Anti-Pfingstpredigt

Liebe Gemeinde!

Sie sind voll von süßem Wein. So haben wir es eben wieder gehört. Dies ist nicht nur eine Vermutung oder Behauptung, die mit entsprechender Technik (Röhrchen-Pusten!) leicht überprüft werden könnte. Es ist Spott. Warum wird nicht nur über scheinbar Betrunkene, sondern vor allem auch über offensichtlich und tatsächlich Betrunkene überhaupt gespottet? Warum gibt es so viele Witze darüber? Die müssen nicht immer bös‘ gemeint sein, – das kommt auf die Situation an. Jedenfalls gibt es sie.

Einen davon kenne ich durch meinen Vater, der im Krieg bei der Marine war: Käpten X und Steuermann Y sind sich nicht grün. Eines Tages schreibt Käpten X ins Logbuch (d.h. ins Schiffstagebuch, wo alle wichtigen Ereignisse festgehalten werden): "Steuermann Y war heute blau." Am nächsten Tag schreibt Steuermann Y ins Logbuch: "Käpten X war heute nüchtern."

Ich möchte, dass Sie heute Abend in Ihr Tagebuch schreiben können: "Pfarrerin Rodenberg war heute nüchtern." Deshalb möchte ich heute eine Ernüchterungspredigt halten. Wenn Sie so wollen: eine Anti-Pfingstpredigt.

Wenn der Tag x gekommen ist, wird Folgendes übrig geblieben sein von der Flamme des Heiligen Geistes: ausgebrannte Berufschristen, die in den Jahren davor für immer größere Gemeinden zuständig gewesen waren. Und das Licht in leerstehenden Pfarrhäusern, das zu bestimmten Zeiten angezündet wird, am besten mit Energiesparlampen. Und wenn es brennt, dann kommt die Menge zusammen, dann versammeln sich die Leute andächtig und sehnsüchtig davor.

Die Menschen, die dann noch Pfarrerin und Pfarrer werden, werden sich nicht mehr den Luxus unterschiedlicher Meinungen und Stilarten in Bezug auf den Glauben leisten. Sie predigen nicht mehr in verschiedenen Sprachen, sondern verwenden eine Einheitspredigt, weil die acht Stunden Vorbereitungszeit für eine eigene nicht drin sind. Sie versuchen nicht mehr, mit ihren eigenen Worten von Gott zu reden … oder gar die unterschiedlichen Hörergruppen – Alte und Junge, Kranke und Gesunde – jeweils in ihrer Sprache anzusprechen …
Man kann es auch positiv sehen: sie helfen sich gegenseitig, indem sie ihre Predigten ins Internet stellen. Sie lernen die Predigtsprache der KollegInnen schätzen … so dass bei Predigttausch tatsächlich die Predigten getauscht werden und nicht die Prediger-Personen. Sie lernen überhaupt, sich helfen zu lassen, von jedem Menschen, dem Glaube und Kirche am Herzen liegt.

Das große Brausen hat sich dann auch gelegt. Kirchenmänner und -frauen sind nicht mehr Hans Dampf oder Grete Dampf in allen Gassen. Sie kehren vor der eigenen Tür. Wischen Staub auf ihrer eigenen Seele. Merken, dass sie Menschen sind, die gehasst und geliebt werden können. Und vielleicht sogar selber hassen und lieben.

Sie lassen es dann auf keinen Fall mehr zu, dass man sie Geistliche, Geistlichkeit nennt, – als ob es Menschen geben könnte, die vom Heiligen Geist auf Dauer erfüllt sind. Die Begeisterung überlassen sie dem Fußball. Und lassen sich lieber Kleriker nennen: d.h. die durch das Los Bestimmten. Das heißt: Irgendjemand muss den Job halt machen, stellvertretend für alle andern.

Dann stößt es nicht mehr auf ratloses Staunen und Entsetzen, wenn typische Berufskrankheiten auftreten. Dann wird man offen darüber sprechen, sie nicht mehr schamhaft verschweigen. Beim Personal der Friedhöfe und Krematorien hält man es ja auch nicht für erstaunlich, wenn einer trinkt, um den Geruch des Todes, den Pietätsdruck und die Einblicke in vielerlei Kummer und Nöte aushalten zu können.

Wenn es dann tatsächlich noch bezahlte Berufschristen geben wird, dann werden sie vielleicht neu fortgebildet, zu Fachleuten im Umgang mit der Droge Gott, der Droge Heiliger Geist: sie müssen wissen, wo sie zu finden ist: wo sie in der Natur vorkommt; wie sie synthetisch gewonnen werden kann aus Bibelwort und Glaube. Weil es ja immer noch Menschen gibt, die sie brauchen. Die unter Entzugserscheinungen leiden. Diese Fachleute klären aber auch auf über die Gefahren des Missbrauchs, der mit Gott und seinem Namen getrieben wird: Man kann Gott missbrauchen wie ein Medikament, um die harte Wirklichkeit zu verklären, um das falsche Leben besser ertragen zu können. Vielleicht können wir nicht anders – wir brauchen Gott. Die Aufgabe dieser Fachleute wäre es dann, Hilfe zur Selbsthilfe anzubieten, damit wir lernen, mit dieser Abhängigkeit zu leben und die für uns richtige Dosis von Gott zu erwischen. Und weil Gott pur einfach zu stark ist, würden die Fachleute passende Lösungsmittel empfehlen: Stille, Lachen, gerechtes Handeln. Für sich selber und im Interesse ihrer eigenen Gesundheit würden sie ihren eigenen Genuss der Droge auf ein verträgliches Maß begrenzen, – einen nüchternen Glauben üben und pflegen. Vielleicht nehmen sie sich den Alkoholiker zum Vorbild, der nachdem er eine Entziehungskur gemacht hatte und wusste, welche Grenze er für sich selber ziehen musste, die Verantwortung für das Weinregal im Supermarkt übernahm, anderen den Wein verkaufte, den er selber nicht trinken durfte.

Zum Schluss noch eine Anekdote: Pfarrer Johann Z möchte sich einmal ganz auf den Heiligen Geist verlassen. Er will vollkommen unvorbereitet auf die Kanzel gehen – der Heilige Geist wird ihm dann schon die richtigen Worte eingeben. So hat er es der Gemeinde bei der Begrüßung auch angekündigt. Nun steht er oben. Er horcht eine Weile. Dann verlässt er schweigend die Kanzel. Zum Glück setzt der Organist geistesgegenwärtig sofort mit dem Predigtlied ein. Die Messnerin fragt den Pfarrer: "Und? Hat der Heilig Geist nichts zu Ihnen gesagt?" "Doch," sagt der Pfarrer. "Er hat gesagt: Johann, du bist faul gewesen." Zu mir, liebe Gemeinde, hat der Heilige Geist das nicht gesagt. Er weiß, was ich diese Woche gearbeitet habe und auch noch hätte arbeiten können, anstatt eine eigene Predigt zu schreiben. Aber er hat zu mir gesagt: Du hast noch nicht wirklich verstanden, wer ich bin. Wenn Du mich verstanden hättest, würdest Du freiwillig und spontan ein Fest für mich feiern, und das nicht nur, wenn Pfingsten im Kalender steht.

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