Alles wird gut?

Liebe Gemeinde,

die Fernsehmoderatorin Nina Ruge beschließt ihre tägliche Schickimicki-Sendung "Leute heute" im ZDF immer mit dem gleichen aufmunternden Satz: "Alles wird gut!". Und dazu lächelt sie aus dem strohblond umrahmten Gesicht, den Blick auf Unendlich gestellt.

So wie Frau Ruge muss man heute drauf sein, wenn man in der zweiten Welt des Fernsehens etwas werden will, die für viele schon längst zur ersten Wirklichkeit geworden ist. Die Traumfabriken laufen auf Hochtouren. Mit ihren Träumen und Botschaften wird das ganz große Geld gemacht: Glaub an dich, denk positiv, alles wird gut!

Hätte der Prophet Jeremia all das sehen können, er wäre nicht eine halbe Stunde zum Brüllen in den Keller gegangen. Das hätte er schon in aller Öffentlichkeit gemacht. So wie damals, als er dem König Zedekia die Worte unseres heutigen Predigttextes entgegenschleuderte. Der König hatte es 588 vor Christus satt, noch Abgaben an die Babylonier zu zahlen. Man fühlte sich als Nation wieder stark. Ein Bündnis mit Ägypten sollte die Selbständigkeit sichern. Wir sind wieder wer, Gott ist auf unserer Seite, alles wird gut, so zwitscherten alle, die am Königshof etwas werden wollten, die Geistlichkeit eingeschlossen. Umdunstet von so viel falscher Seligkeit kam eine wirklichkeitsfremde und dumme Politik zustande, für die viele mit dem Leben und die nächsten zwei Generationen mit dem Exil, dem Verlust der Heimat, bezahlten. Der babylonische König Nebukadnezar machte kurzen Prozess und schlug den israelitischen Visionären seine Eisenfaust ins verklärte Gesicht.

Der Rest ist böse Geschichte. Aber wir verstehen so vielleicht besser, warum Gott im Vorfeld dieser Geschichte sein heiliges Donnerwetter aufziehen lässt. Er tut es nicht, weil es ihm Spaß macht, sondern weil er sein Volk vor dem letzten Schritt in den Abgrund aufhalten möchte, den es so gottvergessen und unter Verdrängung aller Realitäten geht. Gottes Wort stellt sich gegen die Träume der falschen Propheten. Und wir sehen daran, dass Gottes Wort der beste Freund der Wirklichkeit und des gesunden Menschenverstandes ist. Gottvergessenheit und Realitätsverlust gehören im Gottesvolk zusammen, ja, man hat den Eindruck, sie bedingen einander. Im Dunst falscher Visionen geht die Entscheidungsfähigkeit für das Richtige verloren.

Allgegenwärtig ist in der Geschichte die Gefahr, Gott zum Kumpan der eigenen Wünsche und Vorstellungen zu machen. Groß ist die Versuchung mit Hilfe des Glaubens das eigene Ego aufzublasen. Was scheinbar in Gottes Namen daherkommt, ist oft nichts als erbärmlicher Eigennutz. Nur mühsam bemäntelt so manche entschiedene Frömmigkeit die eigene Machtgier, die lustvoll und unbarmherzig andere mit dem Terror der Tugend traktiert. Ich sandte diese Propheten nicht, und doch laufen sie (V 21). Deshalb sehen solche falsche Propheten auch nie weiter, als ihre eigene Nase lang ist.

Wer sich mit Gott so kumpelhaft auf Du und Du wähnt, wer ihn vor den eigenen Karren spannen will, wer Gott auf solche Art und Weise zu nahe tritt, der wird erleben müssen, was die Worte des Jeremia deutlich sagen. Der wird erleben, wie Gott einen entschiedenen Schritt hinaus aus solch falscher Umarmung tut. Bin ich nicht auch ein Gott der Ferne?, spricht der HERR.

Der Gott der Ferne ist manchen freilich gar nicht so unrecht. Jeremia hat das oft genug am eigenen Leib zu spüren bekommen. Prügel, Morddrohungen, Haft in einer Zisterne machten ihn mürbe bis zur Verzweiflung. Denn das Wort Gottes stand quer zu den falschen Plänen und Visionen der Mächtigen. Jeremia hat ihnen dieses Wort trotzdem nicht erspart, auch wenn es ihm übel vergolten wurde.

Auch heute wünschen sich viele eine Kirche, die sich um das innere Gleichgewicht der Menschen verdient macht und ansonsten die Kreise der Macht und Politik nicht stört. Wer das will macht die Kirche zum Trostpflaster, zum Teddybär, zur Schmusedecke für ein Leben in einer ansonsten trostlos sich selbst überlassenen Welt. Wer das will, macht Gott zum Wasserträger für fremde Interessen. Das lässt sich Gott nicht gefallen und eine Kirche, die sein Wort auszurichten hat, darf es sich auch nicht gefallen lassen.

Manchen ist es gar nicht so unrecht, wenn Gott in der Ferne weilt, bis er schließlich ganz in Vergessenheit gerät. Gott nennt sie die, die wollen, dass mein Volk meinen Namen vergesse über ihren Träumen, die einer dem andern erzählt (V 27). In das Vakuum rücken selbsternannte Götter nach. Wie erfolgreich hat das SED-Regime den Glauben aus den Köpfen der Menschen in den neuen Bundesländern verdrängt und ersetzt durch Rundumversorgung auf Pump und verlogene Visionen! Und da ist es nur ein kleiner Unterschied zum neuen Typ des Spaßpolitikers, der Macht sammelt, indem er einfach verspricht, den vergnügungslärmigen Wähler in der Gesamtheit seiner Anspruchsunverschämtheit zu bedienen. Das ist das ganze Programm, mit dem man uns erfolgreich umdunstet, gottvergessen und wirklichkeitsfern.

Hier wird das Rad nicht neu erfunden. Eine solche Politik, wie sie der Prophet gegenüber dem König Zedekia aufs Schärfste kritisiert, ist auch heute daran zu erkennen, dass sie zu Lasten kommender Generationen geht. Wer für die Atomkraft vor Gericht zieht, streitet um das Recht oder besser um das Unrecht, heute billigen Strom zu konsumieren und künftige Generationen auch dann noch mit dem Müllproblem belasten zu dürfen, wenn die eigenen Knochen längst zu Staub zerfallen sind. Wer die Rente in gewohnter Höhe verspricht, weiß, dass er Geld verteilt, das in Zukunft von immer weniger jungen Menschen durch immer höhere Beiträge aufgebracht werden muss. Wer nur die Ansprüche derer bedient, die heute am lautesten schreien, macht eine dumme und wirklichkeitsferne Politik zu Lasten künftiger Generationen und zu Lasten der wirklich bedürftigen, die in unserer Gesellschaft wenn überhaupt nur eine schwache Stimme haben.

Einer solchen Politik fällt Gott mit donnerndem Einspruch in den Arm. Weil sie nicht Frieden schafft, sondern Krieg, nicht Gerechtigkeit, sondern Unrecht, nicht Heil, sondern Unheil, nicht Leben, sondern Tod, nicht Heimat, sondern Obdachlosigkeit. Gar nichts wird gut! Wie berechtigt der Einspruch Gottes war, darüber hat das Gottesvolk angesichts einer langen und leidvollen Geschichte auf vielen Seiten des Alten Testaments laut nachgedacht. In der Späte der Tage haben sie den Sinn dieses Einspruchs erkannt und die Entwürfe seines Herzens, des Herzens Gottes, der auch noch im Zorn auf das Heil seiner Menschen aus ist.

"Die moderne Geschichte lässt sich begreifen als das Gespräch eines Menschen, der an Gott glaubt mit einem Menschen, der sich selbst für Gott hält." Dieses Zitat, das ich irgendwo gelesen habe, geht mir seitdem nicht mehr aus dem Sinn. Wie dem auch sei! Wir werden als Menschen, die an Gott glauben, dieses Gespräch nicht abreißen lassen. Weil wir der Überzeugung sind, dass der Mensch, der sich für Gott hält, viel ehr den Sinn für die Realität verliert. Stroh wird wohl auch von mancher Kanzel herab gedroschen, aber das Wort Gottes ist und bleibt Weizen. Es stellt sich gegen die Träume und Illusionen der falschen Propheten damals und heute. Es ist der beste Freund der Wirklichkeit und des gesunden Menschenverstandes.

Mag es bei vielen auf Granit beißen. Ist mein Wort nicht wie ein Feuer, spricht der HERR, und wie ein Hammer, der Felsen zerschmeißt? (V 29) Darauf sprechen wir:

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