Ach, hätte er doch schon früher gerufen!

Liebe Gemeinde!

(1) Wissen Sie noch, wann Sie das letzte mal vor Wut geschrien haben? Fühlten Sie sich da verstanden? Ich kenne Wut, die ich zwar heraus schreie, die mich aber trotzdem nicht loslässt: Weil ich meine, dass mich niemand versteht. Dass keiner weiss, warum ich so wütend bin. Vielleicht bin ich ja auch traurig und verstecke das hinter meinem Zorn.

Ich kann mich erinnern, dass ich meine Verärgerung rausgeschimpft habe, als ich mal einem Freund mit viel Mühe ein Geschenk bereitet habe, und dieses dann mit zwei, drei verachtenden Worten abgetan wurde. Allerdings habe ich da für mich geschimpft, als ich wieder zu Hause war. Der Freund hat den Ärger nicht zu spüren bekommen, meine unbeteiligte Familie vielleicht schon. Ich habe meine Wut, meinen Ärger, auch mein Unverständnis rausgelassen. Wieso hat der Freund sich nicht gefreut? Ich habe mir doch wirklich viele Gedanken und viel Mühe gemacht. Mein Freund hat das Geschenk nicht gewürdigt, und ich fühlte mich selbst nicht anerkannt.

In der Geschichte von Kain wird etwas Ähnliches berichtet. Hören Sie die Erzählung aus Gen 4,1-16.

[TEXT]

Wir wissen wohl alle, dass wir einander nicht totschlagen sollen. Das ist uns nichts Neues. Aber beunruhigend klingt der Satz: „Gott sah Kain und sein Opfer nicht gnädig an.“ Kain opferte, er wandte sich Gott zu, gab sich Mühe und wurde dennoch nicht mit Gottes Segen beschenkt. Warum nicht? Warum sieht Gott den einen Bruder gnädig an, den anderen aber nicht?

So oft ich die Geschichte auch lese, ich verstehe Gottes Handeln nicht. Hat Kain das falsche Opfer gewählt? Hatte er schon böse Gedanken, bevor er schließlich hinging und den Bruder erschlug? War Abel Gott näher? Ich frage mich dies alles, und finde keine Antwort. Die Geschichte sagt es mir nicht, schlimmer noch – sie stellt Gottes Handeln nicht mal in Frage! Das irritiert mich, denn ich dachte, dass der Gott, an den ich glaube, uns voll Liebe zugewandt ist. Gott hat sich offenbart, er verbirgt sich doch nicht!

Nun, wenn ich weiter nachdenke, merke ich, dass auch in meinem Leben Gott nicht immer klar und deutlich und verständlich handelt. Ich habe nicht vergessen, wie es war, mich ganz traurig und allein zu fühlen. So allein, dass nicht mal Gott mir nahe schien. Niemand außer mir schien zu existieren, und wohin ich auch sah, erblickte ich nur mich. Nirgends ein anderer Mensch, nirgends Gott. Ich konnte nur noch mich und meine Traurigkeit sehen. Ich war wie gefangen zwischen Spiegeln. Ich habe nicht verstanden, warum ich so allein sein muss, warum sich Gott mir nicht zeigt.

(2) Sicher kennen Sie solche Momente, in denen Sie Gott nicht hören, sehen oder fühlen können, ihn nicht verstehen. So erging es auch Kain. Er hatte sich Gott mit seinem Opfer zugewandt, sein Opfer war eine Bitte um Segen, aber wo war Gott? Er blickte Kain und sein Opfer nicht gnädig an.

Immer wieder begegnen wir wie Kain Gottes Tun oder Schweigen, ohne es zu verstehen. Kain fühlt sich übergangen von der Liebe Gottes, das Handeln Gottes ist ihm unverständlich. Kain wird zornig, sein Angesicht verfinstert sich. Aber Kain redet jetzt nicht mit Gott, er fragt ihn nicht, er klagt ihm nicht das Unrecht. Warum schreit er nicht in seinem Zorn zu Gott und fordert eine Antwort?

Vielleicht fühlt er sich zu klein. Dass Gott sein Opfer nicht gnädig ansah, hat ihn gekränkt und bitter enttäuscht, er fühlt sich selbst nicht anerkannt. Und plötzlich traut er sich nicht mehr, zu diesem ablehnenden Gott zu sprechen. Obwohl er Gott eben noch so nah war, dass er ihm ganz selbstverständlich Opfer darbrachte, ist er ihm plötzlich so fern, dass er sich nicht mehr zu fragen traut. Zu fremd ist ihm dieser Gott, der so unverständlich handelt!

Es gibt ein Geheimnis um Gott, das wir nicht begreifen. Der allmächtige, allallwissende, allgegenwärtige, ewige Gott ist so viel mehr als wir Menschen. Er ist der Schöpfer und wir sind die Geschöpfe. Wie könnten wir ihn aus uns selbst vollständig sehen und verstehen? Vor Gottes Größe stehen wir als kleine Menschen, die immer nur etwas, aber nie alles sehen.

Das liegt nicht daran, dass Gott etwa so weit von uns entfernt wäre, dass wir ihn nicht mehr sehen können. Ich glaube, dass Gott uns liebt und nahe ist. Aber vielleicht ist es wie bei einem sehr großen Gebäude. Haben Sie schon einmal ganz dicht vor einer riesigen Kirche gestanden, zum Beispiel vor dem Hamburger Michel? Wenn man ganz dicht davor steht, sieht man immer nur einen Teil. Ich kann rundherum gehen, von verschiedenen Seiten gucken, aber ich kann nie alles auf einmal sehen. Die Kirche als Ganzes bleibt mir verborgen, denn ich bin zu klein.

Aber trotzdem glaube ich, dass der Michel ganz da ist, dass es mehr gibt, als ich erkennen kann. Genauso glaube ich, dass Gott da ist. Und wie ich beim Michel in etwa weiß, wie er ganz aussieht, so habe ich auch eine Vorstellung von Gott: Gott ist die Liebe. Ich kann Ihnen nicht sagen, wie genau sich diese Liebe äußert, und ich weiß auch nicht, warum Gott in seiner Liebe zu uns so handelt, wie er es denn tut. Aber trotzdem glaube ich, dass diese Liebe immer da ist, dass sie nicht verschwindet, wie groß und unüberschaubar sie auch ist.

Denken Sie an die Sonne: Ihre Wärme, ihr Licht, sind uns selbstverständlich, auch wenn wir sie des Nachts nicht sehen. Sogar wenn ich der Sonne den Rücken zudrehe, spüre ich ihre Wärme und sehe in ihrem Licht. Aber erkennen können wir sie nicht ganz, denn schauen wir sie direkt an, werden wir von all dem Licht geblendet. Etwa so stelle ich mir die Größe der Liebe Gottes vor.

(3) Kain erfährt die Unberechenbarkeit Gottes, seine Verborgenheit und Fremde. Aber das ist doch nicht der Gott, den er erwartet hat. Diesem Gott hat er sich doch nicht vertrauensvoll zugewandt und um Segen gebeten! Ach hätte Kain doch geschrien. Hätte er doch zu Gott sein Unrecht geklagt!

Wir erfahren zuweilen, dass Gott uns nicht verständlich ist. Warum bleibt er uns manchmal verborgen, unverständlich, fern und fremd? Das ist nicht der Gott, auf den wir vertrauen. Das ist doch nicht der liebende Gott, der sich in Christus offenbart hat.

Das ist ein Teil seiner Größe, die wir nicht verstehen.

Es gibt die verborgene Seite Gottes, die uns ein Geheimnis ist und bleibt. Vor ihr stehen wir klein und unsicher und verängstigt. Aber es gibt auch den offenbaren Gott, der seine Liebe zeigt. Der liebende Gott hat sich in Jesus Christus offenbart. Auf ihn hoffen wir, und deshalb können wir auch vor Gott klagen, denn der Gott, der uns liebt, erträgt auch unsere Zweifel. Der Gott, der uns geschaffen hat mit all unseren Gefühlen, sollte der denn zu fern, zu fremd, zu unnahbar sein, als dass wir ihm unsere Wut, unsere Verwirrung, unsere Verletztheit zeigen könnten?

Als Kain seine Strafe hört, da klagt er laut zu Gott. Ach, hätte er doch schon früher gerufen!

Wir sind Gottes Geschöpfe und stehen demütig vor seiner Größe und Macht. Aber wir können alle unsere Sorgen, unsere Zweifel, unser Unverständnis mutig vor Gott ausbreiten und zu ihm klagen. Denn in dem Wort ‚Demut‘ steckt auch ‚Mut‘. Der Mut, mich vor Gott als das zu stellen, was ich bin: Klein, unwissend, verständnislos gegenüber seinem Handeln, und doch aufrecht und offen. Und wie ich all meine Sorgen auf ihn werfen darf, so wird er für mich sorgen. Denn er hat sich offenbart als der Gott der Liebe.

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