Demut ist Dien-Mut

1. Petrus 5,7: Alle eure Sorge werft auf ihn; denn er sorgt für euch. Haben wir als Wochenspruch gehört. Dieser Vers – er provoziert mich. Er steht mir entgegen. Ich muss bekennen ich bin so ein Bedenkenträger, nicht immer, aber … Sorgen trage ich gerne vor. Und da ist so Vieles, das mir Sorgen macht. Die TerroristInnen dieser Welt, egal ob sie als Folterknechte auftreten oder in Beslan Menschen zu Geiseln machen. Sorgen macht mir ein Hurrikan nach dem Anderen oder die immer noch unklaren Folgen von Hartz IV. Da ist die Sorge um die Zukunft unserer Gesundheitspolitik und die Ahnung dass in unserem Land eine Schere immer weiter aufgeht zwischen Menschen, die alles im Überfluss haben und den Menschen, die nichts haben und überlegen müssen, woher sie Praxisgebühr, Rezeptgebühr etc. nehmen sollen. Da ist die Sorge um Deutschland, dass bildungspolitisch immer mehr ins Abseits driftet und so die Zukunft verspielt.

Und dann dieser Vers, der mir meine Angst, meine Sorgen nehmen will, als wenn das so einfach wäre. Und trotzdem greife ich zu diesem Vers, wie ein ertrinkender zu einem Strohhalm. Ich will mich daran fest halten, meine Sorgen vergessen und Ruhe und Frieden finden. Darum will ich diesen Vers im Zusammenhang unseres Predigttextes hören:

[TEXT]

Der Begriff Demut fällt mir besonders auf. Ich erinnere mich an Ermahnungen zur Demut, die mich manchmal schon ganz fertig gemacht haben. Immer schön klein beigeben hieß dann die Übersetzung des Begriffes ‚Demut’: Der Klügere gibt nach! Als wäre das nicht ausgemachter Blödsinn, als müsste nicht manchmal der Klügere, gerade weil er es besser weiß, auf seiner Position beharren.
Demut ist Dien-Mut, der Mut zu dienen. Es kann dankbar machen, dienen zu können, sich selbst klein zu machen, damit anderen geholfen wird. Auch der Demütige muss widerstehen können, aber nicht, weil er überlegen ist. Auf Überlegenheitsgehabe kann die Demut verzichten.

Hochmut vergiftet menschliche Beziehungen. Der Hochmut wird in Genesis 3, der Geschichte von Adam und Eva und der Schlange beschrieben, wo der Mensch wie Gott sein will. Die Bibel schildert uns Eva, die Frau, als der Mensch, der sich beeinflussen will, bewusst eine Entscheidung gegen Gottes Willen trifft, weil er glaubt es besser zu wissen. Die Schlange mit ihren Vernunftargumenten hat sie im Griff. So wie die Bibel uns die Geschichte erzählt ist Adam der Klügere, der nachgibt, von dem keine Aktion ausgeht, der aber auch nicht nein sagt. Ein schlimmer Mensch, der so zum willenlosen Opfer des Bösen wird. Der demütige Adam hätte wenigstens das Gebot Gottes im Kopf und im Herzen gehabt – und deswegen widerstanden.

Ich werde eingeladen, meine Sorge vor Gott zu bringen. Sorgen können einen Menschen fesseln, sie können ihn derart in Besitz nehmen, dass wir nur noch wie das berühmte Kaninchen auf die Schlange starren und alle Freiheit verlieren. Sie könne uns dazu bringen, dem Bösen zu verfallen. Sie lassen uns manchmal auch jene Rattenfängern nachlaufen, die alles besser wissen wollen.

Es geht um den Ort des Glaubens in der Demut und in der Standfestigkeit gegenüber allem, was meinem Glauben ans Leben will.

Es geht um den Indikativ, der schon im ersten Satz angesprochen ist: Gott widersteht den Hochmütigen, aber den Demütigen gibt er Gnade. Es geht allerdings nicht um Tugendlehre, sondern um klare Prioritäten in der Lebenshaltung.

Demut ist die Haltung dessen, der ganz bewusst auf Macht und Überlegenheit verzichtet. Sie passt nicht zu dem, der sowieso schon ganz unten steht, sondern gerade zu dem, der etwas zu sagen hat – und darauf verzichtet. Demut ist der Mut, Gott das letzte Wort zu lassen, Gott das Urteil – auch über mich zu überlassen. Ein schönes altes indianisches Sprichwort bringt mich auf die richtige Fährte: Verurteile niemanden, bevor du nicht einen Mond lang in seinen Mokassins gegangen bist. Demut heißt, sich darauf einzulassen, dass ich nicht unfehlbar ist, immer damit zu rechnen, dass auch ich derjenige bin, der etwas falsch sieht.

Demut heißt nicht, sich darauf zu verlassen, dass es immer eine Menschen gibt, der alles besser weiß, aber doch mich darauf verlassen, dass Gott es ist, der mich in meinen Sorgen begleitet, der mich beschützt und mich trägt. Demut heißt: Ich will nicht sein wie Gott, sondern ich vertraue darauf: Ich bin ein Berufener Gottes, den er in diese Welt sendet, dass Glauben gelebt werden kann. Das gilt für jeden und jede von uns. Vielleicht hilft es uns, auch Sorgen zu haben und auszuhalten: ‚In Ängsten – und siehe wir leben’, so hat es einmal eine Kirchentagslosung beschrieben.

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