Brot des Lebens

Ich bin froh, liebe Gemeinde, dass ich heute nicht über Fleisch reden muss, sondern über Brot predigen darf. Das ist wenigsten noch in Ordnung, das kann man ohne Bedenken noch essen? Jesus hat damals in seinem Satz vom "Brot des Lebens" ja ein Lebensmittel für seinen Vergleich benutzt, das zu den alltäglichen Nahrungslieferanten gehörte und selbst den Ärmsten nicht vorenthalten werden sollte. Wollte man dieselbe Aussage heute machen und dabei die gleiche Intention rüberbringen, dann müsste da vielleicht tatsächlich stehen: "Ich bin das Fleisch des Lebens." Und dann hätte ich jetzt hier oben meine Nöte, denn ich müsste über BSE und MKL hinweg diesem Wort noch eine positive Note geben. Das wäre sicher ein sehr schwieriges Unterfangen geworden …

Aber zum Glück war damals Brot noch Brot und ist es heute noch – auch wenn wir uns von der romantischen Vorstellung vom selbstgebackenen und mit allerlei guten Zutaten gespickten Laib Brot verabschieden müssen. Zu Hause selbst Brot zu backen war vor 25 Jahren nur etwas für die Ökos, wurde dann ja "in" und gehörte zum guten Ton und ist in den letzten Jahren wieder etwas aus der Mode gekommen – jedenfalls werden in der Webung nicht mehr so viele Brotbackautomaten angepriesen wie noch vor fünf oder zehn Jahren. Und dass der Bäcker noch eigenhändig Mehl und Salz und was noch dazu gehört vermengt und den Teig dann Laib für Laib in den Ofen schiebt, das ist auch vorbei – es sei denn, er macht damit ein Geschäft und verlangt dafür gute Preise. Heute gibt es zu diesem Zweck allerlei Backmischungen, da sind alle grundlegenden Zutaten schon drin. Vor Ort muss man dann nur noch abschmecken und hier und da etwas dazutun. Manche Bäckereien sparen sich auch diese Arbeit und backen gar nicht mehr selbst, sondern lassen sich die Laibe aus der Brotfabrik anliefern. Wie dem auch sei, jedenfalls kann man sich im Großen und Ganzen doch noch einigermaßen sicher sein, dass im Brot nur das drin ist, was auch da rein gehört …

Brot genießt also unser Vertrauen und gilt immer noch als ein Grundnahrungsmittel auch unserer Zeit, auch wenn es seine sympathische Schlichtheit durch Vollkorn, Mehrkorn, Sonnenblumen- und Kürbiskerne, Wallnüssen und Zwiebeln schon längst verloren hat. Man kann im Laden sogar schon ein "Brot für die Welt" kaufen, ist doch toll! Fehlt nur noch, dass es demnächst auch "Brot des Lebens" im Angebot gibt, ofenfrisch, garantiert ohne Konservierungsstoffe und gut bekömmlich weil die Darmflora anregend. Ich sehe schon das Werbeplakat dafür in den Bäckerläden hängen mit dem Slogan: "Jesus hätte es nicht besser backen können – Brot des Lebens von Ihrem Bäcker" oder so ähnlich. Es müsste irgendwie urig schmecken, dürfte ruhig ein bisschen rustikal aussehen und anstatt in Papier würde man es in naturfarbene Jute packen. Ich sage ihnen, das wäre bestimmt kein Ladenhüter – wo sich doch alle so sehr nach Vitalität, also nach dem Leben sehnen. Da darf es dann auch ein paar Mark mehr kosten, ist ja nicht so, als wären wir für unser Wohlbefinden nicht bereit, tiefer in die Tasche zu greifen …

Bei uns in der Kirche gibt es das Brot des Lebens ja umsonst, manchmal sogar sonntags! Ist doch komisch, dass das so schwer ist, unter die Leute zu bringen. Ich meine, es ist doch so, dass die meisten Menschen heutzutage lieber in die Läden laufen und ihr sauer verdientes Geld hinblättern, um sich ein Stück Leben zu kaufen – und wenn es nur ein Laib "Brot des Lebens" wäre. Wer, bitteschön, sucht denn das Leben noch in der Kirche? Woran liegt das denn nun? Was stimmt denn nicht an unserem Brot des Lebens?

Ich werde es ihnen sagen: Unser Brot des Lebens, liebe Gemeinde, gibt es zwar umsonst, aber es kostete das Leben eines Menschen; und seine Leidensgeschichte ist nun einmal schwerer zu verdauen als ein paar Vollkornschnitten. Bevor jemand mit dem Brot des Lebens etwas anfangen kann, muss er sich mit einer Geschichte des Sterbens befassen, nämlich mit der Passionsgeschichte – und da vergeht so manchem der Appetit. Kaufe ich mein Brot des Lebens beim Bäcker, sorge ich gleichzeitig für Arbeitsplätze und habe so neben dem Nahrungsmittel noch ein gutes Gewissen erstanden. Dagegen bekomme ich beim Genuss des Brotes, das es in der Kirche gibt, oft noch ein schlechtes Gewissen aufgeschwatzt, und wer will das schon, auch wenn es gratis zu haben ist.

Das Problem liegt womöglich darin, dass viele Menschen sich zwar noch die Kreuzigung Jesu vorstellen, aber nicht mehr an seine Auferweckung glauben können. Sterben und Tod, das sind Erfahrungen, mit denen wir tagtäglich konfrontiert werden, sie sind uns auf eine gewisse Weise vertraut – auch wenn viele versuchen, sie zu verdrängen. Es ist nun einmal so: Karfreitag ist uns im alltäglichen Leben viel näher, als wir vielleicht möchten, aber Ostern ist weiter weg, als wir es uns wohl manches Mal wünschen. Die evangelische Kirche hat dem mit ihrer Betonung des Leidens Jesu – so wichtig dies auch sein mag – Vorschub geleistet. Und sie hat dabei vielleicht vergessen, dass es letzten Endes ja nicht um seinen Tod, sondern um sein Leben geht! Das nimmt dem Kreuz zwar nicht den Ernst, aber doch seine Letztgültigkeit.

Vielleicht liegt darin ja eine Chance, Ostern auch bei uns in der Kirche erfahrbarer zu machen: indem man das Leid der Welt zwar ernst nimmt, ihm aber seine Endgültigkeit abspricht. Vielleicht würde uns das helfen, so manche Hilflosigkeit zu überwinden, mit der wir – oft auch im eigenen Leben – immer wieder konfrontiert werden. Es würde zum Beispiel bedeuten, dass wir Menschen nicht auf ihre Vergangenheit oder Fehler festnageln, sondern in ihnen mehr die Möglichkeiten und Chancen für Zukünftiges sehen und sie auch so behandeln sollten. Es hieße, vor scheinbar unlösbaren Problemen nicht wie der Ochse vor dem Berg stehen zu bleiben und in Lethargie zu erstarren, sondern sie als Herausforderung zu begreifen, die gemeinschaftlich getragen und überwunden werden können.

Alle, die hierher kommen und ihre kleinen und großen Niederlagen mitbringen, sollten diesen Ort nicht mit der gleichen Verzweiflung oder Hoffnungslosigkeit wieder verlassen dürfen, wenn wir Jesu Worte ernst nehmen und sie in unserer Gemeinde auch Wirklichkeit werden lassen wollen. Es heißt schließlich nicht: "ich will euch bedrücken", sondern: "ich will euch erquicken"! Dafür sind sie doch heute Morgen hierher gekommen, um sich von Gott und seinem guten Wort fit für das Leben machen zu lassen. Das ist Ostern, jeden Sonntag wieder neu, auch in der Passionszeit.

Wir haben mehr zu bieten als alle Unterhaltungs- und Konsumindustrien der Welt zusammen: einen Menschen, der uns mit seinem Leben und Sterben zeigen wollte, dass es kein Ende gibt, das Gott nicht zu einem neuen Anfang werden lassen könnte. Das ist unser Brot des Lebens. Es will unserem Leben dienen und zum Leben befähigen. Das tut es nicht, indem es uns eine heile Welt vorgaukelt und von den schwierigen Seiten des Lebens ablenkt. Vielmehr will es uns durch all das hindurch begleiten, was wir sind und in unserem Leben erfahren – und uns zu einem guten Anfang führen.

drucken