Als Bettvorleger gesprungen und als Tiger gelandet!

Liebe Gemeinde,

10 Jahre deutsche Einheit haben wir in der vergangenen Woche gefeiert. Und während die Parteien sich darum stritten, wer was und wann zu dieser Einheit beigetragen hat oder nicht, lief im Fernsehen das "Deutschlandspiel", eine Dokumentation über die Ereignisse, die ehr einem Krimi und zugleich einem Märchen glich. Ich habe mir jedenfalls öfter die Augen gerieben, wie so ein harmoniebesessener Mensch wie Gorbatschow in der Sowjetunion des Kalten Krieges überhaupt an die Macht kommen konnte; wie die SED-Genossen in Leipzig in einem Anfall von Selbstzweifel die Polizei vom Leipziger Bahnhof abzogen, als die Demonstranten kamen; wie ein offensichtlich völlig desorientierter Schabowski am 9. November 1989 hilflos auf seinem Zettel herumsuchte und einer völlig verdutzten Presseschar erklärte: Ja, sofort und unverzüglich sei die Ausreise möglich. Und wie schließlich die Russen, die sich ein Gesamtdeutschland in der Nato keinesfalls vorstellen konnten, auf die KSZE-Verträge angesprochen, schließlich doch Ja sagten und Kohl ganz ungläubig nachfragen ließ, ob dass wirklich für Gesamtdeutschland gelte und Gorbatschow "Ja" sagte. Einer aus der russischen Delegation erinnert sich, Kohl sei ihm vorgekommen wie einer, der als Bettvorleger gesprungen war – und als Tiger landete.

Eine blitzsauber recherchierte Dokumentation war das und doch eine ganz unglaubliche und wunderbare Geschichte, liebe Gemeinde. Und wir alle sind ein Teil dieser Geschichte. Aber vielleicht geht es uns wie Petrus. Vielleicht sind wir – auch nach 10 Jahren – noch gar nicht aufgewacht.

Auch die Geschichte des Petrus ist unglaublich und wunderbar. Und ich finde es ebenso bemerkenswert, dass Petrus nicht aufwacht. Schon leuchtet das Licht um ihn her. Schon geschieht gänzlich Unerwartetes in seinem finsteren Verlies. Und Petrus schläft immer noch. Vielleicht weil es so unerwartet ist! Seine Situation ist ausweglos. Er ist von Mauern umgeben und von bis an die Zähne bewaffneten Soldaten. Die Ketten, die sie ihm angelegt haben, hätten auch einen Riesen gehalten. Was kann ein Licht da anderes sein, als ein schöner Traum?

Und der Engel stieß Petrus in die Seite – stellt Euch das mal vor! In die Rippen hat er ihn getreten! – und sagt: Steh auf. Und Petrus steht auf und will los und der Engel sagt: Mann, zieh Dir erst mal die Schuhe an und mach den Gürtel um, willst Du so auf die Straße? Petrus macht und will wieder los und der Engel schüttelt den Kopf und sagt: Den Mantel! Und dann stolpert Petrus hinterher und weiß nicht wie ihm geschieht und denkt immer noch: Ich träume. Und erst als die letzte Mauer und die letzte Wache und das letzte Tor hinter ihm liegt, fasst er einen Gedanken: Gott hat mir geholfen: Als Bettvorleger gesprungen und als Tiger gelandet. Das gibt’s nicht!

Freilich, Petrus ist nie in den Sinn gekommen, sich als Tiger darzustellen, oder als Entfesselungskünstler, oder als Supermann. Die Darstellung seiner Befreiung in der Apostelgeschichte weißt ihm zurecht eine Nebenrolle zu. Petrus war damit einverstanden. Klar wollte er aus diesem Verlies heraus. Wer hätte das nicht gewollt. Stephanus war tot, Jakobus war tot. Mit Petrus, der seinem Tod ins Auge sah, wäre wieder ein Prediger des Evangeliums verloren. Die christliche Gemeinde in Palästina stand vor dem Aus.

Aber nicht Petrus ist es, der das nicht zulässt. Gott lässt es nicht zu! Das Evangelium ist nicht festzusetzen und auszulöschen. Es geht seinen Weg und macht die Mächtigen an diesem Weg zu Statisten; und das waren damals immerhin Agrippa der Erste, genannt König Herodes, ein enger Freund der römischen Kaiser Caligula und Claudius. Gott sorgt dafür, dass sein Evangelium weiterlebt und sich ausbreitet. Das ist es, was die Geschichte uns heute zu Herz und Gehör bringen will. Und dabei darf der Apostel Petrus ruhig wie einer aussehen, der gar nicht weiß wie ihm geschieht.

Immerhin ist er dem Engel hinterhergelaufen und war vielleicht noch eine Weile damit beschäftigt endlich den linken Arm in den Ärmel seines Mantels zu bekommen. Aber immerhin ist er gelaufen.

Es soll ja komische Vögel geben, die lieber in ihrem Käfig sitzen bleiben, wenn man ihn ins Freie stellt und das Türchen aufklappt. Vögel, die also die gewohnte Unfreiheit einer ungewissen Freiheit vorziehen. Die lieber neben dem Futternäpfchen auf der Stange hocken bleiben, als sich in die Lüfte zu schwingen. Komisch nennen wir solche Vögel. Wenn wir selbst Vergleichbares tun, behaupten wir dagegen, es sei menschlich.

Christlich ist es jedenfalls nicht, liebe Gemeinde. Wenn Gott uns eine Tür öffnet, in die Freiheit, zu neuen Lebensmöglichkeiten, dann wollen seine Engel, dass wir aufstehen und wahrnehmen, was er uns schenkt, im doppelten Sinn des Wortes. Wahrnehmen in dem Sinn, dass wir dann auch neue Wege gehen und nicht hocken bleiben in unseren gewohnten Käfigen, auf unseren Besitzständen, in unseren alten Denkmustern. Unsere Geschichte ist in den letzten 10 Jahren eine Geschichte des Aufbruchs gewesen, aber auch ein Beispiel dafür, wie hartnäckig sich halten will, wovon man doch eigentlich befreit ist. Die Jugendweihe im Osten boomt wie zu Erichs Zeiten. Die Kirchen sind heute dort nicht voller als zu DDR-Zeiten. Lieber sind die Menschen anderen deutschen Traditionsvereinen beigetreten, wie dem ADAC. Der ist ein westliches Beispiel für einen Konservatismus, der vor allem für den Erhalt der bestehenden Verhältnisse vehement eintritt. Es ist bedenklich, wenn sich die Mehrheit nur dann politisch mobilisieren lässt, wenn das Gewohnte bedroht scheint. Neben Menschen in finanziellen Nöten marschieren da gegen die Ökosteuer auch die Dorfbacken aller Länder, die es sich nicht nehmen lassen wollen, mit ihren lastwagenstarken Offroadern am Wochenende über die Pampa zu dieseln. Statt dass die Ölpreiskrise uns mobil macht für eine neue Energiepolitik, für die die Technikpläne längst in den Schubladen liegen. Die Kinder, die heute geboren werden, werden erleben, wie in 40 Jahren der letzte Tropfen aus den Ölhähnen rinnt. Das ist so sicher, wie das Amen in der Kirche.

Die eigene Geschichte sollen wir aber noch in einem anderen Sinne wahrnehmen. Wir sollen auf geistliche Weise sehend werden und sehen, dass Gott nicht neben unserer Geschichte steht, sondern uns auch in ihr gütig begegnet. Petrus braucht dazu auch bis zum Schluss. Nun weiß ich wahrhaftig, dass der Herr seinen Engel gesandt und mich aus der Hand des Herodes errettet hat, denkt er danach. Nicht viel war darüber zu hören, dass am Tag der Deutschen Einheit auch Gott die Ehre gegeben worden wäre. Die Zeitgenossen dieser Geschichte haben sich feiern lassen. Dass das Wort Gott in unserer Verfassung vorkommt war immer umstritten. In der neuen europäischen Verfassung wird es fehlen.

Vielleicht kann die geistliche Sichtweise der Geschichte auch keinem verordnet werden. Aber zumindest wir Christen sollen sie nicht aufgeben. Denn wenn wir lernen in unserer Geschichte immer wieder Gottes gütige Hand zu erkennen, dann wird und soll uns das für die Zukunft Hoffnung und Zuversicht geben. Als Bettvorleger gesprungen und als Tiger gelandet? Das heißt für Petrus damals und für uns Christen heute: Gott hat geholfen, er wird auch weiterhelfen. Darauf sprechen wir:

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