte wirken auf mich ein, und ich fühle mich einmal mehr und einmal weniger als ihr Spielball. Und zum Dritten: „Ich bin schön“ eine Äußerung Martin Luthers: Der Sünder ist schön, weil Gott ihn liebt.
Und das ist etwas anderes. Wenn Gott zu uns sagt: Du bist gut, du bist ganz, du bist schön. Wenn Gottes Liebe uns zu heilen Menschen macht. Möchten wir widersprechen: Gott, ich bin nicht heil, ich bin nicht so, wie du mich gerne hättest? Das, sagt Gott, lass nur
meine Sorge sein.

Dem Mann im Zug bleibt nichts anderes übrig. Er muss es seiner Familie überlassen, wie sie
entscheidet. Und das, obwohl er seine Strafe abgebüßt hat. Gnade und Liebe lassen sich nicht berechnen und auch nicht absitzen. Von der Entscheidung der Familie hängt sein ganzes weiteres Leben ab. So sehr sehnt er sich nach Versöhnung und läuft in weit geöffnete Arme.

Von Gottes Entscheidung hängt unser aller Leben ab. In Jesus Christus, seinem Sohn, hat er sich ein für allemal für uns entschieden. Durch Christus hat er uns mit sich versöhnt. Lasst euch versöhnen mit Gott! Lasst euch die Sünde abnehmen, für die Christus gestorben ist! Ja, er selbst ist von Gott zur Sünde gemacht worden. „Als der barmherzige Gott sah,
dass wir durch nichts uns selbst befreien können“, schreibt Luther, „sandte er seinen Sohn in die Welt und warf auf ihn unser aller Sünden und sprach zu ihm: Du sollst Petrus sein, jener Verleugner, du sollst Paulus sein, jener Verfolger, Lästerer und Gewaltmensch. Du sollst David sein, jener Ehebrecher. Du sollst jener Sünder sein, der die Frucht im
Paradies aß, jener Räuber am Kreuz. Du sollst aller Menschen Person sein und sollst aller Menschen Sünde getan haben.“ Auch die des Mannes im Zug, auch die seiner Familie und seines Mitreisenden und auch die des Menschen vorm Spiegel. Unser aller Sünde, liebe Gemeinde, in welcher Gestalt auch immer, trägt Christus dort auf Golgatha.

Dort wird der zur Sünde gemacht, der von keiner Sünde weiß. Dort stirbt ein Unschuldiger. Und sein Tod ist zunächst sinnlos. Unschuldiges Leiden und Sterben, wie es Tag für Tag auf dieser Welt geschieht, für nichts und wieder nichts. Der Karfreitag für sich allein birgt keinen Trost. Was für ein entsetzlicher Schock muss es für die Jünger gewesen sein, zu erleben, dass Jesus, der doch wie kein anderer in der Nähe Gottes zu leben schien, dass
ausgerechnet der in die Gottesferne gejagt wurde. Alles vorbei.

Gott sei Dank, liebe Gemeinde, gab es diesen Karfreitag, an dem wirklich alles sinnlos
und einfach vorbei zu schien, nur ein einziges Mal, damals vor fast zweitausend Jahren.

Und am dritten Tage, da erlebten die, die zum Grab gingen und es leer fanden, einen zweiten
Schock: Denn nun erst verstanden sie, was auf Golgatha geschehen war. Nun erst ging ihnen das Unerhörte auf, dass Gott das alles gewollt hatte. Das stellvertretende Leiden und Sterben seines Sohnes für uns. Einer für alle. Sogar die Einsamkeit und der verzweifelte Schrei: „Warum hast du mich verlassen!“ waren von Gott gewollt.
Denn in Jesus hat sich Gott selbst in die Gottesferne begeben, um uns seiner Nähe auch dort gewiss zu machen. Unvorstellbar, dass Gott sich dorthin begibt, wo er eigentlich gar nicht sein kann, um uns wirklich überall, auch am Ort unserer größten Angst und Verlassenheit nahe zu sein.

Das ist der Anstoß und die Zumutung des Karfreitag, liebe Gemeinde. Dass wir in der Stille dieses Tages den Ruf hören: Lass dich versöhnen mit Gott. Dass wir nicht nur sehen, was vor Augen, was offenkundig ist. Sondern durch das Zeichen des Todes hindurch das Zeichen des Lebens erkennen.

In der Gottverlassenheit seine Nähe. In der Finsternis den österlichen Lichtschimmer. Verborgen hinter dem schwarzen Tuch unterm Kreuz den Baum voller weißer Tücher.

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