Das stärkste Bild

Liebe Gemeinde,

wie sollen wir von Gott sprechen? Wenn ich Sie bitten würde, wie ich es mit meinen Schülern und Schülerinnen der zehnten Klasse mache, mir doch ein Bild von Gott zu malen, wie würde es dann aussehen? Meine Schüler malen oft das alte Klischee-Bild: einen alten Mann mit grauem Bart, der auf einer Wolke sitzt. Das erschreckt mich und ich denke, was haben wir falsch gemacht in der Verkündigung, dass so eine Gottesvorstellung dabei herauskommt? V.a.: die meisten, die so etwas malen, können nicht einmal etwas damit verbinden! Andere malen das Dreieck, das sog. Gottesauge: es ist schon etwas abstrakter und der eine oder die andere können sagen, dass es die Trinität darstellen soll: Gott-Vater, Gott-Sohn, Hl. Geist. Und dann? Die Nächsten schließlich malen in Farben völlig abstrakt und wollen durch die Farben etwas ausdrücken: viel Rot ist dabei für die Kraft und Liebe, Blau für Herrschaft und Hoheit und Gelb für die Strahlkraft seiner Schöpfung, die alles durchdringt.

Nur die wenigsten können mit solchen Bildern Gott verbinden. Nun, liebe Gemeinde, was hätten Sie gemalt?

Als Christen haben wir ein großes Problem: wir sollen von Gott reden und von ihm erzählen, aber wir können es eigentlich nicht, denn Gott ist Gott und uns steht nur die menschliche Rede zur Verfügung. Uns steht kein Gott zur Verfügung, den man sehen kann – kein Gott, den wir anfassen könnten. Kein Gott, dem wir eine Gestalt geben könnten. Wo Menschen in der Bibel Gott begegnen, da ist Gott nicht sichtbar: weder bei Mose im Dornbusch, noch beim Propheten Elia in der Stille, noch bei Abraham in den drei Fremden. Warum dies so ist, ist ebenfalls nicht einfach zu erklären. Wenn wir Gott sagen und damit den Gott unseres Glaubens meinen, den Vater Jesu Christi, dann erreichen wir nicht nur die Grenzen dessen, was wir uns vorstellen können. Nein: wir gehen eigentlich über diese Grenzen hinaus und verlassen damit bereits die Möglichkeiten unseres Geistes und unserer Sprache. Tja: womit lässt sich das vergleichen? Vielleicht am ehesten damit: versuchen Sie sich das tiefste und bewegenste Ereignis in Ihrem bisherigen Leben vorzustellen. Das, was Sie am meisten angerührt hat. Ein Ereignis, welches Sie mit einem großen Glück und weiter Zufriedenheit ausgefüllt hat. Und nun: versuchen Sie, dieses Ereignis zu versprachlichen – wie könnten Sie es einem anderen Menschen, der diese Erfahrung nicht teilt beschreiben? Es wird schwer sein, denke ich. So ähnlich verhält es sich mit unserem Gott. Die Bibel weiß darum und deswegen versucht sie, sich Gott immer wieder neu anzunähern, indem sie von solchen Erfahrungen der Menschen mit Gott berichtet. Und deswegen, liebe Gemeinde, gibt es keinen Bereich, der von diesen menschlichen Berichten ausgespart werden könnte. Deswegen ist Gott "alles" in der Bibel und – ja, sogar – noch darüber hinaus. Er ist allmächtig, furchtbar, streitbar, ein zorniger Gott, er ist größer als die Erde und tiefer als das Meer, aber er ist auch: barmherzig, voller Güte, fähig zur Reue, so klein, dass niemand darunter kann. Er ist treu und unwandelbar, weil er ewig ist und doch verändert er sich ständig, ist neu und lebendig. Sie sehen, liebe Gemeinde: alles Bilder in menschlicher Sprache, nicht fähig, Gott zu fassen und ihn eindeutig, endgültig menschlich verstehbar zu beschreiben. Du sollst dir kein Bild machen von Gott, weil du es nicht kannst. Du wirst es nicht schaffen, denn jedes menschliche Bild ist zu klein, zu eindeutig, zu festgefahren, zu bestimmt. Maltest du ein solches Bild, müsstest du, sobald es fertig ist, es wieder übermalen und neu anfangen, immer und immer wieder.

Trotzdem müssen die Menschen von Gott erfahren – und es gibt nur die Menschen, die von ihm erzählen können. Also müssen sie es versuchen, immer und immer wieder, mit ihren menschlichen Worten, Gott zu beschreiben, seine Erfahrungen mit ihm auszudrücken. Einen solchen Text, liebe Gemeinde, hören wir heute als Predigtwort. Er stammt aus dem ersten Johannesbrief im vierten Kapitel, die Verse 16-21:

[TEXT]

Welches Bild hat Johannes hier gemalt? Er hat das stärkste Bild genommen, das und Menschen überhaupt zur Verfügung steht: Gott ist die Liebe. Die Liebe ist das stärkste Bild, weil man an ihr etwas von dem Wunder, das Gott umgibt sehen kann. Die Liebe verbindet Menschen aller Klassen und sozialen Stände.

Die Liebe bringt Opfer, wie keine andere Macht es auf Erden vollbringen kann. Die Liebe setzt Kräfte frei, von denen man gar nicht wusste, dass sie einem zur Verfügung stehen.

Wenn ich zwei Menschen in unserer Kirche verheirate, dann tue ich das nicht deshalb, weil ich die Liebe überhöhen müsste. Viele tun dies ja heutzutage: Liebe als ewige Wolke-sieben, rosarote Weltsicht, romantisch bis zum Abwinken. Viele Hochzeiten werden auch so angegangen: der Tag meines Lebens, der wichtigste. Aber Sie wissen, liebe Gemeinde, dass das die Liebe nicht ist – bestimmt ein Teil davon: das Romantische, das Verklärte, das Entzückte und das Ekstatische. Aber Liebe ist noch mehr: Durchhalten in schweren Zeiten, Vertrauen, den anderen kennen, den anderen wahrnehmen als einen Teil von sich selber. Wenn ich also eine Trauung halte, dann darf ich diese Liebe der beiden Menschen zueinander nehmen als ein Bild der Liebe Gottes zu uns Menschen. Ich darf diese Verbindung segnen, ihnen den Segen Gottes zusprechen, weil Gott die Liebe als stärkste Bild seiner selbst für uns Menschen gewählt hat.

"Gott ist also die Liebe" sagt unser Predigtwort und nimmt damit das stärkste Bild, das uns Menschen zur Verfügung steht. Nur wenig andere Bilder kommen so nah an Gott heran wie dieses. Vielleicht nur noch: Gott ist die Stille, das sich-versenken. Vielleicht kennen Sie es: Gott im Gebet finden, in der Meditation spüren, in der Liturgie erleben. Oder das Bild der Ekstase, des Rausches: wo Menschen sich vergessen, aus sich heraustreten, sich verströmen und die Grenzen ihres Körpers sprengen. Vielleicht haben Sie es schon mal erlebt: ebenfalls im Gebet, im Lied, in der Sexualität, in der Erfahrung der Natur?

"Gott ist die Liebe" – dies wird aber gefüllt und bleibt nicht stehen bei einer nebulösen Romanze zwischen Gott und mir. Denn diese Liebe, die Gott darstellen soll, wird weiter beschrieben als die Zuversicht am Tage des Gerichts. Ja, auch das ist unser Gott: der Barmherzige und der Richter: beides geht zusammen. Uns alle erwartet das Gericht Gottes, in welchem wir uns stellen müssen unseren Versäumnissen, unseren Untaten: dem, was wir getan und dem, was wir unterlassen haben! Aber die Liebe, welche Gott ist, gibt uns eine starke Hoffnung: sie schenkt uns Gewissheit, dass wir bewahrt werden an jenem Tag, dass Gott uns hindurchtragen wird, aufgrund seines Sohnes Jesus Christus. Und: in dieser Hinsicht ist bei uns sogar die Liebe vollkommen: wer glaubt und getauft wird, der wird selig werden.

Deswegen treibt diese Liebe sogar die Furcht aus! Das, liebe Gemeinde, sollten wir sein: eine Gemeinde von Erlösten: frei von Furcht, weil nichts in dieser Welt und trennen kann von Gott, von seiner Liebe. In allem, was uns widerfährt, sind wir dennoch von Gott begleitet. Wer kann das sonst schon von sich sagen? Fürchte dich nicht, denn ich bin bei dir. Ich habe dich bei deinem Namen gerufen: du bist mein! Du bist mein, spricht Gott zu uns. Wir sind in sein Buch des Lebens eingezeichnet und werden aufgerufen werden aus diesem Buch, wenn diese Welt um uns herum zum Ende kommt. Wer das erfahren kann in seinem Leben, trotz aller Not und Schmerzen, der ist ein wahrhaft Erlöster Gottes. Ich wünschte mir, liebe Gemeinde, wir könnten das öfter auch so leben: erlöst, befreit von den irdischen Fesseln, die uns binden und knechten wollen. Frei und beweglich zu sein in unserem Denken und Handeln, offen und lebendig, auf dass wir diese Liebe, die Gott selber ist, abbilden in unserm Leben. Ich kenne keinen, der das immer schafft, aber ich kenne viele, bei denen es ab und an so deutlich hervorbricht, dass man nur staunend davor stehen kann und sagen muss: ja, dieser Mensch hat Gott gesehen.

Und schließlich, liebe Gemeinde: das Gebot, seinen Bruder und seine Schwester zu lieben. Es hat eben darin seinen Grund: die Gewissheit, dass Gott bei uns ist. Die Gewissheit, dass wir nichts mehr zu fürchten brauchen. Wer so Gottes Liebe erfahren hat, der kann auf seinen Bruder zugehen, ohne mehr Angst haben zu müssen, denn er ist befreit worden von den Zwängen dieser Welt. Er kann sich dann um diesen Bruder bemühen, er kann ihm leichter vergeben, er kann mit ihm streiten und versuchen, gemeinsam mit ihm die Wahrheit zu finden. Aber eines wird ihn immer dabei leiten: das Wissen, dass dieser Mensch, dieser Nächste, mit dem er in welcher Weise auch immer zu tun hat, ebenfalls ein Kind Gottes ist.

Ich bete zu Gott, liebe Gemeinde, dass die Menschen, wenn sie diese Liebe spüren, darin etwas von Gottes Wesen erkennen mögen. und es begreifen als eines unserer menschlichen Bilder, die Gott näher kommen, als vieles andere, was wir von ihm sagen könnten.

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