Aus Gnade seid ihr selig – „Dabei sein ist alles!“

Liebe Gemeinde,

wir schreiben Dienstag, den 17. August 2004. Es ist gegen 18.40 Uhr abends. Franziska van Almsick schickt sich an eine olympische Goldmedaille im Wettbewerb über 200m Freistil bei den Damen zu gewinnen. Es sieht ganz gut aus, nach 50 m ist sie zweite, nach 100 Meter gar in Führung, auch nach 150 Metern sieht es noch nach einer Medaille aus. Am Ziel angekommen ist sie nur Fünfte geworden. Hinterher sagt sie in einem Interview: „Ich bin mit klaren Zielen angereist. Ich habe gut trainiert, ich dachte, dass ich einiges drauf habe, aber dann habe ich meine Form nicht gefunden“. Sie fügt noch an: „Ich fürchte nicht“, auf die Frage, ob sie noch einmal über 200m Freistil antreten wolle. Es war ein ernüchternder Abschied. Andere Sportler sind besser in Form. Die australischen und amerikanischen Schwimmer etwa. Sie strotzen vor Selbstbewusstsein. Ian Thorpe z.B. der australische Schwimmstar. Ein Erlebnis vor drei Jahren hat ihn allerdings nachdenklich werden lassen: Es war der 11. September 2001. Thorpe machte Urlaub in New York. Er hatte seinen Photoapparat im Hotel vergessen. Weil er ein paar Minuten brauchte um ihn zu holen, nur deshalb war er nicht im World Trade Center als an diesem Tag die Flugzeuge einschlugen, sondern eben nur auf dem Weg dorthin. „Die Erlebnisse des 11. September“, so sagt er, „haben mich dazu bewogen nicht jemandem anderen nachzujagen (gemeint war hier die Einstellung des olympischen Rekords von Marc Spitz, der 1972 bei der Olympiade in München 6 Goldmedaillen gewann), sondern Kontrolle über mein eigenes Leben zu suchen.“ Niederschläge, Umdenken – das Leben und die eigene Leistungsfähigkeit kommen an ihre Grenzen. Die Olympischen Spiele kennen nicht viele Sieger, nur drei bekommen bei jedem Wettbewerb eine Medaille. Der 4. und der letzte Platz sind gleich viel Wert in den Augen der Öffentlichkeit, nämlich nichts. Die eigene Leistung, die eigene Einstellung zum Leben kann schwanken, wer ist schon auf den Punkt topfit? Die Enttäuschung der Verlierer ist genauso groß wie der Jubel der Sieger. Was der Epheserbrief uns heute zum Denken aufgibt hat mit der Olympiade recht viel zu tun, denn das olympische Motto lautet, trotz aller Sieger und Verlierer: „Dabei sein ist alles!“ Darum geht es, ums Dabei sein, hören wir aus dem Epheserbrief:

[TEXT]

Liebe Mitchristen: Dabei sein ist alles! Wir sind dabei als Christen. Dabei, weil Gotte es sich in den Kopf gesetzt hat uns zu nominieren für die „Seligkeit“. Es wird nicht vergessen zu betonen, dass wir tot waren in unseren Sünden. Im Sportlerdeutsch ausgedrückt: wir haben uns nicht qualifiziert. Unsere Leitung in dem Wettbewerb war zu schlecht. Wir haben die Qualifikationsnorm verfehlt. Eigentlich gibt es keinen Grund, dass wir dabei wären – es ist Gnade, dass wir dabei sind. Eigentlich hätten wir allen Grund enttäuscht zu sein, so wie Franziska van Almsick – wir haben es nicht geschafft. Unsere Kraft und unsere Ausdauer war zu gering – falsch trainiert haben wir. Dennoch sind wir dabei. Dieses Dabei sein ist wichtig. Dabei sein aus Gnade. Ich bin froh und dankbar, dass ich diesen Qualifikationsdruck für mein „Seelenheil“ nicht habe. Gott hat mich nominiert indem er Christus ans Kreuz geschickt hat. Prima! Ich bin dabei und sie sind dabei und auch Franzi braucht eigentlich nicht traurig sein, denn auch ihr gilt die Gnade Gottes. Müsste ich mich selbst qualifizieren – es wäre schrecklich. Ich müsste trainieren, täglich. Ich müsste besser sein als andere, ich müsste mich in den Vordergrund spielen und dann müsste ich noch abwarten ob es reicht. Vielleicht hätte ich auch falsch trainiert oder vergeblich. Es ist nicht so. Es ist nicht so, wir sind dabei. Freilich manchmal haben wir Zweifel, wir wollen größere Leistungen vollbringen. Wir wollen ja uns auch dafür dankbar erweisen, dass wir dabei sind. Wir werden eifriger, erwarten von uns und anderen mehr, wollen höher hinaus. Wer sagt denn, dass es im Glauben nicht auch besondere Erlebnisse geben kann, gibt es natürlich. Manchmal aber wird man wieder auf den Boden der Tatsachen heruntergeholt. Durch ein Erlebnis, wie Ian Thorpe, der Australier etwa. Ein neuer Rekord mit 7 Goldmedaillen ist eben doch nicht so wichtig, wenn man gerade erlebt hat wie schnell das Leben zu Ende sein kann. Wenn man auch gerade erlebt hat, was Gnade ganz handfest sein kann, nämlich gerade nicht an dem Ort zu sein an dem eines der größten Verbrechen unserer Zeit geschehen ist und einfach zu überleben. Schnell kommt man dann auf den Boden der Tatsachen zurück und fragt sich: Wem oder was jage ich eigentlich nach? Ich bin gerettet, Gott sei Dank, das genügt!

Liebe Gemeinde, "8 Denn aus Gnade seid ihr selig geworden durch Glauben, und das nicht aus euch: Gottes Gabe ist es,
9 nicht aus Werken, damit sich nicht jemand rühme." Im alltäglichen Leben ist es so, dass sich jemand seiner besonderen Leistungen rühmt. Wir akzeptieren dies auch und zollen Menschen mit besonderen Fähigkeiten Respekt. In Ordnung. In Glaubensdingen gebührt dieser Dank, dieser Respekt und diese Hochachtung Gott. Denn eines machen uns die Evangelien und die Briefe immer wieder deutlich: Wir als Menschen sind abhängig von Gott. Und es ist gut, dass er den Glauben in uns wirkt, sonst würde unter uns eine Verehrung auf der einen Seite und eine endlose Kritik auf der anderen Seite ausbrechen. Die einen würden wir verehren, weil sie im Glauben so große Vorbilder sind, die anderen würden ständig kritisiert werden, weil sie nicht so weit sind. So ist es nicht. Das heißt, genau so ist es eigentlich. Christen verhalten sich so! Nur das Recht dazu haben sie nicht. Vor Gott ist keiner mehr oder weniger als der andere. Alle sind auf seine Gnade angewiesen – das macht uns untereinander völlig gleich.
Liebe Gemeinde: „Dabei sein ist alles!“ Dieses olympische Motto stimmt für uns Christen absolut. Machen wir bitte nicht den Fehler, dass wir uns nur nach denen ausrichten, die ganz vorne dran sind, die Medaillen absahnen. Es ist wichtig dabei zu sein. Jeder hat die Möglichkeit dabei zu sein. Jeder! Der Glaube ist dazu nötig, den Gott wirkt. Der Glaube also daran, dass Gottes Erlösung uns Menschen gilt. Wir müssen wirklich nichts tun als diesem Gott und seinen Verheißungen zu glauben. Mehr nicht. Alles andere ist ja ausgeschlossen, Selbsterlösung gibt es im Christentum nicht. Erlösung, Erfolg ist Geschenk. Das ist der Unterschied zu den Olympischen Spielen, dort ist Erfolg harte Arbeit. Seien wir einfach ganz anders, als man es erwartet: Lassen wir uns unsere Erlösung schenken.

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