Auf der sicheren Seite

Liebe Gemeinde.

Es gibt nicht wenige Christen, die der Meinung sind, man könnte, wenn man nur wollte und sich nach der Bibel richtete, ein gottgefälliges Leben führen. Sie haben Angst vor der Verantwortung, selber entscheiden zu müssen. Sie stellen Regeln auf, was man tun darf und was nicht, sondern sich von der Welt ab und bauen sich eine eigene Welt auf, in der sie meinen, eine Grenze ziehen zu können zwischen gut und böse. Im strengsten Fall landen sie bei einer Sekte. Sie können es nicht ertragen, dass die Bibel kein Anleitungs-und Verbotsbuch ist, sondern uns herausfordert zu eigenem Handeln und Nachdenken. Und es ist ja auch schwer zu verstehen, das man mit der Bibel in der Hand Gutes tun wie auch einen Krieg führen kann. Und wir erleben es in diesen Tagen, dass selbst der Glaube an Gott benutzt werden kann, einen Terrorkrieg zu rechtfertigen. Ein Präsident, von dem gesagt wird, er bete täglich und der sich schlafen legen kann, während er Bomben auf ein fremdes Land fallen lässt, was für einen Glauben hat dieser Mann? Wie ist so etwas möglich? Wie ist es möglich, dass ein Satz von Jesus derartig ins Perverse verdreht werden kann: Wer nicht für mich ist, der ist gegen mich? So zitiert von George Bush in Bezug auf eine Allianz des Krieges. Mit anderen Worten: wer dem Kriegskurs nicht folgt, der kann nur Gegner sein. Wer dieses mörderische Vorhaben nicht unterstützt, kann sich nicht mehr unser Freund nennen. Ich kann mir vorstellen, dass das Christentum an diesem Krieg Schaden nimmt. Wenn Menschen, die uns vielleicht kritisch sehen oder gar auf der Suche nach Gott sind, es nun erleben, was aus dem Glauben hervorkommen kann.

Wenn ein Mann die Menschen darauf einschwört, ihm zu folgen und ihn zu unterstützen, wenn er Tausenden den Tod bringt. Und das mit einem Segenswunsch verbindet.

Was schützt uns eigentlich davor, solchem Irrtum zu erliegen? Was schützt uns davor, die Welt so kindlich in gut und böse einzuteilen? Sicherlich, wir werden wohl keinen Krieg führen und sicherlich auch nicht Präsident oder Premierminister werden. Aber wie wird es künftig zwischen Christen und Moslems zugehen, wenn es vermehrt zu Terroranschlägen kommt. Was wird sein, wenn wir vielleicht den Gürtel noch enger schnallen müssen, weil Flüchtlinge an unseren Grenzen stehen?

Als wir letztes Jahr nach Tunesien geflogen sind, sagte jemand zu mir: was, zu den Moslems wollt Ihr, na da….Was steckte da dahinter? Ich habe gestern einen Freund in Tunesien angerufen und er fragte: wann kommst du wieder, ihr kommt doch zu uns, es passiert Euch nichts.

Ich will dir folgen, Jesus, wohin du gehst. Das sagen in unserer biblischen Geschichte mehrere Menschen. Und an anderen Stellen sagte Jesus immer wieder zu Menschen: Folge mir nach. Und ich denke, vielleicht ist das eine Richtschnur für richtig und falsch. Denn Jesus nachfolgen schließt vieles ein, aber einiges ganz konsequent aus. Und das macht auch die Verirrung des Irakkrieges deutlich: Jesus war und ist für das Leben. Und er hat sich allem entgegengesetzt, was Leben zerstört.

Selbst als es ihm ans Leben ging, hat er seinen Freunden den Kampf untersagt. Jesus nachfolgen kann sicherlich ganz unterschiedlich sein und es ist ein großes Plus einer Großkirche, dass diese Unterschiede gelten dürfen, aber es bleibt an der Spitze der eine, der gleiche Jesus. Ein Jesus, der uns einlädt, ja auffordert, unsere eigenen Einsichten, unsere seelischen Strukturen, unsere Auffassung von Gott, alles, was wir gelernt haben und was uns prägt, an seiner Menschenliebe zu messen. Wer seine Hand an den Pflug legt und sieht zurück, wer also nicht frei ist, sich von bisherigen Auffassungen und Bindungen zu lösen, der ist nicht geschickt, nicht fähig, das Reich Gottes auf dieser Welt mit sichtbar zu machen.

Wir sind alle geprägt von unserer Geschichte und von Erfahrungen. Aber Jesus will uns herausrufen zu Neuem. Und den vermeintlichen Teufel Saddam Hussein mit dem Teufel des Krieges auszutreiben, das gehört zum Alten, das ist nach hinten geblickt ins finstere Mittelalter.

Allerdings, wir müssen uns im Klaren sein, der Weg mit Jesus ist nicht der glorreiche Weg. Wer sich heute auf die Straße setzt, um Zufahrten zu Stützpunkten zu blockieren, wird hart angefasst. Eine Bundesregierung, die diesen Krieg ablehnt, muss sich vor aller Welt von einer C-Partei schelten lassen.

Jesus macht darauf aufmerksam, dass, wer ihm nachfolgt, sich wohl nicht häuslich einrichten kann. Wird wohl in Bewegung bleiben müssen, mit seinem Lebensstil und seinen Auffassungen. Ich ahne es, dass wir den Krieg in den nächsten Jahren noch ganz anders zu spüren bekommen: in finanziellen Einschränkungen, in neuen Gefahren und Auseinandersetzungen.

Vielleicht werden wir uns für Araber und Moslems einsetzen müssen, wenn die Kluft nun noch grösser wird. Die Vögel haben Nester, sagt Jesus, aber wer mir nachfolgt, muss sich darauf einstellen, dass er unterwegs ist, dass er nichts festschreiben kann. Wie ist das mit unserem Wohlstand, mit unserem scheinbar sicheren Sozialsystem, das andere Völker gar nicht kennen. Wie ist das mit den billigen Produkten und dem Anspruch, mit 18 ein Auto fahren zu können. Ist das unser Nest? Werden wir dazu ja sagen können, wenn es sich verändert. Werden wir dazu ja sagen können, damit irgendwann der Terrorismus keine Wurzeln mehr hat?

Wir haben letzte Woche in der Jungen Gemeinde einen Film gesehen. Er heißt der Marsch. Er ist ein utopischer Film. Hungernde Menschen im Sudan machen sich auf den Weg nach Europa. Sie wollen ein Stück vom Wohlstand Europas haben. Sie sagen: lasst uns nur so leben, wie Eure Katzen, denn was ihr für die Katzen ausgebt, ist mehr, als wir zum leben haben. Und als sie über das Meer nach Spanien kommen, steht ihnen die bewaffnete macht entgegen, ein Kind ist das erste Todesopfer. Sicher, es wird so nicht gehen – aber wie anders? Was wäre, wenn Jesus sagt: folgt mir nach und nehmt aus euren sichern Nestern die Hälfte Eures Wohlstandes mit, nicht nur Spendengelder, sondern wirklich die Hälfte von allem. Das frische Wasser, die schönen Autos, die Spielkonsolen und die Kosmetik. Nur die Hälfte und wir hätten immer noch genug.

Es ist nicht so einfach, Jesus nachzufolgen.

Aber es gibt keinen anderen Weg. Den pervertierten Weg sehen wir und wir sehen ihn in seiner schrecklichsten Auswirkung. Vielleicht sollen wir an diesem Krieg lernen, wie sehr ein Mensch verkehrt sein kann und wie sehr die Menschheit neu lernen muss, und da sind wir wohl alle gefragt, was denn Glaube eigentlich heisst. Und ob und wie wir bereit sind, längst Überholtes, Totes zu lassen, statt es zu kultivieren und uns auf Neues, auf neue Einsichten und Lebensweisen einzulassen. Das wird anstrengend sein, aber die Geschichte von Jesus macht es deutlich, dass auf seinem Weg immer wieder das Leben durchgebrochen ist.

Und zuletzt hat seine Auferstehung gezeigt, dass es der richtige Weg war. Von daher sind wir trotz aller Mühen hinter ihm auf der sicheren Seite.

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