Damit wir die Träume nicht ersticken

Liebe Gemeinde,

Ostern und Weihnachten, da gibt es wenig Vermittlungsprobleme. Aber Pfingsten – Sprachenwunder, Ausgießung des Geistes? Nicht nur Kirchenfremde tun sich damit schwer. „Waren die alle auf Drogen oder wie?“ fragen Schüler – eine ähnliche Frage wird schon in der Apostelgeschichte aufgeworfen. „Andere aber hatten ihren Spott und sprachen: Sie sind voll von süßem Wein.“ Christen aus allen Ländern der bekannten Welt versammeln sich und haben plötzlich kein Verständigungsproblem mehr. Kann es das geben? Der Apostel Paulus sagt „Ja“ und zeichnet für die Gemeinde von Korinth einen klaren Entwurf, der auch heute zukunftsweisend sein kann. Hören wir dazu 1.Kor. 12:

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Das klingt so ideal, als wäre dem nichts hinzuzufügen. „Ja, prima, genau. So, in dieser Idealbesetzung wünsche ich mir Kirche.“ Verschiedene Gaben – ein Geist, verschiedene Ämter – ein Herr, der Herr, der alle Gaben verteilt hat. Da ist die Küsterin, die nichts lieber tut als ihren Dienst – und der es niemals in den Sinn käme, ans Lesepult oder gar auf eine Kanzel treten zu wollen. Da ist der Kirchenälteste, der sich mit Sachverstand um die Bauangelegenheiten kümmert und dem Pfarrer den Rücken freihält, der Kantor, der sich wirklich nur um Chor und Musik kümmert und nie darauf käme, sich auch in theologische Fragen einzuklinken, ein funktionierender Bibelkreis, um den sich
eine Frau kümmert, die besonders gut auslegen kann. Und schließlich gibt es eine Gruppe, die Kranke und Alte besucht und das so gut macht, dass der Pfarrer beim Geburtstagsbesuch hört: „Ach, Sie kommen selbst – wo ist den Frau Müller, ist die krank?“ In einem jeden offenbart sich der Geist zum Nutzen aller, das wäre jeden Tag Pfingsten.

Übertragen wir den Idealfall auf die Ökumene: Da sitzen Vertreterinnen und Vertreter verschiedener Bekenntnisse an einem großen Tisch – und sie haben längst aufgehört, darüber zu streiten, wer den anderen „Kirche“ nennen darf. Einig sind sie sich darin, dass der Geist Gottes Ursache ihres Seins, ihres Denkens und Glaubens ist. Sie leben in einiger Verschiedenheit und freuen sich darüber, dass die Gaben unterschiedlich verteilt sind. Die Orthodoxen bringen ihren spirituellen Anteil ein, das eucharistische Gebet, das nie aufhört, zum Beispiel. Mit den römisch-katholischen Schwestern und Brüdern sind sie sich einig darin, dass ihre Art des Gottesdienstes die Sinne mehr anspricht als die der reformatorischen Kirchen. „Kirchen“, sagen sie ohne in einen Streit über den Kirchenbegriff auszubrechen. Auch die Vertreter der reformatorischen Konfessionen lassen es aus, obwohl ihre Stärke im Disputieren liegt. „Jedem offenbart sich Gott in der Weise, die er versteht“, sagt ein Vertreter der liturgischen Bewegung zum Charismatiker, der im Zungengebet vor sich hinmurmelt. Und es sind verschiedene Kräfte; aber es ist ein Gott, der da wirkt alles in allen.

In einem jeden offenbart sich der Geist zum Nutzen aller. Gemeinsam denken sie darüber nach, wie sie mit der islamischen Herausforderung umgehen können und beschließen einen gewaltigen Bittgottesdienst mit Abendmahl, ohne Streit um die Ämter. Alle werden gemeinsam die Worte Jesu wiederholen, die er bei seinem letzten Mahl zu seinen Jüngern gesprochen hat. Niemand wird darüber diskutieren, dass da keine Frauen zugegen waren.
Wahrscheinlich denken Sie jetzt: „Sowas gibt’s doch nicht, man kann doch nicht einfach fundamentale Unterschiede wegradieren“ Schade. Von „Wegradieren“ war bislang überhaupt nicht die Rede. „Diese sind nicht betrunken, wie ihr meint“, das musste schon Petrus klarstellen, als am Pfingsttag plötzlich alle versammelten Christen einander verstehen konnten.

„I have a dream“, möchte ich nur mit Martin Luther King sagen, ich habe einen Pfingsttraum, nämlich den, das wir die Gaben des anderen auch als von Gott gegeben akzeptieren. Ja, dass wir sie erst einmal erkennen und schätzen lernen. Dazu gehört es, auch die eigenen Gaben und deren Grenzen zu erkennen. „Ach, Gott hat die Gaben ungerecht verteilt“, diese Klage habe ich oft gehört. Ist das wirklich so? Um das herauszufindengehört es, in sich hineinzuhören, darauf zu lauschen, welche Geistesgabe Gott gerade mir gegeben hat. Vielleicht ist es ja gar nicht die, die ich mir so sehr gewünscht habe. Bin ich wirklich derbegnadete Prediger? Warum quält es mich dann so sehr, mir jede Woche etwas einfallen zu lassen, warum schiebe ich meine Sonntagspredigt bis in die letzten
Samstagabendstunden vor mir her? Nur, weil die Gemeinde es erwartet? Oder weil ich es selbst von mir erwarte? Liegt es mir nicht viel, viel mehr, alte Menschen zu besuchen, im Krankenhaus oder im Gefängnis präsent zu sein? Sollte ich den Mut haben, mich um eine solche Arbeit zu bemühen und die Gemeindepfarrstelle frei zu machen für einen anderen, der am Schreibtisch im Konsistorium in der Warteschleife versauert.

Wäre vielleicht ein Pfarrer, der sich fanatisch in Kirchenrecht oder auch in Bauangelegenheiten stürzt, doch besser Architekt oder Anwalt geworden? Hätte er doch einen zu Rate gezogen, dem es gegeben ist, die Geister zu unterscheiden und der den Mut hat, das Ergebnis seiner Wahrnehmung auch noch zu äußern. Oder: Herr Z. ist zwar kein studierter Theologe, aber ihm fällt es leicht, vor Menschen von Gott zu reden. Warum macht er nicht bei der Lektorenausbildung mit? Warum machen andere Gemeindeglieder nicht demjenigen, bei dem sie so eine Gabe
bermerken, Mut, auch mal eine Lesung zu übernehmen oder eine Andacht zu halten, wenn der Pfarrer im Urlaub ist? Warum höre ich so oft – besonders von
römisch-katholischen Pfarrern – bei der Übetragung von Aufgaben auf sogenannte
Laien den Satz: „Die Gemeinde ist noch nicht so weit?“ Es waren einfache
Fischer, die von Christus mit der Verkündigung beauftragt wurden, der Apostel Paulus war Zeltmacher von Beruf.

Ich habe dieser Tage ein junges Mädchen, eine Schülerin, predigen hören. Der Pfarrer hatte ihr Sonntags den Platz im Gottesdienst eingeräumt, der gerade für den Protestanten, dem das Wort so zentral ist, derjenige ist, den ein Amtsträger am schwersten einmal loslässt. „Die Kanzel gehört mir“, das denken viele Pfarrer, auch dann, wenn sie sich nach etlichen Dienstjahren schon müde gepredigt haben und einmal eine Auszeit gebrauchen könnten. Die evangelische Kirche stellt das Wort so sehr ins Zentrum, dass man meinen könnte, der
Gottesdienst bestehe nur aus Predigt.

»Kirchen sind nicht das steinernde Haus, in dem man betet und das Wort Gottes in der Gemeinde handelt, sondern die Versammlung der Gläubigen.« So heißt es in der Pfingstlichen Losung des Pfarramtskalenders, das hat eine lebendige Bedeutung für die Predigt des Evangeliums. Die Schülerin sprach frei, ohne Manuskript, sie redete vom Glauben in einer Weise, wie es die Gemeinde noch nie gehört hatte – und traf die Menschen direkt im Herzen. Lange standen sie noch vor der Kirchentür und sprachen über das, was sie da erlebt hatten. „Die hat da eine Gabe“, hörte ich. Der Pfarrer schien kein bißchen neidisch, er freute sich mit über seine gute Idee, das Mädchen sprechen zu lassen. Dem einen wird durch den Geist gegeben, von der Weisheit zu reden; dem andern wird gegeben, von der Erkenntnis zu reden, nach demselben Geist; einem andern prophetische Rede; einem andern mancherlei Zungenrede; einem andern die Gabe, sie auszulegen. Predigten können, das wusste offenbar schon Paulus, ziemlich verschieden ausfallen – je nachdem, welche Gabe derjenige, der spricht, vom Geist mitbekommen hat. Wenn wir also manchmal geneigt sind, reichlich kritisch mit demjenigen, der da auf der Kanzel oder am Pult steht, umzugehen, sollten wir bedenken: Der Geist teilt wirklich jedem das Seine zu, wie er will.

Leider neigen wir dazu, dem Geist Gottes mit von Menschen gemachten Kirchengesetzen das Wirken zu erschweren. Wie gut, dass wir das nicht wirklich vermögen. Wie gut, dass da, wo der Geist Gottes weht, Freiheit ist. Wie schade, dass wir diese Freiheit so wenig nutzen und uns selbst Fesseln und Ketten anlegen. Wie anders, wie viel frischer und lebendiger könnte unser
Gemeindeleben aussehen, wenn wir es wagten, uns über einige Konventionen und viele ungeschriebene Gesetze hinwegzusetzen. Wohlgemerkt, ich bin ein großer Freund von ausführlicher und klangvoller Liturgie, von ständig wiederkehrenden Ritualen im Gottesdienst. Wir Menschen brauchen einfach Rituale, um uns zu Hause
zu fühlen. Aber das werden die Versammelten im Gottedienst nur dann so empfinden, wenn wissen, was sie tun und mit welchem Sinn eben genau an dieser oder jener Stelle. Und so ähnlich ist es mit den meisten Dingen in unseren
Gemeinden.

„Das haben wir hier immer schon so gemacht“, das ist ein geistloses, ja geistestötendes Argument. Als „Gemeinschaft der Heiligen“ – ja, damit sind wirklich wir gemeint – feiern wir Pfingsten Geburtstag, Grund genug, dem Geist die Fenster weit zu öffnen, damit er wirken kann und damit wir unsere Träume nicht ersticken.

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