Das Leben nicht totschweigen

Die Bibel ist nicht vom Himmel gefallen, liebe Gemeinde. Ihre Entstehung hat eine lange Geschichte – und eine höchst interessante dazu. Nehmen wir einmal die Sammlung von Büchern, die wir Neues Testament nennen. Bis es in der Form, wie wir es heute kennen, vorgelegen hat, dauerte es fast 400 Jahre. Eine Zeitspanne, in der sich vieles ereignet hat. Und bei aller Sorgfalt, die aufgebracht wurde, um die einzelnen Schriftstücke unverfälscht an die nächste Generation weiterzugeben, wird es doch unvermeidbar gewesen sein, dass hier etwas verloren ging und dort etwas hinzukam.

Der Predigttext für heute ist so eine Hinzudichtung, die wahrscheinlich aus der Mitte des zweiten Jahrhunderts stammt. Der letzte Abschnitt des Markusevangeliums, das so um 80 nach Christus entstanden sein dürfte, endete zunächst einmal mit dem Vers acht und nicht, wie es jetzt in der Bibel abgedruckt ist, mit dem Vers 20. Ob das 16. Kapitel ursprünglich mehr als acht Verse besaß, wissen wir nicht. Wenn ja, waren es aber ganz bestimmt nicht die Verse, die jetzt dort zu lesen sind.

Für viele ist so eine Feststellung ein Problem. Werden die Aussagen der Bibel dadurch nicht fragwürdig, ja sogar unglaubwürdig? Wer das meint, der hat eine ganz bestimmte Vorstellung davon, wie solche Zusätze zu bewerten sind. Für ihn sind sie schlichtweg unecht und damit wertlos. Schade eigentlich. Denn in ihnen spiegeln sich genauso Erfahrungen wider, die Menschen mit ihrem Glauben gemacht haben, wie in den anderen, den so genannten "echten" Passagen. Und sie haben mindestens ebensoviel mit unserem alltäglichen Leben, mit unseren eigenen Glaubenserfahrungen zu tun, ja sie sind unserer Situation in gewisser Weise sogar näher, weil sie wie wir schon auf eine Geschichte der christlichen Gemeinden und ihren Erfahrungen zurück blicken …

Ich lese ihnen aus dem 16. Kapitel des Markusevangeliums nun die Verse 9-15:

[TEXT]

Drei Begegnungen werden erzählt und es ist offensichtlich, auf welche Überlieferungen angespielt wird. Da ist zunächst die Geschichte von Maria, wie sie Jesus am Ostermorgen mit dem Gärtner verwechselt und ihn erst erkennt, als er sie mit ihrem Namen anspricht. Und dann finden wir auch die bekannte Geschichte wieder, die von den beiden Jüngern erzählt, die auf dem Weg nach Emmaus sind. Und schließlich, quasi als Höhepunkt, wird über das Auftreten Jesu bei seinen engsten Freunden berichtet, so ähnlich, wie es auch Paulus in seinem Brief an die Korinther beschreibt. Sie merken, liebe Gemeinde, derjenige, der hier am Werk war, um etwas hinzuzufügen, hat auf bekannte Überlieferungen zurückgegriffen. Was er damit seinen Zeitgenossen und den kommenden christlichen Generationen mitteilen wollte, muss ihm also äußerst wichtig gewesen sein. Er beschreibt zwei Erfahrungen, die seine Zeit und seine Gemeinde prägten. Die eine ist uns sehr vertraut, mit der anderen haben auch wir unsere Probleme.

Zunächst die uns vertraute: Wer etwas wunderbares zu erzählen hat, dem wird oft wenig Glauben geschenkt. Jesus war gekreuzigt, gestorben und begraben worden – und mit ihm gekreuzigt, gestorben und begraben war das, was er über Gott und seine Liebe zu den Menschen erzählt hatte. Dagegen belebten die Berichte von seiner Auferstehung auch wieder seine frohe Botschaft.

Aber genau da lag das Problem und liegt es bis heute: Jesu Leben und das, was er zu sagen hatte, waren so eng miteinander verbunden, dass das eine ohne den anderen an Überzeugungskraft verlor. War Jesus tot, so war mit ihm auch seine Botschaft gescheitert. Wenn er aber auferstanden war, gab das den Menschen die nötige Kraft, auch zu leben, was sie über ihn und seine Lehren zu sagen hatten. Die Erfahrungen, die sich in diesen wenigen Versen des Markusevangeliums niederschlagen, deuten allerdings darauf hin, dass schon damals Jesu Kreuzigung weniger hinterfragt worden zu sein scheint als sein leeres Grab.

Was damals galt, gilt heute auch. Die meisten Menschen schenken schlechten Nachrichten sehr viel großzügiger Vertrauen als den guten. Und nicht nur das, sie scheinen auch sehr viel interessanter zu sein und neugieriger zu machen, als die anderen. Als vor zwei Jahren Berichte über angebliche Massaker aus dem Kosovo im Fernsehen verbreitet und dazu auch Bilder geliefert wurden, waren alle von der Realität dieser Ereignisse sofort überzeugt – ich übrigens auch. Damit waren die letzten Zweifel aus dem Weg geräumt, dass ein militärisches Eingreifen notwenig erschien. Im Nachhinein musste man feststellen, dass sich vieles anders abgespielt hat. Nur, davon will verständlicherweise kaum jemand noch etwas wissen …

Ein anderes Beispiel: In den USA steht mal wieder die Vollstreckung eines Todesurteils an. Timothy McVeigh soll am 16. Mai die Todesspritze bekommen. Die Verantwortlichen machen sich auf ein riesiges Medienspektakel gefasst. Für die Angehörigen der 168 Menschen, die bei dem Bombenanschlag des rechtsradikalen Attentäters ums Leben kamen, wird die Vollstreckung des Urteils im Fernsehen übertragen. Und erst vor ein paar Tagen wurde gerichtlich verfügt, dass die Hinrichtung doch nicht – wie von einem Unternehmen beantragt – live im Internet zu sehen sein wird.

"Du sollst nicht töten!", so heißt das sechste der zehn Gebote. Timothy McVeigh hat es 168 Mal übertreten – und er soll dafür auch bestraft werden. Aber kann das Leben eines Menschen das auch nur eines anderen aufwiegen, geschweige denn die von 168? Hier wird nicht bestraft, sondern Rache geübt. Und auch das widerspricht einem Gebot Gottes: "Die Rache ist mein!", spricht der Herr! Aber dies ließe sich ja nicht mediengerecht vermarkten …

Wenn ich mir nur diese beiden Beispiel vor Augen halte – und man könnte sie ohne weiteres endlos fortsetzen -, dann bekomme ich das Gefühl, dass wir Menschen dem Schlechten größere Aufmerksamkeit schenken als dem Guten – und damit den Tod mehr feiern als das Leben! Und das nicht nur bei den großen politischen und gesellschaftlichen Krisen unserer Zeit und Gesellschaft, sondern ebenso im alltäglichen, eher unscheinbaren Alltag auch unserer Gemeinden.

Ist beispielsweise jemand gestorben, dann ist zur Beerdigung manchmal das ganze Dorf im Gottesdienst versammelt. Das ist gut so, denn es unterstützt die Trauernden und gibt der Hoffnung Ausdruck, dass da mehr ist als nur ein Leben vor dem Tod. Aber sollten wir nicht ebenso regen Anteil daran nehmen, wenn jemand getauft wird? Ist uns der Tod eines Menschen doch so viel wichtiger, so viel näher als das neugeborene, neugewordene Leben?

Was heute gilt, galt damals scheinbar auch. Den Tod Jesu haben seine Jünger sofort geglaubt – obwohl die meisten weder bei seiner Kreuzigung und wohl auch nicht bei seiner Grablegung dabei gewesen sind. Aber wer erzählte, dass dieser Jesus lebe, den hielt man für meschugge! Die Freunde Jesu waren jedenfalls für das neue Leben nur schwer zu gewinnen, wie wir ja nachlesen können …

In der Erzählung, die dem Markusevangelium angehängt wurde, ist es schließlich Jesus selbst, der den ungläubigen Thomasen die Leviten liest. Das Leben, für das er eingestanden und auferstanden ist, muss ihnen erst kräftig auf die Füße treten, bevor sie es wahrnehmen und für wahr nehmen. Bemerkenswert finde ich nun, wie die Geschichte weiter geht.

Eigentlich sollte man ja meinen, Jesus sei so enttäuscht, dass er seinen sturen Freunden den Rücken kehrt und sich andere für seine Aufgabe sucht. Aber genau das tut er nicht! Ganz im Gegenteil. Er nimmt sich seine Elf noch einmal zur Brust. Sie sollten doch lieber den Menschen zuhören und Glauben schenken, die mehr vom Leben erzählen anstatt beim Tod stehen zu bleiben. Denn genau das ist es, was Jesus predigte und wonach er sein Handeln ausrichtete. Selbst als er nach dem Tod gefragt wurde, sprach er immer nur vom Leben, das von Gott geliebt und so erst lebenswert ist. Und genau das sollen seine Jünger nun weiter tragen: "Gehet hin in alle Welt und predigt das Evangelium aller Kreatur."

Vom Leben zu erzählen in einer Welt, die immer auch den Tod vor Augen hat, ist nicht einfach. Das wissen wir und das wusste man damals auch. Sonst hätte es niemand für nötig befunden, Jahrzehnte nach der Entstehung des Markusevangeliums noch einmal so massiv auf diese Aufgabe hinzuweisen, indem man den Schluss um diese Zeilen ergänzte. Es ist wohl so: wir müssen immer wieder daran erinnert werden, dass wir Christinnen und Christen dem Leben dienen sollen – in Wort und Tat. Um diesem Auftrag die notwendige Grundlage zu geben, ist Jesus nicht tot geblieben. Wir wollen versuchen, liebe Gemeine, das nicht nur am Sonntag, sondern auch in unserem Alltag nicht totzuschweigen. Dann, davon bin ich überzeugt, wird sich etwas ändern im Leben – zum zwar zum Guten.

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