Aufdecken oder zudecken?

Liebe Gemeinde,

diesen Besuch anlässlich einer goldenen Hochzeit kann ich nicht vergessen, obwohl er schon ein paar Jahre her ist. Nette alte Leutchen waren das, schon weit über 80. Spät hatten sie geheiratet und nun doch das 50jährige Jubiläum ihrer Hochzeit feiern können. Irgendwann kamen wir auf den Krieg zu sprechen. Das waren Jahre, die sie als junge Erwachsene geprägt hatten. Die besten Jahre mitten im Krieg. Ja, erzählte der Mann, er sei in der Partei gewesen, sogar bei der Gestapo und da hätten in seinem Betrieb auch etliche gehen müssen und er wisse gar nicht, was aus denen geworden ist. Jedenfalls hätte er dadurch auch nach dem Krieg Karriere gemacht und es bis zum Betriebsleiter gebracht. Heute könnte man ja darüber reden. Es ist ja schon ewig her.

Ewig her ist es auch, dass meine Großmutter mir von meinem Großvater erzählte, der in Hof Pfarrer und im Krieg auch in den besten Jahren war. Er war nicht in der Partei. Unterm Teppich lagen die Flugblätter der Weißen Rose, zu denen die Geschwister Scholl gehörten, die für ihren Kampf gegen die Nazis ihr Leben ließen. Mein Großvater muss oft Angst gehabt haben. Er weigerte sich die Hackenkreuzfahne für den Führer ins Fenster zu hängen. Er wurde verpfiffen. Im Wohnblock spionierte und denunzierte jeder jeden. Auch in Hof wurde die Synagoge in der Reichskristallnacht verwüstet. Sei froh, dass Du das nicht mehr erlebt hast, sagte meine Großmutter. Vergessen hat sie diese Zeit niemals und ihre Enkel sollten darüber etwas erfahren.

Und jetzt saß ich bei netten alten Leutchen, die ihre goldene Hochzeit feierten und hatte keinen Appetit auf Kuchen mehr. Nach Jahrzehnten saßen wir plötzlich auf dem Haufen böser deutscher Geschichte, die nicht vergehen will. Darf sie es denn?

Fragen sind das, die auch Josef und seine Brüder betreffen. Josef war Opfer; von den eigenen Brüdern seiner Kleider beraubt, in eine Zisterne geworfen und an die nächstbeste Karawane als Sklave verkauft. Dem Vater Jakob brach das Herz, als er Josefs mit Tierblut verschmierten Kleider sah und von seinem angeblichen Tod erfuhr. Aber Josef geht nicht unter. Er wird ein wichtiger Mann in Lande Ägypten. Sein Vater erfährt, das er lebt und stirb in Frieden. Jetzt müssen die Brüder zu Josef. Sie hungern daheim und Josef hat volle Kornkammern. So treffen sie sich und stehen nach Jahren vor dem Haufen gemeinsamer böser Geschichte.

Was tun? Wie bewältigt man solche Vergangenheit? Einen Schlussstrich ziehen, sagen die einen. Über alles wächst Gras. Die Zeit heilt alle Wunden. Diese Woche las ich im Spiegel über die Opfer der unzähligen Stasispitzel in den neuen Bundesländern, die ihre Demütigungen, ihre Angst nicht vergessen können. Manche sind immer noch in der Psychiatrie, manche sind immer noch nicht in der Lage ein normales Leben zu führen. Bei anderen ist die Oberfläche der Normalität ganz dünn, angesichts der Verletzungen in der Vergangenheit.

Sollen wir Christen ihnen vielleicht sagen: "Ihr müsst doch einander vergeben. Gott tut das doch auch. Habt Geduld, es wird alles gut."

Liebe Gemeinde, dass wäre die fromme Gewalt der Vergangenheitsbewältigung. Zynisch wird sie gar im Munde von Tätern, die ihre Opfer bekehren wollen. Wer Schuld, Demütigung und Verletzung zukleistert und sei es auf fromme Art und Weise, macht nichts heil. Böse Geschichte muss sichtbar und ernstgenommen werden, nicht nur damit sie sich nicht wiederholt, sondern auch damit Wunden wirklich verheilen können. Was nur mühsam verdeckt wird, hört nicht auf im Untergrund Unheil zu stiften.

Alles aufdecken, sagen deshalb die anderen. Schonungslos und gründlich. Da ist was dran. Kein Weg führt an einem Holocaustmahnmal in unserer Hauptstadt vorbei. Allein schon deshalb, weil es bald keine Großmütter mehr gibt, die ihre Enkel vor dem Ungeheuerlichen dieser Geschichte warnen können. Sie gehört ins Bewusstsein künftiger Generationen, weil sie ein ganzes Volk betroffen hat und die Diktatoren, denen Menschenlebens nichts gelten, bis heute nicht ausgestorben sind.

Aber auch das Aufdecken kann eine Form der Vergangenheitsbewältigung sein, die gewalttätig wird. Eine ganze Medienbranche lebt heute davon. Muss wirklich auch noch der letzte Familienkrach, die letzte Ehetragödie, die letzte Gemeinheit auf die Wohnzimmertische von Millionen Fernsehzuschauern und Zeitungslesern. Gehört wirklich jede Sauerei, die wir von anderen wissen in das Gespräch am Stammtisch oder den Klatsch über den Gartenzaun? Was wird dadurch gelöst oder heil? Müssen wir uns über die Splitter in den Augen anderer verbreitern, damit wir nicht merken, wie sich in unseren Augen die Balken biegen?

Ich denke an Menschen, über die man sagt: Schau das ist doch die, der das angetan wurde. Schau das ist doch der, der das und das gemacht hat. Sie werden zu Menschen gemacht, die mit ihrer bösen Geschichte identifiziert werden. Sie klebt ihnen an, wie ein Gesicht; als hätten sie kein anderes, als wäre das ihre Person! Auch so werden Menschen um ihre Zukunft gebracht und vernichtet. Auch so kommt nichts in Ordnung. Und das ist zum Heulen.

So wie Joseph heult in unserer Geschichte. So wie Joseph trauert in unserer Geschichte. Aus der Unfähigkeit zu Trauern kommt die Gewalttätigkeit unserer Vergangenheitsbewältigung. Die Geschichte des Joseph zeigt deshalb einen anderen Weg. Sie zeigt uns auf der einen Seite die Trauer der Brüder; die späte Trauer der Täter über ihre Schuld und die dadurch kaputten Verhältnisse. Sie zeigt uns aber – man höre und staune – auch die Trauer des Joseph. Die Trauer des Opfers über die böse Vergangenheit und die dadurch kaputten Verhältnisse.

Diese Trauer des Joseph kann nicht verordnet werden. Es ist die Trauer eines weisen und gottesfürchtigen Mannes. Drum verweist er seine Brüder auf Gott: "Ihr gedachtet es böse mit mir zu machen, aber Gott gedachte es gut zu machen". Josef verweist seine Brüder an den Gott, der sich mit heillosen Zuständen nicht abfindet, sondern seinerseits um sie trauert. Der trauert um die Menschen, die seine Sintflut hinwegschwemmt, obwohl sie es verdient hatten. Jesus fällt mir ein, der trauert um die Ehebrecherin und ihre offensichtlich kaputten Verhältnisse. Der sich vor sie hinstellt, bis die Steine ihrer Henker in den Sand fallen. Der um die Stadt Jerusalem weint und um die Menschen, die ihn ans Kreuz schlagen werden. Auch dort bittet er noch für sie.

Die Trauer Gottes, die Trauer des Christus, die Trauer des Josef, sie fließen alle aus der gleichen Quelle. Es ist die Quelle der Liebe Gottes, die sich nicht mit heillosen Zuständen abfinden kann. Die sich nicht damit abfinden kann, dass bei der Bewältigung von böser Vergangenheit die Opfer auf der Strecke bleiben. Die sich aber auch nicht damit abfinden kann, dass bei der Aufarbeitung von Schuld die Täter auf der Strecke bleiben. Beiden gilt die Trauer und das Erbarmen des Gottes, der die selig preist, die Unrecht erleiden und doch nicht Lust hat am Tode des Sünders, sondern daran, dass er sich bekehre und lebe.

Daran nimmt Joseph Maß. Und deshalb deckt er weder alles auf, noch alles zu. Er tut nicht gewaltsam so, als sei nichts gewesen. Er nimmt sich und seinen Brüdern diese Geschichte nicht weg und verdrängt sie. Sie bleibt ihre Geschichte, die sie in ihrer ganzen Gemeinheit und Zerstörungskraft begreifen sollen, damit sie sich nicht wiederholt und weiter ihr Unwesen treibt.

Und Josef tut auch das andere nicht. Er legt seine Brüder nicht auf diese Geschichte fest. Er sagt nicht: Das seid ihr und so bleibt ihr! Er lässt ihnen ihr Gesicht und das reine Ansehen ihrer Person. Josef gibt sich, seinen Brüdern, ja seinem ganzen Volk die Chance auf bessere Zukunft.

So vergibt Josef seinen Schuldigern, wie Gott uns vergibt. Gott hat alles gut gemacht. Nur er, Josef kann so etwas sagen. Nur in seinem Mund ist das keine zynische, sondern eine frohe Botschaft. Jetzt ist schlimme Vergangenheit bewältigt ohne Gewalt. Jetzt hat sie ihre Macht über die Gegenwart und Zukunft verloren.

Liebe Gemeinde, wie viele durch unsere Schuld vergifteten Lebensverhältnisse warten darauf aufgearbeitet zu werden? Nicht mit Gewalt, sondern mit Trauer, Erbarmen und Liebe.

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