Das ist ungerecht!

Geschichten sind etwas Lebendiges. Sie verlocken dazu, dass man sie weiterentwickelt, dass man sie abwandelt und dann die ursprüngliche Parabel danebenhält. Nicht selten beginnt sie dann neu zu sprechen … Wir hören die Geschichte vom Arbeiter im Weinberg:

Und Jesus erzählte die Geschichte von einem Weinbergbesitzer: ?Ja?, sagte er, ?da war ein Herr, der verließ früh am Morgen sein Haus, um Arbeiter für seinen Weinberg anzuwerben. Bald fand er einige, die bereit waren. Und nachdem er mit ihnen einen Denar als Tageslohn vereinbart hatte, wie es üblich war, schickte er sie zur Arbeit in seinen Weinberg. Um die dritte Stunde, das ist soviel wie 9 Uhr am Morgen, traf er auf dem Markt andere, die noch keine Arbeit gefunden hatten. ?Geht auch ihr in meinen Weinberg?, sagte er ihnen, ?ich werde euch geben, was recht ist?. Und sie gingen an die Arbeit. Um die sechste und neunte Stunde, also um 12 und um 3 Uhr, ging er wieder hinaus, und wieder schickte er die Arbeitsuchenden in seinen Weinberg. Am späten Nachmittag, also um 5 Uhr, zur elften Stunde, begegnete er weiteren Männern, die am Marktplatz standen: ?Was steht ihr untätig hier herum?? fragte er. ?Niemand hat uns Arbeit gegeben?, sagten sie. Da hieß er auch sie in seinen Weinberg gehen. Als nun der Abend kam, trug der Weinbergbesitzer seinem Verwalter auf: ?Rufe jetzt die Leute zusammen, zahle ihnen den Lohn aus. Und bedenke wohl: Einige waren den ganzen Tag über fleißig, andere haben erst am Nachmittag angefangen, und ein paar haben nur eine einzige Stunde gearbeitet. Rechne das genau aus und gib jedem den Lohn, der ihm zusteht, je nach der Leistung, die er erbracht hat!? Da erhielten die, die am Morgen schon im Weinberg angefangen hatten, den vereinbarten Denar, die anderen entsprechend weniger. Der Lohn wurde ganz gerecht ausbezahlt, und so waren alle zufrieden. Freilich sprang für die, die nur eine Stunde beschäftigt waren, so wenig heraus, dass sie davon nicht einmal ein Brot kaufen konnten, um ihrer Familie daheim ein karges Essen zu bereiten. Da sagte einer der Arbeiter, die für die Arbeit einen ganzen Tag mit einem Denar entlohnt worden waren: ?Jetzt soll sich zeigen, was wir Arbeiter unter Solidarität verstehen und dass unserer Meinung nach nicht die Arbeitsleistung, sondern der Mensch gilt. Ich schlage vor: Wir legen alles zusammen. Und dann soll jeder von uns den gleichen Anteil erhalten!? Das fanden alle richtig. Und sie teilten, was sie hatten. Und jeder erhielt genau den gleichen Betrag. Das sprach sich alsbald herum in der kleinen Stadt. Natürlich gab es böses Blut, und manche sagten: ?So geht das nicht! Wo kommen wir denn hin, wenn die Letzten den Ersten gleichgestellt werden? Wenn die Leistung nichts mehr gilt?? Und da sprachen die Arbeiter: ?Wir wollen, dass alle gleich viel haben, die Letzten genauso viel wie die Ersten. Oder dürfen wir mit unserem Geld nicht machen, was wir wollen? Seid ihr neidisch, weil wir gut sind zueinander und Solidarität üben?? Und Jesus schloss seine Erzählung mit den Worten: ?Seht ihr, so, genau so wird es im Himmel Gottes sein: Da sind die Letzten zusammen mit den Ersten. Und alle werden wie Brüder und Schwestern sein und Kinder eines einzigen Vaters!? (Aus: Lothar Zennetti, Die wunderbare Zeitvermehrung, 1979, S. 151)

"Das ist ungerecht!", dieser Ruf schallt mir oft von jungen Menschen entgegen, gerade von Konfirmanden, die ja im Alter von 13 oder 14 beginnen müssen, sich langsam im Umfeld der Erwachsenen zurechtzufinden. Wenn dann mal jemand nicht dran genommen wurde, obwohl er sich früher gemeldet hat, oder, wenn mit dem einen Jahrgang mal eine tolle Aktion gemacht wurde, für die bei den anderen noch keine Zeit war, dann heißt es: "Das ist ungerecht!". Da hinter steckt ein ganz natürliches und legitimes Bedürfnis. Ich will nicht zu kurz kommen, alles mitbekommen, was gemacht wird und nichts soll an mir vorbei gehen. Bei Jugendlichen ist dieses Gefühl besonders stark ausgeprägt. Und es ist schön zu sehen, wenn diese Gerechtigkeit nicht nur für einen selbst eingefordert wird, sondern wenn man auch darauf besteht, wenn es um andere geht. Allerdings hat man als Erwachsener auch mal andere Kriterien, und da kann das Gerechtigkeitsempfinden der Konfirmanden auch mal ganz schön nerven. [Bsp. Konfirmationseinteilung] Doch Gerechtigkeit ist nicht nur etwas für junge Leute. Wer von uns würde denn nicht auch gerne "Das ist ungerecht!", schreien, wenn er die Geschichte von den Arbeitern im Weinberg hört. Stellen wir uns doch einmal sinnbildlich in die Reihe der Arbeitssuchenden. Heute sind es in unserem Land immerhin 4,6Millionen, die dies tun. Folgende Fragen sollen uns helfen:

– Was für ein Arbeiter im Weinberg wärst du? Hilfst du gerne bei der Ernte?
– Erfüllst du deinen Dienst aus Pflichtbewusstsein oder aus Begeisterung?
– Denkst du wie die unzufriedenen Arbeiter im Gleichnis und solidarisierst dich mit ihnen?
– Was ist die wirkliche Motivation, der echte Beweggrund für deine Gemeindemitarbeit?
– Oder ruft dich vielleicht Gott schon seit einiger Zeit in seinen Weinberg und du hast, ähnlich wie die Arbeitssuchenden einen großen Erfolg zu verbuchen?
? Gedankenpause –

Versucht euch einmal vorzustellen, wie es in unserer Gesellschaft und vor allem in der Arbeitswelt zugehen würde, wenn wir diese Maßstäbe in die Praxis umsetzen würden: – immer mehr Angestellte würde ausschlafen, sich einen schönen Tag machen und erst kurz vor Arbeitsende die Firma aufsuchen, – die Unternehmen müssten demnach dauerhaft das volle Gehalt für nicht erbrachte Arbeitsleistung zahlen und – der Konkurs wäre vorprogrammiert. "Gleicher Lohn für gleiche Arbeit!", heißt es doch. Eine Gewerkschaftsforderung aus unserer Zeit, die auch heute im wesentlichen akzeptiert ist. Wer gute Arbeit leistet und zur Verfügung steht, wenn man ihn braucht, bekommt dafür auch gutes Geld, das ist klar, denn "Leistung muss sich wieder lohnen!", auch so ein Spruch aus unserer Zeit, der dann allerdings meistens, von der Arbeitgeberseite ausgesprochen wird. Da hinter steckt viel Menschenkenntnis und die ebenso einfache wie richtige Einsicht: "Wem eine gute Belohnung winkt, der strengt sich auch mehr an!". Doch in der Geschichte von den Arbeitern im Weinberg scheinen all diese Prinzipien der Gerechtigkeit auf den Kopf gestellt, da gelten weder Gewerkschafts- noch Arbeitgeberinteressen und schon gar nicht das jugendliche Gerechtigkeitsgefühl. Hier geht es um eine bildliche Erklärung, wie es im Reich Gottes zugehen wird. Die Beispielgeschichte beginnt ja mit den Worten: Denn das Himmelreich gleicht einem Hausherrn, der früh am Morgen ausging, um Arbeiter für seinen Weinberg einzustellen. Es geht also nicht um gerechten Lohn für gerechte Arbeit. Es geht um das Himmelreich. Das heißt es geht um die Zukunft, die Gott uns eröffnet, wenn unsere Gegenwart beendet ist. Kurz gesagt: Es geht um das Leben nach dem Tod. Welche Gerechtigkeit gilt dort, welche Maßstäbe werden dort angelegt. Die Jünger Jesu, seine Anhänger und Schüler waren Pragmatiker, so wie viele von uns. Wenn ich etwas tue, muss etwas dabei herausspringen, eine heute wie damals durch aus verbreitete und auch natürliche Ansicht. Die Jünger fragten auch so. Da fing Petrus an und sprach zu ihm: Siehe, wir haben alles verlassen und sind dir nachgefolgt; was wird uns dafür gegeben? Eine Frage wie sie heute auch gestellt wird: Was habe ich davon? Unter jungen Leuten, ist diese Frage sicherlich heute die Hauptfrage: Was habe ich davon? Und die meisten sind da nicht so bescheiden wie die Jünger und fragen erst nachdem sie mitgezogen sind und alles zurück gelassen haben. Heute wird vorher gefragt. "Was bringt mir das?" Jesus verweist die Jünger auf das Himmelreich, auf das Leben nach dem Tod, auf Gottes Zukunft, die unsere Gegenwart überdauert. Aber schauen wir uns die Antwort Jesu genauer an: Das Himmelreich ist wie ein Weinbergbesitzer. Für den damaligen Hörer, war schon deutlich, dass es hier um Gott und seine Schöpfung ging und nicht um allgemeine wirtschaftliche Fragen. Wenn vom Weinberg geredet wurde, dann war dieses Verhältnis Gottes zu seinen Geschöpfen seit den Propheten schon immer im Blick. Dieser Weinbergbesitzer zahlt nun Menschen den gleichen Lohn, egal ob sie den ganzen Tag in der Hitze geschmort haben und dabei so richtig malocht haben, wie man heute sagt, oder ob sie kurz vor Feierabend erst angefangen haben. Das ist ja das, was unser Gerechtigkeitsempfinden stört. Aber warum tut er das? Warum geht er den ganzen Tag lang immer wieder zurück auf den Marktplatz und holt neue Leute heran, denen er Arbeit gibt? Hätte er nicht als vorausschauender Chef vorher abschätzen können, wie viel Leute er braucht. Hätte er dann nicht gleich genug Leute einstellen können. Für den Betriebsfrieden wäre das sicherlich besser gewesen. Aber diesem Weinbergbesitzer geht es nicht um ein kooperatives Management, es geht ihm nicht darum, dass alle Mitarbeiter zufrieden sind, es geht ihm nicht um die Stärkung des Binnenbewusstseins um sich so stärker gegen die Konkurrenten auf dem Markt behaupten zu können, es geht ihm um die Außenstehenden. Ja, es geht ihm gerade um die Menschen, die da draußen auf dem Markt herumstehen und noch keine Arbeit haben. Deswegen rennt er alle paar Stunden nach draußen und stellt neue ein, nicht weil er sich verkalkuliert hat, sondern weil es ihm auf jeden einzelnen ankommt. Was steht ihr den ganzen Tag müßig da? Sie sprachen zu ihm: Es hat uns niemand eingestellt. Er geht auf die Menschen zu, holt sie von der Straße und gibt ihnen Arbeit und damit ein zu Hause. Er behandelt sie gleich und gibt ihnen den gleichen Lohn. Und zwar nicht gleichen Lohn für gleiche Arbeit, sondern jedem den gleichen Betrag egal, wie viel dafür geleistet wurde. Eigentlich sind wir es ja gewohnt, uns über die Güte und Gnade Gottes zu freuen. Denn wir wissen, ein jeder für sich selbst, wie nötig wir seine Gnade und Barmherzigkeit haben. Und doch merken wir an Geschichten wie dieser, dass Gottes Gnade und Barmherzigkeit auch nicht ganz unproblematisch sind, ja sogar ärgerlich werden können – nämlich dann, wenn sie unserem Gerechtigkeitsgefühl entgegenstehen. Gerechtigkeit und Gnade scheinen sich gegenseitig auszuschließen, und es fiele schwer, sich entweder für einen gerechten oder für einen gnädigen Gott zu entscheiden, wenn man wählen müsste.

Die Geschichte ist eine Mahnung an die Jünger, dass sie sich eben nicht zuviel ausrechnen sollen, nur weil sie von Anfang an dabei gewesen sind. Die Geschichte ist eine Mahnung an all die Treuen und Braven, dass sie nicht nur deshalb treu und brav sind, weil sie glauben, dann später auf die anderen herabschauen zu können. Gott gibt jedem das gleiche: dem Frühaufsteher und dem Spätzünder. Er vertröstet nicht auf das Jenseits, um damit die Ungerechtigkeit des Diesseits zu verschleiern. Nein, er spricht von einer Welt, in der all diese Rangunterschiede und Ungerechtigkeiten nicht mehr sein werden, eine Zeit, in der alle gleich sind, in der sich niemand Vorteile verschaffen kann, weder, durch seine Gabe früh am Ball zu sein, noch durch seine Verhandlungskunst beim Einstellungsgespräch. Die Letzen werden die Ersten sein. Der Satz ist auch zu einem geflügelten Wort geworden. Wie oft sagt man das so im Spaß, wenn man wieder mal nicht schnell genug war? Der Satz ist sicherlich ein Trost in unserer schnelllebigen Gesellschaft. Heute muss man up to date sein, sonst steht man sehr schnell vor der verschlossenen Tür. Insofern ist es ein Trost. Ein guter Trost. Doch gefährlich ist es, wenn man beginnt, mit den Zusagen Gottes zu rechnen und damit berechnend zu sein. Wer Menschen ausbeutet und dann auf das Jenseits vertröstet, der verhält sich solchermaßen berechnend. Und genauso berechnend verhält sich jemand, der Gottes Güte ausnutzt und sich überhaupt nicht anstrengt, um unter die Ersten zu kommen. Wer alle anderen vorlässt, nur um der Letzte zu sein, der dann vor Gott der Erste ist, muss aufpassen, dass er die Rechnung nicht ohne den Wirt gemacht hat. Denn Gott lässt sich nicht berechnen. Er entzieht sich unserer Verfügungsgewalt. Doch die Frage bleibt, was bringt mir das? Es war ja zunächst die Frage der Jünger, die nach einem gerechten Ausgleich für ihren Einsatz suchten. Doch sie müssen erkennen, nach menschlichem Ermessen, wird es sich nicht lohnen. Keiner erhält eine Ehrenloge im Himmel. Dort wird jeder gleich behandelt. Wir nennen das GÜTE ? Gottes Güte. Auf diese Güte dürfen wir vertrauen. Und die gibt uns Kraft das Gute, das wir für unser Leben erkannt haben, weiterhin zu tun und nicht damit aufzuhören, Gottes Gerechtigkeit ist sicherlich weitsichtiger als unsere, so wie seine Liebe höher ist als unsere Vernunft. Luther schreibt: ?Wir werden nicht gerecht durch Tun des Gerechten, sondern als gerecht gemachte bringen wir gerechte Handlungen hervor.? Für uns Christen besteht der Zusammenhang darin, dass wir im Wissen um das uns von Gott geschenkte Heil alles in unseren Kräften stehende tun wollen, um für das Wohl der Menschen zu arbeiten. So verstehe ich auch meine Aufgabe als Christ. Das erscheint mir die Konsequenz aus einem ganz und gar nicht politischen, sondern biblischen Text. Wenn Gottes Güte einen Menschen berührt, denn treibt ihn das auch in den Fragen der Welt an! Lassen wir uns also antreiben von einem Geist der Hoffnung, einem Geist der Gerechtigkeit und einem Geist der Güte. Wir werden es an den Früchten erkennen, wer sich antreiben hat lassen. ? Ein Anfang ist immer wieder, jeden Tag, notwendig. Und aus einem Anfang kann etwas ganz Grosses werden ? ganz sicher, mit Gottes Hilfe!

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