Auf die Liebe achten

Liebe Gemeinde,

heute ist der Sonntag Invokavit, der erste Sonntag der Passionszeit, der Fastenzeit. In den 7 Wochen bis Ostern denken wir an die Leiden Jesu auf seinem Weg nach Jerusalem und dann auf seinem Weg zum Kreuz. Wir Christinnen und Christen sind mit dem Geschick Jesu verbunden und deshalb begehen wir jedes Jahr neu seine Geburt zu Weihnachten und sein Sterben und Auferstehen an Karfreitag und Ostern. Mitten in der tiefsten Dunkelheit erscheint uns das Licht Gottes als göttliches Kind, als Zeichen der Hoffnung. Und im Frühling nehmen wir Anteil an dem Kreislauf aus Sterben und Neuem Leben. Was mit Jesus geschieht, hat also mit uns zu tun und je mehr wir uns durch Meditieren und Beten und Sichversenken und Einfühlen mit dem Geschick Jesu verbinden können, desto mehr können wir in dieses Heilsgeschehen hineingezogen werden. Weihnachten, Passion und Ostern sollen an uns geschehen, in uns geschehen, in unseren Herzen geschehen. Unser Predigttext heute zu Beginn der Passionszeit ist ein Stück aus dem Brief des Jakobus, Kapitel 1 die Verse 12-14:

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Zwei Wörter kommen hier vor, die ähnliches bedeuten: Anfechtung und Versuchung. Jede und jeder von uns hat einen Weg, einen Weg, der für uns vorgesehen ist, einen Weg zu Menschlichkeit und Gerechtigkeit. Wir haben alle unsere Verletzungen, und doch sollen wir selbst heil werden und in unserer Umgebung für Heilung sorgen. Und alles, was uns ablenken will von unserem Weg, das ist Anfechtung oder Versuchung. Wir heute haben andere Wörter für den gleichen Sachverhalt. Wir sagen: Pass auf, dass du dir nicht selbst untreu wirst. Wage es, deine Träume zu leben. Pass auf, dass du nicht unter deinen Möglichkeiten bleibst. Pass auf, dass du nicht einrostest, dass du nicht vor lauter Bequemlichkeit verfettest. Sorge dafür, dass deine Persönlichkeit sich entwickelt. Versäume nicht den Sinn deines Lebens. Ob wir die Sache mit unseren heutigen Worten ausdrücken oder mit den alten Worten Anfechtung und Versuchung – auf jeden Fall ist das Leben Kampf und es kommt darauf an, zu gewinnen. Die Krone des Lebens, die der empfängt, der sich in der Anfechtung bewährt, das ist der Siegeskranz aus Lorbeer, der griechischen Athleten als Ehrung nach dem Sieg auf den Kopf gesetzt wurde. Verbunden damit war ein Geldpreis.

Das erinnert uns in olympischen Zeiten natürlich an die Goldmedaille und was sie für die Sportlerinnen und Sportler bedeutet. Jahrelang arbeiten sie darauf hin und es kommt darauf an, die beste Form genau zum richtigen Zeitpunkt zu haben und dann muss es auch noch gut laufen. Auch was unseren Glauben und unsere seelische Entwicklung angeht, befinden wir uns in einem Wettkampf, bei dem wir uns anstrengen müssen und nicht auf Abwege kommen dürfen, damit wir die Krone des Lebens empfangen, den Siegeskranz in den Augen Gottes, die Goldmedaille für den Weg, der mir ganz persönlich vorgezeichnet ist als mein Weg und als mein Beitrag zu einer gerechteren und menschlicheren Welt. Worin besteht für uns heute die Anfechtung und Versuchung? Wo gibt es für uns die Gefahr, vom Weg abzukommen? Wo können wir den Sinn unseres Lebens versäumen?

Da ist z.B. die Untreue, die Ehen und Familien zerstört. Es gibt hier einen erstaunlichen Gegensatz zwischen dem, was uns Fernsehen und Zeitschriften augenzwinkernd als Moral vorführen, eine sexuelle Konsum- und Leistungsmoral, und dem, was Menschen eigentlich brauchen. Praktisch alle Brautpaare sagen mir, dass es ihnen darum geht, zueinander zu stehen, loyal zueinander zu sein, verlässlich für den Partner und eben treu. Und in diesem Gegensatz zwischen veröffentlichter Konsummoral und dem, was Menschen eigentlich brauchen, darin liegt die Anfechtung oder Versuchung. Oder da ist die Geldgier. Etwas haben zu wollen, kann mir so wichtig werden, dass ich darüber meine Beziehungen in die Brüche gehen lasse. Auch von dieser Versuchung geht etwas Zerstörerisches aus. Und zerstörerisch eben auch für mich selbst. Wenn ich nur noch habe und nicht mehr bin, dann habe ich mich selbst verloren. Dann muss ich schleunigst wieder auf den Weg zurückkommen, den Gott für mich vorgesehen hat. Ein weiteres Beispiel für Anfechtung und Versuchung heute: viele denken heute, man kann doch nichts machen. Vieles in der Welt läuft schief, die Umweltprobleme verschärfen sich, die Umgangsformen werden unmenschlicher, die soziale Kälte breitet sich aus, die Armen werden immer ärmer und die Reichen immer reicher, die Verzweiflung und Hoffnungslosigkeit nimmt immer mehr zu. Und deshalb geben viele auf, resignieren, haben aufgegeben, etwas dagegen zu machen. Das ist eine sehr große Versuchung, heute, wo wir dauern von soviel Problemen hören. Und es erfordert viel Kraft, gegen diese Versuchung anzukämpfen und das Wenige, was ich tun kann, was wir tun können, zu tun. Damit hängt eine weitere Versuchung zusammen: ich denke dann nur noch an mich selbst und versuche es mir so gut und bequem wie möglich einzurichten. Ich höre auf, hoffnungsvoll für alle etwas zu tun, für mehr Menschlichkeit und Gerechtigkeit einzutreten. Die frühen Christen haben gewusst, dass man nur zusammen, als Gemeinde Jesu Christi, etwas erreichen kann. Der Brief des Jakobus ist nicht an jemand einzelnen gerichtet, sondern an das Volk Gottes, das Gottes Weg der Befreiung aus der Ungerechtigkeit und Unmenschlichkeit und Unterdrückung mitgeht. Und wovon sich die Christinnen und Christen damals absetzten, war das römische Weltreich und seine Brutalität und Ungerechtigkeit und Verfolgung. Damals waren die Christen viel größeren Gefahren ausgesetzt. Sie konnten es sich gar nicht leisten, nur einzeln für sich zu kämpfen. Sie wussten, wir müssen zusammenstehen, füreinander eintreten und füreinander beten und die Hoffnung im anderen stärken, damit der andere auch meine Hoffnung stärken kann, wenn es darauf ankommt.

Liebe Gemeinde, worauf es ankommt, sagt uns unser Predigttext: Selig ist der Mann (und wir ergänzen natürlich: die Frau), der die Anfechtung erduldet, denn nachdem er bewährt ist, wird er die Krone des Lebens empfangen, die Gott verheißen hat denen, die ihn liebhaben. Wir müssen in vielfältigen Anfechtungen und Versuchungen bewähren. Es gibt leider noch viel mehr als die, die ich als Beispiele aufgezählt habe. Sie denken da sicher noch an andere. Unser Leben als Christinnen und Christen ist also ein Kampf, ein Wettkampf. Und ein Wettkampf ist erst am Ende entschieden. Wenn die ersten km bei einem Skilanglauf gut laufen, kann ich mich darauf nicht ausruhen. Abgerechnet wird zum Schluss. Ich muss alles geben, um den Siegeskranz zu erringen, die Krone des Lebens. Aber das ist nicht alles:

Gott hat diese Krone des Lebens verheißen denn, die ihn liebhaben. Wer ist das? Sind das nur die, die oft in die Kirche gehen und wie oft muss man dazu in die Kirche gehen? Oder sind das nur die, die ganz selbstlos sind und meistens ihre Nächsten lieben? Es gibt einen schönen Text von Ernesto Cardenal, dem Theologen aus Nicaragua, der viele schöne Bücher geschrieben hat, der mich sehr beeindruckt hat: er sagt: alle hungern nach Gott, ob sie es wissen oder nicht. Sie suchen in dem, was sie tun, die Fülle und das Mit-sich-selbst-eins-Sein, das vorbehaltlose Geliebtwerden, das Berührtwerden durch die Nähe Gottes, die mir näher ist, als ich mir selbst sein kann.

Also: eigentlich lieben alle Gott und suchen seine Fülle. Sie müssen nur auf diese Liebe achten und auf sie hören und den Weg gehen, den sie ihnen weist und v.a. sich öffnen für das Geliebtwerden, damit sie wirklich lieben können. Also am Ende nimmt Gott uns an, gerade auch dann, wenn wir verlieren in unserem Kampf. Gerade die Verlierer möchte Gott annehmen und möchte sie verändern, dass sie kämpfen können und siegen können und die Krone des Lebens empfangen. Am Ende können wir die Krone des Lebens nicht erkämpfen und erwerben, sondern nur empfangen, denn wir alle scheitern in diesem Kampf. Weil das so ist, liebe Gemeinde, deshalb wollen wir zu Beginn der Passionszeit das Abendmahl empfangen. Wir wollen annehmen, was Gott uns schenkt, um dann, neu gestärkt, die Anfechtung zu erdulden und uns zu bewähren in unserem Kampf für Gerechtigkeit und Menschlichkeit. Wir wollen uns lieben lassen, damit wir lieben können. Wir wollen empfangen, damit wir geben können.

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