Das Verbindende schätzen lernen

Spannungen in der Gemeinde sind nicht einfach nur ein Ärgernis. Sie sind auch notwendig. Manche Menschen in unserer Gemeinde sehen das anders. Sie haben Schmerzen, wenn sie an Streit in der Gemeinde denken. Das mag daran liegen, dass es vor gut 50 Jahren zu einer Gemeindespaltung gekommen ist. Das mag aber auch daran liegen, dass wir uns nach einer Kirche sehen, in die man sich fallen lassen kann, in der man Geborgenheit spürt – und Liebe, in der der Streit nicht zu Hause ist.
Aber Streit muss sein dort, wo ernsthaft versucht wird, das Evangelium in das tägliche Leben zu übersetzen. Da ist es ganz notwendig, dass Menschen aus den gleichen Anlässen unterschiedliche Antworten finden. Da ist es nötig, dass Menschen streiten um die Auslegung des Willens Gottes in den Alltag der Gemeinde. Da gibt es nicht nur die Traditionsbewussten und die, die vorwärts schreiten wollen. Da gibt es vielerlei Antworten.

Darum gibt es Streit in christlichen Gemeinde, seit es christlichen Glauben gibt. Darum gibt es Streit gerade bei Menschen, die ihren Glauben ernst nehmen. Wer schon einmal als christlicher Gastgeber mit Muslimen oder Juden Speisepläne zusammengestellt hat, kennt das Problem, um das es geht. Nicht alles, was mir rein ist, ist den anderen rein. Ich muss miteinander ins Reine kommen. Für manche Kantinen ist das heute ein Existenzproblem, von dem Paulus in seinem Brief an die Römer schreibt:

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Fleisch auf den Märkten des alten Rom kam in aller Regel von Tempelkulten. So wie heute neutrales Fleisch gab es praktisch nicht. Jeder musste damit rechnen, dass bei der Schlachtung eine Tieres religiöse Hintergründe mit im Spiel waren. Das heißt, wer Fleisch kaufte, begab sich in das Umfeld eines fremden Glaubens, hatte Anteil an ihm. Fleischgenuss stellte also für einige Christinnen und Christen im alten Rom eine religiöse Bedrohung dar, weil sie Angst hatten auf diese Weise indirekt an fremden Religionen teilzunehmen. Die andere Gruppe fühlte sich frei von diesen Zwängen und für die einen erwuchs daraus eine Bedrohung des Glaubens.
Der Zusammenhang erscheint altertümlich, uns unzeitgemäß: Die Schwachen und die Starken – die, die Enthaltsamkeit üben und die die, darauf verzichten. Beide Entscheidungen haben gute Gründe, aber werden uns nach der Meinung des Apostels Paulus letztendlich auch nicht vor das Gericht Gottes bringen. Das Wesentliche im Willen Gottes ist woanders zu finden. Es ist zuerst in der ‚Betrübnis des Bruders’ oder der Schwester zu suchen. Das ferne Reich Gotte hat klare Auswirkungen auf das Hier und Jetzt. Es reali siert sich in meinem Bruder und in meiner Art, mit ihm umzugehen.
Es geht um die Starken und die Schwachen. Paulus argumentiert hier als einer, der weiß, was richtig ist, aber trotzdem keinen niedermacht, weil er anderer Meinung ist. Ziel ist der Bruder / die Schwester und das Leben.

Die wesentlichen Merkmale des Reiches Gottes sind Gerechtigkeit – Frieden – Freude. Alles Andere folgt dem. Wenn wir um das Kommen dieses Reiches beten, dann beten wir nicht nur um Gerechtigkeit – Frieden – Freude, sondern wenn wir ernsthaft beten, verpflichten wir auch das Unsere zu tun, dass Gottes Willen bei uns Wirklichkeit wird.

Das Reich Gottes besteht nicht in Prinzipien, sondern in der Zuwendung Gottes, des Vaters in seinem Sohn und seinem Geist zu den Menschen. Es geht nicht um den Bauch oder nicht Bauch. Essen und Trinken sind ein Symbol für das Unwesentliche, für das, was Gemeinde trennt voneinander, vom Leib Christi.

Das Doppelgebot der Liebe stand schon im Mittelpunkt des Evangeliums, das wir vorhin gehört haben. Ich denke auch es steht im Mittelpunkt dessen, was Paulus schreibt.

Luther hat das so ausgedrückt: ama et fac quod vis – Tu was du willst, aber Liebe. Frei kann man das auch so ausdrücken: Verachtet mir die nicht, die anderer Meinung sind, so lange sie dem Evangelium folgen.

Die Situation in der römischen Gemeinde wird deutlich: Es geht um die beiden Gruppen innerhalb der Gemeinde, die von einem unterschiedlichen Verständnis des christlichen Glaubens und der sich ergebenden Verhaltensweisen her kommen. Der Umgang miteinander und der Gemeinde-Frieden ist erheblich gestört. Hier greift Paulus ein!

Er bietet keine Lösung im klassischen Sinne an, vielleicht auch weil er weiß, dass es Probleme und Differenzen gibt, für die es keine Lösung gibt. Er bietet einen anderen Weg an, den Weg der Liebe: Ertragt Eure Verschiedenheit, haltet sie au, auch da, wo es Schmerzen bereitet. Tragt einander als Gabe Christi. Hört auf Argumente, teilt sie miteinander aus und versucht einander keinerlei Reibungspunkte zu geben. Nehmt Rücksicht aufeinander und wachst miteinander als Gemeinde.
Was er hinterher konkret vorschlägt, riecht nach faulem Kompromiss im Sinne von: Ihr müsst Euch ja nicht gegenseitig wissen lassen, wer nun Fleisch isst oder nicht. Zufrieden macht solche Lösung nicht. Aber vielleicht besser, als den Tod der Gemeinde in Kauf nehmen. Wir kennen ähnliche Kompromisse aus der Ökumene. Wenn sie uns dahin bringen, das Verbindende mehr zu schätzen als das Trennende, kann es vielleicht doch ein guter Weg sein. Liebe kann auch bedeuten: Die Unterschiede zu akzeptieren und nicht zu hoch zu bewerten.

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