Aus dem Urvertrauen auf Gott leben

Seit vielen Jahren, liebe Gemeinde, machen sich Menschen auf die Suche nach einer neuen Religosität oder Spiritualität oder wenn sie so wollen: nach einer neuen Frömmigkeit. Viele Menschen haben schon einmal einen oder ein paar Tage in einem Kloster zugebracht, Pilgerwege wie der Jakobsweg nach Spanien erhalten großen Zulauf, Menschen fahren nach Taizee und werden dort von Gott berührt; auch im außerkirchlichen Umfeld lebt die Suche nach einer neuen Spiritualität: in der Esoterik bekommen Steine eine religiöse Bedeutung, Sterne, Düfte und das Pendel werden zu Tröstern und Helfern; manche Menschen wenden sich in ihrer Suche dem Buddhismus zu, die Zen-Meditation findet Eingang in christliche Kreise; so genannte Heiler haben Hochkonjunktur.

Hinter der Suche nach einer neuen Religiosität und Frömmigkeit stehen sicherlich viele Ursachen: die rasante wissenschaftliche, technische und wirtschaftliche Entwicklung, die uns alle überrennt, gleichzeitig merken wir jedoch, dass wir als Menschen nicht besser geworden sind, dass wir unserer Verantwortung vor- und untereinander nicht wirklich gerecht werden können: Frieden, Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung – bei alledem macht die Menschheit nicht unbedingt Fortschritte. Die Probleme, die Kriege, die Völkermorde gibt es heute wie ehedem, wenn nicht sogar viel mehr. Darüber hinaus werden wir von den Medien mit Informationen überflutet, die wir nicht mehr überschauen und durchschauen können. Und schließlich werden wir sowohl vom Terrorismus als auch von Waffenansammlungen in westlichen und östlichen Ländern bedroht. Das alles ruft bei vielen Menschen Unsicherheit und Angst hervor, mit der Folge, dass sie aus ihrer Angst heraus nach neuen Quellen der Religiosität suchen, um den Bedrohungen standhalten zu können und sie zu überstehen. Angst – war schon immer eine der stärksten Triebfedern bei der Suche nach neuer Religiosität.

Das Evangelium der Heiligen Schrift an diesem Sonntag spricht in die Situation solcher Angst hinein: „Ihr habt nicht einen knechtischen Geist empfangen, dass ihr euch abermals fürchten müsstet.“ „Fürchtet euch nicht“ so lautet der Grundtenor der frohen Botschaft von Jesus Christus. „Fürchtet euch nicht, denn ihr habt einen Haltepunkt in der Ewigkeit bei eurem Vater im Himmel.“ Die Rede vom Vater an dieser Stelle ist nicht patriarchalisch gemeint, sie soll uns auch nicht einfach an unsere eigenen Väter erinnern und sie ist auch nicht geschlechtlich gedacht, etwa, dass Gott ein Mann wäre, nein, nein – denn Gott ist kein Mensch. Nein, vielmehr: Wenn die Bibel von Gott, dem Vater spricht, dann will sie damit sagen, dass Gott für uns sorgt, dass er sich unser erbarmt und uns hilft und dass er uns annimmt, wie wir sind. Im Vaterunser beten wir um das Kommen des Reiches Gottes auf Erden, und dann weiter darum, dass Gott uns mit täglichem Brot versorgt und uns unsere Schuld vergibt. Gott, der Vater baut mit uns und für uns sein Reich. Der Vater im Himmel nimmt uns in sein Reich hinein und sorgt für uns und wir nennen ihn, wie Paulus: lieber Vater! und Unser Vater! Wie ein Kind seiner Mutter vertraut, die es beschützt und mit ihrem Leben für das Kind einsteht, so lebt in uns Christen das Urvertrauen zu Gott: Gott, meint es gut mit uns; Gott ist gut und Gott wird die Wege unseres Lebens zu einem sinnvollen und guten Ziel führen, auch durch Zeiten der Umwälzungen und Unsicherheit hindurch. Angst braucht uns nicht zu bestimmen; fürchten müssen wir uns nicht, denn das Vertrauen auf Gott den Vater lässt der Furcht keinen Raum: ja, Gott ist gut und er wird es gut machen. Nur nebenbei möchte ich anmerken, dass das korrigierende Handeln Gottes an uns Menschen ebenfalls zu seiner Gutheit gehört und dass Gott auf keinen Fall in einen guten und in einen bösen, strafenden Teil aufgespalten werden darf. In der christlichen Tradition steht der Teufel für das Böse, denn der Teufel will das Böse; Gott will immer das Gute, auch bei seinem korrigierenden Handeln. Wie sagte Josef im Alten Testament zu seinen Brüdern, die ihn nach Ägypten verkauft hatten: „Ihr gedachtet es böse mit mir zu machen, Gott aber gedachte es gut zu machen.“ Die wichtige reformatorische Erkenntnis Martin Luthers bestand darin, dass Gott eben kein strafender sondern ein schenkender Gott ist, dem wir vorbehaltlos vertrauen können, ohne wenn und aber, weil er uns in Jesus sein Gesicht der Liebe, Güte und Freundlichkeit gezeigt hat. Luther sagt: „Fragst du, wer er ist, er heißt Jesus Christ, der Herr Zebaoth und ist kein anderer Gott.“ Bei diesem Gott fällt alle Angst von uns ab, wird unser Leben leicht wie das Leben Jesu selber: sorget nicht; sorget nicht, denn wissen wir, dass unsere Haare auf dem Haupt alle gezählt sind; wir müssen nicht verbissen um unser Leben kämpfen. Wo ist unser Urvertrauen zu Gott geblieben, liebe Gemeinde? Oder meinen wir Modernen etwa, dass es letztlich eben doch nur auf Leistung, Ansehen und Besitz ankäme, oder vermuten wir, dass der Gedanke ewig wiedergeboren zu werden, wie er in östlichen Religionen existiert, uns vielleicht helfen könne, oder sollten uns etwa Steine, Pendel und Heiler weiterhelfen und unsere Angst nehmen? Liebe Gemeinde: mit all unserm Vertrauen können wir uns in den Gott fallen lassen, der nichts anderes ist als Liebe und Vater zu ihm sagen. Ganz am Ende dieses 8. Kapitels setzt Paulus das Ausrufezeichen, das sein Urvertrauen aufzeigt: „Ich bin gewiß, dass weder Tod noch Leben, weder Engel noch Mächte noch Gewalten, weder Gegenwärtiges noch Zukünftiges, weder Hohes noch Tiefes noch eine andere Kreatur uns scheiden kann von der Liebe Gottes, die in Christus Jesus ist, unserm Herrn.“ So, liebe Gemeinde, spricht Paulus aus seinem Urvertrauen auf Gott.

Das dieses Urvertrauen zu Gott sich zeigt im Leben und im Sterben, ist doch wohl sonnenklar. Im Gebet, im Singen, im stillen Nachdenken, im Besuch von Gottesdiensten, im tätigen Dienst an den Mitmenschen, in der Freude an der Natur, in lauter und leiser Musik, bei der Taufe, beim Abendmahl und beim stillen Stoßgebet. Ich möchte sie ermutigen, die ganze Bandbreite der Frömmigkeit, die aus diesem Urvertrauen auf Gott kommt, neu zu entdecken, zumindest vielleicht eines von diesen oder anderen neu für sich zu entdecken. Vielleicht gehen sie an einem Nachmittag in die Kirche und beten still oder laut für sich und für andere. Vielleicht wandern sie durch den Wald und danken Gott für seine wunderbare Schöpfung. Vielleicht hören sie Werke von Felix-Mendelsohn Bartholdy und singen betend mit. Vielleicht lassen sie eine christlichen Popsong laufen und können darin ihre Seele wieder finden. Vielleicht schauen ein Bild mit christlichen Motiven an und erkennen plötzlich dass Gott ihnen begegnet. Oder sie haben teil an einem hochliturgischen Gottesdienst oder an einem weniger liturgischen und hören plötzlich Gottes Stimme. Wo das Urvertrauen zu Gott im Herzen eines Menschen lebt, da nimmt es auch in der Frömmigkeit Gestalt an und glauben Sie mir – ich bin so dankbar, dass die Gestalten der Frömmigkeit auch im NT sehr verschieden sind. Da haben nicht alle immer in der gleichen Weise gebetet, da haben nicht alle immer gleich gesungen, da haben nicht alle einmal immer dieselben Inhalte geglaubt. Die Gestalten der Frömmigkeit sind verschieden, die religiösen Kulturen, Ausformungen des Urvertrauens auf Gott vielfältig, doch wir Christen haben alle einen einzigen „Vater im Himmel“; wir seine Töchter und Söhne, wir setzten unser Urvertrauen auf seine Liebe setzen und leben aus der Freiheit dieser Liebe, und müssen uns nicht fürchten, weil Gottes Liebe die Furcht überwindet.

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