Das Leben ist schön!

"Das Leben ist schön!" – das ist der Titel eines Films, der vor nicht all zu langer Zeit in den Kinos lief. Er erzählt die Geschichte von Guido, der zusammen mit Frau und Kind während der Zeit des italienischen Faschismus in Gefangenschaft gerät. Sie werden alle in einem Konzentrationslager interniert. Um dem fünfjährigen Jungen eine traumatische Erfahrung zu ersparen, erklärt ihm der Vater das bittere KZ-Leben als spielerischen Wettkampf: Wer sich am besten an die Regeln hält, der gewinnt am Ende einen tollen Preis. Derselbe Humor, mit dem der Vater seine Familie vor der Zeit des Nationalsozialismus die kleinen Sorgen und Nöte des Alltags ertragen half, soll den Jungen nun auch durch diese Katastrophe bringen. Der Vater spielt mit seinem Sohn im wahrsten Sinne des Wortes ein Überlebens-Spiel. Er deutet ihm die Wirklichkeit so um, dass der schreckliche Ort des Todes und des Leidens für den Jungen zum Ort der Hoffnung wird.

Als Zuschauer weiß man nicht so richtig, wie man sich verhalten soll. Wer von ihnen den Film gesehen hat, wird wissen, wovon ich spreche. Man wird hin- und hergerissen zwischen dem Bedürfnis zu lachen oder doch zumindest zu schmunzeln und dem tief sitzenden Wissen, dass sich gerade das unter diesen grausamen Umständen verbietet. Es ist grotesk: man sitzt in einem Kinosessel und erlebt im gleichen Augenblick Tragödie und Komödie, Verzweiflung und Hoffnung, Tod und Leben, Himmel und Hölle. Man lacht und weint zur gleichen Zeit und am Ende des Films wird man mit einer ungeheuren Frage in die eigene Wirklichkeit zurückgeschickt: kann auch in den größten Katastrophen unseres Lebens das Leben schön sein?

Auch Paulus hat diese Frage beschäftigt, obwohl er ja den Film nicht gesehen haben kann. Er muss aber wohl seine Erfahrungen gemacht haben, denn er schreibt im zweiten Korintherbrief von der gleichen Gefühlslage, wie ich sie im Kinosessel erleben konnte. Während ich mich dabei allerdings nicht so recht wohl gefühlt habe, scheint für ihn dieses Hinundhergerissensein geradezu ein urchristliches und sogar erstrebenswertes Lebensmotiv zu sein. Im sechsten Kapitel schreibt er:

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Heutzutage wird ja alles danach bemessen, was es einem für das Leben bringt. Und so ist es ja auch mit der Religion, der Kirche, der Bibel, mit dem Glauben. Was bringt einem das alles? Ich kann da nur so antworten, wie es Paulus vorgemacht hat: es bringt nichts und doch alles.

Wer im christlichen Glauben ein Leben sucht, das von Schicksalsschlägen verschont bleibt, der wird hier nicht fündig werden. Das Leben ist nicht planbarer oder überschaubarer, weil ich Christ oder Christin bin. Ich bin nicht einmal sicher, ob es sinnvoller wird. Denn Menschen, die sich zur Kirche Jesu zählen, sind nicht besser dran als die anderen auch: sie verleben keine unbekümmertere Kindheit, sie schreiben keine besseren Schulnoten, sie bekommen nicht eher einen Job, sie erfreuen sich keiner besseren Gesundheit und sie leben auch nicht länger.

Die Wunden, die das Leben schlägt, treffen und schmerzen sie genauso: ob persönliche Krisen, Schwierigkeiten im Beruf oder Sorgen in der Familie, ob Krankheit oder Tod – Christinnen und Christen teilen, was die Höhen und Tiefen des Lebens angeht, den gleichen Erfahrungshorizont wie jene, die anders oder gar nicht glauben.

Und doch behaupte ich, gibt es etwas, dass sich – vielleicht gerade in den dunklen und schweren Stunden – regt und in den Zeiten, in denen man verletzbar und schwach ist, trägt und Halt gibt. Es ist schwer zu beschreiben: es ist so etwas wie eine Grundstimmung, ein unbestimmtes Gefühl, von dem sich nicht sagen lässt, woher es eigentlich kommt. Vielleicht wurzelt es in einer kaum wahrnehmbaren, tief im Innern sitzenden Ahnung von Liebe und Zuneigung. Eine Zuwendung, die nicht von einem anderen Menschen herrührt, sondern die eines anderen, der ich nicht bin und der mich und mein Leben dennoch kennt und versteht.

Und ich behaupte weiterhin, dass jeder Mensch zumindest den Wunsch in sich trägt, solch ein – ich will einmal sagen: "kindliches" – Urvertrauen spüren zu dürfen.

Wer so etwas bei sich findet, der ist nun nicht besonders religiös, er hat nicht besonders fest geglaubt oder es sich womöglich durch ein asketisches Leben verdient. Sondern wer dieses Gefühl des Geborgenseins kennt, der ist schlicht und einfach sehr reich beschenkt worden. Paulus nennt das: Gnade. Eine Gabe, mit der wir uns nicht in irgendein anderes Leben nach oder außerhalb diesem, das wir haben, vertrösten sollen. Nein, denn "jetzt ist die Zeit der Gnade", ruft uns Paulus zu. Sie ist jetzt schon spürbar, erlebbar und wirksam.

Denn diese Gnade, die sich in einem regt, die äußert sich, glaube ich, in einem stillen aber unerschütterlichen "trotzdem": auch wenn ich nicht auf das Gymnasium gehe, ich weiß trotzdem, dass ich ebensoviel wert bin, wie die anderen; auch wenn ich meinen Job verloren habe, ich fühle trotzdem, dass ich noch gebraucht werde; auch wenn ich familiäre Probleme habe, ich merke trotzdem, dass ich den Halt nicht verliere; auch wenn ich all das Böse in dieser Welt sehe, ich glaube trotzdem, dass Gott sie gut geschaffen hat; auch wenn der Tod in mein Leben tritt, ich bin mir trotzdem sicher, nicht ins Nichts zu fallen.

"… als die Sterbenden, und siehe, wir leben; als die Gezüchtigten, und doch nicht getötet; als die Traurigen, aber allezeit fröhlich; […] als die nichts haben, und doch alles haben", so dürfen wir leben, schreibt Paulus. Damit werden Schicksalsschläge nicht leichter ertragbar, aber sie behalten nicht das letzte Wort!

Nun ist es oft aber so, dass dieses "trotzdem" sich nur schwer finden lässt oder erst gar nicht in einem wach werden will. Die Verzweiflung ist zu groß, die eigene Kraft zu verbraucht, die Probleme zu zahlreich und die Wunden sind zu tief, als dass ich es zu Wort kommen lasse oder noch ein Ohr dafür hätte. Auch das ist eine Erfahrung, die die meisten Menschen und sicher auch viele unter uns kennen. Momente, in denen nichts mehr zu gehen scheint, in denen man an seine eigenen Grenzen stößt, einfach nicht mehr weiter weiß und nur noch ein tiefes Loch vor sich sieht. In solchen Stunden, liebe Gemeinde, ist es wichtig, dass es jemanden gibt, der mir das "trotzdem" zuspricht, auch, wenn ich es vielleicht gar nicht hören will.

Wenn ich keine Hoffnung mehr habe, dann braucht es einen Menschen, der für mich hofft; wenn ich nicht mehr am Leben hänge, dann braucht es einen Menschen, der an meinem Leben hängt; wenn ich mich aufgegeben habe, dann braucht es einen Menschen, der mich nicht aufgeben mag; wenn für mich die Welt unterzugehen droht, dann braucht es einen Menschen, der sie für mich rettet; wenn ich das "trotzdem" in mir nicht mehr höre, dann braucht es einen Menschen, der es für mich spricht.

Gott hat ein für allemal und unüberhörbar für alle dieses "trotzdem" für jeden einzelnen unter uns gesprochen. Ein Mensch namens Jesus hat es gelebt und er ist damit am Kreuz gestorben. Verstummt ist es seither nicht, auch wenn schon viele es für tot erklärt haben. Es gilt gerade an den dunkelsten Orten dieser Welt und in den schwierigsten Zeiten unseres Lebens, auch wenn alles dagegen zu sprechen scheint.

In dem Film "Das Leben ist schön!" hat dieses "trotzdem" den Jungen nicht vor dem Leid bewahrt, aber ihm in all dem Leid die Chance gegeben, die Katastrophe durchzustehen. Ich hoffe, dass wir alle diese Erfahrung auch in unserem wirklichen Leben machen dürfen. Damit die Frage, ob das Leben auch in den größten Katastrophen schon sein kann, uns nicht mehr so ungeheuer erscheinen muss.

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