Das Kreuz ist aufgerichtet – der große Streit geschlichtet

Liebe Gemeinde, liebe Schwestern und Brüder,

wann haben sie eigentlich zum letzten Mal in aller Ruhe das Kruzifix in der Mitte des Altares der Maria–Magdalenen-Kirche betrachtet? Was sehen sie, wenn sie Christus, den Gekreuzigten, im Augenblick seines Todes dargestellt erblicken. Können sie mit ihren Augen verweilen, sich hineinfühlen, andächtig betrachten, meditieren und beten. Und was empfinden Sie: Andacht, religiöse Erhebung, Mitleid, Ärger? Ich möchte Sie einladen, sich einen Augenblick bei den Klängen unsere Orgel auf dieses Kruzifix einzulassen. Schauen Sie hin, spüren sie nach dem nach, was sie beim Anblick empfinden.

[MUSIK]

Wir predigen den gekreuzigten Christus, den Juden ein Ärgernis, (ein Skandal) und den Griechen eine Torheit(Dummheit)

Daran hat sich, liebe Schwestern und Brüder, bis heute nichts geändert. Am Kreuz scheiden sich die Geister, den einen ein frommes Symbol, den anderen ein Stein des Anstoßes und des Ärgernisses, den dritten eine Dummheit, so etwas in den Mittelpunkt des Glaubens und des Lebens zu stellen.
Und einigen, ja einigen ist es Trost und Hilfe, Stütze und Kraftquelle in der Mühsal ihres Lebens. Die Diskussion und die Kritik will nicht verstummen, nicht erst seit dem Streit um Kruzifixe in bayerischen Klassenzimmern oder der Verbannung aller religiösen Symbole im Zusammenhang des Kopftuchstreites.
Die einen fragen uns, was das denn für ein Gott sei, der dort am Kreuz hängt: schwach und ohnmächtig. Er hat alle Waffen gestreckt, ja noch schlimmer, er hat gar nicht versucht sich zu wehren, sondern sein Schicksal über sich hereinbrechen lassen, von Freunden verlassen, von den Gegnern verspottet, ist er bestenfalls mitleiderregend, weil vom Tode gezeichnet. Ein Symbol des Scheiterns und der Lächerlichkeit. Was soll das für ein Gott sein, fragen die Gebildeten, die sich längst ihre Gedanken gemacht haben und die wissen, das sich über die Religion trefflich streiten lässt. Gott ist doch das höchste Prinzip, das Unbegrenzte, das Absolute, Höheres und Größeres lässt sich schlechterdings nicht denken, wie sollte er so tief sinken. Seine Namen und Eigenschaften, so haben es schon die Alten Philosophen formuliert heißen allmächtig, allgegenwärtig, allwissend. Und dieser Christus am Kreuz verkörpert nur Ohnmacht und ist zum überkommenen Gottesbild und auch zu unserer heimlichen (Wunsch)Vorstellung ein krasser Gegensatz. Da muss sich doch intellektueller Widerspruch regen, der sagt: das Kreuz ist eine Torheit, eine Dummheit.

Für viele ist es aber auch schlichtweg ein Ärgernis, ein Anstoß. Sicher ist es als Tatsache nicht zu leugnen, es ist ein Datum in der Menschheitsgeschichte mit unglaublicher Tiefenwirkung, es steht mitten in dieser Welt und ist zum christlichen Symbol schlechthin geworden. Aber seine Deutung, seine Interpretation ärgert viele. Ein Zeichen der Gewalt als Heilssymbol. Der Gedanke, dass es sich beim Kreuzestod Jesu um einen Opfertod handelt, mit dem Gott versöhnt und Schuld gesühnt werden soll, der Gedanke, dass Gott den Opfertod seines eigenen Sohnes in Kauf nimmt, ja er erforderlich ist, und damit geschieht , was in letzter Konsequenz selbst von Abraham nicht gefordert wurde, nämlich das Opfer des eigenen, einzigen Sohnes, dieser Gedanke ist für den antiken, gebildeten Menschen ebenso anstößig wie für den modernen, aufgeklärten. Ich kann mich gut an meine eigenen Widerstände gegen dieses Denkmuster erinnern, obwohl ich mit ihm großgeworden bin – mit diesem tröstlichen und so großen und schweren Satz: Christus ist am Kreuz für unsere Sünde gestorben. Mir hat damals jemand gesagt: gibt es nicht auch in der Gegenwart genügend überzeugende Beispiele dafür, dass sich jemand opfert, um anderen zu helfen oder sie zu retten? Ein Opfer ist eben mehr als das Unfallopfer im Straßenverkehr oder das Opfer eines Versehens oder Verbrechens. Viele Menschen leben aufopferungsvoll, um anderen ein menschenwürdiges Leben zu ermöglichen. Eltern und Großeltern verzichten, opfern sich auf für die Chancen ihrer Kinder und Enkelkinder, ein Partner, eine Partnerin verzichtet, opfert die eigene Karriere zugunsten der Familie oder beruflichen Perspektive des Anderen. Ist das verurteilungswürdig, von vornherein schlecht und verkehrt? Dennoch, liebe Gemeinde damals in Korinth und heute in Templin und anderswo: es bleibt ein Kreuz mit dem Kreuz. Auf der einen Seite ist Gott in unseren Vorstellungen und Erwartungen groß und machtvoll – entsprechend groß kann die Verzweiflung sein, wenn die Bitte um Hilfe in tiefster Not nicht wie erhofft kommt. Da passt das Kreuz als Sinnzeichen Gottes nicht hinein. Auf der anderen Seite ist Gott in unseren Vorstellungen liebevoll und sanft, manchmal gar zärtlich, da wollen wir die Brutalität des Kreuzes nicht wahrhaben. Es rührt sich intellektueller Widerstand auf der einen Seite und religiöser Widerstand auf der anderen Seite, da wo Religion heute auch nur noch dem Ziel dient, sich wohl zu fühlen, sie der Wellnes untergeordnet ist. Was bedeute nun aber ihnen das Kreuz? Eine Gotteskraft? In unserem Alltag ist es ein Zeichen der Zugehörigkeit zur christlichen Gemeinde, ein Bekenntniszeichen. Dem Täufling wird es auf die Stirn gezeichnet und soll die Verbundenheit mit Christus ausdrücken, die ein Leben lang währt, die von Gottes Seite unkündbar ist. Es ist aber ebenso auch ein Zeichen für die Tiefen, die Menschen erleben können, erleben werden, weil sie Teil des Lebens sind.
Tiefen, die Namen tragen wie Einsamkeit, Sinnlosigkeit, Krankheit, Tod und noch viele andere mehr. Ich denke an die Kreuze am Straßenrand und die Verzweiflung der Hinterbliebenen , die sich so ausdrückt, ich denke an die Kreuze auf den Friedhöfen mit all den Hoffnungen, die dort begraben liegen. Für was steht das Kreuz hier? Es steht dafür, wie all diese menschlichen Erfahrungen, wie all diese Wirklichkeiten unsres Lebens hineingeholt werden in das Leben und Sterben Jesu. Hier an einem Punkt verdichtet sich, konzentriert sich alles, was an Schwerem, Tiefem, Dunklem von Menschen und unter Menschen möglich ist, hier an einem Punkt spiegelt sich das ganze Elend und das ganze Leid dieser Welt. In dem einem Schrei: „mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen“ klingen alle unerhörten Schreie unzähliger Menschen unzähliger Zeiten mit. Es ist ein Ort tiefster Solidarität, größter Vertrautheit und Nähe: Mensch, wo du auch stehst, was du auch erleidest, wie du dich auch quälst oder gequält wirst, es gibt keinen Ort größter Gottverlassenheit mehr, weil dort immer schon das Kreuz aufgerichtet ist, Gott immer schon in der tiefsten Tiefe anzutreffen ist und mitleidet.
Es ist der Ort tiefsten Verständnisses und so letztlich der Ort größter Geborgenheit, wo Menschen nicht mehr bergen können oder wollen. Deshalb lässt sich unter dem Kreuz trauern, hoffen, beten Es ist eine Gotteskraft, denen die glauben, weil sie nämlich wissen, dass das Kreuz nicht Endstation ist, sondern Anfang.
Wer auf das Kreuz hofft lebt aus der Kraft der Auferstehung, wo Gott größtes Leid in unbeschreibbare Freude gewandelt hat. Wer auf das Kreuz hofft, lebt aus der Gewissheit, dass das Leben stärker ist als der Tod und das Gott ein Freund des Lebens ist. Mag es also manchen ein Ärgernis, andere eine Dummheit sein, uns aber ist es eine Kraft, die uns zuwächst, die uns hoffen und leben lässt, die uns aufbrechen und versöhnen lässt. „ Das Kreuz ist aufgerichtet, der große Streit geschlichtet. Dass er das Heil der Welt in diesem Zeichen gründe , gibt sich für ihre Sünde der Schöpfer selber zum Entgelt. (EG 94)

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