Das Licht annehmen …

<i>[Anschauungsmaterial ist die Zeichnung ?Maria mit dem Kind? von Kurt Reuber]</i>

Mit dem heutigen Sonntag verlassen wir den Weihnachtfestkreis und beginnen die Vorzeit zur Passionszeit. Eine gute Zeit das zusammenzubringen: Weihnachten und Karfreitag Wie bringen wir das zusammen ­ die strahlende Geburt des Sohnes Gottes, das Licht, das in die Welt gekommen und das Kreuz, dieses düstere Geschehen, in dem Menschen den Sohn Gottes hinrichten?

Vor 59 Jahren ging die Schlacht von Stalingrad zu Ende. Daran erinnert das Bild der Madonna von Stalingrad von Kurt Reuber, Arzt und Theologe, der diese Zeichnung auf der Rückseite einer Russlandkarte anfertigte. Während der Gürtel sich immer enger zuzieht vermittelt er seinen Kameraden das Licht (Blatt mit Bild und Pötzsch-Zitat: ?Lichtlos die Nacht, die Herzen hasserregt, das arme Leben schon in Todes Hand ­ das ist die Welt, in der die Männer feiern ? Und einer wagt?s und glaubt für sie an Gott, reißt ihre Blicke hin zu diesem Kind, weil Gott die Welt will in dem Kind erneuern.?). Er erzählt mit seiner Zeichnung von Weihnachten und Epiphanias mitten in der ganz persönlichen Passionszeit.

Wenn wir im Evangelium lesen, geht es vordergründig um Geschichten von früher, von vor 2000 Jahren und das macht es oft schwierig sie zu lesen und zu verstehen. In Wirklichkeit geht es dort aber immer um uns um heute, um jetzt. Um Menschen, die ihre eigene Passion erleben, mit ihrem eigenen Leiden nicht fertig werden, nicht wissen, wie sie weiterleben sollen. Wenn wir dieses Bild sehen erzählt es vordergründig eine alte Geschichte. Aber es erinnert auch an die Leiden von Menschen zu aller Zeit. Es erinnert an Menschen, die an bedroht sind, ihrem eigenen Leiden zu Grunde zu gehen. An solche Menschen wendet sich Jesus auch in unserem Predigttext. Er kündigt seinen Tod an und spricht vom Leben. Die Menschen verstehen das nicht so recht:

[TEXT]

Nicht alle fragen ­ die Pharisäer urteilen lieber. Das Volk fragt. Das Volk, das sind die, die in der Botschaft der Bibel lieber zu Jesus halten. Sie lieben ihn und verehren ihn. Das hindert sie nicht daran, nicht alles zu verstehen, aber weil sie ihn lieben fragen sie, suchen sie. Das Licht kann man verlieren ­ wenn man nicht fragt und sucht. Zweifel und Unverständnis sind keine Schande. Keine Antwort suchen schon.

Die, die nicht fragen suchen den starken Mann, den Messias, der das Schwert führt und alle Probleme kurz und klein schlägt. Sie sehen Jesus bei den Schwachen und wollen ihn loswerden. Das Verlangen nach einem starken Mann aber ist das unchristliche Verlangen nach einem Licht, das alle kleinen Lichter erschlägt. Hier bietet sich der schwache Sohn Gottes, der Gekreuzigte, das Kind in der Krippe als das wahre Licht an, das in der Schwäche leuchtet.

Jesus ermutigt die Menschen das Licht zu ergreifen, das sie sehen. Er ermutigt uns, das Licht anzunehmen, in dem er sich uns schenkt. Ich denke dabei an viele Menschen, die ich kenne, an das junge Ehepaar, das sich so auf sein Kind gefreut hat ­ und es starb, an den Mann, gerade im Ruhestand der im Krankenhaus zur Bestrahlung ist. Er kämpft und spürt doch zugleich, dass sein Kampf verloren sein könnte, an die Frau, deren 40-jähriger Sohn verunglückte und die nun Halt sucht.

Es herrscht viel Finsternis auf dieser Erde, mitten unter uns. Und wenn ich mich hier im Gottesdienst umschaue, dann ahne ich auch hier einiges davon, dass etlicher gekommen sind, nicht weil es ihnen zu gut geht, sondern weil sie schwere Lasten tragen. Ihnen möchte ich die Anfrage der Freundinnen und Freunde Jesu so übersetzen: ?Wir haben gehört, dass der Sohn Gottes immer bei uns ist. Wieso spüren wir so selten deine Gegenwart, wieso bist du soweit weg von unserem Leid??.

Mir selber fällt es immer wieder schwer die Gegenwart des Sohnes Gottes zu glauben. Manchmal scheint es so, als wäre der Sohn Gottes entweder ein niedliches Kleines Kind geblieben oder im Grab geblieben. So harmlos, so unwichtig scheint er manchmal in unserer Gegenwart. Aber er ist erwachsen geworden ans Kreuz gegangen und ins Grab gelegt worden ­ und er ist auferstanden und aufgefahren zum Vater. Das alles gehört zusammen.

Jesus spricht hier zu den Menschen vom Ende seiner irdischen Existenz. Und gleichzeitig davon, dass er für immer Licht der Welt sein will. Er begegnet unserem Unverständnis mit seiner Liebe, darum endet unser Text auch nicht in einer Mahnung, sondern in dem Angebot, das Licht anzunehmen. Wenn wir auf dem Altar die Kerzen anzünden und das Osterlicht leuchtet, dann verkünden wir bildhaft dieses Licht, das er für uns ist.

Es gibt kaltes und warmes Licht – nicht jedes Licht ist gut – tut gut. Das kalte Licht ist jenes Licht, das alles grell hervorholt und ausleuchtet. Und was es nicht vollständig erklären kann, das gibt es nicht. Das warme Licht verbreitet auch einen Schein von Unerklärbarem. Es bringt nicht alles ans Licht, sondern es lässt auch manchmal Dinge im Unklaren. Aber es ist Licht, das uns Menschen guttut, Licht mit dem wir leben können. Das andere macht Menschen manchmal sogar krank.

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