Den wird man nicht los!

Liebe Gemeinde,

manchmal gibt es ja Menschen, die wird man einfach nicht los. Es gibt sie auf Parties, da würde man sich gern mit jemand anderem unterhalten, und sie lassen einen nicht weg. Es gibt Menschen, die rufen treu und brav immer wieder an, und eigentlich immer im falschen Augenblick. Ich selber habe mich in einem Laden schon mal hinter Regalen versteckt: Ich habe eine Frau aus der Gemeinde gesehen (keine Angst, nicht hier in Erding, ist schon eine Weile her) – und ich habe gewusst: wenn ich der jetzt in die Hände falle, dann komm ich hier mindestens eine halbe Stunde lang nicht weg. So etwas nervt – mich jedenfalls.

„Den wird man nicht los“ – sinngemäß hat das Paulus auch in seinem Brief an die Römer geschrieben. Allerdings nicht genervt – eher ganz im Gegenteil. Er
schreibt folgendermaßen:

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Die Gemeinde in Rom kannte Paulus noch nicht, als er diesen Brief geschrieben hat. Er wollte sie besuchen, und er stellt sich und seine Theologie hier vor. Für Paulus ist klar: Gott werden wir nicht los. Er hat mit allen Menschen
etwas zu tun. Alle Menschen kommen von Gott, und gehen auch wieder zu ihm hin. Ihm selbst ist das auf sehr drastische Weise klar geworden: Er war strenger Jude, und er hat überhaupt nichts davon gehalten, dass Jesus Christus Gottes Sohn sein sollte. Es war eine absurde Vorstellung für ihn. Aber gerade er, der ja gar nicht glauben konnte, dass Gott seinen Sohn auf
die Erde schickt – ausgerechnet er wird von Jesus Christus ausgewählt, für ihn zu arbeiten. Er wollte nicht. Aber Christus hat die Sache so deutlich gemacht, dass Paulus sich gar nicht entziehen konnte. Darum ist Paulus Heidenmissionar geworden., und erzählt allen, die es hören wollen, wie Gott in Christus Mensch geworden ist. Und Menschen, die vorher mit dem Gott der Juden nicht das geringste zu tun hatten, werden nun zu Christen – glauben an Gott, glauben an Jesus Christus, glauben an der Heiligen Geist.

Paulus befindet sich in einer verzwickten Lage: Wie soll er denn erklären, dass er als Jude glaubt, dass Christus Gottes Sohn ist – aber viele andere das nicht glauben? Wie soll er erklären, dass er jetzt plötzlich unter den Heiden missioniert? Das jüdische Volk lebte und lebt im Bewußtsein, dass sie das von Gott auserwählte Volk sind – ist das jetzt plötzlich nicht mehr so? Will er jetzt plötzlich nichts mehr mit den Juden zu tun haben, und statt dessen nur noch mit den Heiden? Und kann man in diesem Durcheinander überhaupt noch Gottes Wege erkenne, kann Paulus das alles noch halbwegs sinnvoll erklären?

Paulus versucht es jedenfalls. In dem Abschnitt, der dem Predigttext vorausgeht, erklärt er: Gott hat Israel nicht verstoßen, auch wenn sie nicht glauben, dass Christus der Sohn Gottes ist. Gott hat überhaupt niemanden verstoßen, und er hat es auch nicht vor. Aber: Gottes Wege sind unerforschlich – Gott geht nicht immer gerade Wege mit Menschen, und es gibt manches, das kann man nicht unbedingt verstehen. Nur akzeptieren, dass es so ist. Und so kann es eben sein, dass Menschen, die früher Heiden waren, an Christus glauben, und andere bei ihrem alten römischen oder griechischen Glauben bleiben. Und manche Juden glauben an Jesus Christus – und andere eben nicht. Aber alle werden irgendwann das gleiche erhalten: Gottes Erbarmen.

Nur geht Gott vielleicht einen Umweg mit ihnen. Aber da wären diejenigen, die es betrifft, nicht die ersten. Paulus spielt mit einem Zitat auf die Geschichte Hiobs an: Hiob hat immer an Gott geglaubt und sein Leben nach Gottes Geboten ausgerichtet. Trotzdem wird ihm alles genommen, was er hat, einsam, elend und krank ist er – und dann kommen auch noch seine Freunde und erzählen ihm, dass er ja vielleicht doch etwas getan haben muss, was Gott nicht recht ist. Sonst würde es ihm nicht so schlecht gehen. Da wird Hiob aber zornig, und widerspricht erst seinen Freunden. Und dann fängt er an, mit Gott zu streiten. Er fragt Gott, was das eigentlich alles soll, und er hat jetzt die Nase gestrichen voll von Gott. Ihm reichts. Von diesem Gott will er nichts mehr wissen. Aber so leicht kommt er nicht weg. Gott lässt nicht los: Er antwortet Hiob. Er erklärt ihm nicht, wieso Hiob alles verloren hat. Aber er zählt auf, was er alles getan hat: Er, Gott, hat die Welt geschaffen, er hat die
Voraussetzungen dazu geschaffen, dass Hiob überhaupt leben kann. Hiob hat dazu überhaupt nichts getan – ebenso wenig wie ein anderer Mensch. „Wer hat ihm etwas zuvor gegeben, daß Gott es ihm vergelten müßte?“ fragt Paulus. Kein Mensch kann Gott „das Wasser reichen“. Gott aber ist da, und hat Hiob nicht vergessen – nach wie vor ist er da und kümmert sich um Hiob. Nur, eben nicht auf die einfache Art und Weise.

Paulus sagt: Das gehört alles zu Gottes Wegen dazu. Wir Menschen können sie nicht immer verstehen. Wir können nur staunend davor stehen und uns sagen lassen: Gott hat uns Menschen erwählt, und Gott nimmt das auch nicht zurück.

Ich gebe zu, dass mir das nicht immer leicht fällt, das zu akzeptieren. Ich bin ein kritischer Mensch, und ich habe schon genügend Dinge gesehen und erlebt, wo ich mir denke: Und das soll Gott wirklich so gewollt haben? Warum denn bitte? Will Gott es z.B. wirklich, dass sich der amerikanische Präsident so reinsteigert in den Konflikt mit dem Irak? Will er es wirklich, dass die halbe westliche Welt in Angst vor Terroranschlägen lebt – ob die nun begründet ist oder nicht? Ich tu mir schwer, das zu glauben. Aber was ich glaube, das ist das: Gott geht mir Präsident Bush seinen Weg, er geht mit
potentiellen Attentätern seinen Weg, und er geht mit denen, die Angst davor haben, seinen Weg. Gott ist oft genau da, wo man ihn am wenigsten vermutet: Die Welt hat er aus Nichts erschaffen; einen geordneten Kosmos hat er aus dem Chaos gemacht; Christus hat er aus dem Tod ins Leben geholt; mit der
Verheißung, dass Tote leben sollen, macht er Hoffnung wo eigentlich keine Hoffnung mehr ist. Überall da, wo man sich denkt: Hier geht eigentlich gar nichts mehr, hier ist kein Gott mehr – da setzt er an.

Und auch wenn ich das alles oft nicht verstehe – mir gibt dieser Gedanke Hoffnung für die Menschheit, Hoffnung trotz allem. Hoffnung für die, die sich mit dem Glauben schwer tun, Hoffnung für die, die ums Überleben kämpfen, Hoffnung für die, die meinen, dass sie alles im Namen Gottes tun und doch einen ganz anderen Weg gehen. „Gott hat alle eingeschlossen in den Ungehorsam, damit er sich aller erbarme.“ – für mich heißt das: Gott geht
seinen Weg mit allen Menschen. Auch wenn die nicht glauben, dass es ihn gibt, oder ihn nicht sehen können.

Gott ist nicht nur lieb und nett. Gott ist unerklärlich und Gott tut Dinge, die wir nicht verstehen und auch oft nicht gut finden. Aber von Gott kommen wir her, zu ihm gehen wir hin, und er ist in unserem Leben an unserer Seite. Was auch passiert: Er will sich unser erbarmen. Wir werden ihn nicht los.
Darüber kann ich mit Paulus nur staunen, darüber bin ich froh – und darum habe ich auch Hoffnung, dass aus uns Menschen doch irgendwann noch was wird. Und darum bleibt mir nur, dass ich in Paulus’ Lobeshymne einstimme, und sage:

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