Barmherzigkeit statt Ordnung

Der bekannte katholische Theologe Eugen Drewermann sagt, der erste Satz eines Bibelabschnittes sei der Entscheidende. Manchmal mag man das gar nicht so recht glauben. Denn das, was man da hört, klingt nicht unbedingt immer danach als sei es von so großer Bedeutung.

Und als Jesus von dort wegging, sah er einen Menschen am Zoll sitzen, der hieß Matthäus; und er sprach zu ihm: Folge mir! Und er stand auf und folgte ihm.

Was wird da schon Besonderes und Entscheidendes gesagt. Jesus beruft einen Jünger, der hieß Matthäus. Und der geht mit ihm mit. Schön, nun kennen wir auch einen der Jünger Jesu mit Namen und wir wissen, was für einen Beruf er hatte. Dann können wir ja weiterlesen.

Doch Halt: der erste Satz ist entscheidend. Also innehalten, dranbleiben, nicht gleich weiter, nächste Info, nächstes Bild. Stehen bleiben, wirken lassen, Zeit nehmen.

Und als Jesus von dort wegging. Von wo ging er eigentlich weg, was ist vorher passiert? Schauen wir mal schnell nach, dann wissen wir es. Eine Heilung wird vorher erzählt. Jesus heilte einen Gelähmten mit den Worten: Sei getrost, mein Sohn, deine Sünden sind dir vergeben. Und dann gab es eine Auseinandersetzung mit den Schriftgelehrten, die meinten, dass er damit Gott lästere.

Jesus befreit einen Menschen von seiner Lähmung und die etablierten Gesetzeslehrer sehen darin ein Vergehen.

Von dort geht er weg und er geht hin zu einem Menschen der am Zoll sitzt. Das ist schon das nächste Verbrechen. Warum ein Verbrechen, werden Sie jetzt fragen. Da ist doch nichts dabei. Für uns nicht, aber für die Menschen in Israel war dies eine höchst anstößige Handlung, die Jesus da begangen hat. Zöllner, das waren Menschen, die verachtet waren, die man aber nicht meiden konnte, weil sie einem immer wieder begegneten und man auch im Alltag mit ihnen zu tun haben musste. Zöllner, das waren Israeliten, jüdische Mitbürger. Ihr Geld aber verdienten sie damit, dass sie im Auftrag der Besatzungsmacht, also der heidnischen Römer, Zölle eintrieben. Viele machten daraus auch ein lukratives Geschäft für sich selber. Sie nahmen mehr, als ihnen zustand von den Menschen. So standen sie zwischen allen Stühlen: von den eigenen Landleuten verhasst und von den Römern nicht anerkannt mussten sie ein oft einsames Dasein fristen. Als Menschen, die so auch gegen das Volk Gottes standen und auch durch Betrug die Gebote Gottes mißachteten, gehörten sie in die Reihe derer, die als von Gott verachtet angesehen wurden. Zöllner und Sünder, so werden diese von Gott verachteten Menschen ja oft zusammenfassend betitelt.

Und nun geht Jesus, der Glaube als Sohn Gottes ansieht, zu diesem Menschen hin. Er sucht ganz bewusst den Kontakt zu ihm, will mit ihm ganz persönlich etwas zu tun haben. Folge mir! Du ausgestoßener Zöllner, von keinem geliebt und angenommen, du folge mir. Und der geht auch noch mit und wird Teil des engsten Kreises um diesen Jesus.

Können Sie sich vorstellen, was das für einen Menschen im Jahre 30 bedeutet hat. Der, der als Sohn Gottes geglaubt wird, stellt die Werte auf den Kopf, die in der damaligen Religion galten, er hebelt aus, was eigentlich gesellschaftlicher Konsens war. Dass dieser Mann ungeliebt war, dass die Römer und die Herrscher des Judentums in ihm eine Gefahr sahen, das kann sich wohl nun jeder sehr gut vorstellen.

Mit diesem lapidaren Satz, dass er zu dem Zöllner Matthäus geht, ist das ganze Lebensprogramm des Jesus beschrieben. Und die nachfolgendes Szene, dass er mit Zöllnern und Sündern isst, das ist nur noch eine zusammenfassende Erweiterung und Vertiefung des Lebenshandelns Jesu.

Ich habe dies so ausführlich erläutert, um uns hinein zu nehmen in die Gedankenwelt des alten Israel und um uns ein Gespür dafür zu vermitteln, was Jesus eigentlich getan hat.

Nun könnte man sagen, dass die Zöllner weit weg sind, Figuren einer längst vergangenen Zeit. Doch vielleicht können wir einiges an dem Zöllner entdecken, das auch uns betrifft.

Der Zöllner lebt zwischen zwei Welten. Die eine möchte ich beschreiben als die eigene Mitte, das Gehaltensein in der Welt. Das ist die jüdische Seite seiner Herkunft. Es ist die Seite des Lebens, die gleichsam die innere Freude ausmacht, die dem Leben etwas abzugewinnen weiß, die spürt, welches Geschenk das Leben ist. Die andere Seite ist die Römerseite, die Seite des Eingebundenseins in fremde Mächte, die beherrschen, aber mit denen man leben muss, sonst kann man nicht überleben. Es ist die Seite des, das muss nun einmal sein. Wie oft haben wir im Berufsleben oder auch im Hausfrauenleben erlebt: das will ich nicht tun, das hat überhaupt nichts mit mir zu tun, aber es muss eben sein. Schule, ewiger Zwang Dinge zu tun, die mir überhaupt nicht liegen, wozu ich keinen Bock habe, die mir nichts sagen und geben. Sture Arbeit am Band, immer wieder dasselbe tun, ohne dass es einen Sinn ergibt oder aufhört. Immer der gleiche Trott: Aufstehen, putzen, waschen, Kinder versorgen. Und wo bleibt das Leben, wo bleibt die Freiheit und die Kreativität? Ist das wirklich Leben, in dem wir persönlich zu Hause sind, in dem wir uns wohl fühlen, in dem wir uns als besondere Geschöpfe des liebenden Gottes entfalten können? Wo bleiben wir als Menschen, wo sind wir die Angesprochenen?

Der schon angesprochene Theologe Eugen Drewermann schreibt in seinem Kommentar von einer Begegnung, die vielleicht etwas von dem wichtigen Tun Jesu erläutern kann.

Er schreibt: Dieser Tage erzählte eine Frau, dass ihr Kind morgens keine Lust gehabt habe aufzustehen. «Ich habe Kopfschmerzen», habe es gesagt. «Ich aber wusste», fügte die Frau hinzu, «daß die Englischarbeit drohte, wahrscheinlich genau an diesem Morgen. Hätte ich dem Kind jetzt sagen sollen: Es ist doch Deine Schuld! Du hast all die Tage nicht gelernt, Du hast einen großen Bogen gemacht um die Vokabeln und um die Grammatik; jetzt steh dafür gerade! Also, los, selbst wenn Du eine Fünf schreibst!? Der Lehrer in der Schule hätte so gesprochen, aber ich habe mir gedacht: Die Angst meines Kindes ist groß genug, ich will ihm nicht noch mehr Angst machen, und es gibt im Leben noch Wichtigeres, als wie man eine Englischarbeit schreibt. Ich habe mich deshalb an sein Bett gesetzt und mit ihm geredet. Wir haben dann gemeinsam gefrüh-stückt, und es gab an diesem Morgen mal keine Schule. Daß meine Tochter wusste: sie hat eine Mutter, die steht hinter der Angst zu versagen, das war mir ausschlaggebend.»

Mit diesem Beispiel versucht Eugen Drewermann zu beschreiben, was es heißt: im Sinne Jesu zu leben.

Die Heilung des Gelähmten, die Berufung des Matthäus, die Tischgemeinschaft mit Zöllnern und Sündern, als das ist ein Zeichen für das Tun der Barmherzigkeit. Das Denken und Handeln der Schriftgelehrten und Pharisäer, derer die alles Besser wissen, die sich an die Ordnung halten, an das, was man tun muss, das ist ein Handeln ohne Barmherzigkeit, das ist letztlich also auch ein unmenschliches Handeln. Jesus zeigt sehr deutlich, was er unter Barmherzigkeit versteht: den Menschen ohne Urteil begegnen. Zunächst er einmal nur den Menschen sehen, den Menschen, den Gott für diese Welt geschaffen, den er ernst und wichtig nimmt. Und dabei soll nicht gelten, was die allgemeine Meinung sagt, was die Ordnung im Umgang mit Menschen deutlich macht, alles, was auch nur im Entferntesten nach Urteil aussehen kann, hat keine Bedeutung. Es geht einfach darum beim Herzen des Anderen zu sein. Ich habe Wohlgefallen an Barmherzigkeit, nicht am Opfer, so zitiert Jesus einen Vers aus dem Propheten Hosea. Und sein Umgang mit Menschen ist so etwas wie eine Verlebendigung dieses Satzes. Er hat die Menschen angenommen, ohne vorher etwas von ihnen zu verlangen, ohne dass sie erst ihr Leben ändern mussten. Wie oft denken wir, der andere müsse erst so oder so sein, dann können wir ihn annehmen. Auf das Beispiel des Kindes bezogen: lern erst, mach deine Hausaufgaben, geh zur Schule und dann, dann erst wirst du auch mein Erbarmen spüren. Die Mutter hat das anders gesehen und auch Jesus sieht das anders. Ohne Voraussetzungen, ohne Vorgaben, ohne Veränderung den anderen Annehmen, bei seinem Herzen sein, das ist das Erbarmen, das Jesus predigt und vor allem auch lebt.

Die Unglücklichen und Verzweifelten annehmen, das bedeutet es, ohne Bedingungen mit Zöllnern und Sündern Gemeinschaft zu haben.

Natürlich zerstört das die Ordnung, das passt nicht in das Schema menschlichen Denkens. Aber es passt in das Schema der Liebe Gottes, der mit solcher Liebe uns Menschen annimmt und begleitet. Jesus hat es in jedem Schritt seines Lebens vorgemacht: der Zöllner Matthäus ist nur ein Beispiel für sein Handeln, das uns als Vorbild dient.

Die Mutter, die am Bett ihres Kindes sitzt und die Ängste ernst nimmt, sie ist ein anderes Beispiel für diese von Jesus Christus vorgelebte Barmherzigkeit. In der Welt der Forderung und Entfremdung erlebt das Kind sich nur als Opfer der Verhältnisse. Drewermann schreibt: "Würde dieses Mädchen das Vertrauen wiedergewinnen, ein Kind zu sein, das gar nicht so dumm ist, hätte es dann vermutlich auch den Mut, seine Vokabeln zu lernen und sie sogar mit einer gewissen Freude herzusagen. Aber was ein Mensch braucht, ist eine bestimmte Würde sich selbst gegenüber, eine gewisse Achtung für sich selbst, und ihm die zu vermitteln, ist der ganze Sinn dessen, war wir im Raum der Kirchen als eine «Mahlgemeinschaft» Jesu begehen sollten."

Jesus hat die Ordnungen um des Menschen willen durchbrochen. Er hat damit nicht die Ordnungen außer Kraft gesetzt, aber hat das Römische darin, als das Fremdbestimmte darin genommen. Er hat gesagt, dass es nicht um das Opfer geht, also sich zusammenzureißen, bestimmten äußeren Gesichtspunkten nach zu leben. In der Gemeinschaft mit den Menschen zählt das Herz des anderen und das eigene Herz, das sich frei von vorgefasstem dem anderen zuwendet. Die Mutter hat dies getan, hat die gesellschaftliche Notwendigkeit der Schule einmal hinten angestellt, und das Herz der Tochter an erste Stelle gestellt. Diese wird die Arbeit vielleicht nachschreiben müssen, die Vokabeln müssen auch gelernt werden. Aber sie kann es jetzt tun in dem ungeheuren Vertrauen, dass sie mit ihren Gefühlen, mit ihrem Herzen angenommen und geliebt ist. Und das ist mehr wert als alles andere. Ich habe Wohlgefallen an Barmherzigkeit und nicht am Opfer, spricht Gott, und schickte Jesus, um es uns zu zeigen.

drucken