Bilder einer Ausstellung

Liebe Gemeinde, liebe Gäste, liebe Schwestern und Brüder!

Das sehr weit gefasste Ausstellungs-Thema von den „Lebensansichten“ bekommt durch unseren Predigttext einen ganz konkreten Zuschnitt. Er lautet „Wie siehst du die anderen?“ Nun- immer noch ein weites Themenfeld. Doch schauen Sie sich nachher die Bilder an, die unsere Petri-Kirche schmücken. Sie sehen Sportler voll Anstrengung. Sie sehen Menschen allein und zu zweit. Junge und Alte. Sie sehen Gesichter, offen oder verborgen hinter Masken. Sie sehen Gesichter: fragend oder fröhlich. Sie sehen Menschen aus Asien und Europa.

Was Sie aber in der Ausstellung nicht sehen, sind die Bilder, die wir nicht fotografieren und doch vor unsere Augen stellen. Innere Bilder sind damit gemeint, Bilder, die unsere Lebensansicht betrefflich ganz bestimmter Menschen zum Ausdruck bringen.

Zwei einfache Fragen stellt uns Paulus: Du aber, was richtest du deinen Bruder? Oder du, was verachtest du deinen Bruder? Richtig, die Fotografien in unserer Ausstellung sind frei vom Gedanken der Verachtung. Sie sind frei vom Gedanken, einander zu richten, zu beurteilen, zu verwerfen. Sie sind frei davon, jemanden bloß zu stellen.
Was uns hier äußerlich umgibt, sind Bilder des Lebens, Bilder von der Schönheit der Natur, Bilder von der Vielfalt der Schöpfung. Lebensansichten.

Was wir dagegen oft im Herzen tragen sind Bilder, deren Untertitel lauten könnten: Seht nur, welch ein eitler Protz. Seht nur, wie machtbesessen er ist. Schaut her, wie boshaft ihre Zunge. Und hier: Ein geiziger Mensch. Und dort: Ein Betrüger – sag ich. Diese Bilder fotografieren wir nicht – und doch sind sie da und bestimmen die Art und Weise, wie wir miteinander umgehen. „Was wahr ist, wird man doch noch sagen dürfen“, rechtfertigen wir unsere dunklen Bilder und deren wortreiche Schilderung am Telefon. Denn wir sind uns dessen nicht bewusst, dass wir die Skizzen der Menschen um uns herum selber zeichnen, aktiv gestalten und kolorieren. In unserer Seele liegt kein Chip oder Film, der rein mechanisch auf äußeren Lichteinfall reagiert. Wie wir und was wir am anderen Menschen sehen, das prägt unser Gegenüber selbst bestenfalls nur zur Hälfte. Die andere Hälfte malen wir dazu mit dem Gelb unseres Neid, mit dem Rot unseres Zorns, mit dem Grau unserer Missmut und den grellen Tönen unser Missgunst oder dem Blassblau der Angst.

Du aber, was richtest du deinen Bruder? Oder du, was verachtest du deinen Bruder? „Muss man also mit den Augen des Fotografen stets nur das Schöne, Wahre und Gute sehen?“, mögen Sie nun fragen. „Muss man nicht manchmal auch das Elend, die Bosheit, Falschheit und – summa – die dunkle Seite der Menschen darstellen?“ Du aber, was richtest du deinen Bruder? Oder du, was verachtest du deinen Bruder? Diese beiden einfachen Fragen aus der Bibel mögen wir nun bitte nicht als Einladung dazu mißverstehen, die rosarote Brille mit der Einstellung „Gott hat alle lieb ..piep…piep.“ aufzusetzen. Es geht nicht darum, nichts als nur das Gute zu sehen.

Paulus zeigt auf die Augen, deren offener Blick ihm das böse Schauen erspart:„Wir werden alle vor den Richterstuhl Gottes gestellt werden.“ Solche Formulierungen vermag man – mit 1500 Jahren europäischen Christentums im kollektiven Gedächtnis – nur als Drohung zu verstehen. Gemeint aber ist der von Jesus Christus geschaffene Ort echter Einsicht, der Ort ungeschminkter Wahrheit, der Ort, an dem wir alle Masken ablegen – dürfen; der Ort, an dem wir erkannt werden, wie wir sind: Voll Widerspruch, voll Sehnsucht, voll Wut, voll Liebe. Wie wir sind: verspielt oder todernst. Im Kampf oder gemütlich hingestreckt. Gesellig, geplagt, geschunden. Wir sind schön und zart. Wir sind gut gelaunt und platzen vor Lachen. Wir sind tieftraurig und verbergen unsere Schuld hinter hartem Gesicht.

Vor den Augen Gottes ist Freiheit, weil der Blick dieser Augen Liebe, Vertrauen, Leben, Versöhnung und Hoffnung gibt. Vor den Augen Gottes bleibt nichts und muss nichts verborgen bleiben. Vor den Augen Gottes darf ich all die dunklen Fetzen vollgemalt mit Lebenshass und eignem Elend niederlegen um frei davon zu werden.

Bilder, die uns ansprechen, haben in der Regel ein Hauch von dem, wie Gott sieht. Solche guten Bilder sind nicht nur schöne Oberfläche. Sie eröffnen über das Auge den tieferen Blick unserer Seele. Sie provozieren inneres Schauen.

Lebensansichten: Dieses weite Feld des Lebens haben wir in den wenigen Bildern in unsere Kirche geholt. Ein kleiner Ausschnitt aus der Fülle des Lebens lädt ein zur Betrachtung, lädt ein zum Nachdenken, lädt ein zur Assoziation.

Einigen Bildern haben wir biblische Wort zugeordnet. Das soll Sie, liebe Gemeindemitglieder, dazu einladen, diesen Worten weitere Worte und Gedanken hinzuzufügen. Diese Ausstellung mag ein ganz kleiner Beitrag dazu sein, andere, fremde Menschen anzublicken ohne Verachtung und ohne über sie zu richten.

Ein mögliches, modernes Missverständnis der Einladung zum Verachtungs- und Richtverbot könnte ja llauten: „Also soll mir doch alles egal sein.“ „Jeder nach seiner Schnauze“ formulieren andere vornehmer: „Jeder möge nach seiner Facon glücklich werden.“ Alles ist gleich – was ja auch heißt: alles ist – egal.

Vom Ort der Freiheit vor den Augen Gottes führt Paulus uns den Weg zurück ins Miteinander der Menschen.
Heute Abend schon bekommen sie dann wieder diese anderen Bilder vor die Augen gesetzt: Blutflecken an zerplatztem Beton. Hochgerissene Gewehre inmitten verschleierter Frauen, Tod beklagend. Rauch über Gärten.
Leider meinen die Medien, dass wir diese Bilder sehen wollen: schamlos, sensationslüstern, ohne Respekt.
Leider meinen die Medien, dass wir ein unstillbares Interesse an indiskreten Fotos haben: der Papst sabbernd, die Prinzessin Sonstwer mit Speckfalte, Torhüter K. mit Freundin.Vermeidet anstößige Bilder. So könnte man den letzten Vers des paulinischen Bibeltextes in unseren Zusammenhang übersetzen, was nicht heißen muss, dass Bilder nicht auch provozieren, Gedanken, Einsichten und Stellungnahme herausfordern dürften.

Vermeidet anstößige Bilder! Diese Aufforderung meint jeden von uns in seinem ganzen Leben. Es wäre zu kurz gegriffen, dies nur den Fotografen unter uns zuzurufen.

Vermeidet anstößige Bilder. Und ich denke, dass jeder von Ihnen um den Bezug zum eigenen Leben weiß oder wissen könnte, sofern man sich selbst mit Gottes Augen zu sehen vermag. Und darum will ich diesen Aspekt auch nicht weiter vertiefen, sondern ihnen die Meditation darüber als Aufgabe in die nächste Woche mitgeben.

„Vielleicht hören wir nicht hin. Vielleicht sehen wir nicht gut? Vielleicht fehlt ihnen der Sinn oder es fehlt ihnen Mut“, heißt es in einem Lied der „Söhne Mannheims“, in dem es eigentlich um unser Predigthema geht: Im Schauen des Guten bleiben inmitten düsterer Welt. Der Grund dazu wird in diesem Lied so zum Ausdruck gebracht: Alles, was zählt, ist die Verbindung zu Dir. Und das wäre mein Ende, wenn ich diese Verbindung verlier.“

Es sind Gottes Augen, die ruhend auf mir Mut geben zum Leben – in Liebe, ohne Verachtung und Gericht über den Nächsten in Freude an Gottes Schöpfung. Das wäre ein Satz, in dem eigentlich alles drin steckt. Na, das hätte ich auch gleich am Anfang sagen können. Wäre kürzer gewesen. Aber nun wollte ich vom weiten Thema „Lebensansichten“ ausgehend mit Ihnen den Weg unter dem Horizont des biblischen Textes gehen, der uns nach unser Art, andere Menschen zu sehen, befragt hat. Jetzt sind wir am Ziel… das heißt, am Ziel wäre das Wort Gottes, wenn es ihre Sichtweise anderer Menschen um ein paar Grad barmherziger Dioptrie verbessert hätte.

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