Buy Now – Be Now!?

"Es ist nun aber nahe gekommen das Ende aller Dinge." – Tja, liebe Gemeinde, bei so einem Satz, da könnte ich doch die Bibel gleich wieder zuschlagen und beiseite legen. Weiterlesen, das lohnt sich ja wohl nicht, oder? Für mich klingt dieser erste Vers wie: "Lange machen wir es nicht mehr." Oder: "Viel Zeit bleibt uns eh nicht." Und wenn ja doch bald alles den Bach runter geht, dann weiß ich nicht, was mich die folgenden Verse noch großartig interessieren sollen? Ist doch eh alles für die Katz! Weshalb also sollte ich dem nachfolgenden Text noch Beachtung schenken …?

"Es ist nun aber nahe gekommen das Ende aller Dinge." Gerade damit erzählt uns der liebe Petrus ja nichts Neues! Dass alles ein Ende hat, das wissen wir. Jeden Tag erfahren wir es – nichts ist für die Ewigkeit bestimmt: der Arbeitsplatz nicht; der Aktienkurs nicht; das angesparte Geld nicht; die Ehe nicht; der beste Freund nicht und die beste Freundin auch nicht; die Regierung schon gar nicht; aber auch nicht das gute Porzellan; selbst das, was immer schon gegolten hat und richtig war – auch das nicht; und nicht zu vergessen: das World Trade Center – selbst das war nicht für die Ewigkeit bestimmt; Kriege sind es Gott sei Dank nicht und der Frieden, nein, der ist es leider auch nicht; ebenso wenig wie der Rausschmiss aus dem Paradies – immerhin; unsere Mutter Erde nicht; sogar das ganze scheinbar unendliche Universum, auch das ist nicht für die Ewigkeit bestimmt; und all unser Mühen und Machen, unsere großen und kleinen Sorgen, die Stunden des Glücks und der Trauer, die Höhen und Tiefen im Leben – alles das ist nicht für die Ewigkeit bestimmt. Denn all das, alles, liebe Gemeinde, hat einmal Ende.

Uns Menschen sind Grenzen gesetzt. Da können wir noch so viel forschen und an unseren Genen herummanipulieren – was wir schaffen und was wir sind bleibt begrenzt. "Leider" werden wir in vielen Fällen denken, denn das eigene Ende oder das liebgewonnener Menschen schmerzt und macht Angst. Aber auch ein "Gott sei Dank!" wird manch einem durch den Kopf gehen, wenn wir daran denken, zu welch schrecklichen Taten der Mensch fähig ist …

So oder so: dass alles, auch wir selbst, einmal ein Ende hat, steht fest. Und irgendwie müssen wir uns ja damit arrangieren, damit zurecht kommen, damit leben. Nur wie? Wird nicht alles sinnlos, wenn am Ende doch alles der Vergänglichkeit unterworfen ist?

Ich glaube, liebe Gemeinde, dass dies die Frage ist, die sich die Menschen seit sie denken können immer wieder stellen und für die sie eine Antwort suchen. Die einen tun es in jahrelangen Studien und seitenschweren philosophischen Traktaten, die anderen in einem kurzen Moment ihres Lebens, während sie an der Bushaltestelle warten oder beim Frühstück ihren Kaffe schlürfen. Die meisten wird diese Frage wohl am intensivsten beschäftigen, wenn sie eine Krise durchmachen, wenn jemand erkrankt ist oder gar stirbt und uns der Sinn, den wir dem Leben geben möchten, in der Trauer verborgen bleibt. Aber im Grunde bewegt sie uns jede Minute unseres Daseins, auch, wenn wir viele Wege finden, uns vor ihr zu drücken …

"Es ist nun aber nahe gekommen das Ende aller Dinge." Der erste Petrusbrief mutet uns diese Frage auch heute Morgen zu und fordert uns auf, darüber einmal bewusst nachzudenken. Wonach kann ich mein Leben ausrichten, wenn am Ende doch nichts zu bleiben scheint? Welchem Lebensentwurf will ich denn nachgehen, um die Zeit, die mir gegeben ist, nicht ganz und gar zu verplempern?

An dieser Stelle lohnt es sich wohl doch, die restlichen Verse des Predigttextes noch einmal zu lesen. Wer wie der Apostel das Ende nahe vor Augen hat, wird sich ja wohl ein paar Gedanken über die Zeit gemacht haben, die ihm noch bleibt. Hören wir uns die nächsten Verse also noch einmal an:

[TEXT: V. 7b-11]

Alles ins Chaos gleiten zu lassen, so, wie es in manchem Katastrophen- und Endzeitfilm gerne ausgemalt wird, daran denkt er also nicht. Im Gegenteil: Besonnenheit, Liebe, Gastfreundschaft, Dienst am Nächsten – das sind die Dinge, die mir beim Lesen deutlich in Erinnerung bleiben. Diese Worte klingen anders als das, was man heutzutage oft in der Werbung zu hören bekommt, die auf ihre Weise eine Antwort auf die Lebensfrage geben.

Symptomatisch finde ich dabei den Spruch, den ich neulich in einem großen Einkaufszentrum in einem Schaufenster eines Modegeschäftes gelesen habe: "be now – buy now" – Sei jetzt! Kaufe jetzt! Was früher bei den Philosophen noch "Ich denke, also bin ich." hieß, lautet heutzutage: "Ich kaufe, also bin ich." Das Kaufen ersetzt unserer Tage also das Denken! Ob das wirklich eine so tolle Idee ist, wie sie uns die Werbestrategen schmackhaft machen wollen?

Jedenfalls macht dieser Werbeslogan im Vergleich zum Predigttext aus dem Petrusbrief doch eines sehr deutlich: Der christliche Lebensentwurf steht der Lebensphilosophie großer Teile unserer Gesellschaft doch sehr kritisch gegenüber. Während auf der einen Seite das eigene Leben, also was einen ausmacht, was man gegenüber den anderen darstellt, definiert wird durch das, was man besitzt, ist es auf der anderen Seite gerade umgekehrt: man legt Wert auf das, was man zu geben hat! Wird hier also materieller Besitz gescheffelt, den man sich von anderen erkaufen muss, so soll dort der immaterielle Schatz, den der Mensch von Gott geschenkt bekommen hat, unter die Leute gebracht und ausgegeben werden. Im Grunde genommen scheinen mir die beiden Entwürfe fast unvereinbar zu sein …

Die Frage, die hinter dem – ich nenne ihn einmal "kommerziellen" – Lebensentwurf steht, ist die: Was habe ich jetzt davon? Und die gibt es gleich in zwei Varianten: Was habe ICH jetzt davon? Und: Was habe ich JETZT davon? Sozialforscher weisen schon seit geraumer Zeit darauf hin, dass sich die Menschen unserer Breitengrade individualisieren, sich also immer mehr auf sich selbst konzentrieren. Und dazu gesellt sich nun noch eine andere Entwicklung: Wir leben mehr und mehr punktuell, dem Augenblick kommt immer häufiger das Leben bestimmende Bedeutung zu. Das Vorher und Nachher wird damit unwichtig und auch uninteressant. Sich mit der Vergangenheit auseinander zusetzen oder sich um die eigene Zukunft Gedanken zu machen, das verliert – gerade unter jungen Menschen – immer mehr an Bedeutung. Welche Konsequenzen das für unseren täglichen Umgang untereinander und den sozialen Frieden haben wird, bleibt abzuwarten. Dass es aber schwieriger werden wird, die Menschen für ein Generationen übergreifendes und den Mitmenschen einbeziehendes Lebenskonzept zu gewinnen, ist wohl sicher.

Die Frage, die sich hinter dem christlichen Lebensentwurf verbirgt, ist eine andere. Sie ist im Grunde genommen zeitlos und umgreift damit Vorangegangenes und noch Kommendes. Sie lautet: Was hat der oder die andere davon? Ohne sich selbst zu verleugnen, den anderen im Blick haben – das ist es, was uns schon Jesus mit seinem Doppelgebot der Liebe als alternatives Lebenskonzept ans Herz gelegt hat. Petrus nimmt es in seinen Versen auf seine Weise auf: Jede und jeder diene mit seinen Gaben, die er bzw. sie von Gott empfangen hat. Gib das, was du zu geben in der Lage bist; nicht mehr, aber auch nicht weniger!

Ich bin fest davon überzeugt, dass wir in Zukunft dieses Lebenskonzept noch bitter nötig haben werden. Eine Gesellschaft, die sich nicht nur vom Mitmenschen, sondern auch von der eigenen Vergangenheit und Zukunft entsolidarisiert, ist nicht tragfähig. Deshalb ist es so wichtig, dass wir immer wieder versuchen, diesem Menschen aus Nazareth in seinen Ansichten und Taten zu folgen: mit Besonnenheit und Liebe, in Gastfreundschaft und im Dienst am Nächsten. Die Frage, ob sich das denn lohnt, wenn denn doch alles einmal ein Ende haben wird, darf sich für uns so nicht stellen. Denn zum einen dürfen wir ChristInnen die Hoffnung haben, dass es einmal eine Ewigkeit geben wird, also eine Zeit, in der es kein Ende aller Dinge geben wird. Zum anderen macht die in jeden Bereich unseres Daseins reichende Begrenztheit unseres Lebens die Art und Weise, wie wir es gestalten nicht sinnlos, sondern – ganz im Gegenteil – unendlich wertvoll. Und dem sollten wir in unserem Denken und Handeln verantwortungsvoll Rechnung tragen!

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