Der Feuerblick des Herzens Gottes

Liebe Gemeinde,

das sprichwörtliche "Sommerloch" scheint in diesem Jahr besonders tief zu sein. Und auf dem entsprechenden Niveau befindet sich deshalb auch das, was in diesem Sommer besonders all die bewegt, die nicht auf Arbeit gehen dürfen, sondern Urlaub machen müssen. Vorläufiger Höhe- oder besser Tiefpunkt war zweifelsohne die Sonnenfinsternis am 11. August. Die Medien hatten ja -wie DER SPIEGEL hämisch anmerkte – keine Mühen gescheut, das Ereignis auch noch denen nahe zu bringen, die zeitlebens an der Programmierung ihres Videorecorders scheitern. Und so waren denn auch Hunderttausende per Auto und Bahn unterwegs um für den Zweiminutenevent eine Wolkenlücke zu ergattern. Bei denen, die es schafften, war das Fernsehen live dabei und übertrug allerlei Sinniges und Unsinniges, was scheinbar moderne Zeitgenossen bei solchen Ereignissen von sich geben. Unser Landesvater Edmund Stoiber zum Beispiel wurde sich beim Anblick der Himmelsmechanik seiner eigenen kleinen Existenz erst richtig bewusst. Altbundespräsident Herzog dagegen behielt seinen kühlen Kopf und kommentierte das Schauspiel mit den Worten: Erst wird es dunkel und dann wieder hell.

Liebe Gemeinde, wenn es zwischen Himmel und Erde mehr gibt, als des Menschen Geist sich träumen lässt, dann gehörte die Sonnenfinsternis jedenfalls nicht dazu. Harald Schmidt ließ es sich deshalb nicht nehmen in seiner Late-Night-Show Reporter auftreten zu lassen, die als Großereignis den allabendlichen Sonnenuntergang kommentierten. Und ein bebrilltes Publikum stöhnte Applaus, als ein Professor auf die Frage, wann denn mit dem nächsten Ereignis dieser Art zu rechnen sei, antwortete: Morgen!

Zwei Dinge zeigte dieses Megaereignis, das keines war und doch Hunderttausende auf die Beine brachte: Unsere Entfremdung von der Welt, die unsere Heimat ist – und unsere namenlose Langeweile.

Ein zeitgenössischer Philosoph schreibt: "In der vorindustriellen Gesellschaft erwartete man Ernten, in der industriellen den Fortschritt. Gegenwärtig ist es noch nicht zu erkennen, was wir erwarten, hingegen, was wir befürchten. Jede der drei Gesellschaftsformen hat eine für sich spezifische Zeiterfahrung. In der landwirtschaftlichen Zeiterfahrung wird das Warten (auf die Ernte) als Geduld erlebt, in der industriellen als Hoffnung (auf Fortschritt), gegenwärtig als Langeweile. … Gegenwärtig erwarten wir (nur noch), dass die Apparate programmgemäß funktionieren." Und wie recht dieser Philosoph hat zeigt die Angst, unsere Computer könnten zum Jahreswechsel abstürzen. Was ja nichts anderes wäre, als die Apokalypse unserer eigenen Dummheit.

Was erwarten wir noch? Für uns selbst, für unsere Welt? Sind wir noch Menschen der Erwartung, oder nur noch Menschen der Befürchtung! Kein Wunder, dass zum 11. August vor allem allerlei Unheilspropheten zu Wort kamen. Und auch unserem Predigtext gehen Weherufe des Propheten Jesaja voraus: Weh denen, die mit ihrem Plan verborgen sein wollen vor dem HERRN und mit ihrem Tun im Finstern bleiben und sprechen: »Wer sieht uns, und wer kennt uns?« (Jes 29/15.).

Dann aber stößt der Prophet das Tor der Erwartung auf. Erwartet wird nicht geselliger Zeitvertreib, sondern eine bessere Welt. Und prophezeit wird nicht mit ausgewogenen Worten, sondern mit brennendem Herzen. Dem Prophet wehen die Worte wie eine Flamme vom Mund. Er schaut auf das Gottesvolk mit dem Feuerblick des Herzens.

Mit dem Feuerblick des Herzens Gottes, liebe Gemeinde. Gott findet sich mit dem Zustand seiner Welt nicht ab; vor allem nicht mit einer Welt ohne Erwartung.

Und so fragen uns die Erwartungen der Prophetenworte: Habt ihr Euch etwa mit all dem wirklich schon abgefunden? Habt ihr euch abgefunden mit der Zerstörung und Verwüstung der Schöpfung, mit der Blindheit, Taubheit und Dummheit des Homo sapiens, mit der sozialen und wirtschaftlichen Ungerechtigkeit bei uns und überall auf der Welt; mit den Tyrannen und Spöttern, die auf die Gräber ihrer Opfer spucken; mit den Rechtsverdrehern, die denen zum Sieg verhelfen, die sie bezahlen können? Habt ihr euch abgefunden mit einer Welt, in der die Glaubenden, die Liebenden, die Hoffenden wie Idioten in die Ecke geblasen werden vom allgegenwärtigen Strom besinnungsloser Unterhaltung, der Spielverderber nicht duldet? Habt ihr euch abgefunden mit einer Welt, die das Denken durch Gut-drauf-sein ersetzt?

Habt ihr euch mit all dem wirklich abgefunden, oder seid ihr nur abgefunden worden? Mit Geld oder Wohlstand zum Beispiel? Und wir hören noch einmal in die Untiefen des diesjährigen Sommerlochs und fragen: Wer schreit hier? Die Not oder die mangelnde Abfindung? Die Sehnsucht nach Gerechtigkeit oder die, die mit ihrem Plan verborgen sein und mit ihrem Tun im Finstern bleiben wollen?

Gerade die haben nämlich mit einer besseren Welt nichts im Sinn. Die schadet ihren Geschäften. Und deshalb haben sie auch nichts mit denen im Sinn, die eine bessere Welt erwarten. Die Erwartung einer neuen, besseren Welt, macht die alte als die schlechtere kenntlich.

Und deshalb sind die Erwartungen der Prophetenworte zugleich Kampfansagen an all die, die unsere Welt gerne ewig so hätten, wie sie jetzt ist. Deshalb sind die Erwartungen der Prophetenworte Kampfansagen an alle, die sich abfinden oder mehr oder weniger großzügig abgefunden wurden. Deshalb sind die Erwartungen der Prophetenworte Kampfansagen an die Langeweile und an alle Langweiler und Mitläufer. Nicht eine lange Weile, sondern einen kleine Weile, so hebt der Prophet an zu reden.

Seien wir nicht ungerecht. Auch in der Politik wird viel geredet von Veränderungen zum Besseren in der Wirtschafts-, Sozial-, Gesundheits- und Umweltpolitik. Aber seltsam! So schnell und voraussehbar sich die Probleme ergeben, so bald auch bestechende Lösungen in Sicht sind, so lang, sagt man uns, werden wir warten müssen, bis sich wirklich etwas zum Besseren wendet. Wunder dauern etwas länger.

Da müssen wir mit den Erwartungen des Jesaja schon fragen: Liebe Politiker, könnt ihr nicht oder wollt ihr nicht? Da müssen wir uns selbst fragen: Können wir nicht, oder wollen wir nicht. Sind und bleiben wir wirklich zu allen Zeiten ein Volk abgefundener Mitläufer, die nach dem Motto "wer kennt uns und wer sieht uns" leben und die erst die nächste Sonnenfinsternis 2081 wieder zu Hunderttausenden auf die Beine bringt? Die können wir uns dann getrost ohne Brille von unten anschaun. Aber nur, wenn es nicht regnet.

Gott kennt uns und sieht uns, liebe Gemeinde! Das ist der springende Punkt. Darin steckt die Ermutigung für ein Leben in der Erwartung für das Volk Israel damals und für uns heute. Gott kennt und sieht uns. Das ist die Alternative zu einem Leben in namenloser Langeweile. Wenn Gott uns kennt und sieht, dann gibt es nicht nur zwischen Himmel und Erde, sondern auch in unserem Leben mehr, als wir uns träumen lassen. Was heute unveränderlich scheint, ist einmal dahin.

Was heißt einmal? Schon bald!

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