Brücke

Liebe Gemeinde,

als Schriftlesung haben wir das Ende des Lukasevangeliums gehört. Womit endet das Evangelium, wie es Lukas erzählt, die Geschichte von Jesus Christus, wie er auf der Erde gelebt und gewirkt hat? Wie er durch Gottes Kraft Kranke geheilt und Trauernde fröhlich gemacht hat. Wie er die Menschen begeistert hat mit seiner Art, das Reich Gottes in Geschichten vor ihren Augen Wirklichkeit werden zu lassen. Wie er seinen Jüngern und allen, die es hören wollten, mit dem, was er gesagt und getan hat, die Hoffnung auf das Reich Gottes ins Herz gepflanzt hat. Wie er am Kreuz gelitten hat und gestorben ist und dann wieder auferstanden, wider alle Hoffnung. Wie endet diese Geschichte, die uns Lukas da erzählt, diese Geschichte von Jesus, wie er hier auf der Erde als Mensch unter Menschen gelebt hat? Sie endet mit Christi Himmelfahrt.

Ja, und wie geht’s weiter? Nach Christi Himmelfahrt? Ist damit alles aus? Nun ist das Evangelium aus, nun gehn wir alle brav nach Haus. Ist es das? Schluss, vorbei, Ende, Aus? Das kann doch nicht sein. Da fehlt doch noch was, oder!? Natürlich fehlt da noch was. Und deshalb hört auch Lukas nicht auf zu schreiben, nachdem er mit dem Evangelium von Jesus Christus fertig ist. Als zweites schreibt er darüber, wie es dazu kam, dass die Gruppe, die sich um Jesus gesammelt hatte, nicht eine kleine jüdische Splittergruppe geblieben ist, sondern zu einer großen und kräftigen Gemeinschaft geworden ist, die viele Menschen in vielen Ländern umfasst. Er schreibt, darüber, dass mit Christi Himmelfahrt eben nicht alles aus war, sondern dass mit Christi Himmelfahrt etwas anfing. Und diese Geschichte, wie mit Christi Himmelfahrt nicht etwas aufhörte, sondern etwas anfing, die ist heute Predigttext. Ich lese aus der Apostelgeschichte des Lukas, Kapitel 1, die Verse 1-11. Lukas schreibt an seinen Freund Theophilus:

[TEXT]

Liebe Gemeinde, ein Bild ist in mir aufgetaucht, als ich das gesehen habe: Christi Himmelfahrt ist das Ende des Evangeliums, das Ende der Zeit, die Jesus Christus als Mensch unter Menschen hier auf der Erde gelebt hat. Christi Himmelfahrt ist aber zugleich der Anfang von etwas Neuem. Christi Himmelfahrt spannt den Bogen vom Ende des einen hin zum Anfang des anderen, des Neuen.

Für Lukas endet die Geschichte, wie Jesus Christus als Mensch unter Menschen auf der Erde lebt und wandelt, mit Christi Himmelfahrt. Und die Geschichte, wie seine Gemeinde, obwohl er nicht mehr sichtbar unter ihnen ist, sich immer wieder um ihn versammelt, ihn anbetet und in seinem Namen die Vergebung der Sünden und das Kommen des Reiches Gottes predigt, beginnt mit Himmelfahrt.
Ich glaube, Lukas hat da etwas gesehen: Christi Himmelfahrt spannt einen Bogen, der zwei Dinge miteinander verbindet: Christi Himmelfahrt ist die Brücke zwischen Jesus Christus und uns, seiner Gemeinde.

Das, was wir hier heute tun, Jesus Christus zu feiern, ihn zu loben und anzubeten, ihn um Vergebung unserer Schuld zu bitten, das hat hier, an Christi Himmelfahrt, seinen Angelpunkt, seinen Brückenkopf.

Es ist eine Brücke zwischen Gott und uns Menschen, die hier an Christi Himmelfahrt sozusagen eingeweiht wird. 40 Tage nach der Auferstehung, nach Ostern. 40 Tage war Christus als der Auferstandene auf Erden, und dann war es endlich offensichtlich für die Jünger: Er ist wirklich auferstanden. Zuerst, am Ostersonntag, da dachten sie ja, sie sehen ein Gespenst, und es brauchte seine Zeit, bis sie gewiss waren: Ja, Christus selbst ist mitten unter uns. 40 Tage hat es gebraucht, bis das Vertrauen der Jünger in den Himmel wieder so groß war, dass sie geglaubt haben: Ja, Jesus Christus ist wahrhaftig aus dem Tode auferstanden. Gott ist bei ihm geblieben trotz des Todes am Kreuz. Der Tod am Kreuz hat Christus nicht verflucht, sondern ihn nur noch enger mit Gott zusammengebracht. Denn Gott hat Jesus Christus nicht dem Tod überlassen. Gott ist bei Jesus Christus heute und in Ewigkeit.

Und Christus? Wenn Gott bei Christus ist, dann ist auch Christus bei Gott. Und dass Christus bei Gott ist, ganz nahe bei ihm, so nahe, dass wir Menschen keinen Unterschied mehr erkennen können, so nahe bei Gott und trotzdem so nahe bei uns, dass er mitten unter uns ist, das feiern wir an Christi Himmelfahrt. Christus ist unsere Brücke zu unserem Vater im Himmel.

Und das ist eine tragfähige Brücke. Denn so wie die eingeschlossenen Berliner eine Luftbrücke hatten, über die sie mit allem Notwendigen versorgt wurden, so ist hier eine Brücke, mit der Christus uns, seine Gemeinde hier auf Erden, mit allem Notwendigen versorgt.

Christus verspricht seinen Jüngern, verspricht uns, kurz bevor er wieder ganz bei Gott ist: »Ihr sollt mit dem heiligen Geist getauft werden.« Mit dem Heiligen Geist getauft zu werden. Was mag das heißen? Mit dem heiligen Geist Gottes getauft zu werden – was für eine Vorstellung. Gott schenkt uns seinen Geist. Er tauft uns mit seinem Geist. Die Jünger können sich wenig darunter vorstellen. Pfingsten liegt ja noch vor ihnen. Aber es ist klar, irgendetwas Gutes, das von Gott kommt, muss es sein.

Aber worauf sollen sie den jetzt in Jerusalem warten? Die Jünger denken, bei der Taufe mit dem Heiligen Geist gehe es irgendwie um die letzten Tage für ihre Heimat, für Israel, wo man doch so sehnsüchtig darauf wartet, dass das Reich Davids wiederersteht. Und sie fragen darum: »Herr, wirst du wieder aufrichten das Reich für Israel?«

Aber das ist es nicht, was Christus im Blick hat. Die Jünger denken kleinräumiger, als es Christus tut. Christus hat mehr im Blick. Die Brücke, die Christus an Himmelfahrt geschlagen hat, führt nicht von einem bestimmten Punkt auf der Erde zum Himmel. Nicht von Jerusalem oder Israel aus erreicht man über diese Brücke den Himmel. Diese Brücke verbindet Himmel und Erde. Und zwar die ganze Erde. Von überall soll man durch diese Brücke, durch Christus, direkten Zugang zum Vater haben, ohne geographische Umwege. So wie es im Tagesspruch hieß, wo Christus sagt: »Wenn ich erhöht werde von der Erde, so will ich alle zu mir ziehen.« Alle will Christus bei sich haben. Von überall her.

Was das heißt, versucht Christus den Jüngern und uns zu erklären: »ihr werdet die Kraft des heiligen Geistes empfangen, der auf euch kommen wird, und werdet meine Zeugen sein in Jerusalem und in ganz Judäa und Samarien und bis an das Ende der Erde.« Das Neue, der Anfang, den Christi Himmelfahrt bedeutet, ist diese Globalisierung des Evangeliums. Lange bevor die Wirtschaft entdeckt hat, dass es wichtig ist, die ganze Welt im Blick zu haben, ist das die Aufgabe, die die Jünger von Christus erhalten. Nicht mehr nur in Jerusalem, nicht mehr nur in Israel, sondern auf der ganzen Welt, bis ans Ende der Erde soll das Evangelium verkündigt werden. Durch sie.

Und wir brauchen uns die Jünger nur anzusehen, um zu wissen: Da hat Gott mal wieder die Rechten rausgesucht. Alles einfache Männer vom See Genezareth, aus Galiläa. Sie sprechen so stark Akzent, dass man sie schon in Jerusalem sofort daran erkennt. Die sollen das Evangelium hinaus in die Welt tragen? Es ist deutlich: Was auch immer das ist, der Heilige Geist, sie werden ihn brauchen, damit sie ihren Auftrag erfüllen können.

Aber wir wissen: Sie haben ihren Auftrag erfüllt. Sie haben das Evangelium hinausgetragen in die Welt. Von Jerusalem bis hierher nach Dettenhausen ist das Evangelium gelangt. Machen Sie sich das klar: Dass wir das Evangelium hören, das nimmt an Christi Himmelfahrt seinen Anfang. Zum Gott der Erzväter, zum Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs, beten auch wir. Der Gott, der am Gottesberg bei Jerusalem, am Zion Wohnung genommen hat, er ist genauso auch hier gegenwärtig. Durch Christus ist er jedem Menschen nahe, an jedem Ort auf dieser Welt. Und diese einfachen Menschen, Fischer und Handwerker, sie haben uns von ihm erzählt.

Christi Himmelfahrt, das heißt also: Christus hat eine Brücke geschlagen zwischen Himmel und Erde. Und diese Brücke ist von überall her erreichbar. Sie steht jedem Menschen offen. Wir Menschen sind gefragt, diese Brücke durch Gottes Geist zu erkennen und uns auf sie zu verlassen. Uns darauf zu verlassen, dass die Gemeinschaft zwischen Gott und uns, die in Jesus Christus Realität geworden ist, dass diese Gemeinschaft trägt. Denn Christus ist ganz bei Gott und doch ganz bei uns.

Denn Christus ist im Himmel, an Christi Himmelfahrt feiern wir ja, dass Christus, der mitten unter uns gelebt hat und immer wieder mitten unter uns, wo wir uns um ihn versammeln, dass Christus ganz bei Gott ist. Ganz bei Gott, das bedeutet: Christus ist an einem Ort, an dem er alle gut sehen kann. Christus hat keinen verengten Blickwinkel, nur auf Israel, oder nur auf die Kirche. Christus sieht alle Menschen. Und er will, dass allen Menschen geholfen werde. Er hat eine Brücke geschlagen zwischen Himmel und Erde, die für jedermann da ist, für alle Menschen. Jeder soll erfahren, dass in Christus Gott und Mensch nicht mehr länger von einander getrennt, sondern vereinigt sind. Durch Christus sind wir Menschen mit Gott versöhnt. Und in der Kraft seines Heiligen Geist erfahren wir, wie es unser Vater im Himmel mit uns meint.

An Christi Himmelfahrt wird diese Brücke eingeweiht: Die Brücke, die Christus gebaut hat zwischen Himmel und Erde, zwischen Gott und uns.

Und auf dieser Brücke sendet er den heiligen Geist auf uns, damit wir seine Zeugen werden können. Seine Zeugen hier in Dettenhausen und in der Welt.

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