Bilanz ziehen

Liebe Gemeinde!

Wir befinden uns mitten in der Urlaubszeit. Vielleicht hat gerade jemand von Ihnen Urlaub. Die Konfirmanden haben Ferien. Die hochsommerlichen Temperaturen lassen uns den Sommer kräftig spüren. Die Urlaubszeit ist ja oft eine Gelegenheit, ein bisschen Bilanz zu ziehen: Was ist in letzter Zeit gut gelaufen? Was ist gut in meinem Leben? Was tut mir gut? Was nicht? Was schadet mir vielleicht sogar? Es gibt Phasen, in denen wir von uns aus darüber nachdenken. Es gibt aber auch Einbrüche in unserem Leben, wo wir durch äußere Einwirkung dazu kommen, darüber nachzudenken: Was ist mir wirklich wichtig im Leben? Was ist quasi mein Schatz, mein Reichtum?

Manche merken durch schlimme Erlebnisse, woran ihr Herz eigentlich wirklich hängt. Wenn jemand einen schlimmen Unfall hat, fragt er sich: Wofür lebe ich wirklich? Wenn jemand eine schwere Krankheit hat, ist das Leben plötzlich umgekrempelt. Was vorher wichtig schien, wird plötzlich unwichtig. Lebensinhalte, Menschen sortieren sich neu. Wer erweist sich jetzt wirklich als Freund oder Freundin? Wer einen lieben Menschen verloren hat, ist in den Grundfesten erschüttert. Alles wird instabil. Worauf kann man sich noch verlassen?

Aber solche Lebenseinbrüche müssen ja nicht nur durch schlimme Erlebnisse entstehen. Selbst schöne Erlebnisse können bewirken, dass man sein Leben völllig neu ordnen muss, zum Beispiel wenn man gerade ein Kind bekommen hat, wenn man umgezogen ist, eine neue Arbeit gefunden hat oder in den Ruhestand gegangen ist.

Der Apostel Paulus hatte ein einschneidendes Erlebnis, nach dem er sein ganzes Leben neu geordnet hat. Seine Werte haben sich vollkommen geändert. Das, was er vorher gut fand, fand er jetzt überhaupt nicht mehr gut, im Gegenteil.
Ursprünglich gehörte er zu den Juden. Er war ein Verfechter des jüdischen Gesetzes. Die neue Religion der Christen war ihm völlig suspekt. Er lehnte sie absolut ab. Was er von Jesus gehört hatte, passte nicht in sein Weltbild. Er dachte, Jesus maßt sich an, die jüdische Thora abzuwerten. Er spricht davon, dass er Gottes Sohn ist und dass Gott ihn sogar sozusagen als seinen Stellvertreter in die Welt geschickt hat. Paulus hält das alles für Gotteslästerung. Und weil er selber so überzeugt von seinem Glauben ist, hält er es für richtig, die Christen zu verfolgen. Er meint, das sei er seiner Religion, das sei er Gott schuldig. Deswegen ist er als brutaler Christenverfolger bekannt. Die Christen müssen sich vor ihm verstecken. Sie haben große Angst und können ihren Glauben nicht offen leben.

Eines Tages findet nun das einschneidende Erlebnis im Leben des Paulus statt. Er ist auf dem Weg nach Damaskus, wo er Christen gefangen nehmen will. Durch Briefe nach Damaskus hatte er die Christenverfolgung dort schon vorbereitet. Er hatte schon jüdische Mitstreiter gewonnen. In der Nähe von Damaskus wird er plötzlich von einem grellen Licht geblendet. Er fällt auf die Erde und hört vom Himmel den Satz: Saul, Saul, was verfolgst du mich? Saulus war der hebräische Name von Paulus. Paulus war sehr erschrocken über das helle Licht und die himmlische Stimme. Deswegen fragt er: Herr, wer bist du? Die Stimme antwortet: Ich bin Jesus, den du verfolgst. Und dann gibt die himmlische Stimme ihm den Auftrag, nach Damaskus in die Stadt zu gehen. Dort würde er weitere Anweisungen erhalten. Als Paulus sich von der Erde erhob, stellte er fest, dass er blind war. Er konnte nichts mehr sehen. So musste er von seinen Freunden nach Damaskus geführt werden. Drei Tage war er blind, aß und trank nichts. Dann schickte Gott einen Christen – er hieß Hananias- zu Paulus. Er solle ihn segnen. So erzählt es die Apostelgeschichte. Hananias tat das, und Paulus konnte wieder sehen. Paulus blieb einige Tage bei den Christen in Damaskus und fing selber an, das Evangelium zu verkünden. Er erzählte überall von Jesus und von dem, was ihm passiert war. Er hatte sein Damaskuserlebnis, so sagte man später. Und wenn heute jemand so ein einschneidendes Erlebnis hat, bei dem ihm eine besondere Erkenntnis kommt, sagt man auch heute: jemand hatte sein Damaskuserlebnis. Bei Paulus führt es dazu, dass er sein Leben absolut mit anderen Augen sieht. Wo er vorher überzeugt die Christen verfolgt hat, ist er jetzt überzeugter Christ. Er lebt genau das Gegenteil von dem, was er vorher gelebt hat. Er hat sein Leben so radikal verändert, dass er seine Vergangenheit richtig ablehnt. Im heutigen Predigttext sagt er: Was mir Gewinn war, das habe ich um Christi willen für Schaden erachtet. Die Werte kehren sich völlig um. Was er vorher als Schaden ansah, ist jetzt für ihn der Gewinn des Lebens. Das, was vorher war, sieht er jetzt sogar als Dreck an. Wer von Ihnen könnte Beispiele bringen aus seinem eigenen Leben, dass Sie sich radikal verändert haben? Dass Sie vorher etwas abgelehnt haben und nun finden Sie es wichtig? Oder dass Sie früher etwas wichtig fanden, und jetzt lehnen Sie es völlig ab? Solche radikalen Lebensveränderungen sind sicher nicht ganz so häufig. Manche Christen haben es so erlebt, dass sie früher Gegner des christlichen Glaubens waren und jetzt sind sie überzeugte Christen. Vielleicht gibt es hier in der Kirche Menschen, die von einer Bekehrung zu Jesus Christus reden können. Die meisten werden allerdings von Kindheit an mit dem christlichen Glauben vertraut sein. Das Problem dabei ist dieses, dass uns der Glaube so vertraut ist, dass wir gar nicht so sehr überzeugt als Christen leben. Ich frage mich, was uns Christen eigentlich von den Nicht-Christen im Bekanntenkreis unterscheidet. Merkt man uns eigentlich an, dass wir Christen sind? Diese Frage ist der Grund, weshalb der Philipperbrief heute als Predigttext vorgesehen ist: Wir sollen uns heute einmal der Frage stellen: Was ist in unserem Leben Gewinn, was ist Schaden? Ist der Glaube an Jesus Christus unser Gewinn? Sollten wir vielleicht bestimmte Gewohnheiten, bestimmte Verhaltens- oder Denkweisen in unserem Leben aufgeben, weil sie dem christlichen Glauben im Wege stehen? Sollten wir vielleicht wie Paulus bestimmte Dinge als Schaden und sogar als Dreck abtun? Wie können wir den Schatz, den Gewinn des Glaubens an Jesus Christus wieder entdecken?

Wenn wir gerade mit schwierigen Lebenssituationen fertig werden müssen, dann kann gerade das unsere Aufgabe sein, darin den Gewinn, Jesus Christus zu suchen. Wenn wir einfach nur Ruhe im Urlaub haben, ist das die Gelegenheit, abzuwägen, was uns gut tut und was nicht, damit wir mit Paulus sprechen: Was mir Gewinn war, das habe ich um Christi willen für Schaden erachtet. Ich vergesse, was dahinten ist und strecke mich aus nach dem, was da vorne ist und jage nach dem vorgesteckten Ziel, dem Siegespreis der himmlischen Berufung Gottes in Christus Jesus.

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