Der Brief Christi

Liebe Gemeinde!

Ein Schreinermeister kommt in den Himmel und sagt vorwurfsvoll zu Petrus: „Wieso habt ihr mich schon hergeholt, ich bin doch erst fünfzig?“ Petrus antwortete: „Wir haben die Rechungen gelesen, die du deinen Kunden geschrieben hast. Darauf haben wir dann die Arbeitsstunden zusammengezählt, die du in Rechnung gestellt hast, und nach dieser Rechnung bist du schon vierundneunzig.“

Es gibt genügend Witze über die Christen oder über Gottes Bodenpersonal. Warum? Offensichtlich drängt sich angesichts vieler Predigten oder eigentlich auch nur der Bibel die Frage auf: Kann man so leben? Oder was tun diejenigen, die so tun, als ob man so leben könnte, eigentlich wirklich? Wieso ich mich dennoch immer wieder auf eine Kanzel begebe, könnte ich so beantworten: Ich weiß, dass die Maßstäbe des Glaubens und der Bibel ziemlich unrealistisch klingen können. Meistens werden sie dann aber auch unrealistisch verstanden. Ich möchte mehr dazu beitragen, die Bibel und die Realität miteinander in Verbindung zu bringen.

Hiermit bin ich auch schon gleich beim Bemühen des Apostels angekommen, der den Epheserbrief geschrieben hat. Die Wirklichkeit, in der Paulus die Worte der Bibel zuerst ankommen sieht, ist die der Sprache oder der Kommunikation. Vielleicht haben einige bei den Begriffen Unzucht oder Habgier an andere Dinge gedacht. Es ist ja erlaubt, auch hier der Phantasie nachzugehen. Doch Paulus ist Realist. Es geht ihm von Anfang bis Ende um die Sprache und um die Worte, dann natürlich ausweitend auf das ganze Leben.

Täglich wechseln wir Worte.
Wir sprechen, wir schreiben, wir denken sogar Worte. Alles, was ist, und auch das, was sein könnte, wird Wort. Was wären wir ohne Worte? Sprachlos wären wir und stumm. Wie sollten wir uns mitteilen, wie uns ausdrücken,
wenn uns die Worte fehlen? Vermögen wir doch sogar mit Worten, mit sehr vielen Worten, unsere Sprachlosigkeit häufig nicht zu überwinden. Wir suchen und brauchen Gespräche, können aber oft genug nicht miteinander sprechen. Wir reden aufeinander ein, und ein Gespräch wird nicht daraus. Worte erreichen uns, Worte umspülen uns und gleiten ohne Sinn an uns vorüber. Wir machen Worte und sagen dennoch nichts. Worte enthüllen und verschleiern,
sind manchmal Wahrheit, ein anderes Mal Lüge. Worte lassen uns lachen und weinen, können trösten, streicheln und Hoffnung wecken. Worte können Geschenke sein. Worte können zur Last werden oder uns reicher machen.

Die Wirklichkeit des menschlichen Lebens ist eine Wirklichkeit der Worte. Natürlich gibt es viel mehr. Aber die Welt der Religion, so wie sie Paulus beschreibt, hat mit diesem Teil der Realität sehr viel zu tun. Daher ist hier auch die Rede vom Wort Gottes. Das Wort ward Fleisch, heißt es, und darauf kommt es nun an.
Wie kommt das Wort Gottes nun in den Worten der Menschen an und wird es zur Realität in unserer Welt? Hat das Wort Gottes eine realistische Kraft, die unsere Wirklichkeit verändert? Ich sage bewusst: Wort Gottes, um zeigen: Es geht dabei um die Religion. Wir machen uns oft zu wenig deutlich, dass unsere christlicher Glaube immer noch eine Form von Religion ist, weil wir zu recht gegenwartsbezogen sein wollen. Natürlich frage ich mich auch manchmal: Wie wichtig ist die Religion in unserer Welt? Aber gerade darum geht es ja, dass dies eben eine Form von Religion ist, die Welt ist und Leben ist und keine übernatürliche und unrealistische Gestalt hat. Ich sage bewusst: Wo Religion unrealistisch klingt, dort ist sie auch unrealistisch.

Unser Glaube ist Religion und ist zugleich realistisch. Dazu möchte ich den Bibeltext in drei kurzen Abschnitten auslegen:

1. Der Wert und die Bedeutung des Christentums.
2. Die Gegenwart und die Gesellschaft als Boden des Christentums und der soziale Wert religiöser Symbole.
3. Das neue Leben des Geistes in dieser Welt.

1. Wert und die Bedeutung des Christentums.
Es gibt in den Briefen viele solcher Bibelstellen, die ziemlich auffordern und fast befehlerisch klingen. Die Aufforderungen haben dann einen Sinn, wenn wir uns ansprechen lassen, sie auf unser Leben anzuwenden. Hier heißt es sogar ganz großartig: Nehmt euch Gott zum Vorbild. Werdet, wandelt. Dann wird negatives erwähnt: Sei nicht genannt, gehört sich nicht, nicht verirren lassen, werdet nicht. um Schluss: ihr wart, ihr seid, wandelt. Dieser Text sagt also: Das Christentum hat einen Wert und hat eine Bedeutung, die jeden und für jede wichtig ist, die sich auf diesem Glauben zuerst einmal einlassen. Jeder Mensch hat es mit den Worten zu tun. Jeder kann durch eine Form von Sprache auf die anderen Menschen einwirken und mit anderen zusammenleben. Das Christentum ist eine Realität, wenn es zur Sprache gebracht wird. Wir reden in religiöser Form vom Christentum, und das macht uns Paulus vor: Wir sind Kinder der Liebe und nicht des Unglaubens. Wir sind Kinder des Lichtes. Wir sollen daran denken „wie Christus uns geliebt hat“ und können uns auf unsere Taufe besinnen. Paulus ermutigt uns zu einem christlichen Erkennen und Denken, zu einem christlichen Bewusstsein also. Natürlich wird das Wort „christlich“ in unserer Gesellschaft auch als Etikett gebraucht. Immer wenn wir „christlich“ sagen, sollten wir uns bewusst sein: Wir sagen damit zugleich, dass wir Jesus Christus akzeptieren und dass sein Leben, seine Worte und sein Wirken der wichtigste Maßstab sind. Nur dadurch erhält das Christentum in dieser Welt eine Bedeutung, weil es von einzelnen Menschen ernstgenommen und als Lebensrichtung übernommen wird. Diese Bedeutung des Christentum ist wichtiger als jede Institution. Jeder einzelne von uns ist Christ, ist damit Kirche im kleinen. Unser Leben ist die kleine Welt, in der Jesus Wirklichkeit ist. Wer sagt: Jesus lebt, sagt damit zugleich: Jesus lebt für mich. Ich erfahre mich als Christ. Wir leben also entweder als Bote oder Botin Gottes, oder wir sind im Gegensatz zu Gott. Wir sind menschliche Nachahmer Gottes, sind Kinder des Lichtes. Die Realität Jesu besteht darin, dass seine Worte zu unseren Worte und seine Taten zu unseren Taten werden. Das ist ein ständiger Übersetzungsprozess. Wir vermitteln durch unser Leben die Inhalte des Glaubens an andere. Das ist der Wert und die Bedeutung des Christentums.

2. Die Gegenwart und die Gesellschaft als Boden des Christentums. Der soziale Wert religiöser Symbole.
Sie kennen ja sicher alle die Bedeutung des Unterschied der verschiedenen Konfessionen. Viele sagen: Wir haben ja nur einen Gott. Das ist auch richtig. Der Unterschied liegt darin, dass wir die Bedeutung der religiösen Symbole unterschiedlich interpretieren. Wir haben einen Glauben, aber verschiedene Bekenntnisse. Die Spanne reicht dabei von sehr religiös bis sehr weltlich. Wir von der evangelischen Seite haben eine gute Tradition darin gehabt, die religiösen Symbole und Begriffe zu verweltlichen. Oft sind diese dadurch aber auch verflacht oder in Vergessenheit geraten. Paulus benutzt in diesem Text noch sehr viele religiöse Symbole. Wir können unseren Glauben dadurch bereichern lassen, dass wir wieder mehr lernen, in einer religiösen Sprache zu denken und zu leben. Das heißt zuerst und vor allem von Gott zu reden. Das Wort Gott kommt hier in fast jedem Satz vor. Das ist keine Inflation. Wo zu wenig von Gott geredet wird, verschwindet die Sprache der Religion. Gott ist unser Vorbild. Wir sind seine geliebten Kinder. Unser Leben soll eine Opfergabe für Gott sein, an der Gott Gefallen hat. Wir sind als Kirche Gottes heiliges Volk. Unser Leben und Reden besteht als Kirche darin, Gott zu danken, das ist die richtige Bedeutung des Wortes Eucharistie. Wir leben mit Christus in der neuen Welt Gottes, in der Herrschaft Gottes, auch als Gottes Königreich beschrieben. Unser Leben ist daran orientiert Gott zu gehorchen. Wir sind Kinder des Lichtes und sich durch Gott aus der Finsternis befreit. Diese religiöse Welt hat ihren Platz im kirchlichen Leben. Das muss uns Evangelischen eben auch klar sein. Der Glaube lebt zwar in der Welt, aber er beginnt eben in der Kirche, wie im Gottesdienst. Nur, da bleibt er eben auch nicht stehen. Die Gegenwart und die Gesellschaft sind der Boden des Christentums. Die Ermahnungen sollen jetzt nicht als kleinliche Gesetze ausgelegt werden. Sie weisen uns heute auf unsere Gegenwart hin. Hier sollen nicht vergangene Zustände zementiert werden, sondern das lebendige Wort Gottes bekommt eben dadurch Realität, dass wir es konkret auffassen. Worum es allein geht ist die Frage: Hat unser Leben vor dem Wort Gottes Bestand? Ist unser Leben ein Beispiel für die Gnade und Güte des Evangeliums. Auf die Worte kommt es an, auf unsere alltäglichen Worte. Ganz konkret in der sozialen Wirklichkeit zeigt sich, dass diese christliche Religion eben eine Religion der Welt ist, sie ist ein Form von Politik. Aber eine Politik, die im Kleinen beginnt. Wenn wir das Wort Politik hören, denken wir zuerst an die Stadträte und den Bundestag. Das ist noch nicht einmal in erster Linie gemeint, sondern: Jeder Christ hat eine Verantwortung für die Welt, wo er oder sie sich gerade befindet. Besser als über Arbeitslosigkeit zu schimpfen ist, einem jungen Menschen einen Ausbildungsplatz oder eine Stelle zu besorgen. Besser als über das Schulsystem zu schimpfen ist, eine Hausaufgabenhilfe für Kinder zu organisieren, die mehr Unterstützung nötig haben. Besser als über das Gesundheitssystem zu schimpfen ist, als grüne Damen oder Herrn Besuche im Krankenhaus zu machen. Das meint eben Paulus mit seinen religiösen Symbolen immer wieder: Er zieht sie ins leben. Es gibt eben keine Opfer mehr, die aus dem süßlichen Geruch geopferter Tiere stammen, sondern nur noch die Opfer des alltäglichen Lebens. Darin hat uns Jesus eben ein Opfer vorgelebt. Die Liebe in unsere Herzen gegeben. Daher sagt Paulus: euer ganzes Leben soll von der Liebe bestimmt sein. Das Christentum ist also, bezogen auf jeden und jede Einzelne:

3. Das neue Leben des Geistes in dieser Welt.
Wir sind Gefäße, Transporteure des Geistes Gottes. Durch uns geschieht die Flower Power der Liebe. Wir sind mit dem guten Duft der Liebe umgeben. Wir sind die Heiligen. Unser Leben ist Gottes Dank an die Welt, und daher auch unsere Danksagung an Gott. Wir unterscheiden zwischen Götzendienst und dem Reich und Welt Gottes und Christi. Wir warnen durchaus auch im Sinn des Geistes vor Abkehr und Mittäterschaft. Mit dem früheren Leben, als wir noch dem Götzen des Geldes zu Füßen lagen, haben wir nichts mehr zu tun. Wir leben jetzt, wir leben im Geist. Wir sind nicht in der Finsternis, sondern im Licht. Damit wird klar, dass die Frage vom Anfang her oft auch damit zu tun hat, dass der Glaube nicht realistisch genug verstanden worden ist. Nicht eine Abkehr von der Welt, sondern als Christin und Christ in der Welt ist die Religion des Christentums. Wir wollen keine neuen Tempel oder Kirchen bauen, sondern allenfalls Gemeinde sammeln. Zurück zum Witz am Anfang: Paulus schreibt zu viel von Freiheit, als nun in überstrenge Moralität zu versinken. Das einzige, was wirklich klar ist: Im Christentum hat die Religion eine soziale Gestalt. Wir sind der Brief Christi. Unser Leben ist Verkündigung. Durch uns kommt der Geist der Liebe Gottes unter die Menschen. Das hat dann auch etwas mit unseren Alltag und unserer Lebensgestaltung zu tun. Unser Wandel ist im Himmel. Und die Liebe Gottes soll unsere Lebensgestaltung prägen. Alltagswelt und Sonntagskirche gehören zusammen.

drucken