Anlass genug, Gott zu rühmen!

Liebe Gemeinde!

Kräftige Worte spricht der Prophet Jeremia. Es sind zugleich Sätze, denen wir alle zustimmen. Denn der Neunmalkluge, der Kraftprotz und der Neureiche – das sind keine Idole. Eher ist es schon die Aufzählung von Gestalten, die nicht nur in der Karnevalszeit Anlass für gelungene Karikaturen geben. Wir verachten sie, weil sie von ihrem selbstgeschaffenen Ruhm leben. Und doch: ganz verwerflich kommen und die drei Gestalten freilich auch nicht vor. Denn was uns abstößt, ist die falsche Einstellung zu Weisheit, Stärke und Reichtum. Einmal Hand aufs Herz: Wer wünscht sich nicht etwas mehr Reichtum, um gelassener zu leben und am Ende noch etwas davon abgeben zu können; mehr Durchsetzungsvermögen, um nicht immer klein beigeben zu müssen; etwas mehr Weisheit, um nicht immer in dieselben Fehler zu verfallen?

Weise – stark – reich zu sein – in diesen drei Wünschen liegt ein ganzes Leben. Um ein Bild zu gebrauchen, sie sind wie eine Leiter mit drei Sprossen, die wir im Lauf unseres Lebens erklimmen. Als Kind wollte ich immer stark sein, um mich gegenüber den anderen zu behaupten. Als Jugendlicher wollte ich immer reich sein, oder wenigstens reiche Eltern haben, um mithalten zu können, was in der Gruppe ‚in‘ war. Das schien mir unbedingt nötig, um anerkannt zu sein. Heute lächle ich über mich selbst. Ist es nun die Weisheit, die ich suche? Denn sie kann man nicht kaufen und nicht erzwingen, sie ist etwas Innerliches, will reifen durch Erfahrung und Alter.

Die Erfahrung hat mich gelehrt, wie schnell die eigene Stärke zur Überheblichkeit verführt. ‚Na du, Kleiner, was willst du? Dich unbedingt mit mir anlegen? Na schön, wirst sehen, was du davon hast, ’ne blutige Nase!‘ Und dann begann die Rauferei. So läuft es ab zwischen Kindern und mit subtileren Methoden auch unter den Erwachsenen im Konkurrenzkampf von Macht und Einfluss.

Die Erfahrung hat mich gelehrt, wie Reichtum hart macht gegen andere: ‚Sollen doch selbst erst einmal was leisten – mir ist auch nichts geschenkt worden! Wer arbeiten will, der findet auch welche.‘ So oder ähnlich lauten die Redensarten, die wir bewusst oder unbewusst übernehmen, um uns in der Wagenburg Geld einzuigeln.

Der Blick in die Geschichte hat mich gelehrt, wie die eigene ‚Weisheit‘ als die alleinig richtig verkündigt wird, so dass der andere als Ketzer oder Hexe dasteht. Dann war und ist es nur noch ein kleiner Schritt, bis der Scheiterhaufen brennt.

Doch Gott betreibt hier keine Publikumsbeschimpfung, indem er das Versagen anprangert, indem er die moralische Besserungskeule schwingt, sondern er lädt ein zu einer neuen Sicht von weise, stark und reich sein.

"Sondern wer sich rühmen will, der rühme sich dessen, daß er klug sei und mich kenne, daß ich der HERR bin, der Barmherzigkeit, Recht und Gerechtigkeit übt auf Erden; denn solches gefällt mir, spricht der HERR."

Darin liegt die Umkehr, von sich abzusehen, von der eigenen Weisheit, dem eigenen Reichtum und der eigenen Stärke hin zu Gott, ihm zu danken als Geber aller guten Gaben, ihn zu loben, dass er ein so kreativer, schöpferischer Gott ist.

Darin liegt die Umkehr, von sich abzusehen und hinzusehen, wie Gott weise, stark, reich sein versteht. Denn diesen drei Lebensbereichen stellt Gott gegenüber Barmherzigkeit, Recht und Gerechtigkeit. Darin liegt die Hoffnung auf gelingendes Leben, dass wir aus Gottes Tun lernen. Das heißt für mich im Hinblick auf dieses Gottes Wort: Weise sein mit Barmherzigkeit, stark sein mit Recht, Reichtum mit Gerechtigkeit in Beziehung setzen.

1. Weise sein heißt, Gottes Barmherzigkeit erkennen.
Das chinesische Schriftzeichen für einen ‚weisen‘ Menschen zeigt ein großes Ohr und/oder ein großes Auge, immer ein großes Herz – aber stets einen kleinen Mund. Ist das nicht ein schönes Bild für einen Christen, eine Christin? Sollten wir nicht mit großem Ohr auf Gott hören? Sollten wir nicht mit großem Auge darauf sehen, was Gott tut? Sollten wir nicht mit großem Herzen uns dem Nächsten zuwenden? Sollten wir nicht lieber bedächtig als vorlaut reden? Beim Hören und Sehen stoße ich in der Bibel auf einen Gott, der sich – für uns Christen unmissverständlich eindeutig und einzig – in Jesus Christus als einer zu erkennen gibt, der barmherzig ist. Im Hebräischen heißt das Wort ‚chaesed‘, Barmherzigkeit, wörtlich übersetzt: überfließende Liebe. Sehr schön beschreibt Paulus diese überfließende Liebe Gottes als Lebenshaltung, in seinem Brief an die Philipper: "Er, der in göttlicher Gestalt war, hielt es nicht für einen Raub, Gott gleich zu sein, sondern entäußerte sich selbst und nahm Knechtsgestalt an, ward den Menschen gleich und der Erscheinung nach als Mensch erkannt. Er erniedrigte sich selbst und ward gehorsam bis zum Tode, ja zum Tode am Kreuz." (Phil 2,6-8). Ist das nicht Anlass genug, Gott zu rühmen?

2. Stark sein heißt, das Recht Gottes erkennen.
Sich ins rechte Licht setzen, sich rechtfertigen, darauf verwenden wir viel Zeit und Mühe. Manchmal trumpfen wir auch gern auf: ‚Siehst du, ich hab’s dir gleich gesagt!‘ Wieder einmla im Recht zu sein, das scheint uns aufzubauen. Das Recht Gottes allerdings liegt nicht im Recht behalten begründet, sondern in seiner Barmherzigkeit. Sie ist die Voraussetzung für das Recht, das keinem verwehrt wird. Immer wieder haben die Propheten Israels durch all die Jahrhunderte hindurch darauf hingewiesen. In der Tempelrede des Jeremia heißt es: "So spricht der HERR Zebaoth, der Gott Israels: Bessert euer Leben und euer Tun, so will ich bei euch wohnen an diesem Ort. Verlaßt euch nicht auf Lügenworte, wenn sie sagen: Hier ist des HERRN Tempel, hier ist des HERRN Tempel, hier ist des HERRN Tempel! Sondern bessert euer Leben und euer Tun, daß ihr recht handelt einer gegen den andern und keine Gewalt übt gegen Fremdlinge, Waisen und Witwen und nicht unschuldiges Blut vergießt an diesem Ort und nicht andern Göttern nachlauft zu eurem eigenen Schaden …" (Jer 7,3-6) Gott hat besonders ein Auge auf die Randsiedler und will, dass ihnen Recht geschieht. Das zu erkennen, ist weise. Danach zu streben, ist klug, weil es dem inneren Frieden dient. Denn wo Recht und Gerechtigkeit sich küssen (Ps 85,11), da gelingt Leben. Gott zu erkennen heißt dann auch zu wissen, dass er auf unsere Antwort wartet. Noch einmal zitiere ich Paulus, der im Philipperbrief schreibt: "Seit so unter euch gesinnt, wie es auch der Gemeinschaft in Christus Jesus entspricht." (Phil 2,5) Ist das nicht Anlass genug, Gott zu rühmen?

3. Reich sein heißt, Gottes Gerechtigkeit zu erkennen.
Wir denken bei ‚reich sein‘ zuallererst an den ‚Bimbes‘. Ihn zu halten und zu mehren erscheint uns äußerst wichtig, gewinnt man doch dadurch Ansehen und Geltung. Das Evangelium des heutigen Sonntags, das Gleichnis von den Weinbergsarbeitern, macht dagegen deutlich, wie anders Gottes Gerechtigkeit ist. Es ist eine Gerechtigkeit, die einem jeden – ohne Ansehen der Leistung – das Lebensnotwendige gibt. Nicht weniger, aber auch nicht mehr schenkt Gott uns Menschen. Noch heute bitten Bettler am Straßenrand in den Städten Israels nicht wie bei uns um eine milde Gabe, sondern sie fordern nach biblischer Tradition ‚zedaqah‘, Gerechtigkeit. Das mag in unseren Ohren ungewöhnlich klingen, hat aber seinen guten Sinn. Erinnern sie doch damit an Gott, der jedem seinen Lohn, Tagesverdienst zuerkennt. In einem Buch über das Leben der Indianer Nordamerikas bin ich auf den ‚Gabentausch‘ gestoßen. Dort galt die Regel: ‚Derjenige, der seinen Reichtum am verschwenderischsten ausgibt, gewinnt an Prestige.‘ (Marcus Paus) Weil jede Gabe von den anderen erwidert wird, kann niemand verlieren, so lautet die Theorie. Vielleicht müssen wir solches Verhalten erst ganz neu erlernen. Schon Paulus erinnert daran: "Was hast du, das du nicht empfangen hast? Wenn du es aber empfangen hast, was rühmst du dich dann, als hättest du es nicht empfangen?" (1Kor 4,7) Dietrich Bonhoeffer sagt: "Der Christ hat sein Betätigungsfeld in der Welt. Hier soll er anfassen, mitschaffen und wirken, hier den Willen Gottes tun. Und darum ist der Christ nicht resignierter Pessimist, sondern einer, der freilich von der Welt nichts erhofft – die Welt vergeht -, der aber von Gott alles erhofft und darum schon in der Welt heiter und freudig ist." Ist das nicht Anlass genug, Gott zu rühmen?

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