Den Weg gehen, solange es hell ist

Liebe Gemeinde!

Da gibt es einen beliebten Vorwurf unserer Zeit an die Kirche, egal ob evangelisch oder katholisch, dass sie angeblich Antworten gibt auf Fragen, die niemand gestellt hat. Wenn ich mir unseren heutigen Predigttext anschaue, könnte man diesem Vorwurf auf den ersten Blick recht geben. Da sind die Leute mit Jesus im Gespräch und sagen: ?Wir haben in der Bibel gelesen, dass der Messias kommen wird und für immer bei uns bleiben wird. Warum sprichst du dann davon, dass der Menschensohn erhöht werden muss? Wer ist das überhaupt, der Menschensohn?? Und dann gibt Jesus den Fragenden seine Antwort. Sind Sie nun heute mit der dringenden Frage auf den Lippen hierher in die Kirche gekommen, wer denn in Gottes Namen der ?Menschensohn? ist und warum er ?erhöht? werden soll? Wahrscheinlich nicht. Aber vielleicht sind Sie heute mit der Frage da, was Ihnen in den nächsten Tagen schlicht die Kraft zum Leben geben kann, wie Sie zurecht kommen können mit den Problemen, mit denen Sie sich zur Zeit herumschlagen müssen. Vielleicht bewegt Sie das schreckliche Unglück der vom Erdbeben betroffenen Menschen in Indien oder der verhaltene Zorn über die BSE-Katastrophe, die sich nur aus purer Gewinnsucht so verheerend ausbreiten konnte. Den Schaden haben jetzt ausgerechnet die Bauern, bzw. zuallererst die Menschen, die möglicherweise schon vor langem mit dem Erreger verseucht wurden. Das sind die Themen, die die Menschen z.Zt. bewegen; vielleicht noch ein bisschen Boris Becker und seine Neue; bei uns in Günzburg besonders auch die Frage der Standortschließung. Und wir unterhalten uns jetzt über die ?Erhöhung des Menschensohns?, weil dieser Bibeltext heute zufällig dran ist? Wenn wir einen zweiten Blick auf den Text werfen und uns klarmachen, worum es den fragenden Menschen damals ging, dann werden wir jedoch merken, dass es hier in der Kirche auch heute morgen wieder um Fragen geht, die uns sehr wohl bewegen.

Die Fragen in unserem Bibeltext kreisen um Worte und Begriffe, die für die Menschen damals von höchster Bedeutung waren, und – das behaupte ich jetzt einfach mal – nach wie vor sind: Die Rede ist vom kommenden Christus (hebr. Messias), also von dem, von dem sich die Menschen alles versprechen: Der kommende starke Mann, der Gesandte und Gesalbte Gottes; der, der die römischen Unterdrücker aus dem Land werfen wird; der für ewige Gerechtigkeit und Frieden sorgen wird; der Befreier und Heilsbringer, der auch wieder den Frieden zwischen Mensch und Natur ausrufen wird. Ich denke, dass die Sehnsucht der Menschen damals unseren Sehnsüchten und Fragen von heute sehr ähnlich ist: ?Das letzte Paradies in Gefahr? stand vor einer Woche in der Zeitung zu lesen, als die Galapagosinseln vom auslaufenden Tankeröl bedroht waren. Warum lässt man das zu, fragen nicht nur die Kinder in der Schule, warum gibt es nicht jemanden, der diese Dinge ein für alle mal abstellt? Friede zwischen Mensch und Natur? Was für eine unausweichliche, – da tatsächlich vernünftige- Schreckensvision, wenn in den nächsten Wochen eben mal 400 000 Rinder getötet und vernichtet werden sollen! Wer kann den Wahnsinn, vielleicht sogar den Rinder-Wahnsinn aufhalten? Sehnsucht nach dem starken Mann, – dass diese Sehnsucht trotz aller schmerzlichen Erfahrung in der Geschichte unseres Volkes eher zunimmt als abnimmt, das zeigt sich z.B. am Zulauf, den die Neonazis nach wie vor haben und an der klammheimlichen Freude, die eine große schweigende Mehrheit daran hat. Sehnsucht nach dem Wunderapotheker, der endlich die richtige Pille für den Krebs und die Kreislaufkrankheiten entwickelt; Sehnsucht nach dem Superkommissar, der die Kriminalität global ausrottet und die Drogenbarone zum Teufel jagt; Sehnsucht nach dem visionären Gentechniker, der uns ewige Jugend beschert und dem Tod ein Schnippchen schlägt.

Ich denke, so ähnlich hofften die Menschen damals auch: Wenn er nur bald kommt, der Heilsbringer, der verheißene Sohn Davids, der Messias, der Menschensohn, der Weltverbesserer, von dem wir unser ganzes Glück erhoffen. Der Alltag mit seinen täglich neuen Scheußlichkeiten ist ja nicht mehr auszuhalten… Wir brauchen den Erlöser und zwar nicht nur für den Augenblick! Er soll doch endlich kommen und bei uns bleiben und uns trösten und uns helfen und alles in Ordnung bringen. Aber was nützt uns ein Heilsbringer, der sich gleich wieder in den Himmel verzieht? Was haben wir, wenn es um die Rettung der Welt geht, von einem erhöhten, also gekreuzigten, also auf schmähliche Weise umgekommenen Christus? Was nützt uns so ein tragischer Verlierer? Wir brauchen den Mann des Erfolgs, nicht den Scheiternden. Wir brauchen nicht einen, der da oben am Querbalken des Kreuzes hängt, sondern einen, der fest auf seinem Thron sitzt! Elend gibt es schon genug auf der Welt. Sieg muss sein, nicht Niederlage! Macht und nicht erbärmliches Sterben. Vielleicht geben Sie mir jetzt recht, wenn ich behaupte, dass es also nicht um Antworten geht, nach denen niemand gefragt hat, sondern um Fragen, die auch heute im Grunde keine anderen sind, als vor zweitausend Jahren, nämlich: Wann und woher kommt uns das Heil? Welcher Heilsbringer wird uns den Himmel auf Erden errichten? Wird er endlich die Heilszeit ohne Ende ausrufen?

Genau diese Erwartung hat der Evangelist Johannes damals mit allem Nachdruck bekämpft, und wenn wir sie heute ebenso bekämpfen, sagt die Welt da draußen: Siehste; aus der Kirche nichts Neues. Das wollten wir doch gar nicht hören! Ob die Welt es hören will oder nicht, das soll uns jetzt nicht bewegen. Ob wir es hören wollen und womöglich dann der Welt bezeugen wollen, darum geht es doch. Und deshalb sind sie doch hier, oder nicht? Hören wir also auf das, was Jesus den Heilssuchern damals gesagt hat und schauen wir, ob es uns auch gelten kann, insofern wir Menschen sind, die sich danach sehnen, dass es in ihrem Leben anders, vielleicht sogar besser wird: Heilssucher eben. Interessant zunächst: Jesus geht auf die Fragen der Menschen gar nicht ein. Nicht, dass ihm ihre Lebensprobleme egal wären, sondern er lenkt die Aufmerksamkeit darauf, dass das, was das Leben neu macht, was einen Unterschied setzt, also einen ?Wandel? herbeiführt, dass er das selber ist. Es geht darum, ihn dabei zu haben in den Augenblicken des Lebens. Der Scheinwerfer – um das Bild aufzunehmen, das er benutzt – das Licht also, das die herrschende Dunkelheit durchbricht, das den verborgenen Weg durch die Schrecken der Zeit, durch den Wahnsinn des Lebens sichtbar macht, das ist er selbst. Er sagt: Es ist das Licht noch eine kleine Zeit bei euch. Wandelt, solange ihr das Licht habt, damit euch die Finsternis nicht überfalle. Wer in der Finsternis wandelt, der weiß nicht, wo er hingeht.

Er ist der, der das Licht gibt, und der es zugleich selber ist: ?Er gibt es, indem er es ist, und er ist es, indem er es gibt.? So hat es unübertrefflich Rudolf Bultmann, einer der großen Theologen des letzten Jahrhunderts ausgedrückt. Es geht also nicht darum, von ihm irgendwie das Heil zu erwarten, überhaupt zu warten, dass Jesus oder Gott die Dinge irgendwie richtet, sondern ?in seinem Licht zu wandeln? und die Dinge selber in die Hand zu nehmen. Und das nicht irgendwann, sondern jetzt, solange er noch da ist! Solange es hell ist, d.h., solange ich mein Leben, die Welt um mich so sehen kann, wie sie in seinem Licht, in seinen Augen aussehen. Ihm jetzt begegnen! Darum geht es. Mir jetzt von ihm zeigen lassen, was es heißt, im Licht zu wandeln; mit ihm zusammen zu sein, mir von ihm sagen zu lassen, was er mit Leben meint. Jetzt ist dazu die Chance, der Augenblick, der rechte Zeitpunkt! Später ist wieder Finsternis! Wenn ich dann nicht weiß, wo es lang geht, habe ich die Orientierung wieder verloren, tappe im Dunkeln, ecke wieder überall an, falle in die Grube, und fahre schließlich in die Grube, unerlöst, unheilvoll, sinnlos gelebt. Was mir – ausgehend vom Text – so wichtig erscheint, ist, dass es bei dieser Christusbegegnung nicht um etwas Bleibendes, Dauerhaftes geht, etwas, das man ?haben? kann, sondern um etwas, was immer wieder neu geschieht, was mit unserem Sein zu tun hat. Christus begegnen, ?Wandel im Licht?, das ist etwas, was es im jeweils gegenwärtigen Augenblick wahrzunehmen gilt, immer wieder neu. Nicht etwas, was es ? vielleicht – irgendwann einmal, am St.Nimmerleinstag von einem großzügigen Lieber-Opa-Gott in einem netten Paradiesgärtlein, a la Legoland gewährt gibt, sondern was wir hier und heute, in diesem Leben tun können. Ja, es ist sogar ungewiss , ob wir?s morgen noch können, sagt Christus. Also nicht das Heute verträumen, verdösen, unerfüllt die Zeit totschlagen, sondern im Licht Christi heute leben und alles dafür tun, dass man es auch ?Leben? nennen kann. Die Zeit auskaufen, nicht mit Hektik und Geschäftigkeit, sondern so dass es Zeit ist in seinem Licht. Dann wird es jetzt schon Zeit sein, die zum ewigen Leben zählt. Vielleicht klingt das alles jetzt in unseren Ohren zu wenig konkret: Geht euren Weg, solange es hell ist! Denn fragt man, wie das geschehen soll, dann sagt der Text: ?Glaubt an das Licht!? Ja wie nun?

Eigentlich geht es um Grundhaltungen des Lebens und die beschreibt der Evangelist mit den Begriffen des damaligen Weltbildes: Licht und Finsternis. Licht und Finsternis sind zwei gegensätzliche Lebensbereiche, die schon am Anfang des Johannesevangeliums eine wichtige Rolle spielen: Licht ist alles, was von Gott kommt. Im Licht gedeiht das Leben, die Wahrheit, das Gute. Der Tod hingegen ist finster. Lüge und Hass gedeihen im Dunklen. In diesem Gegensatz begreift Johannes, aber mehr noch seine Umwelt, mit der er sich auseinandersetzt, sein Leben, die Welt: Der lichtvollen Seinsweise Gottes steht die dunkle Welt des Widergöttlichen entgegen. Leben in der Finsternis ist dann zwangsläufig Leben ohne Gott, gegen Gott, eigentlich gar kein Leben. Man sieht nichts, nimmt nichts wahr, rennt ins Verderben. Ob man mit Blindheit geschlagen ist oder in einer finsteren, unerleuchteten Welt unterwegs ist, kommt dabei auf?s gleiche raus: Lichtloses Leben eben, ohne die Fähigkeit, die strahlende Helligkeit der bunten, reichen Welt, in die Gott uns gesetzt hat, wahrzunehmen. Dahindämmern in dem quälenden Nichtwissen, wohin die Reise eigentlich geht, gelähmt von der Angst vor ewiger Finsternis. Ganz anders aber, wenn ich an das Licht glaube, d.h., wenn ich mich in das Licht stelle, in das Christus die Welt taucht. Da spricht Gott selbst mich an, da werde ich aus dem Nichtleben in der Urfinsternis herausgerufen ins Leben, da werde ich wach für Gott, für das Leben selbst. Da begreife ich, dass er mich als seinen Partner will, als Helfer in seiner Schöpfung, als Gegenüber mit eigenem Wert, eigener Größe, wahrgenommen und ernst genommen, geschätzt ? trotz allem! – ja, und geliebt! Das vor allem. Und deshalb auch gerettet und bewahrt. Liebe Gemeinde. Das ist es schließlich, ?was das Leben neu macht, was einen Unterschied setzt, was den ?Wandel? herbeiführt?, was uns die neue Lebensgrundhaltung schenkt. Wir werden weiter mit Erdbeben leben müssen, mit Krieg und Unfrieden, mit BSE und Krebs. Wir werden weiter unsere Leiden tragen und mit unseren Problemen kämpfen, unser alltägliches Leben führen. Aber in all dem werden wir wissen, wo es lang geht, weil uns sonntägliches Licht leuchtet. Wir werden nicht wandeln in der Finsternis sondern werden Orientierung haben ? schließlich bis zuletzt. Nein, die Welt wird Gott für uns nicht verbessern, (sonst hätte er sie von Anfang an anders gemacht) aber unser Leben und unser Sterben wird sich ändern – und dadurch die Welt vielleicht doch? Manchmal könnte man es fast meinen.

drucken