Der dir alle deine Sünde vergibt

Liebe Gemeinde!

Es gibt ein modernes Lied, einen Popsong, den ich jetzt schon häufiger im Radio gehört habe. Er heißt: vielleicht und beschreibt einen auch für mich möglichen Zugang zum Glauben:

„Ich verstehe jeden Zweifel und schätze jeden Glauben hoch, auch ich misstraue Übereifer. Es sei am besten jeder froh mit dem, was er glaubt oder mit dem, was er weiß. Doch der, an den ich glaube, ist auch der, den ich preis. Vielleicht hörn sie nicht hin. Vielleicht sehn sie nicht gut. Vielleicht fehlt ihnen der Sinn oder es fehlt ihnen Mut.“

Ich spüre an diesem Text, dass es Menschen gibt, die sich ernsthaft mit dem Glauben auseinandersetzen, weil sie spüren, dass er etwas mit den Grundfragen des Lebens zu tun hat. Es gibt viele Menschen, die Zweifeln, weil sie an ihrem Leben verzweifelt sind. Ihnen fehlt der Sinn oder einfach nur der Mut zum Leben. Doch was ist schon die Sicherheit. Der Glaube ist nie etwas, was man sicher hat.

„Ich versuche zu versteh´n, was andere in dir sehn. Warum sie Kriege anfangen und in deinen Augen Morde begehen. Warum sie Menschen dazu zwingen, an einem Virus zu sterben. 2000 Jahre nach dir, liegt hier alles im Sterben. Vielleicht hörn sie nicht hin. Vielleicht sehn sie nicht gut. Vielleicht fehlt ihnen der Sinn oder es fehlt ihnen Mut.“

Das sinnlose Sterben in vielen Kriegen, ja besonders natürlich, wenn sie aus religiösen Gründen geführt werden, spricht gegen den Glauben. Warum ist die Wissenschaft und die Medizin in vielen so weit fortgeschritten, und warum gibt es dennoch so viel sinnloses Leiden an Krebs, an Aids an Alzheimer und vielen anderen Krankheiten. Auch wenn es richtig wäre, die noch an die Hungernden in der Welt zu denken, an viele Menschen in den Slums, so ist doch auch in unserem schönen Land noch so viel Leid, dass sie auch hier immer wieder die Sinnfrage stellt. Diese Frage kann nicht mit einem platten Glaubenseifer überspielt werden, weil da niemand mitkommt. Sie kann nur mitgelitten werden. Das ist glaubwürdig. Die Kirche spielt sich nicht als die Wissende auf, sondern setzt sich mit Hiob in den Dreck seines Leidens, und das gibt es auch bei uns: Die Drogen und ihre Folgen, die vielen Verkehrsopfer, die vielen Gewaltopfer, die unheilbaren Krankheiten, der Terror in der Welt nah und fern. Es gibt immer wieder genug Grund zur Verzweiflung und dazu, zu sagen: Ich verstehe das Leben nicht, ich erkenne den Sinn nicht mehr, Gott ist zu weit weg. Jeder muss den Sinn seines Lebens selbst finden, und dazu ist der Glaube natürlich ein guter Weg.

„Vergib mir meine Schuld, dann wenn ich dich seh. Solange trag ich meine Sünden, wenn ich schlaf und wenn ich geh. Ich will keine Versprechen, die mir Menschen geben, die sie dann wieder brechen, so sind Menschen eben. Alles was zählt ist die Verbindung zu dir und es wäre mein Ende, wenn ich diese Verbindung verlier. Vielleicht hörn sie nicht hin. Vielleicht sehn sie nicht gut. Vielleicht fehlt ihnen der Sinn oder es fehlt ihnen Mut.“

Der Anfang ist schwierig. Er greift die Themen Schuld und Sünden auf. Er vertraut den Menschen nicht, wenn sie etwas versprechen, weil sie das Versprechen ja auch brechen können und oft auch tun. Doch zugegeben, auch die eigene Verstrickung in das, was die Bibel Sünde nennt, ist oft noch bewusst. Es gibt nur keine Antwort. „Alles was zählt ist die Verbindung zu Dir.“ Wer ist dieses Du? Dieses Du, das unser Leben so weit stützen und begleiten kann, dass diese Verbindung zu einer Antwort auf den Sinn des Leben werden kann. Der Name Jesus Christus bleibt im Lied ungenannt. Das finde ich gut, denn es gibt genügend Anspielungen, die kann man dann, wenn man öfter hört, zusammenbekommen. Vom zweiten Vers her ist mit Du durchaus auch Gott gemeint, die Nennung der 2000 Jahre machen dann aber klar, dass Jesus selbst gemeint ist. Das Lied stellt uns in vielen Aussagen, auch dann, wenn wir das nicht ganz so gut nachsprechen können, einen vorläufigen Versuch dar, die Antwort auf die Frage nach dem Sinn zu finden. Es wäre natürlich besser, an die vergebende Gnade Gottes glauben zu können, es wäre besser, Jesus auch zu sehen und wahrzunehmen, es wäre besser, auf die menschlichen Beziehungen genauso vertrauen zu können. Der Glaube kann ja kein Ersatz sein und ist es auch nicht. Glauben und Leben, ja Lieben gehören zusammen. Das Lied steht den Aussagen des 1. Petrusbriefes auch in dessen Spannungen durchaus nahe.

Ich möchte nun im zweiten Teil versuchen, die Schätze des Textes zu heben und uns dadurch auch ein wenig Sprache und Text auf der Suche nach dem Sinn des Lebens zu geben:

Der Text richtet sich, genauso wie das Lied an Leidende. Ob die Art des Leidens vergleichbar ist, möchte ich nicht entscheiden. Wenn ich aber über diesen Text predige, was mir von der Ordnung her jetzt vorgegeben ist, dann gehe ich davon aus, dass sich dieses Leiden in jeder Existenz irgendwie auch ereignet.

Drei Schichten hat der Text, die ich im einzelnen erläutere. Dazwischen liegt dann ein kleiner abschweifender Ausflug, den ich hiermit sofort ankündige, weil ein Spruch sehr deutlich absticht und vielleicht unsere Aufmerksamkeit bindet. Die drei Ebenen des Textes sind: 1. Wir müssen lernen, das Leiden zu akzeptieren. 2. Wir hören Ermahnungen und Ermutigungen, die uns ein bestimmtes Verhalten in dieser Leidens – Gegenwart vorgeben wollen. 3. Wir hören ein sehr starken Grundakkord, der auf die im großen ganzen doch eher heilende und rettende Gegenwart und Zukunft Gottes verweist, und damit auch die Kraft des Glaubens, das Leiden zu bestehen.

1. Wir müssen lernen, das Leiden zu akzeptieren. Schon am Anfang ist von einer demütigen Haltung die Rede. Vom Hintergrund des Leidens her wird vor Hochmut gewarnt. Die Haltung um die es geht, scheint vorbehaltlosen Realismus zu entsprechen. Da der allmächtige Gott in jeder Lebenserfahrung gegenwärtig ist, müssen sich Christinnen und Christen der jeweiligen Lebenssituation erst einmal beugen. Wie auf einer Wüstenwanderung, in der es Wasser nur auf Vorrat gibt, gilt es hier, den Glauben zu bewahren und gegen jede Versuchung Widerstand zu zeigen. Die Versuchung in der damaligen Zeit bestand in Anpassung an die Gesellschaft und Trennung von der Gemeinde, die ja verfolgt wurde. Wichtig ist für den Einzelnen nun statt der Aufgabe des Glaubens, daran zu denken, dass die Not des Leidens auch andere Christen und andere Gemeinden betrifft und nun schon wieder eine gemeinsame Erfahrung ist. Man muss sich ruhig mal klar machen, dass nur dadurch dass die Christen damals in der Verfolgung durchgehalten haben, der Glaube zu uns gekommen ist. Für unser Leiden heißt das aber auch: Suche auch im Leiden die Gemeinschaft. Es gibt immer auch Menschen, die eine vergleichbare Erfahrung haben oder gemacht haben. Mit ihnen sich auszutauschen und solidarisch zu wissen gibt in der Not zumindest schon mal das Gefühl: Ich stehe nicht allein da. Wichtig ist da auch die Erinnerung an die Zeit. Der alte Satz „alles hat seine Zeit“ gilt für jede Not: Es gibt immer nur eine Zeitspanne des Leidens. Es gab eine Zeit davor, daran gilt es dankbar zu denken. Und es gibt eine Zeit danach, darauf gilt es zu warten. Auf den Gedanken der Zeit komme ich gleich noch einmal zurück, denn er hat im christlichen Glauben eine besondere Stellung. Wenn ich also nun im Leiden frage, woher das Leiden kommt, so sollte ich das Leiden selbst nicht der bösen Macht des Lebens anlasten. Jedes Leben kennt eine solche Zeit, auch das Leben der Kirche als Ganzes.

Natürlich ist die Aussage: Nimm dein Leiden erst einmal als gegeben an nicht alles. Der Verfasser des Briefes gibt einige konkrete Ratschläge, die in einer solchen Lage aus der Sicht des Glaubens zu beherzigen sind.

2. Wir hören Ermahnungen und Ermutigungen, die uns ein bestimmtes Verhalten in dieser Leidens – Gegenwart vorgeben wollen. Schon am Anfang wird ja an Gott erinnert. In der Situation des Leidens geht es also um die Beziehung und um das Verhältnis zu Gott. „Alles was zählt, ist die Verbindung zu dir und es wäre mein Ende, wenn ich diese Verbindung verlier.“ So singen es die Söhne Mannheims und genauso denkt der 1. Petrusbrief. Die Verbindung zu Gott erhalten wird auch in der Annahme des Leidens dadurch, dass wir tatsächlich Gott zugestehen, dass er uns leiden lässt. Hier wird ja noch nicht einmal gesagt, dass man Leiden etwa als Strafe Gottes oder so ähnlich auffassen sollte. Das muss gar nicht sein. Man sollte einfach nur an den Satz des Hiob denken: „Nehmen wir das Gute an von Gott, sollen wir dann nicht auch das Böse annehmen.“ Wir wissen doch eigentlich selbst, dass die Rede vom lieben Gott oder guten Gott zu kurz greift. Sicherlich ist Gott gut zu uns, aber dadurch dass er uns das Leben gibt und leben lässt. Damit ist nicht gesagt, dass wir als lebende Menschen nur auf Watte zu gehen haben. Wir sollten, das sagte ich ja bereits, realistisch vom Leben und auch vom Leiden denken. Die erste Aufforderung ist also: „Beuge dich unter Gottes starke Hand.“ Die Beziehung zu Gott soll aber von unserer Seite dadurch nun nicht gerade abgebrochen werden. Gott ist nicht nur die Macht des allmächtigen Schicksals, Gott ist genauso auch unser übermenschliches Gegenüber, zu dem wir beten. Und gerade darum geht es. Es heißt ja sogar: Not lehrt Beten. Die zweite Aufforderung ist: Vertraue Gott deine Sorgen an. Es heißt sogar wörtlich: Wirf deine Sorgen auf Gott, er sorgt für dich. Das gilt für Gegenwart und Zukunft. Es gilt auch auf die kleinen Zeichen der Güte Gottes zu achten, von denen es auch im Leid selbst einige gibt. Natürlich ist die Zeit des Leidens oft mit seelischen Belastungen verbunden. Es ist dabei schon nicht so einfach, den Glauben und das Selbstvertrauen zu behalten. Doch gerade darin liegt die Versuchung. Die dritte Aufforderung lautet: „seid wachsam und nüchtern!“ Dann wird auf die Macht des Bösen verwiesen, die es in der Welt gibt: Der Teufel geht um her, wie ein brüllender Löwe und wartet nur darauf, dass er jemanden von euch verschlingen kann.

Daraus resultiert dann die Aufforderung: „Leistet ihm Widerstand und haltet unbeirrt am Glauben fest.“ Was der Satz bedeutet, dürfte jetzt klar auf der hand liegen. Die Versuchung besteht darin, den Glauben zu verlieren. Damit wäre man aus der Gemeinde Jesu heraus, würde selbst herausgehen. Die Versuchung wäre zum Ziel gekommen. Der Teufel ist der Widersacher Christi. Jesus sammelt die Gemeinde, der Teufel ist die Macht, der alle Gemeinde, alle Solidarität zerstört. Dem gilt es Widerstand zu leisten. Es ist unbedingt wichtig, bei dieser Rede vom Teufel darauf zu achten, dass das Wort Teufel hier ausschließlich symbolisch zu verstehen ist. Das Bild des Löwen passt doch exakt. Der Löwe macht auch angst, das ist klar. Aber gemeint ist, dass ein hungriger Löwe umhergeht und ein Tier sucht, dass er reißen und töten kann. Der Teufel sucht die Menschen aus dem Glauben herauszureißen und so im Sinn des ewigen Leben zu Töten, sie also wieder der Macht des Todes zu unterwerfen. Hier muss noch der Gedanken mitschwingen, dass es eine zweimalige Buße, also einen Wiedereintritt in einigen Regionen der Urkirche nicht gegeben hat. Natürlich stehen hier viele Ausleger des Textes vor einer großen Versuchung. Nämlich der, das Bild des Teufels zu verselbständigen. Noch bis ins 19. Jahrhundert hinein haben viele Christinnen und Christen an den Teufel geglaubt, und sie haben ihm dadurch sogar noch zusätzliche Macht verliehen. In der Dichtung Goethes, der im Fauste ebenfalls mit der Gestalt des Teufels spielt, kann dieser jedoch schon verschiedene Rollen annehmen und unerkannt dabei sein. Den Teufel mit dem Pferdefuß gibt es seit der Aufklärung nicht mehr: Goethe schreibt: „Auch die Kultur, die alle Welt beleckt, hat auf den Teufel sich erstreckt. Das nordische Phantom ist nun nicht mehr zu schauen. Wo siehst du Hörner, Schweif und Klauen?“ Im Namen des christlichen Teufelsglaubens wurden unschuldige junge Frauen zu Tausenden oft monatelang gefoltert und dann meist bei lebendigem Leib auf dem Scheiterhaufen verbrannt. Als Hexen galten Menschen, denen andre nachsagten, sie seien mit dem Teufel im Bund. Diese Gedanken waren im Volk weit verbreitet. Die weltlichen Gerichte haben gefoltert und verurteilt. Aber der Grundgedanke des Teufelsglaubens in diesem Sinn kam im Ursprung daher, dass man nicht in der Lage war, die Gestalt Teufel symbolisch zu verstehen. Man gab dem Teufel einen göttlichen Wert, anstelle zu erkennen, dass die Macht des Bösen in der Menschheit selbst zu Hause ist, woran doch schon die Geschichte von der Arche Noah erinnert. Natürlich hatten es die Leidenden in der Urkirche auch in diesem Sinn mit dem Teufel zu tun. Die Ermahnung besteht doch einfach darin: lasst euch durch eure Not nicht vom Glauben abbringen. Die Mahnung war berechtigt, da es menschlich ist, sich versuchen zu lassen. Wichtig ist aber natürlich, dass man den gesamten Aspekt des Glaubens noch näher beleuchten muss. Es geht in diesem Text 10 mal um Gott und nur zweimal um den Teufel. Darauf muss noch eingegangen werden, denn der Glaube ist ja keine Leistung, sondern er wird ja sogar von Gott in uns geschaffen. Unsere Entscheidung besteht darin, den Glauben zu bewahren.

3. Wir hören ein sehr starken Grundakkord, der auf die im großen ganzen doch eher heilende und rettende Gegenwart und Zukunft Gottes verweist, und damit auch die Kraft des Glaubens, das Leiden zu bestehen. Die Aussagen über Gott sind Erfahrungssätze und bilden gleichzeitig das christliche Bekenntnis. Mit Gott ist immer auch ein Teil unserer Erfahrung gemeint. Es genügt zunächst, dies aufzulisten: Gott wendet uns seine Liebe zu. Gottes Hände sind stark. Gott wird die Menschen des Glaubens zu einer bestimmten Zeit, die vorbestimmt ist, erhöhen und zu sich nehmen. Gott trägt die Sorgen, man kann sie ihm aufladen. Gott sorgt für die Menschen, die sich ihm dankbar zuwenden. Gott hat uns, die wir glauben, in Jesus Christus zur ewigen Herrlichkeit berufen. Gott wird die Leidenden aufrichten, wird sie stärken, sie kräftigen und auf festen Boden stellen. Das erstaunliche ist, das müssen wir unüberwunden zugeben, viele dieser Zusagen sind ohne das Leiden gar nicht möglich. Obwohl Zeiten des Leidens versucherisch sind, sind sie aufs Ganze gesehen sogar Zeiten, in denen der Glaube erst richtig gestärkt und bewährt wird. Die Gegenwart Gottes wird uns zum Heil, zur Erneuerung, ja zum ewigen Leben führen. Sie ist die Aufrichtung der Leidenden im Diesseits genauso wie die Erneuerung des Lebens nach dem Tod. Gottes macht ist immer die Macht des Lebens. Die Bilder, in denen sich die Erfahrung Gottes ausdrückt, können allesamt auch als Lebenserfahrung ausgesprochen werden. Für Leidende gilt im Rückblick das, was der Psalm 103 so trefflich formuliert:

[1] Lobe den HERRN, meine Seele, und was in mir ist, seinen heiligen Namen!
[2] Lobe den HERRN, meine Seele, und vergiss nicht, was er dir Gutes getan hat:
[3] der dir alle deine Sünde vergibt und heilet alle deine Gebrechen,
[4] der dein Leben vom Verderben erlöst, der dich krönet mit Gnade und Barmherzigkeit,
[5] der deinen Mund fröhlich macht, und du wieder jung wirst wie ein Adler.
[6] Der HERR schafft Gerechtigkeit und Recht allen, die Unrecht leiden.
[7] Er hat seine Wege Mose wissen lassen, die Kinder Israel sein Tun.
[8] Barmherzig und gnädig ist der HERR, geduldig und von großer Güte.

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