Anvertraute Zeit

Liebe Gemeinde!„Anvertraute Zeit…“ lautet der Titel einer Ausstellung. Sie ist z.Z. in der Pauluskirche in Bad Kreuznach zu besichtigen. Anlässlich seines 150 jährigen Bestehens hat das Archiv der Evangelischen Kirche im Rheinland 40 Bildtafeln zu verschiedensten Themen und Epochen evangelischen Lebens zusammengestellt. Anliegen der Ausstellung ist nicht zuletzt die Darstellung des Alltags zwischen Niederrhein und Saarregion mit seinen kleinen Sorgen z.B. um den angemessenen Platz in der Kirche (Meisenheimer Kirchstuhlordnung von 1759), Fragen der Amtstracht und kirchlicher Finanzen sowie der Kritik an langweiligen Predigten. Auch die Zeit des Nationalsozialismus wird beleuchtet. Tagebücher von Pfarrern, der Einsatz Geistlicher an der Front. Aber auch die theologische Grundsatzentscheidung von Barmen und der entschiedene Widerspruch von Pfarrer Paul Schneider gegen den Absolutheitsanspruches des Nazi-Staates. Wie ein roter Faden erscheint mir als Besucher der Ausstellung, dass Menschen zu verschiedenen Zeiten, unter unterschiedlichen Bedingungen aus dem Hören auf Gottes Wort den Glauben bekennen und aus dem Glauben leben. Diesen Zirkel vom Hören – Glauben – Bekennen –Leben hat der Apostel Paulus der Gemeinde in Rom so beschrieben:

[TEXT]1. Der Glaube kommt aus dem Wort Christi.
Für Martin Luther war es eine große Befreiung, als er entdeckte, dass der Glaube ein Geschenk ist. Er ist menschlichen Anstrengungen entzogen, unverfügbar, unabhängig von unserem Erfolg oder Versagen. Für Luther war die Frage nach dem gnädigen Gott eine immer wieder vergebliche Anstrengung, bis er entdeckte, allein auf den Gekreuzigten zu schauen. Da liegt die Antwort. Da liegt das Heil der Welt. „Der auch seinen eigenen Sohn nicht verschont hat, sondern hat ihn für uns alle dahingegeben – wie sollte er uns mit ihm nicht alles schenken?“ (Röm 8,32)
Und das bedeutet auch: Es gibt keine Norm, die festlegen könnte, wann der Glaube beginnt und in welcher Weise er sich zu äußern habe. Der Notschrei „Ich glaube- hilf meinem Unglauben!“ (Markus 9,24), mit dem der Vater eines kranken Kindes sich in seiner Ausweglosigkeit und Verzweiflung vorbehaltlos Jesus anvertraut, beschreibt beispielhaft, worin Glaube besteht. Er überlässt sein Leben ganz Jesus. Er verschließt dabei nicht die Augen vor der Realität, vielmehr benennt er seine Hilflosigkeit wie seine Zweifel, er schreit seine körperliche und seelische Zerbrechlichkeit einfach heraus. Er traut Jesus zu, dass sein Wort hebt und trägt. Und er wird nicht enttäuscht.

Doch da höre ich schon die Einwände: Aber… und ich antworte mit dem Apostel Paulus. „Denn wenn du mit deinem Munde bekennst, dass Jesus der Herr ist, und in deinem Herzen glaubst, dass ihn Gott von den Toten auferweckt hat, so wirst du gerettet.“

2. Der Gaube wird vermittelt durch die Predigt
Hin und wieder höre ich bei Hausbesuchen: „Wissen Sie, Herr Pfarrer, ich bin kein Kirchgänger – aber ich habe meinen Glauben!“ Ich nehme das Anliegen der Beteuerung ernst, ich bestreite die darin liegende Religiosität auch nicht. Freilich frage ich mich, ob die Formulierung nicht bereits verrät, dass es sich bei diesem Glauben in der Tat um „Selbstgestricktes“ handelt, eine Frömmigkeit, gewachsen aus Resten alten Kinderglaubens, aus Katechismuswissen und Vorstellungen aus anderen Weltanschauungen. Und dann weis ich gern daraufhin, wie wichtig im Berufsleben die Fort- und Weiterbildung sei. Da könne man auch nicht bei dem in der Lehrzeit Gelerntem stehen bleiben. So sei es auch mit dem Glauben. Wir benötigen immer wieder das Hören auf Gottes Wort. Das sei doch etwas ganz anderes, wird dann eingeworfen. „Na, und wie steht es um Ihre Ehe?“, frage ich dann zurück. “Sie lebt doch von dem Gespräch, lebt von dem einander zuhören, miteinander reden, ja streiten, sich auseinandersetzen und wieder versöhnen, Probleme erkennen und beim Namen nennen und dann gemeinsam nach Lösungen suchen. In einer guten Ehe lässt sich einer auf den anderen ein, hört zwischen den Zeilen, weiß sie zu deuten. So ist es auch mit dem Glauben auch er bedarf, der Ansprache, der Ermahnung, des Austausches. Darum ist die Kirche als Ort des Hörens so wichtig.“

Bei Nachfragen, warum jemand aus der evangelischen Kirche ausgetreten sei, höre ich öfters den Satz: „Was da unser Papst gesagt hat, dem stimme ich nicht zu.“ Hier zeigt sich, dass die Distanz zur Kirche schon so groß geworden ist, dass nicht mehr differenziert wird. Ein weiteres Zeichen dafür, wie wichtig die Aufgabe des Predigens ist, damit Glaube wieder eine Herzenssache wird.
Doch auch unter uns, die wir die Kirche nicht verlassen haben, die wir regelmäßig den Gottesdienst besuchen, an den einen oder anderen Veranstaltungen teilnehmen, gibt es eine Müdigkeit, weil es immer weniger sind. Da breitet sich sozusagen ein innerer Nebel über Herz und Sinne aus, der alles zu verschlingen scheint wie die grauen Herren in Michel Endes Geschichte „Momo“ die Zeit auslöschen: Gewiss mag es noch ein großes Wissen um Glaubensdinge hin und wieder geben, doch die Kluft zwischen Sonntag und Alltag, zwischen Glaube und Welt scheint unüberbrückbar. Doch der christliche Glaube ist keine Religion von Lehrsätzen, sondern eine Lebenshaltung, die bekennt. Jesus ist der Herr. Das macht die eingangs erwähnte Ausstellung. „Anvertraute Zeit“ sehr schön deutlich, wie befreiend diese Botschaft auf jeden einzelnen Menschen wirkt und dann weitere Kreise zieht. Sie macht Mut und erbaut, wie verschieden dieses Bekenntnis gelebt wurde und wie in vielfältige Weise andere dadurch reich beschenkt wurden. Ich erwähne z.B. Joachim Neander, den reformierten Prediger und Lehrer in Düsseldorf. Sein Lied „Lobe den Herren, den mächtigen König“ (EG 316), das wir soeben gesungen haben, bleibt ein wunderbares Vermächtnis. Darum ist die Kirche als ein Ort des Hörens und Lernens so wichtig. Denn nur dann sind wir auch fähig zu dem weiteren Schritt:

3. Der Glaube teilt sich mit Herz und Mund und Händen mit
Möglich wird solche Hingabe nur, wo das Herz ungeteilt bei Jesus ist, wo im Ringen um den rechten Weg die Gemeinschaft mit den anderen gesucht wird. Ein weiteres schönes Beispiel zeigt die Ausstellung „Anvertraute Zeit“ mit ´der Erinnerung an die bergische Bibelgesellschaft. Ein Engländer, der Mitglied einer britischen Bibelgesellschaft war, kam auf seiner Durchreise von London nach Petersburg in Wuppertal vorbei. Innerhalb eines Tages fanden sich „wohlsituierte Bürger“ darunter die Bürgermeister von Elberfeld und Barmen zusammen und gründeten ohne lange Diskussion die bergische Bibelgesellschaft, um das „Wort Gottes als Ganzes als auch in einzelnen Teilen zu verbreiten“. Zehn Jahre später stelle die Gesellschaft 20 Bibelboten an, die von Haus zu Haus gingen. Darüber wurde nicht eigens geworben. Bis 1871 wurden jährlich 7- 8000 Bibeln und ebenso viele Neue Testamente verteilt. Bis heute wirkt diese Gesellschaft segensreich weiter.

Die Ausstellung zeigt viele solcher Beispiele, die ermutigen können, den Blick endlich zuwenden von den scheinbaren unlösbaren Problemen hin auf Jesus. „Denn »wer den Namen des Herrn anrufen wird, soll gerettet werden«“.

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