Auf den Adler wartet ein offener Himmel

Eine Geschichte aus Afrika: Ein Bauer nahm einen verwaistes Adlerjunges mit auf seinen Hühnerhof und tat es zu den anderen Hühnern und Enten. Als er einem Gast seinen Hof zeigte, bemerkte der den Adler uns sagte. ‚Der passt nicht. Dieser Vogel der Freiheit – was soll der unter den Hühnern?’ Der Bauer erklärte, wie er ihn gefunden hat – und dass er sich doch wohlfühle in dieser Gesellschaft. Er benimmt sich wie ein Huhn, er isst wie ein Huhn, er lebt wie ein Huhn Aber der Gast: Dieser Vogel ist doch ein Adler – und er bleibt ein Adler – gib ihm die Freiheit!’ Zwei Tests verlaufen negativ. Die Angst vor dem fremden siegt über die Natur des Adlers. Er blibt scheinbar lieber ein Huhn. Beim dritten Versuch nimmt der Gast den Adler und sagt zu ihm: ‚Du bist ein Adler – fliege in deine Freiheit’ – und der Adler fliegt.

Von der Freiheit zu der wir durch die Taufe berufen sind, erzählt auch unser Predigttext. Aber vor allem von dieser Frage: Wisst Ihr nicht, wer ihr seid? Ihr pickt mit den Hühnern, statt Euch stolz zu erheben und Adler zu sein:

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Vielleicht war Ihnen ja jetzt ein bisschen viel von Tod und Kreuz die Rede, wo es doch um die Taufe geht – um den Beginn des Lebens, um den Beginn einer wunderbaren neuen Beziehung. Die Geschichte vom Adler ist zwar nicht biblisch, aber sie passt uns da doch viel besser. Aber Paulus will in seinem Grundlegenden Brief an die Römer Ähnliches ausdrücken. Wir sind ist die zentrale Aussage. ‚Du bist ein Adler – also erhebe dich wie ein Adler in die Lüfte!’ Er erinnert die Gemeinde in Rom an etwas, dass ihnen bekannt sein sollte. Das ist nicht einfach die Geschichte von Jesu Tod und Auferstehung, das ist vielmehr die Botschaft, die dahinter steht: da ist ganz Wesentliches für uns geschehen. Da ist von der tiefsten Gemeinschaft Jesu mit uns und von uns mit Jesus die Rede. Dahinter steht der Gedanke von Stellvertretung. So wie wir in den Wahlen zum Presbyterium Menschen stellvertretend für die ganze Kirchengemeinde wählen, dass sie Entscheidungen treffen, Richtungen festlegen. So wie Eltern und Patinnen stellvertretend für ihr Kind entscheiden, dass es getauft wird und noch viele andere Entscheidungen treffen. So Jesus auch für uns.

In der Taufe nimmt Jesus uns hinein in das, was er stellvertretend für uns gemacht und erlitten hat. In der Taufe haben wir Anteil an ihm, in der Taufe wird uns Vergebung zuteil, genauer gesagt: Die Zusage der Vergebung für unser Leben und die Zusage der Auferstehung mit ihm.
Das aber ist kein unabänderliches Schicksal, kein Automatismus. Wir müssen und wir dürfen und dazu stellen. Jesu Zusage steht, aber wir sind um unsere Antwort gefragt. Wollen wir uns das gefallen lassen. Diese Antwort ist unser Leben. So wie Christus für uns gelebt hat, dürfen wir uns die Frage vorlegen: für wen leben wir stellvertretend? Und wir dürfen sie selber beantworten – mit unserem Leben.

Martin Luther hat einmal gesagt: „Der Mensch ist ein Reittier. Er wird von Christus geritten – oder vom Teufel.“ Das ist ein deutliches Wort. Wir haben die Freiheit, wer uns ‚besitzen‘ soll. Wir dürfen uns entscheiden, wir dürfen auch Irrwege, die wir gehen wieder verlassen. Wir erhalten wie der Adler im Hühnerhof die Chance. Aber trotzdem haben wir Angst uns auf den Herrn zu verlassen. Paulus flüstert uns zu: Ich seid frei! Lebt frei. Im vertrauen darauf dürfen wir uns emporschwingen. Auf den Adler wartet ein offener Himmel. Auf uns wartet einer mit offenen Armen und großer Liebe.

Die Erinnerung, mit der Paulus diesen Abschnitt beginnt: ‚Wisst Ihr denn nicht, wer Ihr seid’ kann emotionale Blockaden lösen und neue Kräfte freisetzen. Ich kenne das aus dem Sport, wenn der Trainer seine Mannschaft motivieren will und an ihre Erfolge oder an die großen Traditionen ihres Vereins erinnert. Wisst ihr nicht, wer ihr seid. Das kann neue Energien freisetzen. Was im Sport mitunter wirkt, kann auch in der Kirche etwas bewirken. Und kann bei jedem Einzelnen von uns etwas bewirken Genau das will Paulus bei uns freisetzen.

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